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Das Magazin #27

"Was wir uns wahnsinnig wünschen ..."

Das „Rajasthan“-Projekt von Marc Sinan und den Dresdner Sinfonikern

Zwölf Millionen Roma leben verstreut in ganz Europa, damit sind sie die größte Minderheit des Kontinents. Die frühe Geschichte der Roma liegt im Dunkeln, gesichert aber ist, dass das Volk der Rom vor zwölfhundert Jahren aus dem heutigen Rajasthan in Nordwesten Indiens aufbrach, um über den Balkan nach Europa zu wandern. Wahrscheinlich stammen die Roma von den niederen Kasten wie den Dom ab, deren Angehörige sich als Tänzer und Musiker über Wasser hielten. Warum die Roma ihre Heimat verließen, darüber gibt es nur Spekulationen. Eine von ihnen besagt, dass die Roma dem restriktiven Kasten-System ihrer Heimat Rajasthan entfliehen wollten, ein Aufbruch in eine neue Freiheit.

 

Jakob Kneser: Marc Sinan, was hat dich zu diesem Projekt inspiriert?

Marc Sinan: Es geht ganz klar um Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit, es geht um Stigmatisierung, um Lebenskraft, es geht um die Schönheit von Kultur, die unter allen Umständen entstehen kann oder unter keinen Umständen möglich ist.

 

JK: Was interessiert dich speziell an den Roma?

Marc Sinan: An den Roma interessiert mich, dass das eine Community ist, an der sich alle Welt abarbeitet in Form von Vorurteilen. Es gibt, glaube ich, keinen Ort auf der Welt, an dem es keine Vorurteile gegenüber den Roma gibt. Gleichzeitig sind die Roma überall und nirgendwo zu Hause und vollziehen damit in gewisser Weise das, was wir uns in unseren Träumen immer wünschen, nämlich dass es eigentlich keine Grenzen gibt. Es ist eine völlig andere Art und Weise, Leben und Gesellschaft zu betrachten, etwas, was wir uns wahnsinnig wünschen, vor dem wir aber so viel Angst haben, dass wir es immer hassen müssen. Das finde ich unglaublich interessant!

 

„Rajasthan“ ist also viel mehr als ein musikalisches Experiment: Im Kern geht es um den uralten Antagonismus zwischen dem „fahrenden Volk“ und den Sesshaften. In deren Blick auf die „Roma-Traveller“ mischt sich immer schon Faszination mit Angst, Bewunderung mit Abscheu. Die Roma waren als Grenzüberschreiter und Transnationalisten par excellence den Sesshaften immer schon verdächtig. Vor allem aber geht es um die Geschichte eines Stigmas, das die Roma auch tausend Jahre nach ihrem Exodus aus Indien nicht abstreifen konnten.

 

JK: Welche Spuren findet man im heutigen Rajasthan überhaupt noch von den Roma?

Marc Sinan: Es gibt in Rajasthan keine Roma mehr, es gibt eben nur diesen Mythos von der Flucht der Roma aus Rajasthan. Die Musiker, mit denen wir arbeiten werden, sind Musiker aus unterschiedlichen Kasten, zum Beispiel Bhopas. Diese Kasten sind genauso wie die Roma in Europa oder wie in irgendwelchen anderen Orten der Welt am unteren sozialen Ende der Gesellschaft angesiedelt. Das heißt, das sind Leute, die sind so arm, die haben kein Land und kein Vieh, die sind in ihrer Existenz darauf zurückgeworfen, dass sie als Musiker genug Geld verdienen können, um davon zu leben. Das entspricht sozusagen dem Klischee dessen, was wir uns unter einem Gypsy-Musician vorstellen. Zu allen sozialen Anlässen, zu denen man Musik braucht, sind dann diese Bhopa-Musiker, diese traditionellen Musiker, unterwegs, und leben in Traveller-Communities. Das sind nur nicht explizit Roma, aber sind eben in der gleichen gesellschaftlichen Position wie Roma heute noch in Europa sind, wie Roma wohl vor zwölfhundert Jahren in Rajasthan gelebt haben müssen.

 

JK: Dieses Kasten-System haben die Roma mit ihrer Migration nach Europa ja verlassen – oder doch nicht?

Marc Sinan: Ich finde das so ungemein schockierend: Wie kann sich dieses Kasten-Stigma in der Gesellschaft, die Indien verlassen hat, über tausend Jahre immer noch perpetuieren, in Umständen, wo das gar nicht mehr nötig wäre. Also das ist ja wie eine Prophezeiung, die an den Menschen klebt, dass, obwohl sie diesen Ort quasi fluchtartig verlassen haben, dieser Rassismus, diese Nichtzugehörigkeit, diese Position in der Gesellschaft an ihnen haftet.

 

Eine europäische Protagonistin des „Rajasthan“-Experiments ist die tschechische Sängerin und Violinistin Iva Bittová. Sie ist die Tochter von Koloman Bitto, einem Roma-Musiker slowakisch-ungarischer Herkunft. Bittová, die inzwischen in der Nähe von New York lebt, hat ihren ganz eigenen, zwischen Jazz-Avantgarde und mährischem Folk oszillierenden Stil entwickelt. Das Interview mit ihr über ihre Roma-Wurzeln und ihren Vater soll nach einem Konzert in Ulrichsberg in Oberösterreich stattfinden, aber daraus wird nichts: Iva Bittová ist zu müde. Aber sie ist charmant, schnorrt zum Abschied noch eine Zigarette. Erst ein paar Wochen später klappt das Gespräch per Skype. Iva Bittová ist zurück von ihr Europa-Tournee, sie sitzt im Garten ihres Hauses im Staat New York.

 

JK: Wie wichtig ist das Roma-Erbe Ihres Vaters für Sie?

Iva Bittová: Ich sage nie, dass wir eine Roma-Familie sind, jedenfalls sprach bei uns zu Hause keiner darüber. All das brachte erst meine Schwester auf, nachdem mein Vater gestorben war. Es gibt keinen mehr, den ich deswegen fragen könnte, denn mein Vater lebt nicht mehr, und sie fing an, sich als Roma zu fühlen, zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters. Meine Mutter, die noch lebt, sagt immer, er habe in der Schule und mit seiner Familie und Freunden ungarisch gesprochen. Es gibt einfach keine sichere Information über die Roma-Zugehörigkeit meines Vaters. Das ist verwirrend und führt immer wieder zu Streit zwischen meiner Mutter und meiner älteren Schwester Ida. Und ich bin dazwischen und akzeptiere beide Seiten. Mein Vater wäre die einzige Person, die die Frage beantworten könnte. Aber er ist leider schon lange tot.

 

JK: Ihre Schwester Ida spricht in Interviews davon, dass Ihr Vater seine Roma-Identität Zeit seines Lebens verleugnet hätte – aus Scham, Furcht vor Diskriminierung und Ausgrenzung. Können Sie das aus heutiger Sicht nachvollziehen?

Iva Bittová: Ich glaube nicht, dass mein Vater irgendwas versteckt hat. Er hat generell nicht viel gesprochen – was er zu sagen hatte, hat er durch Musik gesagt. Er war ein wunderbarer Musiker, sehr emotional. Er spielte rumänischen, bulgarischen, ungarischen Folk, aber an Roma-Lieder kann ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern. Aber es war immer sehr viel Emotion da, viele Tränen, viel Lachen. Er war großartig. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein so expressiver, emotionaler Mensch sein ganzes Leben etwas verstecken konnte.

 

JK: Welche Rolle spielt die Musik der Roma für Ihre Musik?

Iva Bittová: Was ich mache, beruht eigentlich nicht auf Roma-Musik. Ich kenne nur ein paar Roma-Songs aus der Zeit, als ich siebzehn war, nicht davor. Aber vielleicht gibt es da doch irgendwelche Ähnlichkeiten: Was ich an Gypsy-Musikern bewundere, ist ihr Temperament, ihr unglaubliches Talent. In ihrer Musik geschieht alles sehr spontan, und das ist bei mir genauso. Ich bin sehr wild in meiner Musik, in meinem Ausdruck, ich halte mich nicht an irgendwelche Grenzen, ich bin offen, vieles passiert instinktiv, spontan. Da gibt es schon Parallelen zur Art, wie Roma Musik machen.

 

JK: Kann man sagen, dass die Nähe zur Roma-Musik bei Ihnen weniger in bestimmten Liedern, Melodien oder Rhythmen besteht, sondern mehr in einer bestimmten Haltung?

Iva Bittová: So kann man es ausdrücken. Für mich in meiner Musik ist es essenziell, in gewisser Weise „nackt“ zu sein als menschliches Wesen und auf diese Weise ausdrücken zu können, was ich ausdrücken muss. Da ist nichts, wohinter ich mich verstecken kann, keine Maske, ich bin total offen. Und das ist bei den Roma-Leuten ähnlich, wie sie singen und spielen, es kommt sehr direkt und ungefiltert aus ihrem Herzen und ihrer Seele. Und es ist dadurch auch sehr verletzlich, im Sinne, dass jemand sehr schnell sieht, wer man tatsächlich ist. Diese Musik zielt nicht auf eine bestimmte Wirkung ab, es ist einfach eine unmittelbare Reaktion auf das, was mir in meinem Leben geschieht.

JK: Was hat Sie dazu bewogen, am „Rajasthan“-Projekt teilzunehmen?

Iva Bittová: Seit dem Anfang meiner Karriere spüre ich, dass Indien der Ort ist, zu dem ich gehen muss, Indien ist einfach eine der wichtigsten Inspirationsquellen für uns Musiker, denken Sie nur an die Beatles. Ich habe immer gehofft, dass ich eines Tages die Gelegenheit haben würde, aber irgendwie hat es nie geklappt. Und als ich jetzt die Einladung von Marc bekam, dachte ich, das ist das Beste, was passieren kann, denn wir werden Zeit haben, wirklich mit den Musikern zusammen zu arbeiten. Außerdem werden wir nicht in einer Metropole sein, sondern in kleinen Orten auf dem Land. Man kann sich so viel besser auf die Musik konzentrieren, wird nicht so abgelenkt von Lärm und Geräuschen.

JK: Ist das „Rajasthan“-Projekt für Sie dennoch so etwas wie eine Spurensuche?

Iva Bittová: Vielleicht werde ich, wenn ich einmal dort bin, mehr über meine Wurzeln erfahren. Und vielleicht hilft es mir auch, Erlebnisse aus meiner Kindheit zu verstehen. Als Kind hatte ich dunklere Haut als die anderen, auch als meine Geschwister, die blond sind. Und manchmal riefen mir Leute „gypsy girl“ hinterher, oder Kinder wollten in der Schule nicht neben mir sitzen. In Rajasthan zu sein wird mir vielleicht helfen, solche Geschichten besser zu verstehen. 

Iva Bittová will nicht als „Roma-Musikerin“ gelten, sie versteht ihre Musik global. Und liegt im Label „Roma-Musikerin“ nicht auch eine unnötige Selbststigmatisierung, eine irgendwie überholte Festlegung von Kunst auf ethnische Wurzeln, perpetuiert man dadurch nicht ein verstaubtes Schubladendenken? Aber wieso nimmt Iva Bittová dann an einem Projekt teil, das sich explizit der Erforschung der Wurzeln der Roma-Musik verschrieben hat? Für Marc Sinan ist diese distanzierte, fast schon abwehrende Haltung gegenüber der eigenen Herkunft symptomatisch und in gewisser Weise auch integraler Teil des Projekts.

JK: Kannst Du Iva Bittovás distanzierende Haltung zur – möglichen – Roma-Herkunft ihres Vaters nachvollziehen?

Marc Sinan: Meine Großmutter in der Türkei ist Armenierin, und ich bin der einzige Enkel, der das offiziell anerkennt. Für die anderen ist das irgendwo zwischen Scham und Ablehnung. Und ich sehe da bei Iva ein ähnliches Moment. Das ist wie eine psychologisch kollektive Prädisposition oder auch ein unbewältigtes Trauma. Und das finde ich auch so interessant an der Haltung, die Iva dazu hat, die eine Schwester hat, die im Roma-Erbe aufgeht und eine Mutter, die das mit einem großen Fragezeichen versieht, nenn’ es Ablehnung, Scham oder Verunsicherung. Iva selbst ist da hin- und hergerissen. Und sagt aber trotzdem auf die Frage: Möchtest du an einem Rajasthan-Roma-Projekt als Solistin teilnehmen? ganz klar: Ja, denn ich wollte schon immer diesen Ort aufsuchen.

JK: Ist diese ablehnende Haltung möglicherweise auch ein für das „Rajasthan“-Projekt produktiver Widerspruch?

Marc Sinan: Was ich auf gar keinen Fall will, ist so ein Klischee-Gypsy-Projekt, und deswegen ist eigentlich auch die Tatsache interessant, dass Iva Bittová eine gewisse Distanz zu ihrem Roma-Background hat. Weil das eben bedeutet, dass wir quasi gar nicht Gefahr laufen, so ein Klischee-behaftetes Projekt zu machen, das ist schon mal ganz wichtig. Iva interessiert mich als Musikerin und als Performerin, und ich denke, dass wir unterwegs sehen müssen, was das bei ihr auslöst.

Unausweichlich wird es beim „Rajasthan“-Projekt auch um Vorurteile und Klischees gehen, gerade was die angeblich angeborene Musikalität der Roma betrifft. Es sind Vorstellungen von ungezügeltem Temperament, von eruptiver Leidenschaft, auf das die überzivilisierten, affektkontrollierten Sesshaften mit einer Mischung aus Neid und Verachtung blicken.

JK: Viele Roma-Musiker selbst identifizieren sich mit diesen Stereotypen von Leidenschaft und musikalischer Virtuosität. Wie willst Du solche Klischee-Fallen vermeiden?

Marc Sinan: Also wenn man sieht, in welcher Einfachheit und Rauheit und Härte, sowohl der Natur als auch der Gesellschaft, Menschen in Rajasthan überleben und dabei eine Musik von großer Tiefe und Fröhlichkeit entwickeln, dann fragt man sich, ist das nicht in allererster Linie ein Synonym für Lebenswillen und Lebenskraft. Aber in dem Moment, in dem ich das sage, mache ich womöglich aus dem Roma-Musiker den virilen, fröhlichen Zigeuner. Es ist eine Grundfrage, die ich mir immer wieder stelle: Wie kann ich mich möglicherweise dieser Geschichte nähern, ohne voreingenommen zu sein? Und ich denke, wie müssen es dadurch tun, dass wir weniger beurteilen als beobachten.

JK: Hattest Du als „Gadsche“, als Nicht-Rom, Skrupel, die Roma mit diesem Projekt zu „hegemonialisieren“, wie es in der Geschichte ja schon so oft vorgekommen ist? Wodurch fühlst du dich berechtigt, Roma-Traditionen für dein Projekt zu nutzen?

Marc Sinan: Die Amerikaner sprechen von appropriation, wenn man als Nicht-Mitglied einer ethnischen Gruppe über diese ethnische Gruppe erzählt. Das möchte ich natürlich nicht, und das wird auch nicht passieren. Der Ansatz ist in diesem Fall ein anderer: Ich bin ja kein Erfinder einer Fiktion, sondern ich bin Dokumentarist. Man würde sich bei einem Dokumentarfilmer ja auch nicht die Frage stellen, ist der Rom oder Nicht-Rom, wenn er Roma dabei begleitet, oder wenn er Menschen begleitet, die ihre Verbindung zu den Roma suchen, die sich auf den Weg nach Rajasthan begeben. Und das ist genau meine Rolle: Ich bin quasi der Dokumentarist, der sich der Mittel des dokumentarischen Musiktheaters bedient, um eine Geschichte zusammenzustellen, in der eben Roma Protagonisten sind. Das ist, denke ich, der einzig mögliche und richtige Ansatz, um sich dieser Geschichte zu widmen.

 

 

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