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Magazin 26 der Kulturstiftung des Bundes

Das Magazin #26

Kunst im Duty-free-Shop?

Ein Gespräch mit Lauren Boyle vom kuratorischen Team DIS über die 9. Berlin Biennale


Gregor Quack: Ich würde gerne anfangen mit der Frage, was genau DIS eigentlich ist. Ich weiß, dass es eine Gruppe ist, die aus vier Einzelpersonen besteht: Lauren Boyle, David Toro, Solomon Chase und Marco Roso. Aber darüber hinaus scheint es so, als finde man immer mehr Definitionen, je länger man sucht.

Lauren Boyle: Stimmt. Wir sind vom Design-Kollektiv bis zum Modemagazin schon mit so ziemlich jedem Etikett bedacht worden. Wir sind ein Künstlerkollektiv, wir sind Redakteure und Herausgeber, wir sind Stylisten, wir sind Unternehmer und jetzt gerade sind wir Kuratoren. Uns gefällt dieser Facettenreichtum. Wenn jemand eine neue Bezeichnung für uns hat, sagen wir nur: „Her damit!“

 

Gregor: Und doch gibt es gewisse Unterschiede zu anderen Kollektiven. In einem Interview haben Sie einmal erklärt, Sie verstünden sich eher als Körperschaft denn als Kollektiv. Was genau war damit gemeint?

Lauren: Wir wollten so vor allem auf unsere Affinitäten zur Geschäftswelt hinweisen. Wir haben uns nicht etwa als Non-Profit-Organisation gegründet, sondern als GmbH. Das Lustige dabei ist, dass das Ganze aus wirtschaftlicher Sicht eigentlich noch nie so richtig gut funktioniert hat. Die Idee zur GmbH-Gründung war ursprünglich nur entstanden, weil es der einfachste Weg war, ein gemeinsames Bankkonto zu eröffnen, ohne verheiratet zu sein. DIS nahm seinen Anfang in 2008, als David und Solomon in einer Rund-E-Mail schrieben, sie würden ein Online-Magazin gründen. Bald bildete sich eine Gruppe aus zunächst sieben und dann vier Leuten. Wir fingen an mit der Magazin-Website, dann wurde unsere Bildagentur DISimages gegründet, und später kam mit DISown auch noch ein Laden für von Künstlern gestaltete Alltagsprodukte hinzu.

 

Gregor: Dass es so naheliegend schien, sich als Wirtschaftsunternehmen einzutragen, hatte sicher auch etwas mit dem Standort New York zu tun, oder?

Lauren: Ganz genau. Wir haben DIS kurz nach dem Beginn der Finanzkrise gegründet. Es war eine sehr interessante Zeit in New York. Die Jahre zuvor hatten wir alle sehr viel zu tun gehabt in unseren sogenannten Kreativwirtschaftsjobs für große Firmen wie Apple. Doch da die meisten dieser Jobs auf Freelance-Basis funktionierten, gab es kurz nach dem Crash schon keine Aufträge mehr. Zum ersten Mal seit Jahren hatten wir auf einmal so etwas wie Freizeit. Es ist uns sehr bewusst, dass die Finanzkrise für viele Menschen schlimme Folgen hatte, aber für uns war es auch eine reinigende und produktive Erfahrung.

 

Gregor: Obwohl das Ganze schnell zu einem globalen Problem wurde, muss sich der Crash in New York besonders erderschütternd angefühlt haben.

Lauren: Absolut, es war deutlich mehr als eine bloße Kursschwankung. Uns erschien es wie ein klarer Bruch mit dem vorhergehenden Jahrzehnt. Es war ja auch das Jahr, in dem Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Es war nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine kulturelle, ästhetische und mentale Umwälzung. Alles stand in Frage und wir sahen das als Möglichkeit, eine Bühne zu bauen für unsere unglaublich kreativen Freunde und Bekannten, die damals noch kein Publikum für ihre Arbeit fanden.

 

Gregor: Schlägt sich Geschäftsaffinität auch darin nieder, wie man mit Freunden und Geschäftspartnern umgeht? Kann es für eine GmbH einen echten Unterschied geben zwischen eurem kollektivem Denken, Freundschaft und Networking?

Lauren: Natürlich schwingen beim Wort Networking immer zusätzliche Konnotation mit, aber wir begrüßen das. Als wir mit dem Magazin begannen, erweiterten wir unser Netzwerk. Der Vorteil des Netzwerkwerkbegriffs ist, dass schon das Wort Netzwerk die Möglichkeit zur Expansion und Veränderung nahelegt. Man will bei jedem Projekt auch neue Leute einladen, darf aber dabei nicht vergessen, wo man herkommt. Wir haben im Laufe unserer Karriere viel Unterstützung von anderen erhalten, und natürlich wird unsere Berlin Biennale auch voll mit diesen Menschen sein, mit manchen, die uns schon lange begleiten, und anderen, die neu hinzugekommen sind.

 

Gregor: Jetzt wo Sie dabei sind, eine Biennale zu kuratieren, fällt auf, dass die institutionalisierte Kunstwelt anfänglich kaum eine Rolle in der Arbeit von DIS gespielt hat. Hatte das ebenfalls etwas mit dem Umfeld in New York zu tun?

Lauren: Mit Sicherheit. In New York geht es ums Überleben. Es gibt kaum so etwas wie öffentliche Förderung von Kunst, die Mieten sind extrem hoch und verschiedene Industrien haben sich dort schon immer gerne vermischt. In so einem Umfeld wird man nicht komisch angeguckt, wenn man neben der Kunst auch noch einen anderen Job hat. Es ist zum Beispiel im Allgemeinen kein Problem, Kunst zu machen und gleichzeitig für eine Tech-Firma zu arbeiten. Für uns selber war es sehr prägend, nicht in einer Kunstweltblase zu leben, sondern auch andere Erfahrungen zu sammeln. Von uns vieren hat nur Marco jemals eine Karriere als traditioneller Künstler begonnen. Doch auch bei ihm lief das immer neben seiner Tätigkeit als Creative Director bei Garnier, Wella und L’Oreal. Hätten wir Maler werden wollen, dann hätte es uns wahrscheinlich tatsächlich nach Berlin oder Philadelphia gezogen, aber wir alle wollten lieber im wunderschönen Chaos von New York leben.

 

Gregor: Wenn Ihr Selbstverständnis so eng mit der Stadt New York zusammenhängt, wie fühlt es sich dann an, in Berlin zu arbeiten?

Lauren: Der Sprung nach Berlin erlaubt uns, ein gewisses Gefühl der Fremdheit zu kultivieren. Wir kommen aus einem anderen Land, wo Dinge anders funktionieren, und in gewisser Weise fühlen sich auch Institutionen wie die KW Institute for Contemporary Art und die Berlin Biennale für uns manchmal an wie fremde Länder. Aufgrund unserer unterschiedlichen Hintergründe sprechen wir nicht immer die gleiche Sprache, aber wir glauben auch, dass dabei durchaus produktive Missverständnisse entstehen können. Wir dürfen nicht in die Falle tappen, alles für jeden sein zu wollen – relevant sein und zeitgenössisch, vermittlungsstark, repräsentativ und kritisch. Wenn wir die Berlin Biennale komplett mit großen Künstlernamen füllen würden, hieße es: „DIS wollte der Kunstwelt gefallen und ist zum Mainstream geworden.“ Würden wir hingegen nur mit jungen Kreativen arbeiten, die sich nicht im Kunstbetrieb bewegen, dann hätten wir schlicht genau die Erwartungen an uns erfüllt. Unsere Lösung: Wir machen einfach beides. Es hat durchaus etwas Respektloses, eine wichtige Künstlerin wie Adrian Piper im gleichen Atemzug zu nennen wie den Modedesigner Telfar. Obwohl Berliner wahrscheinlich etwas anderes meinen, wenn sie von „kritischer Kunst“ sprechen.

 

Gregor: Und trotzdem gibt es zumindest im DIS Magazine immer wieder Momente, die man durchaus kritisch nennen könnte. Mein Lieblingsbeispiel ist die frühe Fotostrecke Shoulder Dysmorphia. Die Fotos geben vor, einen neuen Beauty-Trend zu porträtieren, bei dem die Form der Schulterblätter chirurgisch verändert wird. Das Projekt nimmt existierende, industriegeförderte Trends – plastische Chirurgie, unrealistische Schönheitsideale – und überhöht sie bis zu ihrer ebenso logischen wie absurden Schlussfolgerung.

Lauren: Der Unterschied ist aber, dass es für uns nur selten heißt „Wir gegen die Anderen“. Uns ist wichtig, uns ehrlich über unsere eigenen Interessenkonflikte im Klaren zu bleiben. Es geht uns um eine Art radikale Offenheit unserer Gegenwart gegenüber. Wir interessieren uns beispielsweise sehr für kommerzielle Bildsprachen – eine gewisse Art zu lächeln, eine spezielle Form von Softbox-Licht, in dem alles gleichmäßig, normal und perfekt aussieht. Anstatt zu versuchen, solche Techniken als bösartig oder manipulativ zu enttarnen, spielen wir mit dieser kommerziellen Bildsprache. Wenn Sie mich fragen, worum es in unserer Berlin Biennale geht, dann könnte ich sagen: Es geht darum, der Gegenwart ihr Drag-Outfit anzuziehen.

 

Gregor: Sie interessieren sich ausdrücklich für die unmittelbare Gegenwart. Viele bisherige Berlin Biennalen haben sich hingegen manchmal fast obsessiv mit Berlin als Geschichtsschauplatz beschäftigt. Spielt dieser Aspekt auch bei Ihrer Erfahrung der Stadt eine Rolle?

Lauren: Natürlich ist Geschichte überall. Für uns ist es aber trotzdem das Wichtigste, Berlin so zu begegnen, wie es uns heute entgegentritt. Wie gesagt, wir sind Touristen hier.

Eine unserer ersten Aufgaben als Kuratoren sollte es sein, unsere Ausstellungsorte zu bestimmen und dafür „unentdeckte Orte“ in der Stadt zu finden. Uns war das nicht ganz geheuer. Wenn wir als Berlin Biennale heute ein „verlassenes“ Gebäude bespielen, dann kann es durchaus sein, dass wir es damit unfreiwillig für den Aufkauf durch private Investoren vorbereiten.


Gregor: Also haben Sie den Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor als einen Hauptschauplatz der Biennale ausgesucht. Der ist ja so ziemlich genau das Gegenteil von „unentdeckt“.

Lauren: Der Pariser Platz war einer der ersten Orte, für den wir uns interessiert haben. Der Platz ist natürlich eine typische Touristenfalle, aber wir haben uns sofort daran erinnert, wie Michael Jackson genau dort vor mehr als zehn Jahren sein Baby aus dem Fenster des Hotel Adlon baumeln ließ. Der Pariser Platz ist also schon länger ein Ort, an dem man sich in der prekären Balance zwischen öffentlichem und privatem Raum üben kann ... nicht erst seit jedes historische Monument von einem Rudel aus Selfiesticks eingerahmt ist. Der gesamte Platz ist umgeben von einem unsichtbaren Netzwerk aus wirtschaftlichen und politischen Machtzentralen. Hier finden sich die amerikanische und französische Botschaft, aber auch Lockheed Martin, das Allianz Stiftungsforum, die DZ Bank und BP Europa. Für die 9. Berlin Biennale benutzen wir das Gebäude der Akademie der Künste. Es handelt sich um eine historische Stätte, die in eine Glasarchitektur gehüllt wurde ... eine perfekte Metapher für das heutige deutsche Selbstbild als historisch verankerter Nationalstaat mit modernem, transparenten Gesicht. Typisch für Berlin werden die Galerieräume den ganzen Sommer wegen Umbauarbeiten geschlossen sein. Wir sind froh darüber, denn so können wir einfach den Rest des Gebäudes einnehmen: Aufenthaltsräume, Flure, Veranstaltungsräume, die normalerweise nicht so leicht öffentlich zugänglich wären.

 

Gregor: Also wird die 9. Berlin Biennale in den KW stattfinden, am Pariser Platz und ...

Lauren: ... und dann gibt es auch noch das ehemalige Staatsratsgebäude, ein riesiger DDR-Bau, in dem auch Teile der alten Stadtschlossfassade verbaut sind. Heute beherbergt er die ESMT European School of Management and Technology. Uns gefiel, wie unmittelbar dort die Vergangenheit des real existierenden Sozialismus auf die Bildsprache der internationalen Geschäftswelt prallt. Wenn man an den Börsentickern vorbeiläuft und gleichzeitig Walter Womackas sozialistisch-realistisches Fenster auf sich herabblicken sieht, dann ist damit eigentlich schon alles gesagt. Wir werden zusammen mit einigen Künstlern in den unrenovierten Teil des Gebäudes einziehen.

 

Gregor: Waren Sie vor allem auf der Suche nach Räumen, in denen gewisse Spannungen sichtbar werden?

Lauren: Ja, das könnte man so sagen. Viele Orte, an denen wir ausstellen werden, fühlen sich an wie Geschäfts- oder Firmenräume, wie Durchgangszimmer oder Duty-free-Shops. In den einzelnen Kunstwerken der 9. Berlin Biennale wird es nicht unbedingt direkt um Tourismus oder Gentrifizierung gehen, aber vielleicht könnte man sagen, dass diese Themen die Grundstimmung der Biennale bilden. Die Künstler Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic etwa bauen zusammen eine Installation in einem Touristendampfer auf der Spree. Sie bauen ihn um zu einem thailändischen Hochzeitsboot und zeigen zusätzlich einen neuen Film. Über die gesamte Dauer der 9. Berlin Biennale wird dieses Boot den üblichen Touristenrouten auf der Spree folgen, vorbei an der Museumsinsel und mitten durch den Regierungsbezirk. Der Biennale-Besucher wird wieder zum Touristen gemacht, zum prototypischen Sammler zeitgenössischer Erfahrungen.

 

Gregor: Sie scheinen sich außergewöhnlich viele Gedanken über die Auswahl der Ausstellungsorte gemacht zu haben, obwohl Ihre ursprüngliche Arbeit als Magazinredaktion wohl nicht immer räumliches Denken erfordert. Wie beeinflusst Ihre Erfahrung mit redaktioneller Arbeit Ihr Denken als Kuratoren?

Lauren: Ich glaube, es hilft uns, Künstlerinnen und Künstlern mehr Freiräume zu lassen. Uns ist die Kuratorenpose eher suspekt. Wir haben selbst Erfahrung darin, Bilder zu produzieren. Also konzentrieren wir uns lieber darauf, Plattformen zu bauen, anstatt Künstlern zu sagen, wie sie ihre Arbeit machen sollen. Wir verstehen die einzelnen Ausstellungsorte als jeweils eine solche Plattform, aber wir arbeiten auch daran, darüber hinaus noch weitere zu schaffen. Da wäre zum Beispiel die Kommunikationsstrategie, die wir gemeinem mit unserem guten Freund, dem New Yorker Creative Director Babak Radboy entwickeln. Sein Projekt trägt den Namen Not In The Berlin Biennale und versammelt ganz einfach eine große Gruppe an Künstlern, die nicht an der eigentlichen Berlin Biennale teilnehmen.

 

Gregor: Es ist interessant, dass Sie sich besonders für solche Themen zu interessieren scheinen, die andere Kuratoren für nebensächlich oder gar störend halten würden.

Lauren: Genau darum geht es uns. Not in the Berlin Biennale ist ein eigenständiges Projekt, das nicht von der eigentlichen Berlin Biennale handelt, sondern schlicht vor ihr steht. Wie eine Art Haut beschützt es die zentralen Funktionen der eigentlichen Biennale, ist aber gleichzeitig auch selber das größte Organ.

 

Gregor: Besteht dieser zu schützende Kern der Biennale für Sie vor allem aus einzelnen Personen oder geht es auch etwas abstrakter um konzeptuelle Ideen, die Ihre kuratorische Arbeit leiten?

Lauren: Es gibt ein paar Kernideen, auf die wir in unseren internen Diskussionen immer wieder zu sprechen kommen. Uns faszinierte beispielsweise die wachsende Popularität hyper-individualistischer Denkweisen in einer Zeit, die eigentlich gerade von der Machtlosigkeit des Einzelnen gekennzeichnet ist. Einerseits ist es der gemeinsame Nenner von Gedanken zum Anthropozän, Big Data und object-oriented philosophy, dass sie alle auf Kosten des einzelnen Subjekts operieren. Und andererseits werden ehemals für universell gehaltene Symbole zu immer maßgeschneiderten Individualprodukten stilisiert ... vom custom sneaker über persönliche Trainingspläne bis hin zur Politiker-Hoffnung, das politische Denken auch der kleinsten Zielgruppen zu analysieren.

 

Gregor: Und das Besondere an Ihrer Herangehensweise ist, dass sie bei alledem keine Partei ergreifen. Sie machen sich das Paradox zu eigen.

Lauren: Genau. Wo andere vielleicht ein Symposium zur Datensicherheit organisieren würden, da wollen wir einen Schritt weiter gehen. Wir wollen nicht nur über die Entwicklung der Privatsphäre nachdenken, sondern sie auch aktiv betreten und aufs Spiel setzen. Das ist unsere Herangehensweise an die meisten Themen und Ideen.

 

Gregor: Ich bin etwas überrascht, dass Ihnen Aktion so viel wichtiger ist als Analyse. Die von Artur Żmijewski kuratierte 7. Berlin Biennale legte damals auch besonderen Wert auf Kunst als effektives Mittel zur politischen Veränderung.

Lauren: Das Interessante ist, dass unsere Version wahrscheinlich der 7. Berlin Biennale ähnlicher sein wird als der achten Ausgabe.

 

Gregor: Inwiefern?

Lauren: Natürlich werden die beiden einander optisch kaum ähneln, aber ich glaube schon, dass uns eine gewisse Liebe zum Transgressiven verbindet. Denn obwohl wir es nicht als aktives Ziel verfolgt haben, glaube ich, dass unsere Biennale manchen Besuchern fast unangenehm sein wird. Unsere Bespielung der Akademie der Künste etwa widerspricht den Prinzipien, für die diese Institution stehen soll. Wir entstammen einer anderen Generation als Żmijewski und haben wohl auch andere Vorstellungen davon, wie politische Kunst heute aussieht. Aber genau wie in seiner Biennale haben auch wir viele Künstler eingeladen, die aktiv über neue Gesellschafts- und Verhaltensmodelle nachdenken, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Für manchen mag das nach „solutionism“ aussehen, doch es wird mit Sicherheit auch genügend verwirrende und verunsichernde Momente geben. Es wird zum Beispiel nicht immer klar sein, wie ernst es ein Künstler wie Christopher Kulendran Thomas meint, wenn er Ausstellungsbesuchern neue Investmentchancen nahelegt. Es wird Momente in unserer Ausstellung geben, in denen man nicht genau weiß, ob man noch in einer Kunstinstallation ist oder schon in der VIP-Lounge eines Immobilien-Hedgefonds.

 

Gregor: Diese besondere Freude an der Grenzverwischung zwischen Kunst, Design und Geschäftlichem war schon immer einer der faszinierendsten Aspekte in der Arbeit von DIS. Aber können traditionelle Kategorien nicht in manchen Fällen auch wichtig und schützenswert sein? Etwa wenn es darum geht, die Kunst vor der Totalübernahme durch die Modewelt zu beschützen?

Lauren: Ich glaube, wir müssen uns wirklich keine Sorgen machen, dass es von einem auf den anderen Tag keine Kunst mehr gibt. Doch es stimmt tatsächlich, dass wir uns mit unserer Arbeit oft in ein Spannungsfeld begeben, dass so aufregend wie unauflösbar scheint. Die gleiche Kategorienunschärfe, die sich innerhalb der Kunstwelt frisch und grenzüberschreitend anfühlt, läuft in anderen, größeren Kontexten Gefahr, bloß der immer stärkeren Homogenisierung der Kreativwirtschaft in die Hände zu spielen.

 

Gregor: Die unterschiedlichen Aspekte der Biennale zielen fast sämtlich darauf ab, der Gegenwart zu begegnen. Soll es offen bleiben, ob hinter allem am Ende so etwas wie eine politische Haltung steht?

Lauren: Wir für unseren Teil hoffen vor allem, dass Besucher kommen, Zeit in der Ausstellung verbringen, nachdenken, reflektieren, sich treffen und miteinander reden und vielleicht einen grünen Saft trinken. Wie gesagt: Wir haben nicht viel übrig für schlicht binäre Logik – kritisch oder affirmativ, gut oder böse. Wir haben keine abschließenden Antworten auf die Fragen, die unsere komplexe Welt jeden Tag stellt. Man macht es sich zu einfach, wenn man glaubt, man könnte die Widersprüchlichkeiten der Welt lösen, indem man sich für eine Seit entscheidet oder indem man beide Seiten – sei es Professionalität und Dilettantismus, sei es Kunst und Nicht-Kunst – gegeneinander ausspielt. Es ist viel anstrengender, sich selber zum Symbol für alle losen Enden und ungeklärten Fragen zu machen. Mit unserer Berlin Biennale wollen wir dem wilden Knäuel aus Ideologien und Ästhetiken, das im Jahr 2016 die Möglichkeiten individueller Erfahrung bestimmt, ein Gesicht geben.

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