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Cover Magazin #25

Das Magazin #25

Über KM

— John von Düffel

 

Was KM arbeitet, ist eng verknüpft mit der Frage: für wen? Am einfachsten wäre es zu sagen, er arbeitet für sich, für „Kostas Murkudis“, seine eigene Marke, die er kreiert, geprägt und immer wieder verändert hat seit seiner ersten aufsehenerregenden Schau 1996 in Paris. Doch dieses Label ist eine Illusion. Es fasst sehr Verschiedenes, Disparates unter einem Namen zusammen – Produkte, Projekte, künstlerische Experimente, aber auch Verbindungen und Kooperationen mit anderen Marken und Modehäusern, mit Galerien und Museen, mit Mäzenen und Auftraggebern. KM war in unterschiedlichsten Kontexten tätig, für den Re-Start des Unterwäsche-Herstellers „Schiesser“, als Kreativdirektor des Jeans-Labels „Closed“, für das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Die einzige Kontinuität des Labels „Kostas Murkudis“ ist Kostas Murkudis. Der Mann ist die Marke, doch er gibt sich wenig Mühe, eine Marke zu sein. Es interessiert ihn nicht, auf Wiedererkennbarkeit zu achten, stilistische Linien und Dogmen durchzuhalten und jeden neuen Versuch unter dem Aspekt seiner Verwertbarkeit zu betrachten. KM bleibt keiner Marke treu, sondern einzig und allein sich selbst. Dazu gehört als oberstes Prinzip: Offenheit. Das ist in seinem Fall keine Koketterie, sondern ein künstlerisches Credo. Damit macht er es sich nicht einfach. Denn Offenheit heißt Arbeit, manchmal sogar schmerzliche. Offenheit heißt, sich immer wieder frei zu machen, Sicherheiten und feste Parameter über Bord zu werfen, sich nicht festzulegen und nicht festlegen zu lassen. Es heißt, ständig im künstlerischen Prozess zu bleiben und sich der Intuition des Moments anzuvertrauen. Und es bedeutet, mit der großen Ungewissheit zu arbeiten und zu leben, was werden wird, falls überhaupt etwas wird.

Es ist wenig überraschend, dass die künstlerische Neugier von Kostas Murkudis bei dem Standardformat von Modenschauen nicht stehenbleibt. Seine Fantasie und sein Ausdruckswille begnügen sich nicht mit Models auf Laufstegen, die zu synthetischer Stimmungsmusik und Flackerlicht in wechselnden Kleidern ihre Gänge absolvieren. Seine Schauen sind Installationen, die über die konventionellen Grenzen der Modewelt hinausdrängen. Sie reichen bis hin zur Performance, zum Experiment, zum Ereignis. Nicht zufällig ist seine heimliche Sehnsucht und Leidenschaft das Autorenkino. Es ist für ihn der Traum von einem Format mit dem Höchstmaß an Freiheit und Offenheit: ein Film ohne vorgefertigtes Drehbuch, in dem er als bildender Künstler, als Autor und Regisseur die Bedingungen schafft, unter denen der künstlerische Akt passieren kann. KMs Interesse für die spontane Interaktion zwischen Mensch und Material, Subjekt und Objekt, entspricht seiner Suche nach dem Moment, in dem etwas Einmaliges entsteht. Sein Traum vom Künstlerkino bedeutet „one shot“, keine Wiederholungen, mit der Kamera immer hart am Geschehen, denn es geht um den Fluss von Ereignissen, die nur hier und jetzt stattfinden. Flüchtigkeit ist ein zentrales Motiv und Thema, das sich durch KMs Arbeiten zieht, genauso wie sein Verhältnis zur Zeit als Dimension und Bewegungsform.

Die Zeitreise, die Grenzüberschreitung, der kreative Moment und sein flüchtiges Aufscheinen als das eigentliche „Werk“ – in all dem zeigt sich, wie prozesshaft Kostas Murkudis seine Kunst denkt und sieht, wie er sich mit ihr in einer permanenten Suchbewegung befindet. Seine Arbeiten sind im Grunde eine Arbeit, die immer weitergeht. Entsprechend groß ist seine Scheu vor finalen Festlegungen, die Angst, den künstlerischen Prozess zum Stillstand zu bringen und seine Wirkkräfte auszuschalten, indem er die Parameter und Details endgültig fixiert. Für KM, dessen Medium und Message die Spannungsfelder der Widersprüche und Gegensätze sind, zählt die Wahrheit der Schwebe, der Wechselwirkung und Dynamik zwischen den Polaritäten. Es zählt der lebendige Moment, der sich der vollständigen Definition entzieht. Ist der Prozess abgeschlossen, ein Ergebnis herbeigeführt und die Kollektion fertig, heißt dieses Ende immer auch Abschied, eine Abkehr und Hinwendung zu etwas Anderem, oft sogar Entgegengesetztem. Fast ist es, als würde KM sich weigern, eine Marke zu werden. Wiederholung und Variation im Rahmen einer starrenCorporate Identity kommen für ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht in Frage, weil er nach jeder Arbeit seine Suche neu justiert. Insofern legt auch das Getane nicht fest, was KM tun wird. Das Ergebnis definiert nicht, wie der Prozess weitergeht, er verläuft nicht in sicheren Bahnen, sondern in Sprüngen, Brüchen und Abstoßungsbewegungen. Aus seiner Vergangenheit lässt sich die Zukunft nicht ableiten.

 

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