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Das Magazin #24

Die Angst vor der Spiegel-Bestsellerliste

Propaganda zum Selbstkostenpreis oder notwendige Aufklärung? Interview mit Michael Wildt

Der Freistaat Bayern hat als Rechtsnachfolger jede Veröffentlichung von Hitlers „Mein Kampf“ in Deutschland mit Hinweis auf das Urheberrecht verhindert. Ende 2015 aber läuft der Urheberschutz aus. Verleger haben angekündigt, das Buch zumindest in Teilen zu veröffentlichen. Gleichzeitig wollen die Justizminister der Länder den Vertrieb des Buches in Deutschland weiterhin verbieten. Ein Gespräch mit dem Berliner Historiker Michael Wildt über die Gefahren und die Chancen einer Veröffentlichung.

Herr Professor Wildt, sollte Hitlers „Mein Kampf“ in Deutschland vertrieben werden dürfen?

Ja. Ich finde es schlecht, wenn ein Geheimnis um das Buch gemacht wird. Es ist ein zentrales Dokument des Nationalsozialismus, und ich glaube, man darf um solche Texte keinen Kokon spinnen, sondern sollte sich mit ihnen beschäftigen, sich mit dem Hass, dem Antisemitismus und dem Rassismus, der in ihnen steckt, auseinandersetzen. So wie wir das mit Hitlers Reden tun, die schon seit vielen Jahren der Wissenschaft und der Öffentlichkeit in einer seriösen Edition des Instituts für Zeitgeschichte zugänglich gemacht worden sind.

Hat das Buch tatsächlich eine so wichtige Rolle für den Nationalsozialismus gespielt?

Schon mit den Wahlerfolgen der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik ist das Buch aus der Ecke eines irrelevanten völkischen Pamphlets herausgekommen. Nach 1933 war „Mein Kampf“ dann die wichtigste Propagandaschrift, so bekamen unter anderem frisch verheiratete Paare ein Exemplar vom Standesbeamten überreicht. Den Mythos, dass es das ungelesenste Buch des Nationalsozialismus gewesen sei, kann ich auch nicht entdecken. Es gibt viele Bände mit Anmerkungen und Anstreichungen. Die Leute haben es gelesen und sich Gedanken gemacht.

Bekäme das Buch durch die Entscheidung, es weiterhin nicht vertreiben zu dürfen, einen zusätzlichen Reiz?

Das befürchte ich. Ich kann gut verstehen, dass es in den 50er Jahren, also unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Aufdecken der nationalsozialistischen Massenverbrechen, nur schwer denkbar gewesen wäre, dass der bayrische Staat Hitlers „Mein Kampf“ zum Druck freigibt. Da bot das Urheberrecht eine passable Möglichkeit, den Vertrieb des Buches zu verhindern, ohne es explizit zu verbieten. Das Buch ist aber heute vor allem ein historisches Dokument, mit dem wir uns auseinanderzusetzen sollten.

 

Ist seine Propaganda noch gefährlich?

Wegen dieses Pamphlets wird heute kein Mensch mehr Neo-Nazi. Diejenigen aus der rechtsradikalen Szene, die das Buch wollen, haben es längst von irgendwelchen obskuren Websites runtergeladen. Wer es unvoreingenommen liest, wird von seinem kruden Antisemitismus und hohlen Rassismus abgestoßen, es kommt in einer unsäglichen Sprache daher, sein Stil ist nicht nur altbacken, im Grunde ist das Buch lächerlich schlecht geschrieben.

 

Warum dann der Beschluss der Länderjustizminister?

Natürlich kann es in den ersten Wochen nach Erscheinen passieren, dass Leute sich das Buch kaufen, weil es auf einmal beim Händler auf dem Stapel liegt, und weil sie selbst lesen wollen, was denn da nun wirklich drin steht. Dann fände sich „Mein Kampf“ vielleicht für kurze Zeit auf den ersten Plätzen der Spiegel-Bestseller-Liste wieder, was keine schöne Momentaufnahme wäre, inklusive der Kommentare in der internationalen Presse. Aber das wäre, denke ich, zu verschmerzen. Dass mit dem Buch Geld verdient werden soll, ist außerdem schwer erträglich. Die Verleger werden deshalb hoffentlich unter Druck stehen und die Frage beantworten müssen, ob sie mit einem antisemitischen Pamphlet Gewinn machen wollen. Schließlich kann die Veröffentlichung auch bei den Überlebenden der Schoah und ihren Angehörigen Schmerz und Befremden auslösen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

 

Der Beschluss könnte auch die Publikation von „Mein Kampf“ des Münchner Instituts für Zeitgeschichte verhindern.

Das wäre in der Tat einigermaßen sonderbar, denn der Auftrag an das Institut eine historisch-kritische Edition von „Mein Kampf“ zu erarbeiten, beruht auf einem einstimmigen Beschluss des bayrischen Landtages. Die geplante Edition wird deutlich machen, wo Hitler überall lügt, wie er die Wirklichkeit verdreht und sie wird die völkischen und rassistischen Hintergründe zeigen. Das Institut für Zeitgeschichte will die Edition selbst herstellen und zum Selbstkostenpreis vertreiben. Außerdem soll sie im Internet kostenlos veröffentlicht werden. Ein Nichterscheinen wäre eine vertane Chance, denn eine mündige Gesellschaft braucht in Bezug auf den Nationalsozialismus vor allem eins: Information und Aufklärung.

 

Glauben Sie, dass sich die Haltung der Justizminister noch ändert?

Ich hoffe es. Denn was würde passieren, wenn es tatsächlich einen Verleger gibt, der das Buch im Januar auf den Markt bringt, die Landesjustizminister dagegen vorgehen und der Verleger vor Gericht klagt? Dann hätten wir eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um ein Gerichtsverfahren, bei dem es um ein NS-Dokument und die Meinungsfreiheit ginge. Und das fände ich fatal. Es darf keine juristische Auseinandersetzung geben, wie sie im Beschluss der Justizminister angelegt ist, sondern es muss eine öffentliche Debatte sein.


Das Interview führte Tobias Asmuth

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