Doppelpunktnomade

Von Sasa Stanisic

Homesickness: Heimweh. Hausübelkeit. Zuhauseerbrechen. Heimatkrankheit. Eigenheimbrechreiz. "Hallo" ist ein solider Titel für ein Lehrbuch des Deutschen als Fremdsprache. Des Fremden als deutsche Sprache. Der Sprache als deutsche Fremde - wir wandern und sammeln eine Sprache. Als Wohnadresse gibt man «Einbahnstraße» an, aber wie dem Arzt einen Schmerz erklären? Die Sprache wechselt die Grammatik. Die Phonologie wechselt die Phonologie, ich sage Wüste und meine das Wissen. Horte Flüchtigkeiten der Orte, der neuen Namen, der Adjektive, der Melodien. Lege Vokabelhefte zu allen Verästelungen der Wörterlaunen an, wohin mit dem Verb? Brot kaufen ein.

Wachse ins wesentlich Unsichtbare, je tiefer ich in einem entästelten Alphabet verwurzelt bin, versprechlicht, versesshaft, — Qualitäten:
Kann des Dativs Genitiv.
Kann Nazis weismachen, dass ich aus Bayern bin, ich sage: stamme.
Kann mich auf Kosten der Friesen amüsieren.
Kann mich über die Nationalmannschaft aufregen. Kann aus dem Fenster eines ICE sehen, 250 km/h, zwischen Tuttlingen und Böblingen, und glauben: die Ackerfurchen, der Nebelzement frühmorgens den Linden um die Knöcheln, der kleine Bahnhof am Oberuckersee seien mein. Seien ich, und das Schönste seit es Äcker, Nebel und Lindenblätter gibt.
Kann «versprechlicht» und «versesshaft» sagen. Es gibt keine letzte Vereinbarung, keinen unterschriebenen Vertrag zwischen Staatsgrenze und Wortgrenze und Ausgegrenztheit: ich zeichne mir die Sprache als Skizze der Heimat bewohnbar, bin nicht der erste und auch nicht allein in einem solchen Land, hisse die zweisprachige Flagge, und schwenke sie in euphorischer Selbstüberschätzung. Jahr um Jahr weniger zweisprachig, dafür immer mehr Blaupause einer idealisierten Übermuttersprachlichkeit.

Wie, fragt ein südlicher Onkel, ist es dort oben?
Es, sage ich, lohnt hier, sich zu verletzen.

Welche Farbe hätte das Bild: entwurzeln? Verletzt haben der Krieg und die Flucht: Am siebten Tag der Belagerung von Visegrad fuhren Zigeuner vom Westen in die Stadt. Ich wäre gerne am siebten Tag der Belagerung so jung gewesen, meinem Vater zu glauben, Granateneinschläge seien heiser gewordene Donner. Am einundzwanzigsten Tag der Belagerung fuhren die Zigeuner schnellschnell weiter gen Osten und meine Mutter nähte sich Geldscheine in ihren Rock; wir folgten den Zigeunern.

Ich schäme mich für die Flucht. Weil sie über mich und nicht ich über sie entschied. Weil sie keine Varianten offen ließ, so wie sonst nur der Tod. Weil sie entstand und da stand — ohne Geruch, ohne Geschmack, ohne Farbe und ohne ein Deshalb, privat und überprivat, mir sofort für immer fremd, als wäre ich nicht ihr Produkt, ihr Potenzial. Ihre Ironie. Ich assoziiere und sortiere Begriffe der Flucht. Mindmap um «geflohen» als Zentrum. Alphabetisch oder kategorisch. Notorisch. Listen über Listen. Überflüssiger Gestus der Rechtfertigung, vergeblich wie Wind. Ich kann Anekdoten erzählen und Daten nennen, ich kann Stempel in meinem Pass präsentieren und behaupten: ich bin undeutlich gegangen, den Zigeunern gefolgt, bin von zu Hause gegangen und habe damit doch den Heimweg angetreten — ein Doppelpunktnomade, treibe meine Herde, die Worte, zwischen geliebten Orten, zwischen Dorten, Patriot der Orientierungslosigkeit, immer dort, wo meine Heimat gerade nicht ist. Meine Zweigeteiltheit ist eine Attraktion für Einheimische.

Abfertigungshalle Flughafen München, 20. August 1992, wie schnell ein IC fährt, in vier Zimmern fünfundzwanzig Flüchtlinge, Schmutz und Lärm, in Plastik eingeschweißter Käse, die Play-Station im Kaufhaus, Aquariumsfische, mit den Augen Bescheid sagen, Jeans, Wiesloch-Walldorf, unter der Autobahnbrücke auf Sofakissen Bob fahren, Dächer, Stadtplan, Schulanfang, drücken/ziehen, «hat keine Mühe beim Spracherwerb, besondere Vorliebe für merkwürdige Dinge und Phantasien», Tischtenniskreisel, meinen-vermuten, Türkinnen, Schulnoten falsch herum, Ausländeramt, Sachbearbeiterin Frau F.-mit-ß, Duldung, «Mama, kaufst du mir einen Tischtennisschläger», geduldet werden, bitten, Geduld, «Rusko hat sich die Zähne mit Rasierschaum geputzt», unser Krieg im Fernsehen, «Wasserhahn — wie lustig ist das denn?», Fingerschattenvögel an der Wand, Susanne hieß sie und wir saßen unter dem Vordach und hielten Hände, mein Deutsch begann dort, wo ihr Englisch aufhörte: im Schulterzucken küssten wir uns. Werde mit den Jahren einfacher zu verstehen und grüße mit: Mahlzeit! Verstehe einfacher, meide Gegenfragen, bald hieß es schon: du könntest ein Sänger sein, aus der Pfalz. Kann ich nicht. Aber müde bin ich tatsächlich so sehr, als wäre ich schon immer hier, an diesem wahrscheinlichen Ort, zu dem ich fliehend den Heimweg antrat.

Welcher Gedanke bedeutet, ich habe mir ein Land angeeignet? Ab wann ist eine Geschichte die eigene? Mache mir nichts vor - was weiß ich denn schon über die schwedische Thronfolge? Über die Revolutionen in Fernost? Erziehe ich mich imperativ zum historisch-politischen Bewusstsein, weil Fakten, weil ein gewusstes Deutschland zumindest ein Schattenriss des möglichen Angekommenseins ist? Geschichte sieht nach mehr Heimat aus. Cevapcici riechen besser. Mit gesalzenen Zwiebeln. Im Fladenbrot. Sarajevo. Reduktion auf das Sinnliche oder das Sentimentale oder das Pragmatische: bedeutet deutscher werden also bedeutender werden? Alibi und Erleichterung? Bedeute ich Arbeitskraft? Gern.

Gewöhne mich ungern an das Warten vor dem Buchstaben «S» im Ausländeramt. Bang: wird die Aufenthaltsgenehmigung verlängert? Auch in der Beschwerde muss ich höflich sein, muss ich angenehm sein, denn ich habe Häkchen im Namen, wie Schmuck. ÖÜÄs wären mir lieber und insbesondere «ß» für das Zimmer hinter der «S»-Tür im Ausländeramt, der Tür links am Flurende. Die Wände wurden gestrichen — dort wo Wartende sich anlehnen, bleiben Abdrücke ihrer Schuhsohlen. Höhlenzeichnungen. Aber Frau F.-mit-ß im Paragrafenzimmer «S», im Aktenordnerzimmer «S», im Orakel-zu-Delphizimmer «S», im Diddlpostkartenzimmer «S», bitte ich nicht: Rekonstruieren Sie die Wege, die Ferne, die Kriege, die Zwänge, die Ängste, die Wünsche, die Hoffnungen, die Theorien aus denen Wir-ohne-ß Staub und Dreck abgeschabt haben für dieses Graffiti an der Wand und für dieses Warten auf das bestempelte JA. Frau F.-mit-ß hat mich noch nie verarscht, «so ist die Rechtssprechung», noch nie enttäuscht. Sie wurde in den zwölf Jahren, seit sie mich sachbearbeitet fetter und fetter, und rot stand Ihnen, Frau F.-mit-ß, als Haarfarbe am besten.

Zoran ist dreizehn und Kochlehrling im einzigen Hotel in Visegrad. Die Stadt ist von fünfundzwanzigtausend Einwohnern vor dem Krieg auf siebentausend geschrumpft. Ich setze mich neben Zoran auf die Stufen des Hotelrestaurants. Er holt ein zerknittertes Schwarz-Weiß-Foto aus der Hemdtasche. Eine junge Frau mit Locken und einem schwarzen Kleid, wie ihn vielleicht unglückliche Prinzessinnen tragen.
«Wie die guckt!», ruft Zoran, lacht und schüttelt den Kopf. «Die gucken da alle so. Kannst du dir das vorstellen — ein Land, in dem alle Mädchen so gucken?»
«Wie», frage ich, «guckt sie denn, und woher kommt sie?»
«Wie Bruce Lee», sagt Zoran verträumt, «vielleicht mag ich Österreicherinnen genau deswegen: sie gucken alle wie Bruce Lee. Haben aber schöneres Haar und diesen Hals.»
Dann schweigen wir beide und sehen uns das Foto an, diesen Hals, das lange, schwarze Haar.
«Guten Morgen», flüstert Zoran zu dem Foto und küsst die Ecke, in der in geschwungenen Buchstaben Lissi oder Sissi zu lesen ist. «Guten Morgen, kiss die Hand gnedige Frau! Kung Fu!» Zorans Lippen sind leicht vorgeschoben, wenn er sein Deutsch spricht, gespitzt für einen kleinen Kuss. «Kiss die Hand, hibsche Frau, kiss die Hand!»
Also Kaiserin gar, und Zoran zündet sich eine Zigarette an. «Ich glaube, ich möchte nach der Schule in dieses Österreich. Mach ich ein Restaurant auf. Hier bleib ich auf keinen Fall. Und morgen angle ich einen Fisch für meine Ankica und frage sie, ob sie mit will. Wenn sie mitkommt, brauche ich keine Österreicherinnen, da können sie Bruce Lee Augen machen, so viel sie wollen. Ach, Ankicas Hals!» Zoran atmet Rauch durch die Nase aus, verstaut das Foto in die Hemdtasche und seufzt, «Aufidasehn, junges Froilan Lizi, Aufidasehn.»

Und wann war alles gut? Mit dem Spaten die Erde bei den Rosen ausgehoben. Im leeren Marmeladenglas die Regenwürmer mietfrei behaust. Mit dem Fahrrad die Drina entlang gefahren, zwei Stunden durch Dörfer ohne Namen. Geangelt, gefangen, geschwommen, die Brote gegessen: Salami auf Quark, Käse auf Ajvar. Wie mir Mutter Quark aufs Brot schmierte und zum ersten Mal nicht sagte: «Aber fahr nicht so weit raus!»
Von meinem Vater wollte ich damals wissen, was sind das für Streifen hinter den Flugzeugen? Und er erzählte mir Geschichten: wer die Wolken warum entwarf und was solche Zauberer sonst noch mit Unmengen Rasierschaum anstellen können, Schafe zum Beispiel. Heute ruft er mich jeden Sonntag aus den USA an, dorthin reichen seine Zigeunerspuren, fragt mich: «Wann übersetzt du eine deiner Geschichten für mich?» Entwurzeln hat die Farbe dieses Telefongesprächs. Und riecht nach Gechtfertigung. Ich träume von einem Schrebergarten im südlichen Baden. Für den Feierabend. Kann des Dativs Genitiv. Habe Homesickness.

Über den Autor

Sasa Stanisic, geboren 1978 in Visegrad (Bosnien und Herzegowina), lebt seit 1992 in Deutschland. Philologiestudium in Heidelberg, Studien- und Lehraufenthalt in den USA, Zweitstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, zuletzt in EDIT (37). Arbeitet an einem Erzählungsband über Kindseinwollen im ehemaligen Jugoslawien. Sasa Stanisic gewann in diesem Jahr den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt.

Magazinarchiv

Magazine bestellen

Die Magazine der Kulturstiftung geben einen facettenreichen Einblick in die Arbeit der Kulturstiftung der vergangenen 20 Jahre.

Zahlreiche Print-Ausgaben können Sie kostenfrei nachbestellen. Bitte teilen Sie uns Ihre Wunsch-Ausgaben sowie Ihre Adresse mit.

 

Zudem können Sie ab Ausgabe #9 (2007) alle Magazine auch als digitale Ausgaben auf Issuu (nicht barrierefrei (externer Link, öffnet neues Fenster)) abrufen.

Adressdaten ändern

Wenn Sie Ihre Adressdaten korrigieren oder ändern möchten, schicken Sie uns bitte eine E-Mail mit den geänderten Kontaktdaten (alte und neue Adresse) an:

magazin​(at)​kulturstiftung-bund.de