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Magazin #29

Hermann Hesse

Eine historische Begegnung 

Lukas Bärfuss fragt sich, warum wir Hermann Hesse nicht mehr lesen: Wir müssten uns schämen.

 

Das erste Mal vom Werk des Schriftstellers Hermann Hesse werde ich im Alter von zwölf Jahren gehört haben, als eines seiner Bücher, die Erzählung "Unterm Rad", an unserer Schule in den oberen Klassen in Mode war. Gelesen habe ich sie damals noch nicht, mit Ausnahme der ersten paar Seiten, aber ich erinnere mich deutlich an das Braun des Umschlages, das mir düster und bedrückend vorkam und gemeinsam mit dem Titel dafür sorgte, dass seither, wann immer ich an den Dichter Hermann Hesse denke, diese braune Bedrückung in meine Vorstellung steigt, eine Farbe, die zu seiner Gesichtshaut wird und zu einem W, einem Buchstaben, der im Deutschen nur selten am Ende eines Wortes steht, wie eben in Calw, dem Geburtsort Hesses, in Württemberg gelegen, wie es in den Klappentexten heißt.

Das alles müsste nicht interessieren. Auch nicht, dass ich mit sechzehn, wie so viele, "Narziss und Goldmund" und "Siddharta" in kurzer Folge verschlang. In jenem ersten Jahr nach der obligatorischen Schulzeit arbeitete ich in der Fremde und war auf mich alleine gestellt. Eine deutliche Erinnerung an die Lektüre besitze ich nicht. Andere Bücher haben sich tiefer eingeprägt. Seither habe ich Hermann Hesse kaum je gelesen. Hier und da bin ich ihm begegnet. Ich ließ ihn beiseite.

In ihren Umrissen dürfte meine Erfahrung typisch sein. Nur deshalb kann sie interessieren: um zu begreifen, wie sich im Verhältnis eines Lesers zu seinem Autor der Zeitgeist spiegelt. Dieser Leser ist ein jugendlicher Mensch, und die Jugend, gerade in der bürgerlichen Gesellschaft, ist ein Problem, eine Gefahr, die manche nicht überleben.

Hermann Hesse erzählt von dieser Gefahr, von der Tödlichkeit gewisser Gedanken. Er berichtet von der Begabung, dem Gefühl, der Innigkeit, die auf dem Weg vom Kind zum Mann verloren geht. Er weiß von den Abrichtungen und Zurichtungen zu erzählen, die notwendig sind, um ein ordentliches und vernünftiges Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu werden. Und oft genug überlebt das Kind die Verwandlung zum Manne nicht.

Weil die Jugend eines Tages zu Ende geht, findet auch die Hesse-Lektüre meistens ein Ende. Der erwachsene Bürger braucht keinen Demian, keinen Steppenwolf. Ein schwärmerisches Leben ist in dieser Gesellschaft in aller Regel untauglich.

Ein Fall allerdings ist Hesse geblieben, ein aufschlussreicher und einzigartiger Fall in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Das hat verschiedene Gründe. Da sind zuerst die Dauer und die Breite seines Erfolges. In den hundert Jahren zwischen 1896, dem Jahr von Hesses Debüt, und 1996, als der vierte Band seiner Briefe erschien, gab es kaum ein Jahr ohne Neuerscheinung. Seine Bücher haben sich über hundert Millionen Mal verkauft. Er hat der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur ihren wichtigsten Verlag gegeben und finanziert. Man hätte ihm also genug zu verdanken. Er könnte ein Vorbild sein. Aber niemand will Hermann Hesse nacheifern. Welcher zeitgenössische Dichter versteht sich in seinem Erbe, in seiner Tradition? Und welche junge Akademikerin wird ihre Laufbahn auf seine Texte bauen?

Hermann Hesses Werk steht unter Kitschverdacht. Man könnte anhand seines Werkes eine Geschichte des Kitsches, das heißt, der Stufen, der Arkaden, der Zeremonien schreiben, mit welchen die bürgerliche Kultur ihre Werke einführt. Die Schaukästen in den Museen, die Gucklöcher in den Jahrmarktsbuden, die Vorzugsausgabe in Halbleinen und Vollleder, die Ausstattungen, mit denen einem Werk sein Rang zugewiesen wurde, die Feierlichkeit, der Platz des Obszönen und des Vulgären – alle diese Strukturen und Ordnungen haben nicht verhindert, dass Hesses Werk über seine Ränder lappt. Seine Werke sind nicht geblieben, wo man sie haben wollte.

Für die Anti-Kommunisten war er ein Wolf im roten Schafspelz. Für die realexistierenden Sozialisten blieb er mit seinem spirituellen Einschlag unzuverlässig. Die polarisierte Welt verlangte von jedem eine Anschauung. Es gab kein Entrinnen.

Trotz seiner ideologischen Unzuverlässigkeit wollten ihn die Verantwortlichen in der DDR drucken. Das Komitee in Stockholm kam nicht an ihm vorbei, obwohl sie ihn für einen Anarchisten hielten. Oder war auch das nur eine Phase gewesen, eine Phase der frühen Jahre? Und die konservative Kritik wollte wissen, ob da nicht einer die Sitten der Jugend vergiftete, die Jugend, die ebenfalls zum Problem wurde und den Namen 68 bekam.

Seine Staatbürgerschaft war ein sprechendes Abbild seiner Flatterhaftigkeit. Als Sohn eines deutsch-baltischen Missionars per Abstammung mit russischer Staatsbürgerschaft versehen; mit vier Jahren, weil sein Vater eine Stelle in Basel annahm, zum ersten Mal Schweizer. Rückkehr nach Calw und daher, aus schulischen Gründen, Württemberger. Ende Vierzig wird er wieder und endgültig Schweizer. Dieses Hin und Her macht verdächtig, bis heute. Niemand wird Hermann Hesse als Schweizer in Anspruch nehmen. National betrachtet ist er eine Chimäre, ein Zwitter. Was sollte man von einem Mann halten, der offenbar keine natürliche Heimat besaß?

Diesen Argwohn spürt man in der Dokumentation seiner politischen Schriften an vielen Stellen. In seinem Briefwechsel mit Heinrich Rothmund, Chef der Fremdenpolizei zwischen 1919 und 1954. Danach in den Unterstellungen, Andeutungen eines Literaturkritikers der Nationalzeitung in Basel, wo er mehr oder weniger offen als Nazi-Kollaborateur denunziert wurde.

Diese Auseinandersetzungen sind längst Geschichte. Der Pulverdampf ist verzogen, die Trümmer sind beseitigt. Und doch bleibt über den stillen Gräbern mancher Dichter eine Scham. Es ist diese Scham, die den Fall Hesse auszeichnet. An ihr kann man etwas über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft im 20. Jahrhundert lernen.

Im Zentrum der Aufklärung und damit der bürgerlichen Gesellschaft steht ein Versprechen. Es ist die Methode des René Descartes, festgehalten in seinem "Discours de la méthode", zuerst erschienen im Jahr 1637 in Leyden.

"Dagegen scheue ich mich nicht zu behaupten, dass ich glaube, ich habe insofern großes Glück gehabt, als ich mich seit meiner Jugend auf gewissen Wegen fand, die mich auf Überlegungen und Grundsätze führten, aus denen ich eine Methode entwickelt habe, in der ich – wie mir scheint – ein Mittel besitze, meine Erkenntnis schrittweise zu erweitern und sie nach und nach zum höchsten Gipfel zu erheben, den zu erreichen ihr die Mittelmäßigkeit meines Geistes und die Kürze meines Lebens gestatten."

Schrittweise Erweiterung der Erkenntnis bis zum höchsten Gipfel – gilt das nur für die Wissenschaft? Oder darf und soll man dies auch biografisch verstehen? Wenn wir unsere Erkenntnis erweitern, führen wir dann ein besseres Leben? Und was wäre das, dieses bessere Leben? Ein Leben ohne Leiden? Nach dem 20. Jahrhundert wissen wir: Diesem Gipfelsturm verdanken wir die Früchte der modernen Gesellschaft.

Der Europäer des 21. Jahrhunderts aber misstraut diesem cartesianischen Versprechen. Er weiß, wie zwiespältig die Früchte dieses Fortschrittes ausfallen können. Rückschläge sind üblich, der Bankrott droht täglich. Der Zeitgenosse hat gelernt, seinen Alltag pragmatisch anzugehen. Das heißt in seinem Fall: darauf zu achten, als wirtschaftliches Subjekt zu bestehen. Berechenbar, und damit bewertbar, mit einem Preis versehen. Wie die Briten sagen: To make a living!

Das Problem mit dem Begriff des Fortschritts besteht für den Zeitgenossen in der fehlenden Möglichkeit, ihm eine Richtung zu geben. Die Resultate aus der Forschung werden hingenommen. Die Modelle sind akzeptiert. Wie könnte er anders? Wie könnte er sich erlauben, der Zeitgenosse, sich einem unnötigen Risiko auszusetzen? Er darf nicht kündigen. Er darf stunden. Danach muss er zurückkehren in den Kreis des Wirtschaftens. Seine Existenz verlangt eine Konsolidierung. Sturm und Drang dürfen nicht über eine gewisses Alter hinausreichen. Erwachsen werden heißt diese Pflicht. So wird er die Resultate aus Ökonomie und Pharmazie nicht mehr hinterfragen, er wird sie schlucken, einmal im übertragenen, einmal im wirklichen Sinn.

Und wenn ihn dabei, in seiner Stagnation, jemand an das Versprechen erinnert, also an den cartesianischen Gipfel, an das Große, Unverhandelbare, an die Grundsätze, dann fühlt sich der Bürger ertappt. Es war nicht so gemeint. Veränderung als Ansporn ja, aber nicht als Anspruch.

Aber Christus starb mit dreiunddreißig, und da es noch Relikte der christlichen Mystik in der Kultur der bürgerlichen Gesellschaft gibt, da die Bergpredigt und damit das Versprechen auf Verwandlung tradiert wurde, ahnt der erwachsene Bürger, wie wenig Frieden in seiner wirtschaftlichen Existenz zu finden ist. Und diese Leere im Zentrum seiner Existenz bedarf einer Kompensation.

Das Geistige hat in unserer Generation eine technologische Zuflucht gefunden. Die Gurus von heute sind die Software – und Apparatemanufakturanden. In ihren Werkstätten wird die Verbindung des östlichen mit dem westlichem Erbe gepflegt. Beerbt haben sie die Antiquare, die No-Masken und Buddhastatuen in ihre Bibliotheken hängten. Der Osten: Das war die längste Zeit etwas für Sonderdrucke und Bibliophile. Heute, nach der Hochzeit im Silicon Valley, ist er Mainstream.

Rettung wird von diesem Geist nicht erwartet, die Technologie wird den Bürger nicht erlösen. Die Aufklärung hat die Gewaltexzesse nicht verhindert. Sie hat sie beschleunigt und ausgedehnt. Die Literatur als Propaganda, die Physik als Grundlage der Artillerie, die Chemie im Kampfstoff, die Verwaltungswissenschaften als Voraussetzung für die industrielle Vernichtung von Menschen: Dies ist alles bewiesen und beschrieben, es ist die Erfahrung des Zeitgenossen.

Er flieht vor diesen Widersprüchen in die Innerlichkeit, sucht die Gelassenheit, die Tugenden der griechischen Stoa. Sie war schon einmal die Rettung für Untertanen, denen die Möglichkeit auf Veränderung genommen wurde, unter der Herrschaft des römischen Kaisers Augustus, als jede politische Betätigung tödlich und das Heil nicht im Öffentlichen, sondern nur im Privaten zu finden war. „Stoizismus stand tatsächlich für Ordnung und Monarchie.“ So schreibt Ronald Syme in seinem Buch über "Die römische Revolution" unter Augustus. Die Monarchie, jene Herrschaft, die sich durch das Dritte rechtfertigt, jenes, das sich nicht rechtfertigen lässt und als gegeben gesehen muss, findet man in den letzten Ahnungen an einen Kanon. Der zeitgenössische Mensch weiß noch von einer Ordnung, die es einmal gegeben haben muss und die jedem Inhalt seinen gemäßen Platz gab. Er unterstellt dieser Ordnung eine tröstende Wirkung. Wer in ihr lebte, trennte das Unwichtige vom Wesentlichen. Er vermochte zu urteilen. Dem Zeitgenossen ist das tröstende Urteil nur noch als Geste möglich, als Zitat. Urteilen heißt heute eine wirtschaftliche Wahl treffen.

Es ist die Erinnerung an das gebrochene Versprechen, die mich bei der Lektüre von Hermann Hesse als Scham befällt. Scham ist die soziale Erkenntnis der Schwäche. Sie geht einher mit dem Mitleid. Aber beides, Scham und Mitleid, sind einem erfolgreichen Leben in der bürgerlichen Gesellschaft abträglich, sie müssen ersetzt werden. Für das Mitleid hat man ein Synonym gefunden, die Empathie, das Mitgefühl. Mitgefühl wird als Kompetenz gewertet, als Mittel, um eine soziale Situation zu entschlüsseln, zu verbessern und möglichst gut zu nutzen. Der Kaufmann, der Händler, benötigt Empathie. Er will die Bedürfnisse des Kunden verstehen. Je besser er sie versteht, umso genauer kann er seine Dienstleistung entwickeln. Mitgefühl ist die Affirmation des Bestehenden, Kritik aber bedarf des Mitleids. Dort liegt die gemeinsame Wurzel des Christentums und der westlichen Wissenschaft. Sie hat die Idee, dass es eine Erlösung nur durch die Schwäche und das Mitleid geben kann, säkularisiert.

Für den Bürger des 21. Jahrhunderts gibt es keine Erlösung, es gibt nur Lösungen. Die Sehnsucht nach der Aufhebung aller Widersprüche allerdings ist er nicht losgeworden, er hat sie bloß verdrängt. Die Lektüre von Hermann Hesse erinnert ihn an diesen Akt der Verdrängung. Sie befällt ihn als Schamgefühl. Wenn er eines Tages damit wird leben lernen, dass es keine Rettung, keinen Gipfel, keinen Gott gibt und jede Suche danach sinnlos ist, dann wird ihm Hermann Hesse ganz fremd geworden sein. Die Scham bezeugt, dass er Hesse, trotz allem, immer noch versteht.

 

 

 

 

 

 

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