Achtundsechzig ist Phantom, Gegenstand und Produkt von Legenden. 40 Jahre danach ist das normal. Normal, weil Geschichte immer in verwandelter Form in den Gegenwärtigen vorliegt (wenn sie überhaupt vorliegt); unnormal, wenn ein spezieller Grad von Entstellung am Werk ist wie gegen 68: die deutschen Speicher für Historisches sperren sich gegen jede Aufbewahrung halbwegs ‹revolutionärer› Vorgänge im eigenen Land; sie bevorzugen Geschichtslöschung als Bewältigungsverfahren; oder, milder, einen sarkastisch-ironischen Umgang, der diese Vorgänge auf Distanz hält bei der Umschiffung des belastenden Lebens der untoten Älteren. (Frage: Welcher deutsche Speicherkopf weiß etwas vom bewaffneten Aufstand der Ruhrarbeiter im März 1920?)

I. Legenden. Eine gängige Legende besagt, die 68er hätten Schluss gemacht mit der politischen Tristesse der grauen Adenauerjahre. Daran ist etwas wahr, aber im Kern ist sie falsch, wie alle Legenden. Die in den letzten Jahren von WK II Geborenen - das Gros des 68er Personals war Mitte der 50er um vierzehn Jahre alt und damit Akteur eines kulturellen Umbruchs. An Schulen verboten waren Jeans, Jungs mit langen Haaren, Mädchen in Hosen überhaupt. Im Lauf von 1956 wurden flächendeckend durchgesetzt: langhaarige Jungs, Jeans, Jeans für Mädchen, Rock 'n' Roll auf Schulbällen, öffentliches Küssen von Teenagern, Rauchen; lauter Dinge, die 1955 noch verboten bzw. nicht existent waren. Für uns, die Jugendlichen, waren diese Jahre nicht trist, sondern höchst aufregend.

Das ließ nicht nach. Anfang der 60er ist unsere die erste Generation (mit anderen 20jährigen anderer Länder), die Sexualität mit der Pille leben kann. Nicht immer gleich ein Kind (=Todesstrafe). Das Radio steuert jene Negermusik bei, die 15 Jahre zuvor bei Todesstrafe verboten war, Be Bop. Oh Lord, don't let them drop that Atomic Bomb on me. Don't let them drop it! Stop it! Be bop it! Charlie Mingus. 68 ist nicht zu begreifen ohne diese Vorläufe. Der ersten Nachkriegsgeneration geschahen lauter Dinge, die es vorher nicht gab und nicht geben sollte. Entsprechend fragte man die Alten, was sie getan hatten im Hitlerreich, und als sie antworteten: «Nichts. Nichts Schlimmes», sagten die 15 jährigen: «Ihr habt sie ja nicht alle» und hörten auf, mit den Alten zu sprechen, was auch noch nie dagewesen war. Die Akteure von 68 sind generationell geübte Gewohnheits-Übertreter. Das unterscheidet ihre Haltungen vom üblichen generation gap. Ich als heute Junger würde sie irgendwie beneiden (und das abwehren müssen).

II. 68 ist eine widersprüchliche Angelegenheit. Diese Wahrnehmung fehlt fast allen Legenden und insbesondere den Ironisierungen. Grundlegend dieser Widerspruch: Make Love Not War steht gleichberechtigt neben Waffen für den Vietcong, das nahm sich nichts, verstand sich von selbst. Gleichzeitig pro- und anti-amerikanisch zu sein, auch. Die Reihe von Widersprüchen in derselben Person und derselben Organisation ergibt sich aus der Verfasstheit moderner Menschen, aus dem Grad ihrer realen psychischen Gespaltenheit. Das galt 68, wie es heute gilt, bloß sind alle Parteien, Institutionen, Vereine oder sonstige Tonangeber der Gesellschaft zu feige oder zu blöd, Menschen derart anzusprechen. Sie tun, als ginge es widerspruchsfrei, lieben Wörter wie «logisch» und «konsequent» und halten das ‹für Argumentieren›. 68 war weder logisch noch konsequent, scherte sich nicht um herrschende Denksysteme, versuchte mit einer selbstgebastelten Version des in der BRD verpönten Marxismus «sich vom Stigma der Gaskammern zu befreien» (wie Norbert Elias anmerkte) und stellte, nach den Zwängen des Spontaneismus, allerlei Unsinn an. Die Lektionen des Widersprüchlichen sind bis heute nicht gelernt worden von ‹der Gesellschaft›; also macht sie Witze.

III. Die erste Generalabrechnung mit 68, die mich traf, hatte etwas erfasst von den grundlegenden Ambivalenzen des 68er Auf- und Ausbruchs. Sie stand in einem der vielen Szene-Magazine der 70er und 80er, die es auf drei, vier Nummern brachten, um dann wieder ins Underground-Nirvana zu sinken. Geschrieben von einer der nachgeborenen Stimmen, die uns als eine Art Vätergeneration behandelten, wenn der Altersunterschied auch nur 15 Jahre betrug. Der Autor beschwerte sich über die Unersättlichkeit von 68, die Unmäßigkeit unseres Wirklichkeitszugriffs: Wir hätten den Nachkommenden nichts zum Leben übrig gelassen, keine Entfaltungs- und Erfahrungsfelder. Alles hätten wir irgendwie besetzt (um nicht zu sagen: besatzt). Vom Aufstand gegen die Elterngeneration, gegen den Staat, Anrennen gegen deren Schweigen über die Nazi-Zeit bis hin zur sexuellen Revolution hätten wir jedes öffentliche wie private Feld experimentell abgegrast, Drogen, Musik, die Kommune; die Revolution der Universitäten und der Wohnformen, von freier Liebe bis Kinderladen, die Läden der Selbsterfahrung, die Beatles und Indien, das Guruwesen; alle sexuellen und sonstigen Perversionen im Underground Comic, in der Warhol Factory das Transvestitische; die Psychoanalyse geplündert, Marx und die Theoretiker des Anarchismus, den antikolonialen Kampf der unterdrückten Völker reklamiert für uns selbst, Tupamaros gespielt und Black Panthers, angemaßte Experten in Internationalismus mit Einmischungsrecht in jeden Konflikt irgendwo auf der Erde, Feminismus und Ökologismus mitgestartet: Nichts, NICHTS hätte 68 unberührt gelassen, am Kino schmarotzt, die Literatur und Philosophie für beendet, die politische Praxis als Übertretungspraxis zur alleinigen Kunst erklärt, die anderen Künste ersetzend. Als Krone der Verheerungen den Terrorismus etabliert, Karikatur des bewaffneten Kampfes. Alles abgegrast und leer gefressen und dabei alles - so der Zentralvorwurf - irgendwie verpfuscht, angefangen und nicht zu Ende geführt, die Liste der schönen Dinge kontaminiert, unberührbar gemacht für die Folgenden, den ganzen Brei verdorben und schließlich die politischen Organisationsformen ruiniert in den autoritären K-Kader-Gruppen, unter der Führung von Alt-68ern. Stoff für sarkastische Talente also en masse. 

IV. Nicht weniger also als der Vorwurf der verbrannten Erde; ein Tiefschlag, was er auch sein wollte. Aber nicht distanziert, sondern schwer getroffen. Sehr dicht dran. Natürlich ungerecht den heroischen Mühen der Revoltierenden gegenüber; dem Karriereverzicht vieler 68er, den selbstlosen Mühen zur endlichen Zivilisierung der deutschen Nachkriegs-Gesellschaft, wie die Wühlarbeit von 68 später hier und da gewürdigt wurde; aber beschönigend gewürdigt. Ich glaube tatsächlich nicht, dass ���� historisch zu ‹verarbeiten› ist ohne die Realisierung des Anteils eigener Barbarismen in unseren Aktionen und Aktivitäten. Nicht die klassischen Barbarismen aus kultureller Rückständigkeit, sondern barbarisches Verhalten aus den Zwängen von Selbstüberforderung und Selbstüberschätzung. Die meisten der von 68 anvisierten Aufgaben waren schlicht zu groß für eine Lösung durch uns selber: umfassende permanente Weltrevolution, etwas wahnsinnig. Wenn man sich an Probleme wagt, die ‹zu groß› sind für die eigenen Möglichkeiten, für das eigene Wissen und Können, fängt man an zu pfuschen. Und, um den Pfusch zu vertuschen, zu betrügen. In den Zustand des Selbstbetrugs waren die Reste von 68 gegen Ende der 70er tatsächlich geraten, in den Zustand des undefinierten Sympathisantentums mit dem Killer-Club der wirklichen Ober-Pfuscher, den ganz und gar unwirklichen RAF-Helden. Das ist aber überhaupt nicht lustig. Der Autor jenes Abrechnungsartikels war über all das im Bilde. Er hatte etwas wahrgenommen - um es mit dem Hauptwort meiner eigenen Theoriebildung zu sagen. Verlässlich ist nur die überprüfte und mit anderen nahen Menschen geteilte Wahrnehmung von etwas Wirklichem, nicht irgendein eingebildetes selbstbehauptetes Postulat oder Diktum, von wem auch immer. Es hat zu stimmen, was man sagt. Was man denkt, tut, schreibt. Genau dies war der Rest-68 abhanden gekommen in ihrem General-Verfall, an die RAF 1977.

V. Im Übrigen rief der Anklagegestus im Underground-Magazin etwas wach in mir. Ähnliche Gefühle hatten mich beschlichen Anfang der 60er beim Eintauchen in die Bücher Henry Millers und der amerikanischen Beat-Poeten. Die hatten auch schon alles gemacht, was einem vorschwebte als Bohème-Student mit zwanzig, alles entdeckt, ausprobiert, die Kultur durchreflektiert, verworfen, anders gelebt, anders geliebt, die Welt anders aufgenommen und es aufgeschrieben in einem Bandwurm länger als The Road, von der sie zehrten und schwärmten: die sexuelle Befreiung, das Aufgehen im Jazz, die Auflösung der autoritären ödipalen Schreibweisen, vorgemacht von Joyce und den zahllosen unglaublichen Lyrikern der Moderne - alles doch schon beackert und vorhanden; welches Feld konnte man noch betreten, aus welchem vernünftigen Grund etwa zur Feder greifen? Der Grund ergab sich 1967: in und auf Flugblättern. Diesen Ohnesorg-Raum hatten sie frei gelassen: den Direktangriff auf den Staat, den Anspruch auf die politische Macht; hier waren sie zu übertreffen, hier war was zu holen. Und mächtig holte 68 aus in eben diesem Punkt - mit einem Schwanz von Texten, länger als die Straßen, die ab 1967 demonstrativ betreten wurden und nicht wieder hergegeben für die nächsten drei, vier Jahre. (Dass es diesen Schwanz von Texten auch schon gegeben hatte in der internationalen Arbeiterbewegung der 20er und 30er Jahre war uns nur rudimentär bekannt. Wir ließen uns nicht ausbremsen von rosaluxemburgischen und Komintern-Vergangenheiten.) Der 68er- Gestus des allumfassenden Neubeginns hatte somit etwas Lächerliches in den Augen der vernünftigen Älteren, die es ja auch gab. Sie hielten Distanz, begründet.

VI. Dass das Gros der 68-Texte historisch nicht haltbar war, ergibt sich aus solchen Mängeln. Anders als die europäische Frühmoderne mit ihrer reichen Buchernte hat der Moment 68 kein überlebendes Theorie-Buch hervorgebracht, und als Folgebücher in den 70ern gerade zwei: Alice Schwarzers Kleinen Unterschied und die Männerphantasien. Nicht zufällig beides Bücher im Gender-Feld; das war etwas neues. 
Dieser Befund ist aber nicht ein allein negativer, er umschreibt ein fast immer übersehenes Zentralmoment von 68: die nicht nur in Kauf genommene, sondern gewollte und akzeptierte Flüchtigkeit der Aktionen und Produktionen. 68 wollte nicht für die Geschichte produzieren, sondern für den aufgeladenen Moment. Fidel Castros ‹Anrufung der Geschichte› vor einem Gericht in Havanna hatte einen durchaus lachhaften Zug: ‹ein großer Führer spricht›. So sprechen wir nicht (Dutschke eingeschlossen - dachte ich wenigstens). 
Dass zum Ende des Jahrtausends ein alter eingefleischter Literatur-Berserker wie Peter Rühmkorf mit Tagebüchern aus der Kulisse treten würde, war vielleicht abzusehen. Tagebuch abgekürzt als TABU. Der Titel beschwor den Bruch, setzte aber eine Tradition fort: Goethe & Eckermann in I Person. Das TABU-Papier schreibt fest: die Figur des Autors in Überlebensgröße. Für mich war diese Sorte des Selbstentwurfs des Autor bzw. des großen Individuums vor der Folie der Ewigkeit untergegangen, obsolet geworden in den Umbruchsformen von 68. Erledigt und zu Ende geschrieben von all den TABU-Schreibern der Henry-Miller-Generation, ein für alle Mal. Und dann tritt Gretchen Dutschke aus der Kulisse mit einem TABU-Bündel in der Hand: Ihr Mann! Der Kerl schrieb Tagebücher. Was für ein Verrat! (Stoff für sarkastische Kommentare meinerseits).

VII. Worüber man lachen kann oder auch nicht: das Entscheidende an 68 waren nicht Politreflexionen, entscheidend war in jedem Moment der Versuch des Ausbruchs ins Unbekannte: anders leben, anders lieben, anders hören, anders sehen, anders wissen, anders reden. Nur wusste niemand wie man das macht. Revoltierend, umwälzend, ja: Aber fast in jeder Hinsicht ahnungslos, wie das geht, dieses anders. Anders lieben? Woher denn? Ein paar schüchterne Versuche auf Platten, in Kinos. Godards Masculin-Feminin 1966, Eustaches La Maman et la putain, 1973; die Beatles, All You Need Is…aber da war es auch schon zu Ende mit ihnen. Ein paar Sprüche: «Im Bett zart, gegen Bullen hart». Tolles Programm. Wahrscheinlicher war in beiden Fällen die Härte. Wer sagte oder zeigte einem, wie dieses anders lief? Ein paar Gleichaltrige. Zum Glück gab es andere, die zur selben Zeit mit derselben Intensität dasselbe wollten. Angeleitet von Buchautoritäten, den Wilhelm Reichs, Laings, Marcuses, Coopers, deren ‹Lehren› erprobt oder auch nur nachgeahmt wurden. Wer etwas ausprobiert, also - etwas erfahren, oder nur etwas nachgeahmt hatte, war nicht gleich zu sehen. 
68 ist ein Konglomerat neu auftauchender Alltagsprobleme. Bei der Frage nach der Aufteilung des je vorhandenen Geldes starb manche WG schon in der Planung. Oder: Wie offen ist eine Wohnung? Offen für jeden (angeblichen) Lehrling on the road (Spitzel?), Freund, oder gewöhnlicher Dieb, der sich davonstahl im Morgengrauen? Praktische Fragen. Wie macht man das andere Leben; andere Freunde, andere Lieben, andere Kinder? Man macht Regeln, Wohnregeln, Codes, die so schnell übertreten wie aufgestellt sind. Abstimmungsbeschlüsse ohne wirkliche Sanktionsgewalt. «Es gibt überhaupt keinen Kommunismus. Wir müssen mit der Anarchie auskommen» (Wandspruch). 
Erfahrung selbst war ein verbotenes Wort, unter Quarantäne gestellt nicht nur in R.D. Brinkmanns wütenden Ausbrüchen gegen dies Zentral- Schutz-Wort der Alten: Lebenserfahrung. Mit dem sie ihre Lügengebirge zukleisterten, ihre dreiste Aufforderung, sie doch einfach nur nachzuahmen (unter gütigem Absehen von Auschwitz, von dem sie nichts gewusst.) Lauter ehrliche Verführte. Ihre Erfahrung! Wie man Hitler geliebt hatte also und von Allem nichts mitbekam. Scheiße im Quadrat. Anders leben? War erst zu erfinden, zu zweit und in Gruppen. Ein verletzlicher Zustand; man kann ihn mit Empathie betrachten - oder als Groteske. Als Groteske besonders dies: Die Autoritäten verließen die Bücher und nahmen Gestalt an in konkreten tonangebenden Genossen an den Küchentischen. Drei, vier Vietnams draußen und ein, zwei Obergurus drinnen pro WG. Zum Lachen.

VIII. Die 1001 Nacht nicht endender Diskussionen, alkoholisiert, verqualmt, bekifft, bevor man sich erschöpft in die Arme sank, sind weniger grotesk; sind die schönste und vielleicht verdrängteste Seite von 68. Zum Tod von Ingmar Bergmann vor ein paar Monaten findet sich auf der ersten Seite der taz eine Würdigung, die Bergmanns Film Szenen einer Ehe von 1973 als «den Beginn» aller Beziehungsdiskussionen feiert. Falscher kann man nicht schreiben. 1972 beschlossen die K-Gruppen gerade, Beziehungsdiskussionen, Relikte der Studentenrevolte, abzuschaffen und zu ersetzen durch ordentliche disziplinierte Betriebsarbeit.
68 ist Leben in Widersprüchen auf der Flamme von Dauerdiskussionen. Latent oder manifest autoritäre Figuren predigen den anti-autoritären Menschen. Dagegen schmeißen anti-autoritäre Frauen Tomaten. Frauen, die kurz darauf, zu Feministinnen emanzipiert, in den eigenen Gruppen nicht weniger autoritär fuhrwerken als die Mann-Genossen, gegen die sie tomatös geworden waren. Anders als satirisch kann man damit kaum umgehen, das haben Comic-Zeichner wie Seyfried bündig vorgeführt. 
Oder: Jede/r ist frei zu tun, was er/sie will. Morgen früh müssen Flugblätter verteilt werden. Es gibt Freiwillige; die aber am Morgen nicht verteilfähig sind. Verteilen tun die, die es immer tun. Auf wen ist überhaupt Verlass? Beim Ausprobieren des neuen Lebens, Liebens, Hörens, Sehens? Ein Problem von 68? Dass ich nicht lache. Aber 68 zum ersten Mal offen gestellt. Was ist das überhaupt, ein Genosse? Einer, der für dich durchs Feuer geht (heute) und dich aufhängen will (morgen), weil er die Gruppe gewechselt hat, den Verein, die Partei. Kam vor. Musste verarbeitet werden. Hat eine komische Seite, durchaus. Oder eine traurige.
Der heute noch beeindruckendste Tatbestand liegt im Mut: Alles geschah ohne Scheu vorm Risiko. Einsatz: das eigene - geteilte - Leben. Leben, als gäbe es tatsächlich keins jenseits der dreißig.
Will man was kapieren von ihrem Moment, ist es unerlässlich, 68 von seinem Ende her zu beschreiben, vom ersten Ende, seinem ersten Zusammenbruch um 1970 herum. Drei Jahre auf Hochtouren, ein permanentes Rotieren, Ausbruch als Lebensform. Die durchschnittliche Dauer, für die die Einzelnen einer Gruppe das aushielten, durchhielten, habe ich Ende der 80er auf 2 bis 3 Jahre taxiert. Dann war die Frustrationstoleranz am Ende; Einzel- wie Gruppenkörper fragmentierten und zerstoben in Auflösungskriegen mit der Folge umkämpfter Übernahme von Mietverträgen, Übernahme gebrochener Lieben, persönlicher und politischer Ausschlüsse, neuer Versprechen, nie geheilter Verletzungen. Nicht viel anders bei den Frauengruppen, was die durchschnittliche Aktivitätsdauer angeht. (Das interne Verhalten kenne ich nicht.) Hier ist eine Frage für heute: Hat sich etwas geändert in der Konstanz von persönlichem Verhalten; in der Verlässlichkeitsstruktur der Einzelnen in politischen Gruppen und in ihren Beziehungen? Fragen für Nicht-Satiriker.

IX. Das Bewusstsein der eigenen Flüchtigkeit, für mich ein Kern des 68er Aktionismus, kam zum Ausdruck u. a. in der Selbstauflösung des SDS Ende 1969. Angesichts der explosiv in alle Richtungen stiebenden Elemente der Organisation wurde durch Mehrheitsbeschluss festgestellt: «Diese Sache ist vorbei, nun. Hiermit beenden wir sie». Dass einige dabei eine Zukunft gebaut auf den Granit von Parteien im Sinn hatten, stimmt allerdings. Für die andern galten eher ein paar Stones-Zeilen: I've got no expectations, to pass through here again. Und, weitergehender, schärfer: Our love is like our music / It's here and then it's gone No Expectations,1968 (von wegen: jeder hatte einen Arbeitsplatz in Aussicht. Total-Legende.) Bassklarinetten-Gott Eric Dolphy hatte es ähnlich formuliert: the music we play…it's in the air…and then you'll never hear it again…in einem der letzten Bühnenauftritte, kurz bevor er sich auf den Olymp schwarzer verausgabter Hornbläser verabschiedete. Aber er täuschte sich. Irgendwer schnitt es mit, irgendwer schnitt immer alles mit, der ewige Mitschneider, um es dem Archiv einzuverleiben; unersättlichen Archiven, die die Musik des Moments zwar festhalten, aber nicht entfalten. Die Verausgabung, die Selbstverschwendung, das pulsierende Herz von 68, fassen sie damit nicht. Dieser Punkt ist am schwersten nachzuvollziehen für die später Geborenen. Niemand glaubt 68 - diesen Auf-den-Putz-Hauen das Feeling einer Lost Generation. (Har har).
Anders als Eric Dolphy, John Coltrane oder Albert Ayler bliesen sich die Stones nicht mit vierzig die Seele aus dem Hals, sie blasen ihre Songs noch heute, möglichst unverändert - No Expectations! - und wollen dies auch noch mit achtzig tun, als ihr eigenes tönendes Pharaonengrab. Gegen das Überleben gibt es selbstverständlich berechtigte Einwände. I've got nothing, Ma, to live up to, singt Bob Dylan 1965, singt Bob Dylan 1968, singt Bob Dylan (manchmal) noch heute. Und betreibt seine Projekte, große. Einige, die mit einem Bein schon im Jenseits des Terrorismus waren, im Jenseits der Selbstaufgabe, sind doch noch Professoren geworden, verlässliche Eltern und, zur Hölle, sogar Minister. Da kann man ja nur lachen.
Zumindest gehört zu 68 die Geste einer partiellen Selbst-Ironie. Pigs waren nicht einfach nur die Anderen. Frank Zappa, der an die Rampe tritt, seine Hose öffnet und das Konzert startet mit den Worten «Greet you, pigs». (Animiertes Quieken der Schweinchen im Saal.) Spaßguerilla war das bessere Erbe als Grün.

X. Legenden und falsche Erbfolgen. 68 war nicht die Grünen. 68 war nicht nur außer-, es war antiparlamentarisch. Anti-stalinistisch, antibolschewistisch. Rätedemokratie! Die Industrie-Betriebe hatten wir nicht als Praxisfeld. Und in der WG? Unter WG-Bedingungen wird praktizierte Anarchie daraus, mit Individual-Nischen. Ein psychophysisches Selbst-Experiment ohne Versuchsleiter und aufzeichnende Supervision. Total hybrid. Ich kann mitlachen mit allen, die sich darüber lustig machen. Nicht mitlachen mit Herrn Westerwelle, der 68 unter Kriminalität und RAF abhaken und entsorgen möchte. 
Die Befürchtungen zum Schicksal emanzipativer politischer Gruppen im Parlamentarismus haben sich aus der Sicht von 68 voll bestätigt. Eindrücklicher als ein grüner Außenminister Fischer, der - laut Kollegin Antje Vollmer - das Prinzip ‹Putztruppe› zum Prinzip auch der innerparteilichen Auseinandersetzung machte; der Belgrad (ohne UNO- oder NATO-Beschluss) als Mit-Täter bombardieren ließ (aus Sicht der Serben in Nachfolge des Willkür-Bombardements Belgrads durch die Nazis 1941); eindrücklicher als Putztruppen-Fischer, der dies öffentlich und wiederholt als Akt der Verhinderung eines «zweiten Auschwitz» ausgab, kann man die Unvereinbarkeit von 68 mit manchen Handlungen rot-grüner Parlamentsmehrheiten und Regierungen nicht unterstreichen. Wie so oft schlägt die Wirklichkeit die Satire.

XI. Heute liegt 68 vor in Formen, die nicht 68 sind; in eher ruhiger selbstbewusster Alltäglichkeit. Dylans He not busy being born is busy dying stimmt noch, im Kern, aber she würde das nicht so sagen. Weitergeboren wurde und wird man nicht alleine. 
Bei Noam Chomsky, einem jener ungebrochenen Linken, die daran festhalten, dass nicht nur Stalin, sondern auch Lenin und Trotzki Feinde des Sozialismus waren, lese ich gerade die Sätze: «Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht.» Etwas hölzern formuliert, aber machbar als Programm. Er sieht diesen Anarchismus auf einem guten Weg in der Welt heute. «Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin.» Wenn es genug Leute gibt, die sich beteiligen an diesem Nicht-Hinnehmen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, kann man 68 getrost vergessen; es überführt sich dann in andere Daseinsformen. Das genau war der Sinn.

Über den Autor

Klaus Theweleit ist Schriftsteller, Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und Dozent am Institut für Soziologie der Universität Freiburg i. Br., zahlreiche Lehraufträge in Deutschland, den USA, der Schweiz und Österreich. Durchschlagenden Erfolg hatten seine Bücher Männerphantasien, Bd.I: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, Frankfurt a. M.1977; Männerphantasien, Bd.2: Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors, Frankfurt a. M.1978. Theweleit ist Autor zahlreicher Schriften. 2003 wurde Theweleit mit dem Johann-Heinrich-Merck- Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet. Zuletzt erschien von Klaus Theweleit absolute(ly) Sigmund Freud Songbook, Freiburg 2006.