Tagung Kulturen des Bruchs
Tagung "Kulturen des Bruchs", Gespräch "Nach den Schlachten" auf der Bühne der Berliner Festspiele am 28. Juni 2012, Foto: Kulturstiftung des Bundes / Joachim Loch
Tagung "Kulturen des Bruchs", Abendempfang am 28. Juni 2012, Foto: Kulturstiftung des Bundes / Joachim Loch
Tagung "Kulturen des Bruchs", Rangfoyer im Haus der Berliner Festspiele am 29. Juni 2012, Foto: Kulturstiftung des Bundes / Joachim Loch

Kulturen des Bruchs

Eine Tagung der Kulturstiftung des Bundes im Haus der Berliner Festspiele

Keine andere Zeit rechnet so mit den Beständen wie unsere Gegenwart. Unsere Speicher sind randvoll mit den Errungenschaften vergangener Zeiten. Gerade die zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer standen im Zeichen forcierter historischer Selbstvergewisserung. Die Erinnerungskultur wurde zur geheimen Räson der sich formierenden Berliner Republik und das "Gedächtnis" stieg zur Leitvokabel auf.

Wie fern liegt uns heute die einstmals avantgardistische Geste, die gerade im Abbruch, der Zäsur den Boden für Innovation sah. Nur der Blick zurück scheint noch die Sicherheiten zu gewähren, die der Sturm auf uns einstürzender, bisher undenkbarer Ereignisse zu kassieren droht - von 9 /11 bis Fukushima. In der Welt, die politisch, ökonomisch und ökologisch aus den Fugen zu geraten scheint, wird der Griff in die Register allein aber nicht mehr zur Orientierung reichen. Gefragt sind heute Kulturen des Bruchs. Wie lassen sie sich denken - nur als Verlust oder auch als Freiheit?

So brisant diese Jahre sind, so wenig haben wir bisher ein Gefühl für die Gravität unseres eigenen Zeitalters gewonnen, das Neue auf den Begriff gebracht. Die Thesen stolpern den Ereignissen hinterher. Im allgemeinen Retrogeist der Stunde werden unsere Erwartungen von den alten Erfahrungen geleitet. Anstatt Agenten der Zukunft sind wir Verwalter der Vergangenheit geworden. Sie scheint in unübersichtlicher Zeit die bad bank zu sein, bei der wir unsere Risiken und Unfähigkeit zur Entscheidung auslagern. Auf dem Programm steht nicht weniger als ein grundsätzliches Gespräch zur intellektuellen und im weiteren Sinne kulturellen Lage. Können wir im freien Feld eines neuen Jahrhunderts brechen mit überkommenen Positionen, Begriffen und Lektüren? Oder stellt die Vergangenheit ein unhintergehbares Archiv an Erfahrungen bereit für unsere Entscheidungen?

Mit der Tagung Kulturen des Bruchs versammelte die Kulturstiftung des Bundes herausragende Köpfe aus Wissenschaft, Kunst und Politik, die sich mit den Gründen und Energien unserer Memoria-Leidenschaft auseinandersetzten und nach Alternativen suchten. Eine fundamentale Aussprache über Nutzen und Nachteil des Vergessens für unser Leben.

Leitung und Konzept: Stephan Schlak / Friederike Biron, Berlin
Idee: Friederike Tappe-Hornbostel
Produktion und Beratung: Samo Darian, Katrin Klingan, Katja Sussner (relations projekte GbR), Berlin

Alle Podien und Vorträge waren in deutscher Sprache.

Das Kongressprogramm

Donnerstag, 28. Juni 2012

19 – 20.30 Uhr, Auf der Bühne
Begrüßung
Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes und Stephan Schlak, Leitung Kulturen des Bruchs

Gespräch
Nach den Schlachten

Das Gebot zu erinnern war verbindlich für die Räson der alten Bundesrepublik. Alle zehn Jahre entzündete sich das Selbstgespräch der Nation neu – an Büchern, Filmen oder Theaterstücken. Gerade nach dem Fall der Mauer in den Neunzigerjahren war die deutsche Katastrophengeschichte stets präsent. Die Erinnerungskultur war die informelle Leitkultur des Landes. Christian Meier hat darauf hingewiesen, dass das Gebot zu vergessen und die Kultur des Schlusstriches von den Griechen bis zum Ersten Weltkrieg weitgehend die Praxis nach Krieg und Friedensschlüssen war. Was ließe sich aus diesem alteuropäischen Gebot in unsere Zeit hinüberretten? Welche Zukunft hat die Kulturtechnik des Vergessens? Wie sollen Erinnern und Vergessen im 21. Jahrhundert austariert sein, wie bindet die Vergangenheit uns bei politischen Entscheidungen? Lassen sich aus der alten Welt Alternativen zu den Krisen und der Unregierbarkeit unserer eigenen Zeit gewinnen? Oder müssen wir ausgerechnet im Schatten Athens – der Euro- und Finanzkrise – mit den Lektionen der Nachkriegszeit brechen?
Der Verfassungsrechtler Ulrich K. Preuß sprach mit dem Althistoriker Christian Meier. Es moderierte Ijoma Mangold.

Achtung Programmänderung: Leider musste Bundestagspräsident Lammert seine Teilnahme an diesem Gespräch aus terminlichen Gründen kurzfristig absagen.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Begrüßungsreden und des Gesprächs "Nach den Schlachten"

Ab 20.30 Uhr, Kassenhalle, Garten
Empfang

(Möglichkeit zum Public Viewing des EM-Halbfinalspiels in Rangfoyer und Garten)

Freitag, 29. Juni 2012

11 – 12.30 Uhr, Auf der Bühne
Vergessenshilfe I - Vortrag
Das Vergessen. Über die Historisierung der Erinnerung

In der modernen Zivilisation wächst immer noch wissenschaftlich und technisch, kulturell und institutionell die Neuerungsrate. Komplementär dazu erhöht sich zugleich die Alterungsrate und die Verständlichkeit unserer Herkunftswelten nimmt ab. Rascher als die Erinnerung expandiert das Vergessen. Friedrich Nietzsche hat dieses Vergessen für lebensnotwendig gehalten und den Historismus für schädlich. Das Vergessen als Medium des Glücks. Würde Nietzsche heute leben, so müsste er sich wundern, welche Grade der Intensität historisierender Vergangenheitsvergegenwärtigung unsere Zivilisation aushält, ohne darüber an Innovationsdynamik und damit an Zukunftsfähigkeit zu verlieren. Überall intensiviert sich die Selbsthistorisierung der modernen Zivilisation. Ein Vortrag des Philosophen Hermann Lübbe vorgetragen von Jens Hacke.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Vortrags von Hermann Lübbe vorgetragen von Jens Hacke

11 – 12.30 Uhr, Kassenhalle
Podiumsdiskussion
Krise und Kritik

Mit Fukushima werden die atomaren Ängste der Achtzigerjahre wahr. Im Islam lauern die Gefahren eines arabischen Faschismus. In der Finanzkrise droht ein neues 1929. Unsere Semantik der Krise sucht Halt in der Geschichte. Die Krise und in ihrem Gefolge die Kapitalismuskritik haben Konjunktur. Aber ist 'Krise' überhaupt die präzise Diagnose unserer Lage? Linke Stichworte aus den Siebzigerjahren werden auf Wiedervorlage gesetzt. Wieder einmal scheint in der Schuldenspirale die Stunde des Spätkapitalismus gekommen. In Europa gewinnt ein emphatisches politisches Vokabular an Bedeutung: "Ausnahme", "Hegemonie", "Souveränität". Verführt unsere ungewisse Schwellenzeit zu autoritären Lösungen? Oder bietet sie die Chance, die Elementarfrage politischen Daseins fundamental neu zu stellen: Wie wollen wir leben? Ein Podium mit dem Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe, dem Soziologen Hartmut Rosa und dem Staatsrechtler Christoph Schönberger. Es moderierte Martin Bauer.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Krise und Kritik"

12 – 13.30 Uhr, Rangfoyer
Podiumsdiskussion
Architektur der Zukunft

Lange Zeit war die Architektur das letzte Reservat der Avantgarde. Hier konnte noch groß gedacht und geträumt werden – ungeachtet aller musealen Retro-Schleifen, die die anderen Künste längst befallen hatten. Nun büßt sie vielerorts für die städtebaulichen Sünden der Nachkriegszeit und sucht Anschluss an Tradition und bewährte Formensprachen. Stehen auch hier die stilistischen Zeichen auf Restauration? Oder lässt sich erst heute jenseits der Moderne-Ideologie der Nachkriegszeit frei und unbefangen denken und gestalten? Darüber sprachen der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm, der Architekt Lars Krückeberg (Graft) und der Architekturtheoretiker Michael Mönninger. Es moderierte Silke Hohmann.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Architektur der Zukunft"

14 – 15.30 Uhr, Auf der Bühne
Podiumsdiskussion
Jenseits der Begriffe

Von den Begriffen ging einmal eine besondere Kraft aus. Was heute in den Kulturwissenschaften die Dauerrede vom Bild ist, war über lange Jahre der Begriff – der akademische Universalschlüssel zum Verstehen der modernen Welt. Die intellektuell asketische Zeit, in der die Theorie der Königsweg der Erkenntnis war, ist heute historisierbar. Die innovatorischen Köpfe der Geisteswissenschaften brechen aus dem rationalistischen Denkstil der Nachkriegszeit aus. Ob sie nun das Archiv, den Augenschein, die Präsenz, die Evidenz oder die Materialität der Dinge beschwören — überall öffnet sich ein Sehnsuchtsland jenseits der Begriffe, Konstruktionen und Vermittlungen. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der Kulturtheoretiker Helmut Lethen und der Historiker Ulrich Raulff versuchten dem Aufstand auf die Spur zu kommen. Es moderierte Stephan Schlak.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Jenseits der Begriffe"

14 – 15.30 Uhr, Rangfoyer
Podiumsdiskussion
Die Nachgeborenen*

"Schafft die Museen ab" – forderte Philipp Blom kühn vor ein paar Jahren in einem Essay in der ZEIT. Wogegen er sich wandte, war die Historisierung aller Lebensbereiche, die die Gegenwart und ihre Zukunft immer weiter zusammenschrumpfen lässt. Das Heute als Museum des Gestern. Die Zukunft ist kein Raum der Verheißung mehr. Sie ist kolonialisiert mit unseren Ängsten — vom Atom bis zur Altersversorgung. Aber das Unbehagen an einem Kleinmut, der sich auf das Vermehren der Bestände im Jetzt reduziert, ohne die Frage des "Wozu" zu beantworten, wächst bei den Nachgeborenen. Sind wir zur Musealität und Epigonalität verdammt? Oder haben die Nachgeborenen noch den Willen zur Zukunft? Darüber sprachen der Historiker Philipp Blom, der Journalist Ralph Bollmann und der Philosoph Andreas Urs Sommer. Es moderierte Karin Fischer.

*Diese Veranstaltung wurde aufgezeichnet und in der Sendereihe Das Kulturgespräch am 29. Juni 2012 um 19:15 Uhr auf Deutschlandfunk gesendet sowie zeitgleich bei SR2 ausgestrahlt. 

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdikussion "Die Nachgeborenen"

16 – 17 Uhr, Kassenhalle
Gespräch
Abenteuer des Augenblicks

Jenseits der literarischen Moden hat Dieter Wellershoff, Jahrgang 1925, eine ganz eigenständige Rolle in der deutschen Gegenwartsliteratur eingenommen. Er ist einer der bedeutenden realistischen Autoren, ohne daraus ein Postulat abgeleitet zu haben. Weder hat er die Literatur mit sozialen Aufgaben befrachtet, noch in ihr ein reines Sprachspiel gesehen. Literatur versteht er als eine imaginäre Probebühne, in der sämtliche Möglichkeiten existentieller Erfahrung in aller Konsequenz ausgereizt werden. Liebe und Tod sind die Intensitätsgrade vieler seiner Romane. Sie enthalten Innenansichten der Nachkriegszeit, voller Abgründe, Risse und zufälliger Begegnungen, die quer stehen zu den bundesrepublikanischen Sehnsüchten nach Normalität. "Das ist eine Sicht des Lebens", schreibt er in seiner Frankfurter Poetikvorlesung, "die nicht mit festen Besitzständen und gebahnten Wegen rechnet und schon gar nicht mit existenzieller Geborgenheit in einem übergeordneten Sinn." Dieter Wellershoffs Bücher halten eine Stimmung bereit, die in unserer Zeit nichts an Aktualität und gefährlichem Reiz verloren hat. Ein Gespräch über den Ernstfall des Schreibens und die neue Sehnsucht nach Realismus. Es moderierte Dirk Knipphals.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Gesprächs "Abenteuer des Augenblicks"

16 – 17 Uhr, Rangfoyer
Vergessenshilfe II - Vortrag
Neuronengewitter

Mentale Gesundheit erfordert, auch vergessen zu können. Wer nicht vergessen kann, wird krank. Dabei ist die Speicherkapazität unseres Gehirns unfassbar: Alles, was einmal in ihm eingeschrieben ist, bleibt grundsätzlich (so lange das Gehirn gesund ist) erhalten – aber nur ein kleiner Teil, fünf bis zehn Prozent, ist abrufbar. Nach welcher Ökonomie und welchen Hierarchien setzt unser Gehirn eine "Gedächtnisblockade"? Welches der fünf Langzeit-Gedächtnissysteme, über die wir verfügen (Tiere haben nur vier), ist für welche Gedächtnisleistung zuständig? Das Gehirn sortiert die Informationen nach seinen eigenen Regeln in Speichern oder Blockieren. Es funktioniert dabei, so die These des Gehirnforschers Hans Markowitsch, als ein bio-kulturelles Organ. Als rein biologische Einheit ist es nicht zu verstehen, sondern nur in seiner Interaktion mit andern Gehirnen. Denn es entwickelt sich bis zum Erwachsenenalter, und zwar unter den Bedingungen seiner jeweiligen historischen und kulturellen Umgebung. Und diese Umgebung verändert sich – was als 'digitale Demenz' beschrieben ist, meint das Nachlassen der traditionellen Gedächtnisleistungen – Verse stecken nicht mehr im Kopf sondern in den Suchmaschinen, Nummern aus dem Stehgreif zu wählen, ist nicht mehr notwendig. Was im Extrem pathologisch ist, wird schleichende Normalität. Anhand der Erzählung und Analyse extremer, zum Teil skurriler Fallbeispiele von Amnesien, gewährte uns der Gehirnforscher Einblick in die Höhen und Tiefen des menschlichen Gedächtnisses. Es moderierte Susanne Utsch.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Vortrags "Neuronengewitter"

17 – 18 Uhr, Auf der Bühne
Vortrag
Grenzen der Geschichte

Was bedeutet "Mnemosyne", das altgriechische Wort "Erinnerung", als Charakteristikum der Dichtung? Der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer zeigte in seinem Vortrag, dass das poetische Gedächtnis immer subjektiv ist. Deswegen ist es weder der Kategorie des historischen noch des kulturellen Gedächtnisses vermittelbar. Es stellt eine autonome Form der Erinnerung dar, die qua imaginativer Sprache, nicht qua Identifizierung historisch-kultureller Daten entsteht. Wiewohl ein Dichter als Zeitgenosse ein kulturelles Gedächtnis hat, löst sich dieses in etwas anderes auf, sobald er eine literarische Sprache wählt - selbst wenn diese historische Stoffe enthält. Es moderierte Stephan Schlak.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Vortrags "Grenzen der Geschichte"

18 – 19.30 Uhr, Rangfoyer
Podiumsdiskussion
Über das Neue

"Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf" – der um sich selbst kreisende Kunstmarkt mit seinen astronomischen Preisen und ewig gleichen neuen Meistern ist in Michel Houellebecqs Roman "Karte und Gebiet" eine Kulisse des Spottes. Was einmal Impulsgeber der Avantgarde war, das Streben nach Originalität, scheint im überhitzten Kreislauf des Kunstmarktes aufgebraucht worden zu sein. Dagegen wird heute wieder aus den Depots gezogen, was vom Moderne-Diskurs der Nachkriegszeit ausgeblendet wurde – etwa die romantische Malerei des 19. Jahrhunderts. Das Neue in der Kunst ist nicht selten die Wiederentdeckung des Alten. Ist das Neue keine originelle Kategorie mehr, und müssen wir uns von dieser heroischen Vokabel der Moderne verabschieden? Oder lässt sich das Neue noch denken? Ein Podium zur Lage der Kunst mit den Kunsthistorikern Christian Demand und Wolfgang Ullrich. Es moderierte Hanno Rauterberg.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Über das Neue"

20 – 21.30 Uhr, Auf der Bühne
Gespräch
Epiphanien der Wirklichkeit

Die Literatur ist auf der Suche nach ihren Maßgaben. Dass das Neue in der drastischen Schilderung sozialer Realität liegt, im Überschreiten der Grenzen, im unbedingten Bruch mit dem Alten, hat seine Überzeugungskraft eingebüßt. "Vom Guten, Wahren und Schönen" – mit dieser klassischen Trias hat Sibylle Lewitscharoff ihre Poetikvorlesungen überschrieben. Ist das Neue nur noch über die Tradition zu haben? Was bleibt von all den literarischen Aufbrüchen, Stilexperimenten und avantgardistischen Gesten der letzten Jahrzehnte? Wie sehr hat sich die beschleunigte Gegenwart mit ihren medialen Verlockungen im Erzählstoff zu spiegeln? Ein Gespräch über die literarische Lage unserer Zeit, den Kult des Bruchs und die Hüter der Form mit Sibylle Lewitscharoff und Martin Mosebach. Es moderierte Ina Hartwig.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Gesprächs "Epiphanien der Wirklichkeit"

20 – 21.30 Uhr, Kassenhalle
Podiumsdiskussion
Die Politik der 30jährigen – ein Update

Eine neue Generation entert die politische Bühne. Ihr generationelles Band ist das Internet und ihr Leben ist vor allem eines: dokumentiert und online. Unbelastet von bürgerlichen Reserven erzeugen sie hier ihre Visionen einer grenzenlosen Welt ohne größere Geheimnisse. Brechen sie produktiv mit eingefahrenen Regeln des Politischen, ist das Internet das neue Medium der Fundamentaldemokratisierung? Was ist das Besondere dieser Generation vor dem Horizont jugendbewegter Aufbrüche im 20. Jahrhundert? Über Formen der Partizipation und die Lebensführung der jungen sozialen Netzwerker sprachen der Piraten-Politiker Christopher Lauer, die Journalistin Nina Pauer und der Historiker Michael Wildt. Es moderierte Albrecht von Lucke.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Die Politik der 30jährigen"

Ab 21.30 Uhr, Kassenhalle / Garten
Gartenparty
Der Pophistoriker Bodo Mrozek legte zum Tanz auf – Vinyl-Quellen unter anderem aus den Swinging Sixties.

Samstag, 30. Juni 2012

12 – 13.30 Uhr, Kassenhalle
Podiumsdiskussion
Vokabeldämmerung

Unsere Krise ist nicht zuletzt eine Krise der Sprache. In unserer durchkapitalisierten Welt schlägt die Stunde der politischen Vokabeldämmerung. An die Stelle der deutschen Seele ist das Vokabular des Marktes getreten. Was verbindet den Gefühlshaushalt der alten Zeit noch mit unserer Jetztzeit? Sind nicht all die Gedächtnisübungen längst zu einem Alibi geworden, sich dem Entscheidungsdruck der Gegenwart zu entziehen? Wie lässt sich unbefangen Heimatkunde betreiben – jenseits nationalpathologischer Reflexe, aber auch jenseits der Hybris einer Nationalkultur? Was hilft uns all das Deutschlandsehnen? Eine semantische Probebohrung mit der Autorin Thea Dorn, dem Schriftsteller Ingo Schulze und dem Gründer von "FuturZwei" Harald Welzer. Es moderierte René Aguigah.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Vokabeldämmerung"

12 – 13 Uhr, Rangfoyer
Vergessenshilfe III – Vortrag
Löschmaschinen

Wir alle trampeln eine Datenspur ins Netz – ob wir wollen oder nicht. Die Schwelle ins computerisierte Zeitalter haben wir nebenbei passiert, so die Informatikerin Constanze Kurz. Mit zunehmender Geschwindigkeit werden wir uns dank neuer Techniken wie etwa der Biometrie und Geolokation bald mitten darin befinden. Die Raffinesse und das Ausmaß, mit denen bereits jetzt unsere Verbraucherdaten abgefragt und weitergegeben werden, sind verblüffend. Die sozialen Netzwerke gleichen einer gigantischen neuen Bewusstseinsindustrie. Für den Markt sind all diese Informationen ein geldwerter Vorteil, die neue Währung heißt: Daten. Sind sie einmal preisgegeben, dann für immer? Aber wie lange währt eine digitale Ewigkeit? Was ist eigentlich ein digitaler Speicher, wo stehen die Server, aus denen das Netz gespeist wird? Und von welchen Datenmengen kann man hier sprechen? Klar ist, das "Vergessen" im Netz wird eine zunehmend kostbare Ressource. Müssen wir uns in der Zeit von Smartphones an die Erfindung von Löschmaschinen machen? Es moderierte Holm Friebe.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Vortrags "Löschmaschinen"

14 – 16 Uhr, Auf der Bühne
Kurzvortrag und Podiumsdiskussion
Kulturen des Bruchs

Vor dreitausend Jahren verabschiedete der Monotheismus den Polytheismus. Entscheidend für den Ägyptologen Jan Assmann ist die Absolutheit dieses Bruchs — weg von einer historisch gewachsenen Kultur. Vor dem Horizont der Gedächtnisgeschichte beschrieb er die Zeitenwende, an der wir heute stehen.

Das Ende vom Ende der Geschichte
Wir stehen unter dem Eindruck der Klopfzeichen eines neuen Jahrtausends – 9/11, der Arabische Frühling, Fukushima, die Finanzkrise. Lässt sich das 21. Jahrhundert schon verstehen? Dass die Geschichte an ihr Ende gekommen ist, gehört zu den schwarzen Lektionen der Nachkriegszeit. Man richtete sich im Westen im posthistoire ein. An die Stelle des Pathos der Entscheidung trat die Verwaltung des Erbes. Diese Reservehaltung ist seit 1990 mit einer neuen Lage konfrontiert. Die Agenten der klassischen Politikgeschichte betreten wieder die Bühne – Religion, Krieg, Terror. Die "versiegelte Zeit" (Dan Diner) der arabischen Welt beginnt aufzubrechen, unter schnell wechselnden Vorzeichen: Die Hoffnung auf Demokratisierung wird abgelöst durch die Sorge vor einem neuen Krieg im Nahen Osten. Die weltpolitische Karte beginnt sich rasant neu zu zeichnen – mit neuen imperialen Größen, politischen Kampfzonen und Brandherden. Das Podium mit Jan Assmann, dem Historiker Dan Diner, dem Autor Navid Kermani und dem Politiktheoretiker Herfried Münkler spielte das Drehbuch des 21. Jahrhunderts durch. Es moderierte Jan Roß.

Zum Nachhören: Live-Mitschnitt des Vortrags "Kulturen des Bruchs" und der Podiumsdiskussion "Das Ende vom Ende der Geschichte"


Eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Bundes im Haus der Berliner Festspiele

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Termine
28.06.2012 - 30.06.2012 Haus der Berliner Festspiele, Berlin Tagung