Das Haus der herabfallenden Knochen

Grimm’sche Märchen, Animismus und Dekolonisierung im südlichen Afrika – gefördert im Fonds TURN

Das Projekt „Das Haus der herabfallenden Knochen. Hänsel und Gretel bei den „Hottentotten“ der HDHK GbR ist ein gemeinsames transdisziplinäres Projekt der Bands Khoi Khonnexion (Kapstadt) und Kante (Hamburg) über gewanderte Märchen, Animismus und die Dekolonisierung des Denkens. Das Projekt untersucht insbesondere kaum bekannte Versionen der Grimm'schen Hausmärchen, die noch vor der schriftlichen Fixierung durch die Gebrüder Grimm mit holländischen und hugenottischen Siedlern nach Südafrika und mit Missionaren und deutschen Kolonisatoren ins heutige Namibia gelangt sind. Dort trafen sie auf diejenigen, die von Holländern und Deutschen als "Hottentotten" bezeichnet wurden: die Khoi, Bewohner des südlichen Afrikas, die sich bis heute als Nachfahren der "ersten Menschen" begreifen. Die Khoi nehmen die Märchen ins Repertoire ihrer oralen Erzählkultur auf, betten sie in ihre Narrative ein, erzählen sie weiter, deuten sie um, wenden sie subversiv: der König ist ein deutscher Farmer, Till Eulenspiegel ein schlauer Buschmann, Aschenputtel kann sich in einen Vogel verwandeln und in einem Haus in der Wüste fallen sprechende Knochen aus dem Kamin.

Khoi Khonnexion sind nicht nur Vorreiter einer künstlerischen Bewegung der seit der Apartheid als „Coloureds“ Bezeichneten, die sich in den letzten Jahren unter dem Namen „Khoi“ oder „Hottentots“ versammelt hat, sie sind auch prominente Vertreter einer künstlerischen Strategie, die jüngst unter dem Namen „Re-Enchantement“, Wiederverzauberung, bekannt wurde: Durch den Rückbezug auf die vorkoloniale Vergangenheit werden neue Möglichkeiten von Gegenwart erschaffen, jenseits kolonialer Lasten. So entwenden Khoi Khonnexion z.B. den „musical bow of the Khoisan“ und machen daraus ein hypermodernes Werkzeug, dem „Ark“ Sun Ra’s verwandt. Musik ist für sie immer zugleich soziale Praxis, Kontakt mit den Geistern, nichtlineare Zeit. Zusammen mit Kante werden sie den Spuren der Märchen folgen, Aspekte der Kolonialgeschichte für die Gegenwart befragen und sich einer Welt nähern, mit der die Märchen sich verbunden haben: die des magischen, animistischen Denkens.

Das Projekt wird die gewanderten Märchen recherchieren und sammeln, ihre heutigen Erzähler/innen in Namibia und Südafrika aufsuchen und in einer vielstimmigen musikalischen Erzählung auf die Bühne bringen. Spielstätten und Produktionspartner sind die Münchner Kammerspiele, das Kampnagel Sommerfestival Hamburg, FFT Düsseldorf, Zürcher Theater Spektakel sowie Greatmore Art Studios in Kapstadt. Darüber hinaus soll ein Musik-Album und eine Hörspielversion entstehen.

Künstlerische Leitung: Peter Thiessen (DE)
Mit: Glen Arendse (ZA), Nikola Duric (D), Garth Erasmus (ZA), Claude Jansen (D), Nunke Kadhimo (ZA), Kante (D), Khoi Khonnexion (ZA), Jethro Louw (ZA), Ruth May (ZA), Olaf Nachtwey (DE), Mamela Nyamza (ZA)

Termine
03.08.2018 - 05.08.2018 Kampnagel, Hamburg Aufführungen im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals

Weitere Termine

24.08.2018 - 26.08.2018 Zürcher Theaterspektakel - Aufführungen

07.09.2018 - 09.09.2018 Münchner Kammerspiele - Aufführungen

21.09.2018 - 23.09.2018 Forum Freies Theater Düsseldorf - Aufführungen

14.01.2019 - 21.01.2019 Greatmore Studio, CapeTown, Woodstock - Aufführungen

 

 

TURN – Fonds für künstlerische Kooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern

Mit dem Fonds TURN möchte die Kulturstiftung des Bundes möglichst viele unterschiedliche Institutionen in Deutschland anregen, sich mit dem künstlerischen Schaffen und den kulturellen Debatten in afrikanischen Ländern zu beschäftigen.

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