"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", lautet Luthers Übersetzung von Psalm 90 Vers 12. In der Zürcher Bibel, die auf die Reformation Ulrich Zwinglis in Zürich zurückgeht, wird dieser Vers so wiedergegeben: "Lehre uns unsre Tage zählen, dass wir ein weises Herz gewinnen". Beide Übersetzungen lassen erkennen: Der Beter dieses alten Psalmes hat eine klare Vorstellung von Lebenskunst. Die entscheidende Aufgabe des Menschen sieht er darin, seiner Endlichkeit, Sterblichkeit inne zu werden. Dabei geht es ihm nicht um irgendeine ars moriendi, also die in vielen alten Ethiken und religiösen Traktaten entfaltete Kunst, in Demut vor Gott und im Wissen um die eigene Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit würdig von dieser Welt Abschied zu nehmen.

Man mag einwenden, dass das Sterben ein entscheidender Moment unseres Lebens ist und Lebenskunst deshalb auch Sterbenskunst einschließen muss. Aber den Beter des 90. Psalms interessiert nicht die letzte Lebensphase vor dem Tod oder das Ende des Lebens als ein bestimmter Zeitpunkt, sondern, sehr viel grundsätzlicher, ein ganz neuer Blick aufs Leben insgesamt, ein grundlegender Perspektivenwechsel. Für ihn liegt die entscheidende Lebenskunst in einer spezifischen, religiös vermittelten Reflexionshaltung, dem permanent präsent zu haltenden Wissen um die eigene Endlichkeit. Solche Todessensibilität dient hier nicht etwa dazu, einen dunklen, depressiv stimmenden Schatten aufs Leben zu werfen. Sie soll vielmehr Lebenssteigerung bewirken und fördern. Die Reflexion aufs eigene Sterbenmüssen steht hier im Dienst des Lebens, seiner Stärkung und Intensivierung: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir leben lernen."

Leben lernen heißt vor allem: Im Wissen um die unausweichliche Endlichkeit unseres Lebens die Lebenszeit, die uns geschenkt ist, in ihrer Fülle auszukosten. Sehr viele Menschen sind leider nur kaum dazu bereit oder imstande, im Hier und Jetzt zu leben. Sie verlegen ein besseres, erfüllteres Leben in eine mehr oder minder nahe Zukunft ihres Lebens, etwa in den Ruhestand oder in eine Lebensphase, in der sie über sehr viel mehr Geld verfügen als jetzt, und hoffen, dass ihr Leben dann, wenn dies und jenes endlich erreicht und eingetreten sei, schöner sei. Diese Menschen leben auf eine imaginäre Zukunft hin, auf jenes Morgen oder gar Übermorgen, an dem dann alles sehr viel besser sein soll. Solche Glücksverschieber sind notorisch gegenwartsunfähig. Sie haben durchaus je eigene Vorstellungen vom guten Leben. Auch möchten sie gerne Lebenskünstler sein – aber eben erst später, unter subjektiv geeigneteren Bedingungen. Aber sie leiden unter einem elementaren Mangel an lebensdienlichem Kunstsinn und an Kunstfertigkeit. Gelingende Lebenskunst setzt nun einmal die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, sich zum Lebenskünstler bilden zu lassen. Eine religiös vermittelte, ganz unfanatische, gelassene Todessensibilität ist die entscheidende Schule der Lebenskunst. Sie erlaubt es, zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem zu unterscheiden, und sie verhilft dazu, das Hier und Jetzt, den aktuell zu lebenden Moment ernst zu nehmen. Wer den jeweiligen Lebensmoment als gehaltvoll zu deuten, einen bestimmten Moment als mir gewährte kostbare Zeit in seiner möglichen Fülle zu gestalten und auszukosten weiß, der steigert die Intensität seines Lebens und so auch seinen Lebensgenuss. Es ist durchaus weise, momentsensibel im Hier und Jetzt zu leben – denn die Zukunft steht uns nicht zur Disposition, sie ist gerade dadurch bestimmt, dass wir von ihr trotz aller sozialtechnologischen Bemühungen um Vorhersage, Prognose und Risikofolgenabschätzung nichts Genaues wissen können.

Dem hier empfohlenen Präsentismus des Lebens scheinen die moralischen Intuitionen zu widerstreiten, die viele mit Blick auf die zerstörerischen, die Lebenschancen kommender Generationen gefährdenden Züge vieler gegenwärtiger Lebensweisen empfinden. Aber die intensivierte Wahrnehmung des je gegenwärtigen Moments schließt es keineswegs aus, Bedingungen des Überlebens der Kommenden in den Blick zu nehmen. Weisheit – eine im ethischen Diskurs der Gegenwart leider unterschätzte Tugend – gebietet es, so im Hier und Jetzt zu leben, dass man auch morgen und vielleicht gar übermorgen möglichst heiter, vergnügt und gelassen die gewährten Momente zu genießen vermag. Aber man muss sich als freies Individuum vor jener moralischen Arroganz schützen, die mir als Einzelnem gleich die Verantwortung für das ganze Überleben der Nachgeborenen oder gar das Schicksal des Planeten zuweist. Auch hier hilft der Blick in die Symbolspeicher der religiösen Überlieferungen. Die Heiligen Schriften vieler Religionen, nicht zuletzt die Bibel, sensibilisieren uns für die Knappheit von Zeit und die Endlichkeit unserer Lebensressourcen. Deshalb lege ich eine Bibel (oder, wäre ich ein Muslim, einen Koran) in meine mentale Vorratskammer. Denn ab und zu bedarf ich der aktiven Erinnerung daran, dass ich primär in der Gegenwart zu leben habe, wenn ich, auch um anderer willen, eine Zukunft haben will.

Über den Autor

Friedrich Wilhelm Graf, geboren 1948, ist protestantischer Theologe und Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München (LMU). 1999 erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Soeben erschienen sind die Bücher "Kirchendämmerung" (München: C. H. Beck, 2011) sowie "Der heilige Zeitgeist" (Tübingen: Mohr Siebeck, 2011).

Über Lebenskunst

Wie kann eine ökologische Lebenskunst im 21. Jahrhundert aussehen? Über Lebenskunst, die Initiative für Kultur und Nachhaltigkeit, fördert und präsentiert Lösungsansätze, die eine nachhaltige Lebensweise in unserer kulturellen und sozialen Praxis verankern. Das Über Lebenskunst.Festival vom 17. bis 21. August 2011 im Haus der Kulturen der Welt stellt alle Projekte und Initiativen vor.