Nachhaltige Generation. Die Deutschen von 1929

Von Hans Ulrich Gumbrecht

Wahrscheinlich fiele das Profil der Unterschiede eher flach aus, wenn man die Lebenswege, Leistungen und Schwächen wirklich aller Menschen je erfassen und vergleichen könnte, die in je verschiedenen Jahren geboren sind. "Überall gibt es Arme und Reiche, Gute und Böse, Kluge und Dumme", pflegte meine Frau Mutter mit zum Anspruch von Weisheit gehobener Stimme zu sagen. Dennoch behält das intellektuelle Spiel mit den historischen Generationen seine Faszination. Es lebt vom Einklammern der Normalität. Sobald man zum Beispiel weiß, dass so rechtschaffene Galionsfiguren wie Dorothee Sölle und Liselotte Pulver, Christian Meier, Jürgen Habermas und Ralf Dahrendorf, Walter Kempowski und auch Hans Magnus Enzensberger 1929 geboren sind, drängt sich die Frage auf, wie solche Protagonisten die Probleme verarbeitet und die Chancen genutzt haben, welche in einer bestimmten Folge von letztlich zufälligen Konvergenzen zwischen bestimmten Ereignissen und ihrem jeweiligen Lebensalter lagen. Ausgeschlossen bleiben im Generationen-Spiel wohl immer schon jene Zeitgenossen, die an derselben Serie von Konvergenzen gescheitert - oder tatsächlich gestorben - sind. 1929 ist das Geburtsjahr der Anne Frank, aber sie zur Generation von Lilo Pulver rechnen, wäre taktlos.

Wer 1929 zur Welt kam, dessen Leben stand, wo immer es begann, unter dem mittelbaren oder unmittelbaren Einfluss der größten Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts, obwohl sich ihre Konsequenzen nationenspezifisch so verschieden entwickelten, dass es kaum Anlass gibt, von einer internationalen Generation des Jahres 1929 zu reden. Eine Konstellation wie die von Martin Luther King Jr., dessen Leidenschaft in den Vereinigten Staaten zum Monument der Erinnerung geworden ist, Imre Kertész, dem ungarisch-jüdischen Chronisten des Holocaust, und dem formulierungsstarken französischen Medientheoretiker Jean Baudrillard bringt die Assoziationsdynamik des Generationenspiels nicht recht in Schwung. Hingegen suggeriert die Reihe der bekanntesten Deutschen aus dem Jahr 1929, unter denen eigentlich nur Habermas den Rahmen hin zu internationaler Berühmtheit gesprengt hat, schon auf den ersten Blick so etwas wie eine Generationen-Gemeinsamkeit, für die sich dann freilich nicht ebenso schnell ein totalisierender Begriff oder eine Formel anbieten. Vielleicht haben jene Impression von Einheit und diese Schwierigkeit, sie zu beschreiben, damit zu tun, dass die 1929 in Deutschland Geborenen alle historisch wichtigen Stichjahre ihrer Lebenszeit unter den Vorzeichen eines "Gerade schon" und eines "Gerade noch" absolviert haben. Diese historische Signatur hat den Stil ihres Verhaltens geprägt, ohne sie mit dem gemeinsamen Nenner eines Identitäts-Inhalts zu beschweren.

1989 zum Beispiel, als sich die deutsche Wiedervereinigung aus einer normativen Idee in der Präambel der Verfassung plötzlich zu einem politischen Prozess konkretisierte, feierten sie ihre sechzigsten Geburtstage und gehörten so gerade noch zu denen, die aus aktiven beruflichen Positionen und damals gegenwärtigen ideologischen Perspektiven auf die Gestaltung der neuen alten Nation Einfluss nahmen. Zugleich waren sie aber gerade schon alt genug, um dies von einer Ebene der Erfahrungs-Autorität zu tun, welche sie zu Vertrauensfiguren machte. Wer heute etwa die Besetzung jener staatlichen Ausschüsse untersuchte, die für die Umformung und Integration der ehemaligen DDR-Universitäten in das westdeutsche Universitätssystem verantwortlich waren, der müsste auf 1929 geborene Professoren und Kultusbeamte in der Mitte der Entscheidungsträger treffen. Genau dort wurden sie zu elder statesmen mit unheimlich gutem Gewissen. Die Herausforderungen der Wiedervereinigung, mit denen sie wenige Jahre vor dem Pensionsalter keinesfalls mehr gerechnet hatten, gaben den Deutschen von 1929 späten Rückenwind - und erklären wohl, warum es ihnen bis heute so schwer fällt, Platz zu machen für die mittlerweile sechzig Gewordenen, welche das anscheinend auf ewig gestellte Auf-der-Stelle-Treten der Achtzigjährigen zu ewiger Jugend verdammt. Zur Gnade der für die Teilnahme am Prozess der Wiedervereinigung gerade noch hinreichend späten Geburt kommt die eher zufällige Rahmenbedingung, dass die heute fast Achtzigjährigen wohl die erste Pensionärs-Gruppe sind, welche hinreichend von den lebensverlängernden Fortschritten der modernen Medizin profitiert, um dem Siechtum einer Existenz im Altersheim zu entgehen und stattdessen mit schmunzelnder Rüstigkeit Kuratorien, Gutachtergremien und Preisverleihungs-Komitees zu dominieren. "Neunundsiebzig ist kein Alter" heißt eine nur auf den ersten Blick bescheidene Formel der Einwilligung, oder "ich glaubte, mich dieser Herausforderung nicht entziehen zu dürfen". Für die Ostdeutschen desselben Jahrgangs war die Wiedervereinigung natürlich gerade zu spät gekommen, um ihr Leben noch umzuwidmen. Dies mag erklären, warum die Dramen und Texte von Heiner Müller, dem einzig wirklich großen deutschen Literaten von 1929, eine internationale Leserschaft nie gewonnen haben. Nach dem Endsieg des Kapitalismus schlug seine linke Wut über den Staats-Sozialismus ins Leere.

Auf der anderen chronologischen Seite ihres Lebens waren die deutschen 1929er am Ende des Zweiten Weltkriegs "gerade noch" hinreichend jung, um absolut unbelangbar zu sein in den Debatten um die Verantwortung für das Dritte Reich und seine Folgen. Dort formierte sich wohl ihr so massiv gutes Gewissen. Die Pimpfe in Uniform, deren Spalier ein zum Greis geschrumpfter Adolf Hitler wenige Tage vor seinem Selbstmord auf einem berühmt gewordenen Photo abschreitet, kann man bis heute bloß aus einem Blickwinkel von Erstaunen und Mitleid sehen, jedenfalls nicht mit irgendeinem Vorwurf. Zugleich waren die 1929 Geborenen nach dem Krieg gerade schon alt genug, um bald etwa mit eilig abgeschlossener Schulbildung unter den ersten zu sein, welche in Uniformjacken noch und mit abgewetzten Flanellhemden entweder Vorlesungen an den wiedereröffneten deutschen Universitäten belegten oder in das Berufsleben eintraten, noch bevor das Wirtschaftswunder zu einer begrifflich gefassten Erfahrung geworden war. Zwischen diesem doppelten Gerade noch / Gerade schon haben sich die Deutschen von 1929 zur unschlagbar nachhaltigsten Generation der jüngeren Nationalgeschichte entwickelt. Man übertreibt wohl nicht mit der Feststellung, dass sie sich innerhalb ihrer Geschichte - zwischen Kriegsende und unserer Gegenwart - wie ein raumfordernder Prozess breitgemacht und keiner anderen Generation Platz gelassen haben. Weil die Geschichte der Deutschen nach 1945 aber national und international als Erfolgsgeschichte gefeiert wird, gibt es für die Nachgeborenen nicht einmal das Anrecht, den Nachhaltigkeits-Rekord der 1929er ab und an in einen Vorwurf umzukehren. Dies wird die auf ödipale Klein-Revolten spezialisierte 68er-Generation wohl nie mehr verwinden. 

1968 waren Sölle und Dahrendorf, Enzensberger und Habermas gerade noch jung genug, um mit dem Schwung einer Protestwelle assoziiert zu werden, die sie nicht in Gang gebracht hatten, obwohl ihnen immer noch im Rückblick als berechtigt ausgesonderte Kritikpunkte zum Verdienst angerechnet werden. Als Joschka Fischer der Frankfurter Polizei Streiche spielte und meine SDS-Freunde Steine des Vietnam-Protests auf das amerikanische Konsulat an der Münchener Prinzregentenstraße warfen, waren die 1929er gerade schon zu alt, um sich auf die Vehemenz und den Charme von Kommunen, Teach-ins und Aktionen einzulassen. Jürgen Habermas wirkt auf den bis heute immer wieder gedruckten Photos von solchen Ereignissen aus den späten sechziger Jahren stets wie ein älterer Bruder, der unbedingt Solidarität mit seinen Geschwistern zeigen will, aber doch nicht alle Anzeichen von Peinlichkeit unterdrücken kann und letztlich wohl auch gar nicht will, die angesichts so laut-juveniler Streiche über ihn gekommen war. Noch peinlicher scheint es allerdings dem kaum vierzigjährigen Habermas gewesen zu sein, öffentlich nahe bei Adorno und Horkheimer zu stehen, bei jenen ursprünglichen Gott-Vätern der Studenten-Revolte, die ihren himmlischen Status in den Augen der Spiel-Revolutionäre so schnell verloren, weil sie deren - oft in ihrem guten Philosophen-Namen vom Zaun gebrochenen - Aktionen weder begrüßen noch belächeln konnten, sondern für das Ende ihrer Bildungs-Welt hielten.

Weil sie sich also geradezu staatsmännisch verhielten - dem Zeitgeist nahe, aber doch auf Distanz -, weil sie sich jedenfalls nie blamierten, stehen die Großväter aus dem Jahr 1929 heute hoch im Sympathie- und Bewunderungskurs - bei den auf so erfolgreiche Weise vernünftigen Yuppies, die sich selbst gegen ihre eigenen, nie erwachsen gewordenen Väter leicht profilieren konnten, ebenso wie bei der bis zur geistigen Total-Starre gebildeten und ausgebufften Enkelgeneration. Der Fehlschlag der kurz nach 1945 geborenen Achtundsechziger gehört als historischer und nationaler Fehlschlag ganz entscheidend zur Rolle der 1929er, weil er ihnen fast unverhoffte Vater- und Großvaterschaften und damit enorme Positionsvorteile zwischen den Generationen eingespielt hat. Sloterdijk kann nicht umhin, seine Raketen auf das sozialdemokratische Monument Habermas zu schießen, aber Habermas braucht nichts abzufangen und schon gar nicht zu replizieren, weil ihn die sehr vernünftigen Jungen sofort in Schutz nehmen werden. Wenn die 1929er nächstes Jahr zum Klassentreffen einladen und bei diesem Anlass, wie wir Amerikaner es ja immer tun, Spenden zur Einrichtung einer Stiftung einwerben, dann werden sie gewiss keine Partei und wohl auch kein Museum gründen, sondern ein Kuratorium zur Erhaltung der eigenen Nachhaltigkeit. Denn die Generation einer sich immer noch ausdehnenden Gegenwart sind sie - und jedenfalls nicht die Generation eines programmatischen Inhalts.

Es ist wie im Hause Windsor. Die Königin harrt als Großmutter aus, bis die Zeit von William und Harry gekommen sein wird. Mehr noch als blumenbeschwerte Hüte und ihre Pferdeleidenschaft ist das unglückliche Gesicht ihres ältesten Sohns, des Prinzen von Wales, das Emblem für die Nachhaltigkeit von Elisabeth II. Alles passt an diesem Vergleich, außer 1926, das Geburtsjahr der Queen.

Über den Autor

Hans Ulrich Gumbrecht wurde 1948, drei Tage vor der Währungsreform, in Würzburg geboren. Obwohl er 1968 dem SDS beitrat und als Münchener Student auch Protest-Steine warf, ist er seit 1989 Professor für Literaturwissenschaft an der Stanford University und seit 2000 US-Citizen. 2001 ist bei Suhrkamp erschienen: „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“.

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Im Jahr 2009 werden zwei bedeutende Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte gewürdigt: die Teilung Deutschlands durch die Gründung von zwei Staaten vor 60 Jahren und der Fall der Mauer vor 20 Jahren, der zur Wiedervereinigung der Deutschen führte. Die Kulturstiftung des Bundes beteiligt sich mit drei großen Projekten am Gedenkjahr 2009. Sie widmen sich dem Beitrag von Künstlern und Kulturschaffenden in ihrer Rolle als Chronisten, Kommentatoren und Kritiker der deutsch-deutschen Zeitgeschichte und der gesamtdeutschen Verhältnisse.

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