Work in Progress

Filmfestivals und Filmreihen zum Thema "Arbeit in Zukunft"

Für das Projekt Work in Progress wurde von den Freunden der Deutschen Kinemathek e.V. in Berlin (FDK) ein Pool aus 25 Filmprogrammen zum Thema "Arbeit in Zukunft" erstellt und im Rahmen eines Festivals vom 1.-3. September 2006 im Berliner Kino Arsenal präsentiert.

Der Filmpool umfasste 75 Filme, darunter Kurz- und Langfilme, dokumentarische, künstlerische und fiktionale Arbeiten sowie historische Filmwerke. Kinos, Festivals, Kulturinstitutionen, freie Initiativen und Kuratoren konnten sich um eine Förderung bewerben, wobei der Filmpool als Anregung und Orientierung für die Konzeption von regionalen Filmfestivals und -reihen diente.

Am 15. November 2006 hat die Jury von Work in Progress über die eingegangenen Anträge entschieden und 37 davon zur Förderung empfohlen. Insgesamt haben in 21 Kinos (Kommunale und Programmkinos sowie einige Cineplexe) und an 19 anderen Veranstaltungsorten (Kulturhäuser, Kulturvereine etc.) Filmreihen stattgefunden. Bundesweit gab es an über 50 Spielorten Vorführungen - darunter auch zahlreiche Open-Air-Vorführungen.

Die Projekte wurden von regionalspezifischen, teilweise sehr umfangreichen Veranstaltungen begleitet. Ihre Bandbreite umfasste Vorträge, Podiumsdiskussionen, Gesprächsrunden, Informationsveranstaltungen, Schulprojekte, Workshops, Stadtführungen, Betriebsbesichtigungen, Exkursionen, Wettbewerbe, Begleitausstellungen, Begleitkonzerte, Partys und Empfänge. Oft wurde auf lokale Ereignisse Bezug genommen und regionale Filme oder Filmemacher eingebunden. Manche Projekte wurden als komprimierte thematische Filmfestivals, andere in Form von längerfristigen Filmreihen durchgeführt.

Die durch Work in Progress angestoßene Gelegenheit, Vernetzungen zwischen Kinos, anderen Kulturveranstaltern und lokalen Initiativen, Einrichtungen und Betrieben herzustellen, wurde von den Antragstellern ambitioniert genutzt.

Auffällig ist, dass die meisten Projekte sich auf Erwerbsarbeit konzentrierten, seien es die Folgen des Mangels an Erwerbsarbeit oder ihre historischen Dimensionen. Andere Zugänge zum Thema "Arbeit", z.B. über "Freizeit", blieben eher unberücksichtigt.
 



Beispiele für geförderte Filmreihen

Eine dreimonatige Filmreihe in OSNABRÜCK beschäftigte sich mit dem Wandel vom Industriestandort (Stahl, Bergbau, Textil, Fahrzeugbau) zur Dienstleistungsmetropole. Mit mobiler Projektionstechnik wurde pro Woche jeweils ein Filmprogramm an einem (ehemaligen) "Ort der Arbeit" vorgeführt. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Zusammenspiel zwischen Film und Präsentationsort. So diente das Zechengelände Piesberg als Spielort für eine englische Komödie über den Arbeitskampf in einer Kohlegesellschaft ("Brass Off" von Mark Herman). Im nahe gelegenen Steinbruch ging es mit Michael Glawoggers "Workingman's Death" um körperliche Schwerstarbeit und auf dem Betriebsgelände der NordWestBahn erzählte Ken Loachs "The Navigators" von den Folgen der Privatisierung der britischen Eisenbahn. In der Osnabrücker Innenstadt wurden abends nach Geschäftsschluss Kurzfilme im Rahmen eines geführten Rundgangs an geeignete Hausfassaden projiziert und in einem leerstehenden Ladenlokal dokumentierte der Film "Die Billigheimer" von Mirko Tomic die Wirtschaftsgeschichte von Discountern. Auch Fritz Langs "Metropolis", jene berühmte Dystopie der fordistischen Industriestadt, versprach als Vorführung in der Osnabrücker Lutherkirche ein besonderes Filmerlebnis.



Die Geschichte des Kurorts BAD TÖLZ ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts eng mit den Jodquellen und dem Badebetrieb verbunden. Seine größte Blütezeit erlebte er in den Jahren des Wirtschaftswunders mit dem Aufkommen der "Sozialkur", die die Arbeitskraft der Industriearbeiter wiederherstellen sollte. Unter dem Titel "Tölzer Filmkur" fand in Bad Tölz ein Filmfestival zur Zukunft von Arbeit und Erholung statt. Das Filmprogramm umfasste sowohl Dokumentarfilme zur Geschichte der Kur in Bad Tölz als auch kürzere und längere Spielfilme zur Arbeit der Zukunft, wie beispielsweise "Aji" von Li Ying (2003). Die Veranstaltungen fanden im Areal um den Jodquellenhof statt: Openair im Park, in der beeindruckenden Wandelhalle aus den 1920er Jahren und im Erlebnisbad Alpamare. Der Austausch mit dem jungen Künstlerresidenzprogramm hat die Diskussionen mit zeitgenössischer Kunst und Kultur verbunden: Wie beeinträchtigen und beanspruchen die neuen Formen der Arbeit die Gesundheit und das Wohlbefinden? Welche Erwartungen richtet eine neue kreative "Klasse" an Erholung? Und wie sieht dann die Kur der Zukunft aus? Was kann und will sie leisten? Und welche Rolle kommt Kunst und Kultur dabei zu?



Ein lokales Bündnis für Film im Zeichen der Arbeit bildeten in BREMEN das kommunale Kino 46, die Universität, die Handelskammer, die Arbeitnehmerkammer sowie diverse Betriebe und Betriebsräte. In elf Filmprogrammen und einem umfangreichen Begleitprogramm wurden Antworten gesucht auf Fragen wie: Was lesen Zukunftsforscher aus Science-Fiction-Filmen? Macht Pendeln zum Doppelagenten? Wie lebt die "digitale Bohème"? Gelingt Selbstverwirklichung besser ohne oder besser trotz Einkommen und wie sehen die Berufe der Zukunft aus? Mit kabarettistischen Beiträgen, einer Ausstellung, mehreren Talkshows, Lesungen und Seminaren und mit dem "Bremer Immigrantenchor" wurden multimedial zusätzliche Perspektiven zum Thema Arbeit geboten. Den Auftakt zu dieser viermonatigen Reihe bildete eine theatralische Prozession für "San Precario".



In der Sowjetunion definierte das Kommunistische Manifest die Arbeit als einzige Schöpferin aller Bildung und aller Kultur. Um zur Arbeit zu motivieren, wurden nach militärischem Vorbild Orden und Titel wie z.B. "Held der Arbeit" vergeben. Alle Gebiete menschlicher Tätigkeit wurden zur Arbeit an der Front deklariert, an der es unaufhörlich zu kämpfen gelte, Parolen wie "Kampf mit der Natur" und "Kampf gegen Schwäche" prägten den Alltag. Die Herkunft und die allmähliche Auflösung dieses gesellschaftlichen Selbstverständnisses ab den 1970er Jahren untersuchte eine Filmreihe, die das Kino Krokodil in BERLIN realisierte. Sie umfasste 20 russische Filme, die zwischen 1930 und 2006 entstanden, darunter auch "Der helle Weg" (1940) von Grigorij Aleksandrow, in dem die Legende vom Produktionsrekord einer Weberin im Textilindustriegebiet Iwanowo erzählt wird. Passend dazu zeigte eine Begleitausstellung die heutigen Folgen des Strukturwandels in Iwanowo und ein Vortrag erläuterte die damalige Vermittlung von Arbeiteridolen durch Filme wie "Der helle Weg".



Das Filmhaus NÜRNBERG realisierte zusammen mit dem Kulturzentrum K4 eine umfangreiche Filmreihe zu unterschiedlichen Aspekten des Wandels der Arbeitsgesellschaft. Am Beispiel des örtlichen AEG-Streiks ging es u. a. um die Folgen der Globalisierung. Lokale Akteure und Filmemacher sollten dabei einbezogen werden. Anhand des Filmwerks von Harun Farocki wurde die Technisierung menschlichen Handelns erkundet und am Beispiel von Dokumentarfilmen des Nürnbergers Thomas Schadt das Thema Langzeitarbeitslosigkeit (mit Begleitveranstaltungen der Agentur für Arbeit). Um Utopien von der Freiheit mit und ohne Arbeit ging es bei den Filmmärchen von René Clair und Aki Kaurismäki, mit Filmwerken von Mábety und Edina Kontsek wurde Kinderarbeit thematisiert. Das Segment "Frauen & Arbeit" wurde in Zusammenarbeit mit Nürnberger Frauenprojekten und das Segment "Arbeit als Krankheitsrisiko" unter Einbeziehung von Betriebsärzten und des Nürnberger Forums für Psychoanalyse konzipiert. Den Abschluß bildete eine große Diskussionsveranstaltung zum Thema "Zukunft der Arbeit in Nürnberg" mit Experten aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik.



Der Arbeitskreis Film in REGENSBURG begab sich in der zwölfteiligen Reihe "Erst die Arbeit und dann" auf eine Spurensuche der anderen Art: Neben einer vielseitigen Bestandsaufnahme über das aktuelle "Elend der Arbeit" (G. Seeßlen) wurde in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Evangelischen Bildungswerk, der BMW AG u.a. danach geforscht, wie Arbeit als Element eines gelingenden Lebens aussehen müsste. Es ging um filmische Momente der Besinnung, der Lust, der Verweigerung und der Solidarität. Den utopischen Gehalt vom Nachdenken über Arbeit illustrierten Klassiker wie "Themroc" von Claudio Faraldi (1973), Charlie Chaplins "Modern Times" (1936), aber auch aktuelle Werke wie "Ultranova" von Bouli Lanners (2004) oder Aki Kaurismäkis "Wolken ziehen vorüber" (1996). Neben der Filmreihe wurden in der Eröffnungswoche mit Vorträgen, Podiumsgesprächen und der Dokumentarfilmproduktion "Regensburg denkt über Arbeit nach" regionale Bezüge geschaffen.



Bei "Movement - das bewegende Filmfestival" in ERFURT wurde das Thema Arbeit in Bezug zu Mobilität gesetzt. Diesem Fokus entsprach nicht nur die Zusammenstellung der Filmreihe, sondern auch die Spielflächen selbst wurden räumlich voneinander getrennt und lose im öffentlichen Raum verankert: Installationen, Filmvorführungen und theatrale Aktionen verdichteten sich zu einem Netz, das die Stadt durchzog und per Straßenbahn erfahrbar wurde. Diese war dabei einerseits Transportmittel für die Zuschauer und andererseits Austragungsort für überraschende Performances, mit denen Fahrgäste in das Festival involviert wurden. Eine begleitende Ausstellung präsentierte Ergebnisse einer Foto-Aktion, in der Erfurter Bürger mittels Einwegkameras die Veränderungen von Arbeit in Schnappschüssen aus ihrer Umgebung festhielten.

Städte, in denen Filmreihen zum Thema Arbeit in Zukunft gezeigt wurden:

Bad Tölz, Berlin, Braunschweig, Bremen, Erfurt, Frankfurt/Main, Frankfurt/Oder, Freiburg, Gera, Görlitz, Hamburg, Hannover, Jena, Köln, Leipzig, Leverkusen, Magdeburg, Marburg/Lahn, München, Münster, Nauheim/bei Rüsselsheim, Nürnberg, Oldenburg, Osnabrück, Passau, Potsdam, Regensburg, Rudolstadt, Sindelfingen, Singen/Reichenau, Suhl, Villingen-Schwenningen, Weimar, Weiterstadt, Zollhaus/Hahnstätten.

Work in Progress - Kinematografien der Arbeit

Das Buch dokumentiert das Projekt "Work in Progress" als ein Porträt engagierter Kinoarbeit in Deutschland. Zugleich stellt es eine nützliche Anthologie zum Thema Arbeit im Film dar. Es umfasst die Kapitel Theorie, Kinopraxis und Filmindex und ist ein Nachschlagewerk für über 400 Filme aller Genres und Formate. Diese zeigen den Wandel der Arbeits- gesellschaft in dokumentarischen, künstlerischen und fiktionalen Bildern; ergänzt durch sieben exemplarische Texte, die aus filmtheoretischer Sicht das Spannungsfeld von Film, Kino und Arbeit untersuchen.
Hg.: Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. Das Buch ist 2007 im b_books Verlag erschienen. 315 Seiten. 19,80 Euro. ISBN: 3-933557-85-2.