Magazin

Das Magazin #27

Globale Gleichzeitigkeiten

MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt

Von Susanne Gaensheimer und Klaus Görner

 

Das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main verfolgt seit einigen Jahren in seinem Ausstellungsprogramm und in seiner Sammlungspolitik die Öffnung und Erweiterung auf nicht-westliche Positionen der internationalen Gegenwartskunst und untersucht kritisch die veränderten sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen in einer globalisierten Welt. Große Ausstellungen wie „Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“, die Überblicksausstellung zum Werk von Hélio Oiticica „Das große Labyrinth“ oder die aktuelle Ausstellung von Kader Attia „Sacrifice and Harmony“ sind nur einige Beispiele.

Die Gegenwartskunst, besonders aber die aus „nicht-westlichen“ Kunsttraditionen, entsteht in einem erweiterten Horizont und wird auch so rezipiert. Unser Sammlungsbeginn jedoch liegt in den 60er und 70er Jahren, ist in einem rein westlichen Kontext entstanden und wird – auch heute noch – so rezipiert. Unser Anliegen ist es also, unseren „Altbestand“ in einen erweiterten Zusammenhang zu stellen, um Möglichkeiten zu entwickeln, ihn aus einer globaleren Perspektive zu verstehen. Dadurch erhoffen wir uns – im Hinblick auf die Rezeption – eine gewisse Angleichung zwischen den Werken vom Beginn unserer Sammlung und ihrer Fortführung heute.

Mit der Sammlung Ströher kamen herausragende Werke der amerikanischen Pop- und Minimal Art sowie Meisterwerke vornehmlich deutscher Künstler aus dieser Zeit in das MMK. Bis zur Eröffnung des Museums im Jahr 1991 lag der Sammlungsschwerpunkt eindeutig auf Werken dieser Regionen und ihre Entstehungszeit liegt lange vor der sogenannten "Global Art". Der westliche Fokus der Sammlung – und später auch der Ausstellungen – beeinflusst aber weiterhin auch die Rezeption dieser Werke.

Idee und Ziel unseres Ausstellungsprojekts mit dem Museo de Arte Moderno de Buenos Aires (MAMBA) ist es daher, Hauptwerke aus unserer Sammlung in einen vertiefenden und befruchtenden Dialog mit Schlüsselwerken lateinamerikanischer Kunst aus der gleichen Periode zu bringen.

Obwohl der Kunst des lateinamerikanischen Kontinents seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse in Europa und Nordamerika entgegengebracht wird, ist die Beschäftigung mit deren Geschichte zumindest in europäischen Institutionen immer noch ein Desiderat. Die Beiträge zu den wichtigen Ausstellungen und Biennalen hier sind sporadisch und in vielen Fällen isoliert. Das hat zur Folge, dass der Beitrag Lateinamerikas zur Kunstentwicklung der Nachkriegszeit zu wenig bekannt ist und in den kunsthistorischen Diskursen in Europa, teilweise auch in den USA, eine viel zu geringe Rolle spielt. Dies ist umso erstaunlicher, als lateinamerikanische Künstler ihr Werk oftmals im Austausch mit den Entwicklungen in Europa und Nordamerika gebildet haben.

Gerade wegen dieser Verflechtung scheint die Kunst Lateinamerikas für unser Vorhaben besonders geeignet. Am Beispiel Lucio Fontanas, der eine Schlüsselrolle in diesem Projekt spielen soll, lassen sich sowohl Nähe als auch Ferne dieser Beziehung anschaulich machen. Als Sohn italienischer Eltern in Argentinien geboren, wechselte er im Laufe seines Lebens zwischen Europa und Argentinien, war Teil beider Kunstwelten und nahm erheblichen Einfluss auf deren Entwicklung. Vor den sehr unterschiedlichen politischen, ökonomischen und historischen Hintergründen wollen wir den Entwicklungslinien in ihren Parallelitäten, in ihren Überschneidungen und in den Gegenstellungen verfolgen.

Die kuratorische Zusammenarbeit der beiden Museen ist insofern essenziell, als wir nicht daran interessiert sind, allein aus einer europäischen Sicht heraus den Horizont zu erweitern. MMK und MAMBA suchen deshalb zu einem kritischen Dialog zu gelangen, der die je eigene Auffassung einer Revision unterzieht und für das eigene Narrativ auch andere Autorschaften zulässt. Wie sich schon jetzt zeigt, bringt die wechselseitige Perspektive aus zwei Kontinenten und Kulturkreisen eine Veränderung der Wahrnehmung der Werke mit sich. Sie in einem erweiterten und ungewohnten Kontext zu stellen, birgt neue Erkenntnisse über die einzelnen Werke. Darin sehen wir auch den Zugewinn für die Besucher. Nicht allein werden die beiden Ausstellungen neue, bislang unbekannte Werke dem jeweiligen Publikum vorstellen, durch die unüblichen Dialogsituationen wird auch das Wissen und die Einschätzung der bekannten Arbeiten eine Veränderung erfahren. Gerade von der Präsentation vergleichbarer Positionen aus differenten Kontexten erwarten wir signifikante Verschiebungen der Wahrnehmung. Die sich kreuzenden Blicke von „außen“ auf die Sammlungs- und Ausstellungspolitik der jeweiligen Kultursphäre verändert auch den Blick auf die Genese der eigenen Kunstgeschichten und ihrer Institutionen. Wir erhoffen uns daher eine Reihe von Anregungen und Richtlinien, die auf lange Sicht das Selbstverständnis des MMK und seiner Praxis modifizieren werden.

Zur Artikelübersicht