„Ja, wer sind Sie?“
Zwei Menschen sitzen hinter einem silberfarbenen Tisch. Männer, soviel ich erkennen kann. Ernst, soweit ich verstehe. Der Raum ist riesig, hat vielleicht die Größe eines Flugzeughangars. Doch von innen sieht er aus wie ein Zimmer. Weiße Wände. Ein silberner Tisch, zwei Männer. Ich nähere mich ihnen. „Verzeihung?“
„Wer sind Sie?“
„Gavron.“

„Ja, Gavron. Von wann sind Sie?“
Nun fällt es mir ein. Man hat mich mitten in der Nacht geweckt. Mir gesagt, ich solle rasch meine Zeitaccessoires einpacken, die Insignien der Epoche, wegen einer dringenden Mission in der Zukunft. Wie immer in solchen Fällen ließen sie mir nicht genug Zeit. Ich stopfte schnell ein paar Dinge in drei Fächer meiner Kapsel und dann – ich kann mich nicht erinnern. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist dieser Raum. Der silberne Tisch. Die Männer.
„Ich bin aus der Gegend der Jahrtausendwende.“ 
„Welche Millennien?“
„Ende des zweiten, Anfang des dritten. Ein paar Jahrzehnte von hier und von da. In welchem Jahr sind wir?“
Einer der beiden durchbohrt mich mit einem strengen Blick. „Wir sind in der Zukunft“, antwortet er und senkt den Kopf. „Ja, hier sehe ich es. Gavron. Sie meinen die christliche Zeitrechnung. Und höchstwahrscheinlich nach Christus. Okay. Was haben Sie für uns?“

„Drei Sachen. Das erste sind Kulturprodukte.“
Sie blicken einander an und dann mich. „Kulturprodukte?“
„Kulturerzeugnisse: Scheiben, deren Rillen Musik enthalten. Rollen, auf denen sich Streifen mit Bildern darauf drehen. Lesewerke, die aus Seiten bestehen, welche aus Papier gemacht sind. Produkte. Dinge. Die man spüren kann. Berühren kann."
„Wozu ist das gut?“
„Die Menschen lieben, liebten die Berührung. Sie haben es gerne, wenn Kunst etwas Konkretes ist. Etwas, das in der Perspektive existiert, Platz im Raum einnimmt. Etwas, das nicht nur Luft ist. Eine Luft, die sich zwar speichern lässt, der man lauschen kann, die man in diversen schönen und eleganten Versionen eines Computers anhören und anschauen kann, aber eben nur Luft, Töne, Bilder und Worte, nach denen man nicht mit der Hand greifen und sagen kann, ‚ich habe’.“
Sie schweigen, also fahre ich fort. „Sie finden es schön zu geben und zu nehmen, zu streicheln, zu riechen. Sie lieben es auch, sich zusammenzuscharen und gemeinsam Filme anzusehen, Theaterstücke, Musik zu hören.“
„Gemeinsam?“
„Viele Menschen zusammen im gleichen Raum. Eine gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung. Gemeinsamer Konsum von Kultur. Ist das etwas, das es bei Ihnen jetzt, in der Zukunft, auch gibt?“
„Herr Gavron, diese Übung beschäftigt sich nicht mit uns in der Zukunft, sondern mit Ihrer Gegenwart. Was befindet sich im zweiten Fach Ihrer Kapsel“
„Flüssigkeiten“, antworte ich.
„Welche Flüssigkeiten?“
„Ich habe hier zwei Flaschen, von denen jede mit einer anderen Flüssigkeit gefüllt ist. Eine enthält Benzin, die zweite Wasser. Kennen Sie Wasser?“
Sie blicken mich weiter an, ohne zu antworten, also fahre ich fort. „Benzin braucht man, um mit Autos und Flugzeugen zu reisen. Wasser braucht man, um zu leben. Beides verschwindet zunehmend in meiner Zeit, und daher streiten sich die Menschen darum. Wegen dieser Flüssigkeiten gibt es Kriege.“ Mir scheint, dass ich ein Runzeln auf einer ihrer Stirnen erkenne. „Um Öl hat es bereits einige Kriege gegeben, inzwischen ist es auf der Welt sicher schon ausgegangen.“ Ich blicke zur Seite, auf die weiße Wand rechts von mir, als suchte ich dort ein Fenster, durch das ich hinausschauen könnte, um zu erfahren, welches Jahr wir haben und wie es mit dem Erdöl steht. „Und Wasser ist eine neuere Geschichte, doch es beginnt ebenfalls zu verschwinden, denn die Welt erwärmt sich. Auch darum fängt man zu streiten an.“
„Schlagen Sie uns vor, diese beiden Flüssigkeiten aufzuheben?“
„Nein, ich hoffe nur, dass Sie eine ergiebigere und sauberere Energiequelle als Öl gefunden haben. Und dass es Ihnen irgendwie gelungen ist, das Wasser zu erhalten. Wasser ist ganz entschieden etwas aus meiner Periode, das, wie ich glaube, für die kommenden Generationen erhalten werden muss.“
Sie schweigen. Einer von ihnen trommelt mit einem stiftähnlichen Objekt auf den silbernen Tisch. Ich frage mich, ob ich sie enttäuscht habe. 
„Im dritten Fach befindet sich ein illegaler Stützpunkt.“
„Verzeihung?“
„Ein illegaler Stützpunkt. Das ist etwas, das an dem Ort passiert, an dem ich lebe. Es würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen, die komplette Geschichte zu erläutern, also werde ich Sie nicht damit belasten: Verschiedene Menschen erheben Besitzanspruch auf das gleiche Stück Land. Diverse Kräfte, zu unterschiedlichen Zeiten, haben versucht, das Land aufzuteilen und Grenzen festzulegen, jedoch ohne Erfolg. Die Grenzen sind unklar, die Führungsriegen schwach, die Bürger und Untertanen sind wütend, und es gibt welche, die das Gesetz in die eigenen Hände nehmen und machen, was sie wollen. Zum Beispiel errichten sie Siedlungen ohne gesetzliche Genehmigungen, mit verschleierter Unterstützung einiger Regierungsstellen sowie in Opposition zu anderen Behörden. Sie erzeugen Unordnung, Widerstand und manchmal Gewalt. Sie und ihre Gegner sind häufig von einer kompromisslosen Machtideologie angetrieben, die sich auf Religion und Nationalismus stützt, auf Gesetze und Lehren, die ihrem Anspruch nach eine ewige Wahrheit widerspiegeln, deren verpflichtende Gültigkeit nicht hinterfragt werden kann.“
Der Mann, der mit dem Stiftobjekt trommelt und bisher nichts gesagt hat, blickt mich interessiert an. Diesmal öffnet er den Mund. „Und was soll Ihr illegaler Stützpunkt den kommenden Generationen bringen? Was daran möchten Sie für uns bewahren?“
„Vielleicht nur eine Warnung: vor der Gefahr, die in Religion liegt, vor der Gefahr, die in Grenzen liegt. Ich weiß nicht, in welcher Welt Sie leben, doch falls ausreichend Zeit vergangen sein sollte, dass man gelernt hat, ohne Grenzen zu leben – würde mich das für Sie freuen. Wenn die Menschen im Laufe der Jahre weiter über die ganze Welt gewandert sind, sich die Rassen vermischt und vermehrt haben, so dass die Anzahl der ‚reinrassigen‘ Menschen erheblich ausgedünnt wurde, die ‚Mischungen‘ zur Mehrheit geworden und Nationalismus und Rassismus damit tatsächlich bedeutungslos geworden sind, da man sie im Namen von niemandem mehr unterstützen und gegen niemanden mehr richten kann – dann seid ihr glücklich. Und sollte die Religion ihre Macht verloren haben oder wenigstens nicht mehr dazu benutzt werden, um Taten ohne Moral und ohne Rücksicht zu rechtfertigen, die keine komplexere Logik haben als die, sich auf einen tausendjährigen Text zu stützen – dann beneide ich Sie.“ 
Sie blicken einander an. Mir scheint, als lächele der Stifthalter seinem Gefährten zu. Und dieser senkt seine beiden Hände flach ausgebreitet auf den Tisch und ruft laut: „Der Nächste bitte!“

Die Übersetzung aus dem Hebräischen stammt von Barbara Linner.

Über den Autor

Assaf Gavron, 1968 geboren, wuchs in Jerusalem auf, studierte in London und Vancouver und lebt heute in Tel Aviv. In Israel ist Gavron mit seinen fünf bisher erschienenen Büchern Bestsellerautor. Er hat außerdem u.a. Jonathan Safran Foer, Philip Roth und J.D. Salinger ins Hebräische übersetzt und ist Sänger und Songwriter der israelischen Kultband The Mouth and Foot. 2010 war Gavron Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. Im vergangenen Jahr erschien auf Deutsch sein Roman "Alles Paletti", übers. von Barbara Linner, im Luchterhand Verlag, München.

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Wie kann eine ökologische Lebenskunst im 21. Jahrhundert aussehen? Über Lebenskunst, die Initiative für Kultur und Nachhaltigkeit, fördert und präsentiert Lösungsansätze, die eine nachhaltige Lebensweise in unserer kulturellen und sozialen Praxis verankern. Das Über Lebenskunst.Festival vom 17. bis 21. August 2011 im Haus der Kulturen der Welt stellt alle Projekte und Initiativen vor.