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Das Magazin #25

Von Innen nach Außen

Die Filme von Peter Weiss

Florian Wüst

Peter Weiss, der 1916 als Sohn eines jüdischen Vaters bei Berlin geboren wurde und während des Nationalsozialismus schließlich nach Schweden emigrierte, ist vor allem als Schriftsteller und Bühnenautor bekannt. Tatsächlich aber begann er seine künstlerische Laufbahn als Maler und war in den fünfziger Jahren maßgeblich als Filmemacher tätig. Ehe ihm der literarische Durchbruch mit dem 1960 bei Suhrkamp erschienenen Kurzroman „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ gelang, drehte er insgesamt achtzehn Filme. Dieses Filmœuvre umfasst experimentelle und dokumentarische Kurzfilme sowie zwei längere Filme und vier Filmprojekte, die Fragment blieben.

Weiss‘ filmische Arbeiten entstanden in einer entscheidenden, von finanziellen Problemen und der mühevollen Suche nach Ausdrucksformen und Anerkennung geprägten Phase seines Lebens: dem langen Übergang von einer Praxis der bildenden Kunst zur Hauptbeschäftigung mit Literatur und Theater. Parallel dazu lenkte Weiss seine zunächst introspektive Sicht der Dinge nun auf die kritische gesellschaftliche Analyse der in Ost und West, Nord und Süd geteilten Welt. Der sozialistischen Idee zugewandt verurteilte er fortan die ausbeuterischen Grundlagen des Kapitalismus.

1952 schloss sich Weiss dem Svensk Experimentfilmstudio an. Er setzte sich mit den Avantgardefilmen von Luis Buñuel, Man Ray oder Dziga Vertov auseinander und wurde von den Bildern Max Ernsts beeinflusst. Das große Interesse am Surrealismus prägte seine ersten Kurzfilme.

„Studie II (Halluzinationen)“ aus dem Jahr 1952 besteht aus zwölf inszenierten Tableaus, die nach Vorlage von Zeichnungen konzipiert wurden. Begleitet von metallischen Klängen bilden diverse Körperteile und Gegenstände surrealistische Collagen vor schwarzem Hintergrund, die widerstreitende Gefühlszustände assoziieren, sich aber einer eindeutigen Interpretation durch den Betrachter entziehen sollten. In einem 1981 geführten Gespräch mit Harun Farocki räumte Weiss ein, dass die Bilder dann doch eine stark psychologische Wirkung entfalteten. Dies habe sicher auch mit seiner traumatischen (und traumgleichen) Erfahrung von Bruch und Entfremdung als Emigrant zu tun. Zwei Jahre später kombinierte Weiss in „Studie IV (Befreiung)“ abstrakte und reale Bilder. Eine männliche Gestalt bewegt sich langsam durch verschiedene Räume und schleppt dabei teilweise ihr Alter Ego auf dem Rücken mit sich. Wie Weiss‘ andere frühe Kurzfilme existentialistisch gefärbt, stellt „Studie IV“ eine Parallele zu seinen autobiografischen Schreibversuchen dar, aus denen später „Abschied von den Eltern“ (1961) hervorging.

Mit einem ersten Dokumentarfilm „Gesichter im Schatten“ (1956) wandte sich Weiss der Außenwelt zu: Der Film zeigt Vagabunden und Obdachlose, die sich in der Stockholmer Altstadt aufhalten. Ohne gesprochenen Kommentar schafft der Film in nuancierter Darstellung fast lyrische Bilder der Menschen am Rande des Wohlfahrtsstaates. Der Film „Was machen wir jetzt?“ (1958) beschäftigt sich mit dem Drogen- und Alkoholmissbrauch von Jugendlichen. In einer Mischung von dokumentarischen Aufzeichnungen und gestellten Szenen folgt Weiss Jungen und Mädchen aus verschiedenen Schichten durch ihren Samstagabend, ohne die Ursachen ihrer Gefühle von Leere und Desillusionierung entziffern zu wollen.

„Im Namen des Gesetzes“ aus dem Jahr 1957 kann als sein dichtester Dokumentarfilm gelten. Der Film hält das Alltagsleben in einem Jugendgefängnis in Uppsala fest. Aufseher schließen mechanisch die Türen auf und zu. Die Übereinkunft mit der Gefängnisleitung, die Gesichter der Insassen nicht zu filmen, verstärkt den Eindruck von Unterwerfung, von einem Strafritual, das den Betroffenen die Menschenwürde raubt. Lediglich am Anfang und am Schluss erscheint in einer metaphorischen Szene ein Gefangener, der vergebens zu fliehen versucht. Der einzige direkte Kommentar ist das Henry-Miller-Zitat am Ende des Films: „Gerechtigkeit ohne Liebe ist Rache.“

1959 drehte Peter Weiss seinen ersten langen Film „Hägringen“, dessen Drehbuch auf seine Erzählung „Dokument I“ zurückgeht. „Hägringen“ verbindet die beiden Schlüsselelemente in Weiss‘ Kinoarbeit: den subjektiv-surrealen und den dokumentarischen Ansatz. Der Film zeigt die Begegnung eines jungen Mannes mit der Großstadt am Beispiel Stockholms. Sein Gang durch unterschiedliche Milieus gerät zu einer Tour de Force, bei der es ihm nicht gelingt, wirklich in Kontakt zu treten oder sich der Dynamik der modernen Stadt anzupassen. Am Schluss endet seine Reise, wo sie begann: Er verlässt den urbanen Moloch gen Horizont.

In seinem letzten Film „Hinter den gleichen Fassaden“ (1961) nähert sich Peter Weiss dem Leben in den neuen Wohnsiedlungen am Rande Kopenhagens. Durch Interviews mit Bewohnern aller Altersgruppen sowie Ansichten der massiven Häuserblöcke und Innenaufnahmen der Wohnungen untersucht der Dokumentarfilm die ambivalente Beziehung zwischen den Alltagserfahrungen und Wünschen der Bewohner und dem Funktionalismus der Architektur.

Als Harun Farocki ihn fragte, weshalb er aufgehört habe, Filme zu machen, meinte Weiss, die finanziellen Verluste, die sich mit fast allen seiner Filmprojekte verbanden, hätten ihn gezwungen aufzuhören. Seine immer komplexeren Vorhaben und die Bearbeitung extensiver historischer Materialien, die Eingang in seine dokumentarischen Theaterstücke sowie in die „Ästhetik des Widerstands“ fanden, hätten in der Tat nach ganz anderen filmischen Produktionsbedingungen verlangt. So bleiben die Filme von Peter Weiss ein in sich geschlossener Werkkomplex im Schatten seiner literarischen Reputation. Und doch sind sie von großer Bedeutung für die Entwicklung und Verwandlung eines Künstlers und Autors, dessen persönliches Schicksal, politische Haltungen und künstlerische Herangehensweisen das Hell-Dunkel des zwanzigsten Jahrhunderts so eindrucksvoll spiegeln.

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