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Bipolare Wunderatmosphären
Von Lutz Nitsche
Die Kulturstiftung des Bundes setzt sich seit ihrer Gründung im Jahr 2002 mit zahlreichen Initiativen für den Austausch der deutschen Kulturszene mit Akteuren im östlichen Europa ein. Dies geschieht vor allem auf Grundlage von Schwerpunktprogrammen, die in besonderer Weise auf eine europäische Region oder
einzelne Länder ausgerichtet sind. Das Programm Relations zum Beispiel fokussiert die zeitgenössische Kultur in Südosteuropa; das Büro Kopernikus widmete sich gezielt dem Austausch deutscher Künstler mit der polnischen Kulturszene. Im Herbst 2006 starten die deutsch-ungarischen Kulturprojekte von Bipolar. Bis Ende des Jahres 2007 entstehen mehr als 30 Projekte, in denen deutsche und ungarische Kulturschaffende
intensiv zusammenarbeiten. Ob in der zeitgenössischen Theaterproduktion, bei elektronischer Musik, in der Literatur oder bei Archivprojekten - Bipolar verleiht dem Austausch zwischen deutschen und ungarischen Kulturschaffenden neue Impulse.
Béla Hamvas - wer ist Béla Hamvas? In Ungarn gilt er als Kultautor, in Deutschland ist er nahezu unbekannt. Seine Biographie - ein Spiegelbild des 20. Jahrhunderts: 1897 im heutigen Bratislava geboren, traumatisiert als junger Soldat im 1. Weltkrieg, ein schreibender Bibliothekar im Budapest der Zwischenkriegsjahre, danach Reserveoffizier im 2. Weltkrieg und fahnenflüchtig, als die ungarische Armee mit den Nationalsozialisten kollaboriert. Rege Publikationstätigkeit nach dem Krieg, unter sozialistischer Herrschaft rasch abgestempelt wegen antikommunistischer Umtriebe und deswegen bald erneut auf der Flucht: diesmal in die ungarische Provinz, wo er ein ärmliches Dasein als Obstgärtner und Hilfsarbeiter fristet und bis zu seinem Tod 1968 an seinen Manuskripten weiterarbeitet - ohne Aussicht auf Veröffentlichung. Béla Hamvas gilt es mit Bipolar zu entdecken: einen Schriftsteller und Kulturhistoriker, der sich intensiv mit antiker und östlicher Philosophie beschäftigt, mit Kierkegaard, Nietzsche und immer wieder mit dem Görlitzer Schuster und Philosophen Jacob Böhme, den er übersetzt und dessen pantheistische Versöhnungslehre zahlreiche seiner Essays prägt. Sein Schreiben - das sind oft dem Hunger abgerungene stakkatohafte Reflexionen und Erlösungsphantasien eines gezeichneten Ich, das mit einem weiträumigen Erinnerungsvermögen und bisweilen rauschender Einbildungskraft ausgestattet ist. Ein Ich, dessen Schreiben sich an der Literatur von Shakespeare und Tolstoi gleichermaßen entzünden kann wie am Geschmack einer Pflaume oder dem Anblick eines Sauerampfers. Ein Autor auf der Suche nach Wundern, nach Zuständen, in denen «das Übernatürliche der Natur von oben und von innen her durchbricht. Die Wunderatmosphäre. Das Sein jenseits der Grenze, das unvergleichlich stärker als das meine ist.» Und weiter: «Wenn die Logik dieses Seins mich berührt, gerate ich in Ekstase, vielleicht singe ich auch, oder ich habe eine Vision, schreibe ein Gedicht, beginne auf der Wiese zwischen Zittergräsern zu tanzen.» Die Essays von Béla Hamvas konnten in Ungarn erst in den späten 80er Jahren erscheinen. Daneben existiert Karneval, ein 1500 Seiten langer Initiationsroman, der mit seinen Anspielungen auf Dante, Sterne und Joyce als opus magnum von Hamvas gilt - ein europäisches Jahrhundertwerk, wie die Neue Zürcher Zeitung notiert, das seinen Weg in die Weltliteratur sucht.
Kooperationen abseits der Repräsentationskultur
Mit Bipolar wird zumindest die Hamvas-Rezeption in Deutschland einen Schritt auf diesem Weg vorankommen. Denn Karneval ist eines der insgesamt knapp dreißig Projekte, das die deutsch-ungarische Fachjury von Bipolar zur Förderung ausgewählt hat. Die Hamburger Theaterinitiative fleetstreet und die Stiftung Ars et Vita aus dem ungarischen Szentendre arbeiten dabei Hand in Hand, um zeitgenössische
Komponisten, Filme- und Theatermacher zu einer Auseinandersetzung mit Karneval anzustiften und in öffentlichen Lesungen aus Passagen des Romans vorzutragen - soweit sie in deutscher Übersetzung vorliegen. Mit dieser intensiven Zusammenarbeit deutscher und ungarischer Institutionen steht Karneval stellvertretend für eine ganze Reihe von Bipolar-Projekten. Es sind Projekte, die abseits der bilateralen Repräsentationskultur entstehen, Punktlandungen in jenen Zonen des Kulturlebens,
in denen es Unbekanntes zu entdecken und Neues zu entwickeln gibt. Und dieser Austausch geschieht in beide Richtungen: Was Béla Hamvas in Deutschland, das ist Heiner Müller in Ungarn - ein weithin Unbekannter, den Bipolar im Rahmen des Projektes Hamlet in Budapest vorstellen wird. Ausgangspunkt ist das gleichnamige
Bühnenfragment, das Heiner Müller unter dem Eindruck der Aufstände von 1956 schrieb. Die Internationale Heiner-Müller-Gesellschaft und die ungarische Workshop Foundation, Muhely Alapítvány haben sich für dieses Projekt zusammengeschlossen, um gemeinsam Experimente zur Präsentation Heiner Müllers im öffentlichen
Raum zu entwickeln. Dazu zählt unter anderem eine Audiotour an zentrale Orte Budapests - ein Anklang an Heiner Müllers Diktum: «Der Aufstand beginnt als Spaziergang».
Kraftfelder der Kultur
Präzise Beobachtung, Entdeckerfreude und Teamgeist - aus diesen Eigenschaften gewinnen die Projekte von Bipolar ihre Qualität. Der Titel Bipolar ist dabei Programm: Die Projekte von Bipolar entstehen nicht, um kulturpolitische Harmonie-Erwartungen zu befriedigen, sie eröffnen Kraftfelder für den Eigensinn und die Erkenntnisinteressen
kultureller Akteure in beiden Ländern. Nicht an der großen Geste transnationaler Verständigung ist es Bipolar gelegen, sondern an der intensiven Zusammenarbeit deutscher und ungarischer Partner zu Fragen, die für die Beteiligten der jeweiligen Projekte an der Zeit sind. Und die oft genug direkt vor der Haustür liegen. Das gilt zum Beispiel für die Frage nach dem Umgang mit dem sozialistischen Wohnungsbau: In einem der zahlreichen Bipolar-Projekte mit jugendlicher Beteiligung gehen Schülerinnen und Schüler aus Erfurt und Budapest/Balatonlelle auf Spurensuche nach Privatgeschichte in sozialistischen Musterstädten. Oder es geht um die Archivierung und Ausstellung von Musik-Clips und anderen Dokumenten der Pop-Kultur, die vor 1989 in Ungarn und der DDR staatlicher Zensur unterlagen und die das Bipolar-Projekt Klipzensored demnächst der ungarischen und deutschen Öffentlichkeit vorstellen will. Ein Ausstellungsprojekt widmet sich dem Erfinder Johann Wolfgang Ritter von Kempelen, dessen Automaten derzeit von der zeitgenössischen Medienkunst wieder entdeckt werden, nachdem sie im 18. Jahrhundert die europäischen Höfe in Staunen versetzte. Die künstlerische Aneignung der Technik steht auch im Zentrum des Projektes Music in the Global Village, in dem Musiker aus Ungarn und Deutschland mit interaktiven Echtzeitkompositionen experimentieren und die Chancen kollektiver Kreativität in vernetzten Multimedia-Umgebungen erkunden.
Bipolar in Europa
Das politische Europa der Union hat sich nach dem Scheitern der Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden eine Denkpause verordnet. Die Kulturschaffenden in den europäischen Ländern aber wollen nicht warten, bis aus Brüssel Signale zu neuen Vertiefungsinitiativen kommen. Sie suchen nach eigenen Wegen, um das politische Versprechen, das ihnen der Fall der Mauer 1989 bedeutet, wirksam werden zu lassen. Manchmal zeigt sich diese Suche in der Leidenschaft, mit der die kulturellen Akteure aus Ungarn und Deutschland die Herausforderungen, die für sie auf der europäischen Agenda stehen, gemeinsam zu bearbeiten versuchen: die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen politischer Repression, die Zukunft der Städte und Regionen, die Chancen neuer Technologien für grenzüberschreitende kreative Prozesse. Manchmal zeigt sich diese Suche in der Konzentration und Hingabe, mit der sie die Schätze ihrer Nationalkultur zu einer europäischen Angelegenheit machen. Bipolar bietet Räume für beides, ist zugleich Werkstatt zur Bearbeitung europäischer Zukunftsfragen und Wunderkammer für die Entdeckung der Kultur in Deutschland und Ungarn.
Dieser Artikel erschien im Magazin Nr. 8 der Kulturstiftung des Bundes.
Weiterführende Informationen
Über den Autor
Lutz Nitsche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programmbereich Mittel-/Osteuropa
der Kulturstiftung des Bundes.
Bipolar deutsch-ungarische Kulturprojekte
Bipolar fördert Kooperationsprojekte zwischen deutschen und ungarischen Partnern. Nach einer Ausschreibung waren 144 Bewerbungen eingegangen, aus denen eine deutsch-ungarische Fachjury 28 Vorhaben der zeitgenössischen Kunst und Kultur für eine Förderung auswählte. Die Ergebnisse der bilateralen Projektarbeit werden in den Jahren 2006 und 2007 sowohl in Deutschland als auch in Ungarn präsentiert.