Zipp

Deutsch-tschechische Kulturprojekte 2008-2010

Mit dem Programm Zipp - deutsch-tschechische Kulturprojekte setzte die Kulturstiftung des Bundes zusammen mit relations e.V. ihre Reihe bilateraler Kooperationsprojekte mit Ländern des östlichen Europa fort. Vorausgegangen waren Büro Kopernikus, deutsch-polnische Kulturprojekte (2004-2006), und Bipolar, deutsch-ungarische Kulturprojekte (2005-2007).

Zipp - deutsch-tschechische Kulturprojekte nahm ausgewählte Themen und Fragestellungen in den Fokus, die in Deutschland und Tschechien gleichermaßen gesellschaftlich relevant sind: Fragen nach dem Erbe der Demokratiebewegung, dem Umgang mit historischen Traumata, den Erfahrungen ökonomischer Transformationsprozesse nach 1989 und nach der Zukunft der Städte. Sämtliche im Rahmen von Zipp geförderten Projekte gingen von der Idee bis zur Durchführung auf Kooperationen deutscher und tschechischer Partner zurück.

Entlang der vier Themenschwerpunkte "1968 / 1989", "Utopie der Moderne: Zlín", "Lebenswelten" und "Kafka" entstanden bis 2009 Produktionen und Projekte in Theater, Film, Radio, Architektur, bildender Kunst und Zeitgeschichte, welche die vielfältigen Aspekte europäischer Gegenwart verhandelten. Dem Projekt Zipp ging es nicht darum, Geschichte analytisch aufzuarbeiten, sondern es konzentrierte seine Arbeit auf die Schnittmenge von zeitgenössischer Kunst, Kultur und gesellschaftlicher Gegenwart und suchte nach verbindenden Elementen der Zeitgenossenschaft.

Den Auftakt von Zipp bildete am 30. Mai 2008 der Themenabend "Crossing 68/89" in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin, gefolgt von einer dreitägigen internationalen wissenschaftliche Konferenz in Prag (15.-17. Juni 2008).

Die Themenschwerpunkte

1968 / 1989

Im Jahr 2008 jährte sich der "Prager Frühling" zum 40. Mal, 2009 feierte Europa den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Im Rahmen des interdisziplinären Projektes "68/89 - Kunst.Zeit.Geschichte." kooperierten das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und das Institut für Zeitgeschichte in Prag mit vier Theatern in Tschechien und Deutschland: Archa Theatre Prag, Kampnagel Hamburg, Sophiensaele Berlin und Zentrum für experimentelles Theater / Theater Gans an der Schnur in Brno. Daraus entstanden Theaterproduktionen (Alles wird anders, Exit 89, Nico - Sphinx aus Eis), Diskurs- und Filmreihen ebenso wie Kunstprojekte, Vorträge und Konzerte (Performing 68/89, Samtenes Festival oder "Ein Herbsttraum vom Frühling").

Das Projekt "68/89 - Kunst.Zeit.Geschichte." brachte Partner aus Wissenschaft und Kunst zusammen, die das Programm gemeinsam erarbeiteten. Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit "1968" war der Reformprozess in der damaligen Tschechoslowakei. Der "Prager Frühling" sollte als Teil der sozialen Protestbewegungen und kulturellen Avantgarden der späten 1960er Jahre behandelt werden. Das Projekt thematisierte jedoch über "1968" hinaus die kulturelle Entwicklung nach dem Ende der Reformen in der Tschechoslowakei, das Schicksal der Ost-West-Kontakte während der "Normalisierung" sowie die Rolle der 68er beim Fall des Eisernen Vorhangs. Schließlich wurde betrachtet, wie das Gedenken an die Großereignisse von 1968 und 1989 heute funktioniert, welche Mythen und Symbole die Erinnerung prägen und was der Niedergang des Kommunismus für das Jahr 1968 rückblickend bedeutet.

Lebenswelten

Unter der Überschrift "Lebenswelten" verarbeiteten Zipp-Projekte die Realität beider Länder in unterschiedlichen künstlerischen Formaten: Für "rádio d-cz" produzierten Rundfunksender in Deutschland und Tschechien fünf Radiokunstarbeiten von Autoren, Hörspielmachern und Komponisten, die individuelle und kollektive Erfahrungen in den Nachbarländern eingefangen und in Klang verwandelt haben. Das Theaterprojekt "Vùng biên gió'i" der Gruppe Rimini Protokoll, vielfach ausgezeichnet für ihre Arbeiten mit Laien, entwickelte mit archivarischem Material und Menschen aus Dresden und Prag einen Abend über konstruierte Ortsspezifik. Eine Dokumentarfilmreihe, initiiert vom Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm und dem Dokumentarfilminstitut Prag, rückte unter dem Titel "Breathless" die Umbrüche in Deutschland und Tschechien der vergangenen Jahrzehnte in den Blick.

Kafka

Als eine der geistigen Voraussetzungen des tschechoslowakischen Aufbruchs, der 1968 im "Prager Frühling" gipfelte, gilt die Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice im Jahr 1963. Zum 125. Geburtstag von Franz Kafka, einem der herausragenden Schriftsteller der europäischen Moderne, wurde das Spannungsfeld dieser beiden Daten neu ausgelotet. Unter dem Titel "Kafka und die Macht. 1963 - 1968 - 2008" fand im Oktober 2008 eine Konferenz in Liblice mit Literaturwissenschaftlern, Zeitzeugen, Historikern und Philosophen statt, welche die Ereignisse und ihren Zusammenhang untersuchte. Daneben unterstützte Zipp die wissenschaftliche Arbeit an der auf 30 Bände angelegten historisch-kritischen Franz Kafka-Ausgabe (FKA) der Germanisten Dr. Roland Reuß und Dr. Peter Staengle. Die FKA hat das Ziel, das gesamte überlieferte Werk Kafkas in authentischer Form und mit Hilfe vollständiger Faksimilierung für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Utopie der Moderne: Zlín

Die mährische Stadt Zlín gilt als industrielle Modellstadt par excellence: Sie ist die einzige idealtypische Industriestadt der Moderne, die je realisiert wurde - und trotzdem weitgehend unbekannt. Erbaut in den 1920er und 1930er Jahren orientiert sich Zlín an der "funktionellen Stadt" Le Corbusiers, an Howards Gartenstadt und Garniers "cité industrielle". Ihr urban-utopischer Anspruch macht sie zu einem einzigartigen städtebaulichen Beispiel europäischer Industriegeschichte und ist untrennbar verbunden mit der Zlíner Firma Bat'a, einem der einst weltweit größten Schuhproduzenten. Ein internationales Symposium im Mai 2009 in Zlín und Prag und eine Ausstellung im Herbst 2009 unternahmen erstmals eine kulturwissenschaftliche Analyse der ökonomischen und sozialen, biographischen und architektonischen Zusammenhänge dieses utopischen Städtebauprojekts.

Die Entwicklung und Umsetzung der Projekte von Zipp - deutsch-tschechische Kulturprojekte wurde begleitet von der Expertise eines mit Kennern der deutschen und tschechischen Kulturszene besetzten Kuratoriums: Regina Bittner (Leiterin des Internationalen Bauhauskollegs an der Stiftung Bauhaus Dessau), Dr. Pavel Liška (Rektor an der Akademie für Kunst, Architektur und Design, VŠUP, Prag), Blanka Mouralová (Leiterin des Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem) und Dr. Tobias Weger (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg).

Publikationsreihe zum Themenschwerpunkt 1968/1989

Zum Themenschwerpunkt 1968/1989 des Zipp-Programms ist eine vierbändige Publikationsreihe erschienen. Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten finden Sie hier:

Journale I-IV 68/89