1 Kultur und Protest

«Macht Happening und schmeißt Genossen raus. Nicht jeder hat einen Buchholzkopf.» So beschrieb die situationistische Provokationsgruppe Kommune I den im Juni 1968 bei der Besetzung des Germanistischen Seminars der FU Berlin schwelenden Konflikt mit den Genossen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) Westberlin. Betont öffentlichkeitswirksam hatten die Kommunarden laute Beat-Musik aus den Fenstern des Seminars erschallen lassen und sich über die Art und Ziele der Besetzung mokiert: «Als wir ins Germanistische Seminar kamen, war alles schon ‹vergesellschaftlichtes Produktionsmittel› geworden (‹Bücherklauen ist konterrevolutionär› stand auf Plakaten, mit Reißzwecken festgemacht, damit nichts beschädigt wurde).» Während Mitglieder des SDS die Beat-Musik als unpolitisch einstuften und das Spielen der Internationale sowie politische Diskussionen forderten, vermisste die Kommune jeglichen Aktionscharakter eines Happenings bei der Besetzung. Der Streit schien unlösbar, sodass sich die Kommune nach dem Abschalten des Stroms gezwungen sah, resigniert das Institut zu verlassen und zu resümieren: «Wir wollten das Institut verändern, die andern wollten es beschützen.»

Trotz dieser Berliner Episode muss die Revolte der Studenten und Jugendlichen in den 1960er Jahren und insbesondere das magische Jahr 1968 zuallererst als globales Phänomen gesehen werden. In ihr laufen verschiedenste politische und kulturelle Entwicklungen zusammen, deren Ursprünge man in der westlichen Welt bereits in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ausmachen kann. Eine, wenn nicht sogar die wichtigste, Bedingung für die Entstehung der Achtundsechziger-Bewegung ist die immense wirtschaftliche Konjunktur der 1950er Jahre. Ob in den USA, Großbritannien oder der Bundesrepublik, die 1950er Jahre bescherten einen wirtschaftlichen Boom, der die Tür zur Konsumgesellschaft aufstieß, wovon besonders die Mittelklasse profitierte. Diese Prosperität schuf ebenso gesellschaftliche Freiräume, die sich in einer verstärkten Freizeitkultur niederschlugen. Damit einher gingen die Entdeckung und der steigende Einfluss der Jugend als ökonomischer Faktor. Die Nachkriegs-Generation der ‹baby boomer› sorgte nicht nur für eine Explosion der Studentenzahlen und eine strukturelle Überforderung der Universitäten am Anfang der 1960er Jahre. Sie verfügte bereits ebenso über eine Kaufkraft, die sie insbesondere für die Mode- und Musikindustrie zu einer äußerst attraktiven Zielgruppe machte. Kommerzialisierung und kulturindustrielle Verwertung von Jugendkultur finden also bereits hier ihren Anfang und ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Jahrzehnt.

Dass all diese Prozesse und Diskurse international rezipiert wurden, war vor allem der Entwicklung der Kommunikationstechnologie, insbesondere dem Fernsehen und internationaler Satellitenkommunikation zu verdanken. Im Juli 1962, ein Jahr nach Gründung des ZDF, ermöglichte der von der NASA entwickelte Satellit TelstarI bereits die erste internationale Satellitenübertragung von Fernsehbildern aus den USA nach Europa. Darüber hinaus vervielfachte ein Ausbau der internationalen Passagier-Luftfahrt im Laufe der 1960er Jahre die Zahl der Flugziele und ließ zugleich die Ticketpreise sinken. Der Kalte Krieg und die verstärkten kulturdiplomatischen Anstrengungen beider Supermächte im Kampf um die globale öffentliche Meinung forcierten ebenso den Anstieg des transnationalen Austausches zu Beginn der 1960er Jahre. Technologische Möglichkeiten sowie eine sich internationalisierende Medienlandschaft sorgten so bereits Anfang des Jahrzehnts für eine Verkürzung internationaler Kommunikationsräume und eine qualitativ neue Stufe der soziokulturellen Vernetzung über die Staatsgrenzen hinweg. 

Dieses System internationalen Austausches begünstigte auch früh die Entstehung transnational bedeutsamer Subkulturen und Protestbewegungen. Das Beat-Movement oder Phänomene wie die Halbstarken lieferten so mit ihrer Wut auf die Konsumgesellschaft und die spirituelle Verödung der Gesellschaft der 1950er Jahre entscheidende Inspirationsquellen für die junge Generation. Auch künstlerische Avantgarden wie die Situationistische Internationale (SI) formierten sich auf transnationaler Ebene und führten, beeinflusst vom Existentialismus Sartres und Camus', sowie vom Dadaismus, Surrealismus und den Lettristen, Künstler und Künstlerinnen aus verschiedensten Ländern zusammen. Andere Bewegungen, wie die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, entfalteten durch ihre Ikonographie, Protesttechniken und politisch-moralischen Botschaften transnationale Inspirationskraft über die Grenzen hinweg. Ob Rosa Parks, Martin Luther King oder Freedom Rides; die Demonstrationsformen der direkten Aktion wie Sit-ins, mediale Inszenierung und das Anprangern eines Apartheidsystems in einem Zentrum der westlichen, ‹freien Welt› spielten eine entscheidende Rolle im Politisierungsprozess westlicher Aktivisten. Die aus der Bürgerrechtsbewegung erwachsene Black-Power-Bewegung inspirierte hierbei zu wachsender Entschlossenheit und Militanz gegenüber einem scheinbar kompromissunwilligen Establishment. Darüber hinaus sorgte sie auch für eine verstärkte Hinwendung zu den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und den Spätfolgen europäischer Kolonialpolitik. Am deutlichsten wurde dieser Zusammenhang in Vietnam. Der amerikanische Krieg in Südostasien avancierte zum Symbol imperialistischer Unterdrückung der Dritten Welt durch den freien Westen. Die 1965 in den USA auf breiter Front einsetzende Anti-Kriegsbewegung wirkte daher nicht nur international stilbildend in ihren Protestformen wie des Teach-ins. In der Traditionslinie eines seit den 1950er Jahren fest etablierten internationalen pazifistischen Netzwerkes gegen die Atombombe erzeugte sie in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre vielmehr den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Protestierenden weltweit: die Opposition gegen den Vietnamkrieg. Der Viet Cong, Che Guevara, aber auch Mao Zedong wurden aus dieser Perspektive heraus mit zunehmender Eskalation des Konflikts zu international verwendbaren Protestikonen, die die Unbeugsamkeit gegen einen übermächtigen, global operierenden Imperialismus illustrierten. 

Doch auch die Neue Linke selbst war transnationalen Ursprungs. Entstanden im Kreise der britischen New Left unter dem Einfluss des Historikers E.P. Thompson war sie ein europäisches Produkt, das Anfang der 1960er Jahre seinen Weg über den amerikanischen Soziologen C. Wright Mills und andere in die USA fand. Durch den amerikanischen SDS (Students for a Democratic Society) und sein 1962 veröffentlichtes, programmatisches Port Huron Statement erhielt sie ihre weitere Ausprägung und etablierte sich fortan in einem transatlantischen Zusammenhang. Denn gemeinsam war Aktivisten auf beiden Seiten des Atlantiks die Absage an den traditionellen Marxismus und seinen Fokus auf die Arbeiterklasse, eine fundamentale Unzufriedenheit mit dem Kalten Krieg (seiner Abschreckungspolitik der nuklearen Vernichtung und der Ideologie des Anti-Kommunismus), sowie die Anklage von gesellschaftlicher und politischer Apathie, Materialismus und kapitalistischem Konkurrenzdenken. 
Die internationalen Wechselwirkungen zwischen den Protestkulturen der westlichen Welt speisten sich also zum einen durch eine kollektive Protestidentität, die sowohl kulturelle als auch politische Bezugspunkte aufweisen konnte und durch einen globalen Mediendiskurs verstärkt wurde. Zum anderen gewannen diese Vernetzungen ihre Kraft auch dadurch, dass das Problem (Imperialismus, Bipolarität des Kalten Krieges, etc.) als ein internationales aufgefasst wurde und somit auch die Konstruktion eines gemeinsamen globalen Feindbildes zuließ, welches lokal anschlussfähig war. Ausgehend von den Universitäten und befördert durch gemeinsame intellektuelle Quellen oder Personen wie Herbert Marcuse, entwickelt sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre eine internationale Sprache des Dissens, die oftmals US-amerikanischer Provenienz war.


2 Lebens- und Kommunikationsstile zwischen Kommune und SDS 

Was im Rückblick als transnationale lingua franca des Protests erscheint, war in Wahrheit ein höchst vielfältiges Gemisch unterschiedlicher Dialekte, deren Sprecher einander nicht immer verstehen konnten. In Deutschland standen sich die lustbetonten Revolutionäre des Alltags aus der Kommunebewegung und die Agitatoren der Arbeiterklasse im SDS oft reichlich verständnislos gegenüber, wie die Vorgänge bei der Besetzung des Germanistischen Seminars der FU zeigen. Dutschke etwa nannte die Mitglieder der Kommune I in einem Interview im Spiegel «bedauernswerte Neurotiker». Und auf die Kommunemitglieder wirkten die abstrakt debattierenden Marxisten merkwürdig verklemmt und lustfeindlich. «Nur die rationale Diskussion verhindert allgemeine Kopulation», hieß es provozierend auf einem ihrer SDS-kritischen Flugblätter. 
Die ideologischen Differenzen fanden ihren Ausdruck auch in konträren Lebens- und Kommunikationsstilen. Während die Mitglieder des SDS sich bestenfalls durch das Tragen von Freizeitkleidung in allen Lebenslagen von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzten, griffen die Kommunarden - ähnlich den amerikanischen Hippies - tief in den Fundus von Kostümverleihen und Second-Hand-Läden. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobte anlässlich eines Gerichtsprozesses gegen Fritz Teufel und Rainer Langhans begeistert, dass gegen die bunte Eleganz des Kommunarden-Looks selbst Dressmen nur ein müder Husten seien. Fritz Teufel war in einem orangefarbenen, mit Goldknöpfen besetzten Mao-Kittel, der mit lila Manschetten und Krägelchen besetzt war, vor dem Richter erschienen und Langhans hatte eine lindgrüne Jacke angelegt, die durch rosa Knöpfe, einen rot leuchtenden Ring am Finger und die hellblaue Bluejeans einen aparten Kontrast erhielt. Dagegen wirkten die verbandlich organisierten linksradikalen Studenten in ihren Hemden und Pullovern, in ihren Jacketts und Cordhosen eher blass. Doch nicht nur in der Kleidung unterschieden sich Kommunarden und SDSler; auch Körpersprache, Wohnformen und Kommunikationsstile vertieften die ideologischen Gräben. Während sich Kommunemitglieder betont locker und ungezwungen gaben und sich das Kommuneleben bevorzugt im Sitzen auf Matratzenlagern abzuspielen schien, drückte sich der Anspruch, intellektuelle Avantgarde zu sein, bei den Kollegen vom SDS in reduzierten Formen expressiver Selbstdarstellung aus; allenfalls gelesen wurde ostentativ. 

Umso komplexer war dagegen die Sprache, die im SDS gepflegt wurde. In atemlosem Stakkato wurden Fachwörter aus Marxismus, Kritischer Theorie und Psychoanalyse aneinandergereiht. Redner produzierten nicht enden wollende Satzungetüme, und wer nicht mit Zitaten aus den Klassikern aufwarten konnte, hatte in Diskussionen einen Nachteil. Der sprachliche Sound der Kommunebewegung war ein ganz anderer. Hier nannte man die Dinge beim einfachen Namen: Man ‹bumste› oder ‹vögelte› und hatte dabei ‹Orgasmusschwierigkeiten›, und das Wort ‹Scheiße› entwickelte sich zum Hochwertwort. Man duzte bald nicht nur Genossen. Ich-Aussagen hatten Konjunktur, denn nur im subjektiv Empfundenen glaubte man Authentizität zu finden. Über die eigenen Gefühle und Probleme zu sprechen, wurde zum Fetisch des Kommunemilieus. Wer nicht mitmachte, der flog raus. Zeigte der Kommunikationsstil im SDS den Anspruch, die Revolution auf wissenschaftlicher Basis zu verwirklichen, so inszenierten die Kommunarden in ihrem Sprachgebrauch eine unmittelbare Emotionalität, durch die die zwischenmenschlichen Beziehungen revolutioniert werden sollten. «Was uns den Eltern und Lehrern überlegen macht, ist nicht die stärkere sexuelle Potenz, sondern unsere größere Empfindungsfähigkeit». So heißt es auf dem I.Flugblatt des antiautoritären Menschen. Die Unterschiede in der Selbstdarstellung gingen aber noch weiter. Während sich die SDS-Mitglieder gegen den Hang der bürgerlichen Presse wehrten, ihre prominentesten Mitglieder zu Leitfiguren zu stilisieren, arbeiteten die Kommunarden gezielt an ihrem Medienimage und verfolgten und dokumentierten mit wachsender Begeisterung alle Zeitungsberichte: bot das mediale Interesse an ihrem performativen Protest doch völlig neue Möglichkeiten der Einflussnahme auf den kulturellen Common Sense.


3 Massenmedien und Protest um 1968

Dennoch gab es auch gemeinsame Wurzeln der Protestformen von Kommune I und dem SDS. Sowohl die politischen Protestaktionen des SDS im öffentlichen Raum (Go-ins, Sit-ins, Teach-ins, usw.) als auch die situationistischen Performanceaktionen der Happeningszene, die mehr auf die Veränderung des kulturellen Common Sense abzielten, griffen auf spontaneistische Weise in die symbolische Ordnung des öffentlichen Raumes ein. Die Protestierenden inszenierten sich hierbei als symbolische Kollektivkörper, welche die bestehenden Codes öffentlicher Repräsentation zu verändern suchten. Durch körperliche Mobilmachung und die visuelle Inszenierung ihrer Aktionen setzten beide Protestszenen die statischen und hierarchischen Ordnungsregeln der ‹langen fünfziger Jahre› außer Kraft, indem sie gezielt die Möglichkeiten der ‹begrenzten Regelverletzung› nutzten. Dabei war es vor allem ein emotionsbeladener Generationenkonflikt zwischen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration und ihren Kindern, den die Studenten- und Jugendbewegung katalysatorisch verstärkte. Denn ihre Aktionen trafen im Kern tradierte Werte der älteren Generation, wie Sicherheit, Autorität, Statusdenken, materielle Existenzsicherung usw., und repräsentierten gleichzeitig in nuce Individualismus, Emotionalität und Expressivität als neue Werte der jungen Generation. 

In bisher noch nicht da gewesener Weise produzierte eine Protestbewegung so neue Codes der öffentlichen Repräsentation und erreichte damit eine breite massenmediale Öffentlichkeit. Denn ihre visuellen Protest-Ereignisse zogen unweigerlich die Aufmerksamkeit der Massenmedien auf sich. Vor allem das Fernsehen und die auf Visualität gepolten Printmedien (wie Bild-Zeitung, Stern u.a.) entdeckten die neuen Protestcodes als visuelles Spektakel. Auch wenn die rechtspopulistischen Medien, allen voran die Springer-Presse, die Protestierenden bekanntlich kriminalisierten, erkannten die Massenmedien doch sehr rasch, dass sie von den visuell-symbolischen Tabubrüchen im öffentlichen Raum profitieren konnten. Das massenmediale Interesse an den Protestaktionen war dabei eingebunden in einen umfassenden Strukturwandel öffentlicher Kommunikation, der Ende der 1960er Jahre durch den Siegeszug des Fernsehens zum neuen Leitmedium stattfand: die Umstellung auf visuelle Codes. Angestoßen durch einen technischen, institutionellen und ästhetischen Entwicklungsschub, entdeckte das Fernsehen zu diesem Zeitpunkt eigene Formen der Visualität: Neben avantgardistischen Formen, wie sie in der Musiksendung Beat-Club entwickelt wurden, zählten hierzu auch neue Formen des Dokumentarismus (Panorama). Im Konkurrenzdruck zum Fernsehen erhielt Visualität als Modus öffentlicher Kommunikation auch in den Printmedien einen immer prominenteren Stellenwert (wie dies eindrucksvoll am Stern-Magazin zu beobachten ist). In dieser massenmedialen Schwellensituation erwiesen sich die visuellsymbolischen Tabubrüche und Protestaktionen der Studenten- und Jugendbewegung daher als Katalysator in der Etablierung neuer, auf Visualität umgestellter Codes öffentlicher Repräsentation und Kommunikation, die auch zunehmend mit einer Emotionalisierung öffentlicher Diskurse verbunden war. Damit entstand ein ambivalentes Wechselverhältnis zwischen den Massenmedien und der Protestbewegung der 1960er Jahre. Auch wenn die Studenten- und Jugendbewegung vornehmlich die Massenmedien als Institutionen des kapitalistischen Systems kritisierten und ablehnten, entwickelten sich diese zu ihren wichtigsten Allianzpartnern. Auf zunächst unintendierte Weise erhielten sie ein massenmediales Forum für ihre Aktionen, welche ihnen die breite Mobilisierung von Sympathisanten ermöglichte und zudem für eine langfristige Verankerung ihrer Ziele im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft sorgte.


4 1968 und die Folgen

Die erfolgreichste, weil mediengerechteste Protestinszenierung war hierbei der Lebensstil der Kommunen. Bereitwillig zahlten auch Springer- Zeitungen für Interviews und Homestories aus der Kommune I. Das Verlangen nach provozierenden Bildern befriedigten die Kommunarden durch die Stilisierung ihrer Körper, durch Kleidung oder durch provozierende Nacktheit. Das Bedürfnis der Medien nach intimen Details bedienten sie mit Erzählungen von den sexuellen Freiheiten des Kommunelebens («Wer zweimal mit derselben pennt...») und mit der radikalen Aufhebung des Gegensatzes von privat und öffentlich. Sie veröffentlichten Protokolle von Gesprächen über ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, dokumentierten in eigenen Büchern penibel ihren Alltag und publizierten freimütig ihre Erfahrungen bei der Sexualerziehung ihrer Kinder, deren praktische Aspekte heute wohl von Gerichten als sexuelle Übergriffe bewertet würden. Einige träumten sogar von der Gründung eines Popkonzerns. Nach dem großen Tanz von 1968 jedoch verlor sich das mediale Interesse an den Kommunen, dennoch wuchs ihre Bedeutung stetig. Nach der Auflösung des SDS wurden Wohngemeinschaften zum organisatorischen Rückgrat der Protestszenen, ganz gleich ob in Frankfurt-Bockenheim oder Berlin-Kreuzberg. Im Sponti-Milieu lebten die Grundgedanken der Ur-Kommunen weiter: In ihnen wurde auf Formen kein Wert gelegt, wichtig war die Authentizität, die sich in Informalität, Spontaneität und Emotionalität äußerte. Jeder war dem anderen nah, man konnte sich leichter anfassen, in den Arm nehmen und Duzen war Pflicht. Konflikte wurden psychologisierend diskutiert und man relativierte seine Aussage als subjektiv. Die offene Zurschaustellung von Betroffenheit galt als schick und wer über seine Gefühle sprechen konnte, war ein dufter Typ. Die Inszenierung von Gefühl und Nähe wurde zum zentralen Signum des Alternativmilieus, das sich zum langen Marsch in die Mitte der Gesellschaft aufmachte. Als nach der Wahl 1983 bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags zum ersten Mal ein Grüner im Parlament sprach, da tat er etwas, was Parlamentarier noch nie in einer konstituierenden Sitzung des Bundestags gemacht hatten. Er eröffnete seine Rede mit den Worten: «Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde.» 

Die Jahre um 1968 wirkten nicht nur in der Bundesrepublik als Katalysator für die Aufweichung der Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Leben. Inszenierungen von Informalität und Nähe durchziehen heute unseren Alltag. Einigen erscheint das als eine Tyrannei der Intimität, anderen als eine humanere Gesellschaft, wieder anderen als Amerikanisierung der Alltagskultur. Ermöglicht wurde diese Transformation durch breite Kommerzialisierung gegenkultureller Versatzstücke, einen fundamentalen Wandel in der Repräsentationsästhetik der Medien sowie die vielfältigen Inspirationen einer globalen Protestkultur, vor allem deren erfolgreichster Komponente: dem lebensstilistischen Protest in der Kommunebewegung.

Über die Autoren

Dr. Kathrin Fahlenbrach ist Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Halle. 
Dr. Martin Klimke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heidelberg Center for American Studies (HCA) der Universität Heidelberg und zur Zeit Postdoctoral Fellow am Deutschen Historischen Institut, Washington, D.C. 

Dr. Joachim Scharloth ist Wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich. 
Kathrin Fahlenbrach ist Autorin von Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und Kollektive Identitäten in Protestbewegungen (2002). Martin Klimke und Joachim Scharloth sind Herausgeber von 1968. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung (2007) und 1968 in Europe. A History of Protest and Activism 1956–77 (erscheint April 2008). Zusammen leiten die Autoren das von der Europäischen Kommission geförderte Marie-Curie-Projekt European Protest Movements since 1945. (www.protest-research.eu)