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Magazine #23

Das Verschwinden der Bienen, oder: Die Singularität des Tieres

Von Srećko Horvat

Eine Frau sitzt lesend auf einer Bank im Central Park, zieht sich die silberne Haarnadel im Essstäbchen-Design aus dem Haar und tötet sich durch einen Stich in den Hals. Derweil auf einer Baustelle stehen Arbeiter herum und unterhalten sich, als urplötzlich jemand abstürzt. Weil die Arbeiter davon ausgehen, dass der Mann versehentlich vom Dach gefallen ist, rennen sie zu der Leiche hinüber. Aber es stürzt noch ein Arbeiter ab, dann der dritte und noch einer und noch einer. Wie auf Magrittes berühmtem Gemälde „Golconda“, wo identische, in dunkle Übermäntel gekleidete Männer mit Bowlerhüten vor einem Hintergrund aus Gebäuden und blauem Himmel herabfallen wie schwere Regentropfen, katapultiert diese Szene uns in das Universum des surrealen paranoiden Science-Fiction-Thrillers „The Happening“ aus dem Jahr 2008 unter der Regie von M. Night Shyamalan. Zur gleichen Zeit erklärt ein Schullehrer, der noch nicht weiß, dass das Unheil längst seinen Lauf genommen hat, Albert Einstein habe einst gesagt, die Menschheit könne ohne Honigbienen nicht länger als vier Jahre überleben.

Heute ist das Verschwinden der Honigbienen keine Nachricht mehr wert. Wie wir wissen, fing alles damit an, dass im Jahr 2006 in den USA ganze Bienenvölker schlagartig verschwanden. Seither tritt das Phänomen überall in Europa auf, erstreckt sich von Italien, Spanien, Griechenland und Belgien über Deutschland, Frankreich, Portugal bis in die Niederlande und so weiter. Viele Theorien und ein breites Spektrum möglicher Ursachen wurden diskutiert, eingeschlossen Pestizide, Parasiten, Viren, Umweltveränderungen und sogar Strahlung von Mobilfunkmasten. Unter Biologen scheint weiterhin Uneinigkeit zu herrschen, worin die wahren Ursachen des sogenannten „Bienensterbens“ liegen. Ein wissenschaftlicher Nachweis konnte bisher nicht erbracht werden. Allerdings sieht es danach aus, als würde Einsteins prophetischer Warnung, die Menschheit werde das Verschwinden der Honigbienen nicht überleben, inzwischen durchgehend zugestimmt. Warum? Weil es ein Drittel der Lebensmittel, die wir essen, ohne Bienen als wichtigste Bestäuber von Obst, Gemüse, Blumen und Feldfrüchten gar nicht geben würde.

Wenn wir das Problem des Aussterbens von Tieren beliebiger Gattung, darunter Bienen, in vollem Umfang begreifen wollen, sollten wir uns Jacques Derrida und seiner Auffassung des Tieres zuwenden. In „Das Tier, das ich also bin (weiterzuverfolgen)“, einem Vortrag, den er im Juli 1997 auf dem dritten, seinem Werk gewidmeten Kolloquium in Cerisy-la-Salle gehalten hat, sagt er, dass er gern im Singular den Plural an Tieren zu verstehen gegeben hätte. Derrida geht sogar so weit, dass er jeden Akt der Klassifikation, in dem das Tier im Plural postuliert wird, als „Tiere“, schlicht als Gewalt bezeichnet. „Unter den Nicht-Menschen, und getrennt von den Nicht-Menschen, gibt es eine immense Vielfalt anderer Lebender, die sich in keinem Fall – außer durch Gewalt und interessiertes Verkennen – in die Kategorie dessen homogenisieren lassen, was man das Tier (l’animal) oder die Tierheit (l’animalité) im Allgemeinen nennt.“

Mit anderen Worten, für Derrida ist es von größter Bedeutung, allgemeines Sprechen über Tiere zu vermeiden. Für ihn gibt es keine „Tiere“. Wer „Tiere“ sagt, habe nicht nur aufgehört, zu verstehen, sondern sei schon dabei, das Tier in einen Käfig zu sperren. Warum? Weil es beachtliche Unterschiede zwischen verschiedenen Tierarten gibt.

Zwei Jahre vor seinem Tod hat Derrida sich erneut mit dieser Problematik beschäftigt, und zwar in einem Dokumentarfilm unter der Regie von Kirby Dick und Amy Ziering aus dem Jahr 2002. „Es gibt keinen Grund, Affen, Bienen, Schlangen, Hunde, Pferde, Arthropoden und Mikroben in ein und dieselbe Kategorie zu sortieren. Es handelt sich um radikal andersartige Organismen des Lebens. Sie als ‚Tier‘ zu bezeichnen und sämtlichst, sowohl den Affen als auch die Ameise, in nur diese eine Kategorie zu stecken, ist eine äußerst gewaltförmige Geste. Vor allem aber ist es eine dumme Geste, alles Lebendige, was nicht menschlich ist, in eine einzige Kategorie zu pressen, theoretisch lächerlich, und sie hat teil an der nur allzu realen Gewalt, die Menschen Tieren antun. Das führt zu Schlachthöfen, zur industriellen Verarbeitung, zu ihrem Verzehr. All diese Gewalt gegenüber Tieren ist keimhaft in jener begrifflichen Simplifizierung enthalten, die von ‚Tieren‘ im Allgemeinen zu sprechen erlaubt.“

Gewalt fängt nicht erst im Schlachthof an, sondern mit der Klassifizierung. Jedes Mal, wenn ich zu klassifizieren versuche, nehme ich auch schon Bestimmungen vor. Jedes Mal, wenn ich Bestimmungen vornehme, unterstelle ich die Kenntnis einer besonderen Eigenart, obwohl das Gegenteil der Fall ist: Ich definiere und klassifiziere gemäß meiner eigenen Natur. Wie können ein Affe und eine Biene in ein und dieselbe Kategorie passen, die „Tiere“ genannt wird? Wie kann ein Wal mit einer Fliege vergleichbar sein?

Die beste, wenn auch auf den ersten Blick vollkommen absurde Antwort liefert die fiktive Taxonomie von Tieren, die Jorge Luis Borges in seiner berühmten Erzählung „Die analytische Sprache von John Wilkins“ vorlegt. Die alternative Taxonomie von „Tieren“, entnommen einer alten chinesischen Enzyklopädie („Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse“), ordnet jedes Tier einer dieser vierzehn Kategorien zu:

– Tiere, die dem Kaiser gehören
– einbalsamierte Tiere
– gezähmte
– Milchschweine
– Sirenen
– Fabeltiere
– herrenlose Hunde
– in diese Gruppierung gehörige
– die sich wie Tolle gebärden
– unzählbare
– die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind
– und so weiter
– die den Wasserkrug zerbrochen haben
– die von Weitem wie Fliegen aussehen

Besser als jeder anderen Klassifikationskritik gelingt es Borges zu zeigen, wie arbiträr der Versuch bleiben muss, die Welt zu kategorisieren. Warum sollte eine fiktive Taxonomie, in der Tiere „dem Kaiser gehören“ können oder „von Weitem wie Fliegen aussehen“, fiktiver sein als beispielsweise die Tierklassifikation von Aristoteles oder die Taxonomie von Linné?

Es ist kein Zufall, dass Foucault die himmlische Taxonomie von Borges in seinem Vorwort zu „Die Ordnung der Dinge“ verwendet hat. Er gesteht ein, wie belustigt, aber auch erschüttert er gewesen sei: „Bei dem Erstaunen über diese Taxonomie“, so heißt es, „erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken.“

Diesem Paradox müssen wir uns stellen: dass wir nämlich genau im Augenblick der Schöpfung unser eigenes Denksystem begrenzen. „Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.“ (Genesis 2, 20) In der Genesis wird erzählt, dass Adam die Tiere benannt habe, noch bevor Eva geschaffen wurde; Sprache war also schon vor den „Tieren“ da. Den vier verschiedenen Fortbewegungsarten entsprechend klassifiziert die Bibel die Tiere in vier Gattungen: Gehen, Fliegen, Schwimmen, Kriechen. Einerseits ist der Akt der Benennung von Tieren ein Akt autoritärer Gewalt und Herrschaft; andererseits beweist er einmal mehr die Begrenztheit unserer Welt.

Wir könnten einen detaillierten Überblick über die Entwicklung der Klassifikation geben – von den religiösen Texten über die antike Philosophie inklusive Platon und Aristoteles bis zur Taxonomie von Linné. Gleichgültig, wie fortgeschritten und ausgeklügelt eine neue Klassifizierung auch sein mag, Borges’ fiktionale Klassifikation wird uns nicht verloren gehen. Um das „Tier“ wirklich zu verstehen, reicht es nicht aus, es zu benennen, zu klassifizieren oder zu definieren. Wenn wir das „Tier“ verstehen wollen, sollten wir in der Lage sein, sein Leiden zu verstehen.

Und das führt uns unausweichlich zu einer der berühmtesten Episoden in der Geschichte der westlichen Philosophie, die von der Figur des Tieres nicht nur gekennzeichnet, sondern bestimmt wird: zu Friedrich Nietzsches geistigem Zusammenbruch am 3. Januar 1889 in Turin. Es gibt viele Deutungen dieser bekannten Geschichte von Nietzsche, der bewusstlos auf der Piazza Carlo Alberto liegt. In der berühmtesten heißt es, er sei Zeuge geworden, wie ein Droschkenkutscher sich über sein Pferd geärgert und angefangen habe, das arme Tier auszupeitschen. Dieser Anblick habe Nietzsche so gewaltig erschüttert, dass er zu dem Pferd gerannt sei, ihm die Arme schützend um den Hals geschlungen habe und anschließend zusammengebrochen sei.

Sind seine kurzen, als „Wahnbriefe“ bekannten Schriften wirklich die Manifestation eines „Wahnsinns“? Oder resultieren sie aus dem unerträglichen Anblick des leidenden Tieres? War das leidende Pferd tatsächlich nicht mehr als nur ein Auslöser, wie in den meisten Interpretationen behauptet, oder verhielt es sich so, dass Nietzsche in der Lage war, den Plural der Tiere im Singular zu vernehmen? Solange wir „Tiere“ im Plural begreifen, ist es unmöglich, ihr Leiden zu hören. Sobald wir befähigt sind, die Singularität eines Tieres zu verstehen – die Welt, die es trägt, die Welt, die sich durch seine bloße Existenz eröffnet, sowie die Welt, die sich mit seinem Tod schließt – ist es unmöglich, nicht stumm oder sogar wahnsinnig zu werden wie Nietzsche. Das ist der Grund, weshalb die meisten von uns noch „zurechnungsfähig“ sind und so leben, als würden die Tiere um uns herum nicht leiden.

Paradoxerweise bestand der erste Schritt hin zur Vernichtung der Singularität eines jeden Tieres ausgerechnet in dem Versuch, den Singular in der Pluralität von „Tieren“ zu entdecken, nämlich in der Klassifikation. Anstelle abstrakter „Tiere“ („gehende“, „fliegende“, „schwimmende“, „kriechende“ wie in der Bibel) verfügen wir nunmehr über präzise Ordnungssyteme, während wir den Tieren gleichzeitig ferner stehen als je zuvor. Klassifizierung diente dem Zweck der Rationalisierung, und Rationalisierung diente dem Zweck des Massenmordes.

Gibt es einen besseren Beleg als den folgenden? In seiner Biografie „Mein Leben und Werk“ von 1922 enthüllt Henry Ford, dass ihm die Eingebung für die Produktion mittels Fließband kam, als er, damals ein junger Mann, einen Schlachthof in Chicago besichtigte. Geschlachtete Tiere, die von Transportketten herabhingen oder auf Laufbändern lagen, rückten von einem Angestellten zum nächsten vor, und jeder einzelne dieser Angestellten hatte eine ganz bestimmte Tätigkeit im Gesamtprozess zu verrichten. Damit zog eine radikale Neuerung in unsere moderne, industrialisierte Zivilisation ein: Zum ersten Mal wurden das neutralisierte Töten und damit eine neue Ebene der Entkopplung des Arbeiters vom Tötungsvorgang eingeführt; zum ersten Mal wurden Maschinen genutzt, um den Prozess der Massenschlachtung zu beschleunigen.

Einerseits war es der Schlachthof, der zur Entwicklung des Fließbandkapitalismus beigetragen hat, mit zahlreichen Konsequenzen, die wir heute noch spüren und erleben. Andererseits ist es kein Wunder, dass an der Wand neben dem Schreibtisch Adolf Hitlers im Hauptquartier der Nazipartei in München ein lebensgroßes Porträt von Ford hing. Als Hitler 1931 von einem Journalisten der Detroit News gefragt wurde, was das Ford-Porträt an der Wand zu bedeuten habe, erwiderte er: „Ich betrachte Henry Ford als meine Inspiration.“ Bald darauf war Ford der erste Ausländer, der mit dem Adlerschild des Deutschen Reiches ausgezeichnet wurde, und kurze Zeit später ließ Hitler aus seiner Inspiration Wirklichkeit werden. Wo konnte die Rationalität des Tötens, das Fließband als typisches Merkmal des Schlachthofes, bessere Anwendung finden als in den Konzentrationslagern?

Nicht nur, dass die Juden in Viehwaggons in die Konzentrationslager transportiert wurden; die Wachmannschaften der Lager stammten direkt aus der Fleischindustrie. Wie Charles Patterson in seinem Buch „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka. Über die Ursprünge des industrialisierten Tötens“ gezeigt hat, könnte dies dem Zufall geschuldet sein. Doch auch der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß besaß eine Metzgerei; Kurt Franz, letzter Kommandant in Treblinka, war Metzger; Karl Frenzel, der die Öfen zuerst in Hadamar und anschließend in Sobibor befeuerte, war ebenfalls Metzger, und nicht zuletzt Heinrich Himmler hatte eugenische Versuche auf seiner Hühnerfarm durchgeführt. Und selbst Hitlers persönliche Leibwache war Metzger …

Viel wichtiger als diese historischen Merkwürdigkeiten und eventuellen Zufälle ist jedoch die Argumentation, auf die Patterson sich bezieht: Die Domestizierung und Unterwerfung der Tiere war das Modell, welches die Umwandlung von Menschen in Sklaven inspiriert hat; und die Zucht domestizierter Tiere führte zu eugenischen Maßnahmen wie Zwangssterilisation, Euthanasie und letztlich Genozid. Obwohl Pattersons Buch viele neue Fragen aufwirft, verweist es darauf, wie die industrielle Rinderschlachtung zumindest indirekt den Weg zur Endlösung freigemacht hat. Genau wie das Fließband bei der Schlachtung von Tieren oder Henry Fords Auto-Produktion den Grundsätzen von Effektivität und Effizienz geschuldet war, so waren auch die Fließbänder von Treblinka derselben Zielsetzung verpflichtet. Genau wie durch das Fließband im Schlachthof eine effizientere Weise des Tötens entstand, die für die Mörder weniger Stress bedeutete, weil von jetzt an jeder einfach nur seinen eigenen Job zu erledigen hatte, so hat das „humane Töten“ einen neuen Beamtentypus wie etwa Adolf Eichmann hervorgebracht. Töten war jetzt institutionalisiert und objektiviert.

Erst als man anfing, die Juden wie Tiere zu behandeln, als eine Gruppe von Menschen statt im Singular als „Pluralität“ behandelt wurde, die wiederum in Gestalt genau dieser Pluralität in eine falsche Singularität transformiert wurde („der Jude“), war es möglich geworden, die „Endlösung“ zu organisieren. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass der Vergleich zwischen Juden und Tieren keine Erfindung der Nazis war. So hat beispielsweise schon Martin Luther Juden mit „tollen Hunden“ und „Schweinen“ gleichgesetzt, und es war Hegel, der die Auffassung vertrat, Juden könnten nicht der deutschen Kultur assimiliert werden, weil sie ein „tierisches Dasein“ fristeten. Dabei ist es gar nicht notwendig, den Blick zurück auf die Vergangenheit zu richten, wo unsere Gegenwart doch voller ähnlicher Beispiele steckt. Nach seinem Besuch im Gazastreifen im Jahr 2009 hatte der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter verlauten lassen, dass die Palästinenser dort „eher wie Tiere denn als menschliche Wesen behandelt“ würden. 2014, unmittelbar nachdem die neue „Bodeninvasion“ von Gaza begonnen hatte, äußerte auch der norwegische Arzt Mads Gilbert, der verwundete palästinensische Kinder versorgte, dass die Palästinenser „ein weiteres Mal eher wie Tiere behandelt“ würden. Wenn aber eine ganze Bevölkerung „unmenschlich“ behandelt wird – wie können wir dann erwarten, dass Menschen mit Tieren anders umgehen? Wenn menschliche Wesen noch immer nicht befähigt sind, andere Menschen menschlich zu behandeln – sollten wir uns dann wirklich wundern, dass niemand über einen Genozid an Tieren spricht?

Selbstverständlich dürfen wir die Figur des Genozids weder missbrauchen noch für erschöpfend diskutiert halten. Aber wie Derrida in seinem Vortrag „Das Tier, das ich also bin (weiterzuverfolgen)“ zeigt, wird besagte Figur hier komplizierter: „Es wäre zwar eine Vernichtung von Arten im Gange, sie würde sich jedoch über die Organisation und Ausbeutung eines künstlichen, infernalischen, virtuell unendlichen Überlebens vollziehen, unter Bedingungen, die Menschen früherer Zeiten für monströs gehalten hätten, für außerhalb aller unterstellten Normen des Lebens, das den Tieren zu eigen ist, die auf diese Weise in ihrem Überleben oder in ihrer Überbevölkerung selbst ausgelöscht werden. So als ob, zum Beispiel, Ärzte oder Genetiker (zum Beispiel nazistische), statt ein Volk in Gaskammern oder Krematorien zu werfen, mittels künstlicher Befruchtung eine Überproduktion und -reproduktion von Juden, Zigeunern und Homosexuellen zu organisieren, die, immer zahlreicher und immer wohlgenährter, in stetig wachsender Zahl für ein und dieselbe Hölle bestimmt gewesen wären, nämlich die der erzwungenen Genexperimente, der Vernichtung durch Gas oder durch Feuer.“

Heute sehen wir uns einer Situation gegenüber, in der wir den Schritt über das traditionelle Fließband hinaus schon getan haben. Unsere Klassifikation von Tieren hat nicht nur die Vorbedingungen für deren Vernichtung geschaffen, sondern führte zu einem Albtraum, der in Derridas Vorhersage des künstlichen Überlebens bereits präsent ist. Werfen wir einen Blick in einen neuen zweiminütigen Spielfilm von Greenpeace-Aktivisten, in dem eine nahe Zukunft geschildert wird, in der Bienen vollständig ausgestorben sind. Kein Grund zur Sorge: Felder, die vormals öde und verwüstet waren, erholen sich wieder. Weil die Bienen wieder da sind. Gewöhnliche Bienen, so könnte man glauben; aber nein, bei diesen kleinen Wunderwerken hochentwickelter Robotertechnik handelt es sich um NewBees der zweiten Generation. Ihrem natürlichen Gegenpart haushoch überlegen, sind sie überall auf der Welt erfolgreich eingeführt worden. Der Antrieb erfolgt komplett über Solarenergie, weshalb der aufladungsbedingte Nutzungsausfall einer NewBee sehr gering ist. Durch den Einsatz von Echtzeit-Triangulationstechnologie weiß jede NewBee, welcher Teil des Feldes schon bestäubt ist, was wiederum Effizienz und Ertrag maximiert. Anders als normale Bienen verfügen NewBees über eine vollständige Ausrüstung zur Bekämpfung ihrer natürlichen Feinde. Sobald ein Feind sich nähert, sind die NewBees alarmiert und setzen ein höchst wirksames Insektizid frei, das die Bedrohung in Sekundenschnelle neutralisiert. Nichts kann ihnen Schaden zufügen. NewBees zeigen keine Ermüdung, der Wartungsaufwand ist minimal, und die Produktionskosten betragen einen Bruchteil der Kosten, die für normale Bienen aufgebracht werden müssen. Sie können leicht recycelt, ersetzt und in Betrieb genommen werden. NewBees fügen sich ausgezeichnet in die Natur ein und sind darauf programmiert, uns nichts zuleide zu tun …

Zum Glück ist dies – bislang – nur Science Fiction, wobei die Idee aus der künstlichen Bestäubung stammt. Aus Fiktion könnte jedoch schon bald Realität werden, denn an der Harvard-Universität arbeitet ein auf Mikro-Robotik spezialisiertes Forschungsteam bereits an der Entwicklung sogenannter „RoboBees“. Dem Projekt „RoboBees“, das 2009 ins Leben gerufen wurde, um den Aufwand für die Erzeugung eines Roboter-Bienenvolkes zu ermitteln, ist es mittlerweile gelungen, künstliche Muskeln zu erzeugen, die einen 120-fachen Flügelschlag pro Sekunde zustande bringen. Derzeit forschen die Wissenschaftler an der Energieversorgung und an Funktionsweisen von Entscheidungsprozessen. Im Sommer 2012 konnten technische Kernprobleme gelöst werden, die einen ersten kontrollierten Flug der „RoboBees“ zuließen.

Es könnte durchaus noch zwanzig Jahre oder mehr dauern, bis die erste künstliche Bestäubung möglich ist. Trotzdem sollten wir uns folgende Frage stellen: Falls es den Roboter-Bienen wirklich gelingen sollte, Felder zu bestäuben und unser Ökosystem im Gleichgewicht zu halten – worin läge dann die Bedeutung für die Menschheit? Ja, es mag sein, dass wir entgegen Einsteins Prophezeiung in der Lage sind, die Vernichtung der Bienen zu überleben – aber was hätte das Verschwinden des Tieres für die Menschheit als solche zu bedeuten? Was bedeutet der Tod eines Tieres, und was hat es zu bedeuten, wenn eine ganze Gattung ausstirbt?

Nach Einschätzung einiger Wissenschaftler könnten um das Jahr 2100 bis zur Hälfte der gegenwärtig vorhandenen Pflanzen- und Tiergattungen ausgestorben sein. Ja, wir könnten natürlich zynisch fragen, was denn die durch Menschen verursachte Vernichtung eigentlich sei, verglichen mit mindestens fünf Massenvernichtungen in der Geschichte des Lebens auf der Erde? Was ist zum Beispiel die derzeitige Artenvernichtung im Holozän im Vergleich mit dem Massenaussterben an der Perm-Trias-Grenze vor ungefähr 250 Millionen Jahren, bei dem schätzungsweise 90 Prozent der damaligen Arten ausgelöscht wurden? Können wir uns überhaupt vorstellen, welche Art Leben es in jenem Zeitalter gab und wie unbedeutend unsere eigene Existenz sich aus besagter Perspektive ausnimmt? Rein technisch gesehen, gibt es Leben nach Menschen oder, wie Alan Weisman es in seinem Sachbuch formuliert hat, in dem er sich damit beschäftigt, was wohl mit der natürlichen und bebauten Umwelt geschähe, wenn menschliche Wesen plötzlich verschwänden – da ist eine „Welt ohne uns“. In diesem Fall sind sogar wir, die Menschen, eine Gattung, die mit Leichtigkeit verschwinden könnte; schon nach fünfhundert oder tausend Jahren existierten nur noch wenige (radioaktives Material, Bronzestatuen oder Keramik) oder gar keine Beweise mehr, dass es uns je gegeben hat.

Unser gegenwärtiges Verhältnis zur Natur ist ambivalent. Einerseits leben wir tatsächlich im sogenannten „Anthropozän“, also einem Zeitalter, in dem menschliche Aktivitäten weltweit erhebliche Auswirkungen auf das Ökosystem nach sich ziehen, was unser Einfluss auf das Verhalten von Bienen am besten illustriert. Und es könnte sein, dass wir sogar noch einen Schritt über die These vom „Anthropozän“ hinausgehen und berücksichtigen müssen, was Timothy Morton als „Ökologie ohne Natur“ bezeichnet hat. Laut Morton besteht das Haupthindernis im Nachdenken über die Umwelt in der Idee von Natur als solcher; wir hingegen müssten den denaturalisierten Charakter von Natur als solcher akzeptieren. Es gehe weniger darum, dass die Menschen die Natur aus ihrem Gefüge bringen, sondern Natur selbst befinde sich nicht im Gleichgewicht. Anders ausgedrückt, genau dieser chaotische Charakter ist es – gewaltige Katastrophen, Stürme, Fluten etc. – der der Natur selbst entspricht. (Die Folgen der „Naturkatastrophen“ sind selbstverständlich nicht naturgemäß, sondern bereits geprägt von menschlichen Eingriffen – so etwas wie eine „Naturkatastrophe“ gibt es nicht!)

Und damit haben wir die andere Seite der Medaille vor Augen: Natur ist nicht immer schon das unschuldige Opfer, und nicht immer ist es menschlicher Einfluss, der die Natur verändert. „Eyjafjallajökull“ ist, ganz gleich, wie oft wir diesen seltsamen Namen schon gehört haben, noch immer nicht einfach auszusprechen. Trotzdem hat dieser isländische Vulkan das menschliche „Business as usual“ vollständig zum Erliegen gebracht. Infolge seines Ausbruchs waren die europäischen Airlines fast eine ganze Woche lang lahmgelegt. Mehr als 64.000 Flüge waren verspätet oder wurden ganz gestrichen, Millionen Reisende betroffen. Was für uns Menschen nach einer Katastrophe aussieht, ist also exakt das Gegenteil: nämlich „Eyjafjallajökull“ und nicht unser ökologischer Kampf, durch den der CO2-Fußabdruck der Airlines in einem Ausmaß verringert werden konnte, der dem jährlichen Output mehrerer kleiner Staaten zusammen entspricht.

Diese zwei Seiten der Medaille eröffnen eine unerwartete Wendung. Es ist nicht nur das Tier, sondern die menschliche Gattung selbst, die bald verschwinden könnte. Aus welchen Gründen auch immer die Bienen verschwunden sein mögen, die offizielle Tagline von Shyamalans „The Happening“ scheint die Sache sehr gut zu beschreiben: „We’ve sensed it. We’ve seen the signs. Now … it’s happening.“ Das, was in „The Happening“ geschieht, ist eine verhängnisvolle Katastrophe, in der Menschen rund um die großen Städte an der Ostküste der Vereinigten Staaten auf rätselhafte Weise sterben, und alles sieht danach aus, als sei die Natur die Ursache. Schon bald erweist sich, dass Pflanzen bei dem Versuch, drohende Gefahren abzuwehren, ein geheimnisvolles Nervengift freisetzen, das jeden, der damit in Berührung kommt, zum Suizid verleitet.

Niemand würde wohl widersprechen (zumindest kein Mensch), dass das Verschwinden der Menschen das Verschwinden einer Welt bedeutet. Zwar wäre es immer noch eine „Welt ohne uns“, aber nicht mehr die gleiche Welt. Wir sollten uns jetzt vorstellen, wie die „Tiere“ die sterbenden Menschen beobachten und uns lediglich als Pluralität begreifen („die Menschen“). Wenn das Verschwinden eines einzigen Menschen das Verschwinden einer ganzen Welt bedeutet (denken wir beispielsweise an die allerletzten Sprecher seltener menschlicher Sprachen) – warum wird das Leiden eines Tieres dann nicht auch als Leiden oder Verschwinden einer Singularität begriffen, nicht nur als Tod eines Tieres, sondern als Verschwinden einer Welt? Vielleicht ist es an der Zeit, die gängige Behauptung umzukehren: „Tiere“ sind möglicherweise nicht so sehr abhängig von uns (weil sie nach unserem Verschwinden als Gattung sicherlich weiterhin existieren würden), sondern es wäre zu fragen, wie sehr wir von ihnen abhängig sind, von eben ihrer Singularität. Warum denken Sie nicht einfach darüber nach, wenn Ihnen das nächste Mal eine Biene begegnet?

 

Deutsch von Jutta Nickel

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