Ob Klima- oder demographischer Wandel, kulturelle Bildung oder Integration, religiöse Toleranz oder soziale Gerechtigkeit, der Ruf nach einem Bewusstseinswandel und der Appell an die Zukunftsfähigkeit unseres Denkens und Handelns werden immer eindringlicher: Was brauchen wir für die Zukunft und was wollen oder sollten wir hinter uns lassen? Was können wir für das Überleben auf unserem Planeten tun und wie bewahren wir menschenwürdige Verhältnisse?

Die Kulturstiftung des Bundes widmet sich diesen Fragen in einem facettenreichen Programm mit dem Titel Über Lebenskunst [www.ueber-lebenskunst.org]. Er setzt bewusst auf semantische Mehrdeutigkeit — über Lebenskunst UND Überlebenskunst: Angesichts weltweiter krisenhafter Entwicklungen rückt die individuelle Lebenskunst, das aus der Antike stammende Konzept der ars vivendi, immer stärker in die globale Perspektive einer Kunst des Überlebens und der ebenso überlebenswichtigen Vorsorge für die kommenden Generationen. 
Vom 17. bis 21. August 2011 findet im Rahmen des Über Lebenskunst-Programms ein Themenfestival in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt, zu dem wir Tausende Besucher erwarten. Dafür wurden schon im vergangenen Jahr erste Vorbereitungen getroffen, denn dieses Festival soll in tatsächlich jeder Hinsicht, bis ins kleinste praktische Detail, von einer konsequent durchdachten Lebenskunst zeugen, angefangen bei so elementaren Dingen wie Schlafen und Essen. Zum Beispiel legte die Künstlerinnen-Gruppe myvillages.org eine ganz reale Vorratskammer für Lebensmittel an, mit denen sie die vielen Besucher über mehrere Tage bewirten will.

Vorratskammern sind im Zeitalter der Tiefkühlkost und der Billigsupermärkte mit ihren industriell gefertigten, aus aller Welt importierten Produkten etwas aus der Mode gekommen. Wir finden, es geht auch anders. Dabei geht es uns nicht bloß um die Bewirtung und den Versuch, vom Getreide fürs Brot über Leinsaat für Speiseöl bis zur Milch für den Käse alles aus eigener, energiesparender Produktion vor Ort herzustellen und zu verarbeiten. Auch die Prozeduren und Geschichten um das Sammeln und Konservieren, die Herstellung der Lebensmittel oder die Formen des Handels und Tauschens sind Teil des Vorratskammer-Projekts: Die Idee der Vorratshaltung hat in der Konsum- und Wegwerfgesellschaft eine kulturelle Dimension. Ihre praktische Umsetzung verlangt planerische Voraussicht und ökonomische Logistik. 

Uns hat die reale Vorratskammer inspiriert und den Wunsch nach einer mentalen Vorratskammer geweckt: Was brauchen wir morgen? Auf welches Wissen wollen wir später zurückgreifen können? So haben wir diese Ausgabe des Magazins der (Über)Lebenskunst gewidmet und eine Reihe von Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft gefragt, mit welchen Gedanken sie die Vorratskammer bestücken wollen. Wir haben viele Antworten bekommen, zum Teil sehr persönlich gehaltene, und waren beeindruckt von ihrer Vielfalt. Die kleinen Geschichten, Essays und Reflexionen präsentieren wir Ihnen so , dass sie an Speisekammern mit ihren ganz verschiedenen Vorräten zu erinnern vermögen — wo der Schinken neben den Würsten hängt, die getrockneten Peperoni neben den Zwiebeln liegen und das eingemachte Obst neben den Gurkengläsern steht. Eines allerdings ist in der mentalen Vorratskammer anders: Deren Produkte haben kein Verfallsdatum. Weniger von der Lebenskunst als ganz speziell von den Widrigkeiten und Glücksbedingungen des Überlebens handeln die drei längeren Texte. Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott macht sich auf die dramatisch verlaufende Suche nach den ersten geologischen Überlieferungen unserer planetarischen Entstehungsgeschichte, der französische Philosoph Michel Serres fragt, wie unser Planet überlebensfähig wird und baut gedankliche Rettungsboote, und die Filmemacherin Jutta Brückner schreibt einen berührenden Text über ihre an Demenz erkrankte Mutter, die sich in eine eigene Welt hinübergerettet hat.

Der Vorstand

Die Künstlerische Direktorin Hortensia Völckers und der Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz bilden gemeinsam den Vorstand der Kulturstiftung des Bundes.