Magazin

Magazin #23 Cover

Das Magazin #23

Editorial

von Hortensia Völckers und Alexander Farenholtz -
Vorstand Kulturstiftung des Bundes

In dieser Ausgabe unseres Magazins widmen wir uns insbesondere Projekten, die sich mit Themen rund um die Natur und das Tier beschäftigen. Es ist nicht so, dass die Stiftung damit einen speziellen Förderschwerpunkt kreiert hätte; aber das Verhältnis von Natur und Kunst und vor allem deren Verhältnis zur animalischen Natur scheint in letzter Zeit überall neues Interesse zu entfachen. Das spiegelt sich nicht nur, aber doch auch in den Projektanträgen wider. Vermutlich ist dies darauf zurückzuführen, dass unsere Wachsamkeit und unser Verantwortungsgefühl gegenüber unserer ökologischen Umgebung gewachsen sind und globale Verflechtungen immer offenkundiger werden. So ist das Verschwinden der Bienen kein regional begrenztes, ökologisches Detail, sondern Anzeichen für Veränderungen, deren Ausmaß wir kaum überblicken können. Unabweisbar ist die Erkenntnis, dass es heute der Mensch ist, der die Natur formt. Deshalb verwundert es nicht, dass auch in Kultur und Kunst unser Verhältnis zur Natur zum Thema wird und neue Verbindungen eingeht. Die alte Unterscheidung, die strikte Gegenüberstellung von Natur und Kultur ist hinfällig geworden. So fragt Srećko Horvat, ob wir uns wirklich über den Genozid an Tieren wundern sollten, „wenn menschliche Wesen noch immer nicht befähigt sind, andere Menschen menschlich zu behandeln“. Als marxistischer Philosoph wird Horvat die Moral nicht übers Fressen stellen wollen, aber die zwischenmenschlichen Verhältnisse bestimmen seines Erachtens eben auch unseren Umgang mit den Tieren.

Die Juristin Anne Peters erinnert daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass wir außereuropäische Menschen in Zoos zur Schau stellten. Heute wäre das in Europa undenkbar, weil sich unsere Auffassung von Menschenwürde weiterentwickelt hat. Werden wir die im Zoo zur Schau gestellten Tiere oder die ausgestopften Tiere in Naturkundemuseen in ein paar Jahrzehnten genauso unmöglich finden? Werden wir Fortschritte machen bei den Freiheitsrechten und der Würde von Tieren? Zwischen Menschenrechten und Tierrechten, so die Juristin, gibt es immer noch eine Kluft, die dem biologischen Kontinuum zwischen Mensch und Tier, ihren Gemeinsamkeiten, Hohn spricht. Auch Cord Riechelmann plädiert für einen anderen Blick auf die Tierwelt. Kunst muss sich darüber bewusst werden, dass sie einen anderen Zugang zum Kosmos des Lebendigen schaffen kann und muss, als es die industrialisierten Biowissenschaften vorschreiben, zumal gerade sie unsere Auffassung von Natur immer stärker durchdringen.

Der amerikanische Künstler Mark Dion befasst sich seit längerem mit Sammlungs- und Ausstellungspraxen von Naturobjekten und -darstellungen. Er versucht, der „selbstmörderischen Beziehung zu unserem Planeten“ etwas entgegenzusetzen und reflektiert die Rolle von künstlerischen Interventionen in naturgeschichtlichen Zusammenhängen.

Wie kaum sonst ist auch in der Musik die Natur durch die Jahrhunderte immer wieder Inspirationsquelle gewesen. Im Interview mit dem Instrumentalisten Jeremias Schwarzer und dem Konzertdesigner Folkert Uhde wird mit naiven Vorstellungen von der Nachahmung der Natur durch die Musik aufgeräumt. An den verschiedenen Kompositionen lässt sich nachverfolgen, wie sich der Mensch, der Komponist in seiner Zeit, in ein spezifisches Verhältnis zur Natur gesetzt hat. Dabei lässt sich dennoch ein Bogen von Vivaldi bis zur elektronischen Musik von heute spannen. Um ihn wahrnehmen zu können, brauchen wir neue Rezeptionsformen.

Schließlich haben wir den auch hierzulande bekannten schottischen Schriftsteller John Burnside gebeten, uns Empfehlungen für einen menschengemäßen Umgang mit der Natur zu geben. „Rigoros und nachlässig“ zugleich müssen wir uns ihr nähern, so Burnside: „Im Lauf der Geschichte ist unser Respekt vor der Natur nie sehr tief oder von langer Dauer gewesen , während unsere Fähigkeit zur Selbstverkitschung, so viele unserer Mitmenschen wir auch fröhlich niedergemetzelt haben mögen, nie verglommen ist.“ Und von der amerikanischen Dichterin Allison Funk veröffentlichen wir zwei neuere, bisher noch nicht ins Deutsche übersetzte Gedichte, die auf originär poetische Weise das Naturverhältnis des Menschen beleuchten. Ebenfalls einen ganz eigensinnigen Zugriff versprechen die Zeichnungen von Laetitia Gendre, die dieses Heft bebildern. Organisches, Natürliches, konterkariert „scientifische“ Darstellungsformen, Mikro- und Makrokosmos verschränken sich ineinander.

Zur Artikelübersicht