Füllen wir also unsere Vorräte! Ich würde Blumenzwiebeln in unser Magazin legen. Bei der richtigen kühlen Temperatur halten sie sich lange. Jede Zwiebel ist winzig, schrumpelig braun und unscheinbar. Aber sie besitzt viel Energie. In jeder schlummert eine Geburt frisch wie die Schöpfung – und der stetig gegenwärtige Tod. So gesehen sind diese unscheinbaren Überwinterungsorgane wie Leibniz’ Monaden: In sich geschlossen, und doch Brennpunkte der ganzen Welt.

Ich würde die Zwiebeln der Schneeglöckchen auswählen. Sie sind freilich ein bisschen giftig. Aber Schneeglöckchen, die am Ende des Winters ihre Kelche in die graue Luft hängen, sind ein echter Anfang. Inbegriffe des Anfangens. Vor zwei Jahren habe ich verwilderte Schneeglöckchen entdeckt. Sie wuchsen in dem aufgelassenen Schrebergarten, wo die Schnittabfälle des letzten Jahres unter welken Blättern eines mageren Apfelbäumchens ruhten. Ein Dutzend Blüteninseln schoben sich unter dem Laub hervor. Anscheinend hatte die Blumen der ausnehmend harte Winter über ihren Köpfen überhaupt nicht gestört. Mit der Ausdauer, zu der nur die Wahrheit fähig ist, hatten sie sich im Dunkeln und Gefrorenen so entwickelt, wie es ihnen bestimmt war.

Ich war durch das Dickicht des aufgelassenen Grundstückes zu der Stelle unter dem Apfelbaum gegangen, ohne recht zu glauben, etwas zu finden. Zuerst entdeckte ich nichts. Aber dann, nach einer Minute suchender Blicke zwischen den körnigen Eisperlen, machte ich die feinen Halme aus, die weißen Knospen und schließlich erste Glocken, die an hauchdünnen Stielen ausschwenkten. Die Kelche hingen wie mit zarten Muskeln an ihren Stängeln, an biegsamen Hälsen eingelenkt, als wären sie mit einem elastischen Band an die Erde geknüpft. Blumen-Fesseln. Die Kelchblätter, zusammengerollt wie verschlungene Hände, drängten sich Blüte und Stiel aus einer feinen Haut, die beim Aufblühen am Stängel zurückblieb wie eine feine Zwiebelschale. Schicht um Schicht wurde es unaufhaltsam Frühling, schälte sich der Winter vom Licht ab. Um Frost, Kälte und Ödnis zu trotzen, brauchte es offenbar das größte Maß an Zerbrechlichkeit und Zartheit.

Ich kniete lange in der Grazie der Schneeglöckchen. In dieser war ich vorläufig gerettet, für die Frist, die man den Blumen noch gestattete, hier zu wachsen. Die Gärten wurden gerade planiert. Ein Park war geplant. Ich kniete bei den Blüten und spürte die Taubheit meiner Beine nicht. Von den Kelchblättern perlten kleine und immer kleinere Kristalltröpfchen herab, reflektierten die Ränder, warfen weiße Lichteffekte auf helle Biegungen der zarten Hälse, an denen die Glocken hingen, flackerten im fast nicht vorhandenen Wind. Durch die Tauperlen wurde jeder hängende Kelch zu einem gläsernen Lüster, unmerklich schwankend über der bodenlosen Schlucht eines weißen Himmels. 
Der Frühling ist eine Periode der Rekonvaleszenz, die Endphase einer Krankheit, welche das frische Leben schon in sich trägt, so wie die Kruste einer Wunde die neue weiche Körperoberfläche birgt. Sah man ganz nah hin, so zeigte sich in der ganzen Landschaft ein Netz hauchfeiner Sprünge, die sie durchzogen und durchliefen, um sie durch die farblose Oberfläche hindurch zu neuem Beginn zerbersten zu lassen. Je länger ich blickte, desto mehr Blüten schienen sich befreit zu haben. Vielleicht geschah es unsichtbar unter meinen Augen. Die Kelche der Schneeglöckchen bohrten sich als harte Spitzen durch feuchtes Laub, dessen Zerfall die Blumen eingehüllt hatte. Sterben ist ein Geburtsprozess, der rückwärts läuft; an seinem Ende steht wieder die Unfassbarkeit eines Neubeginns aus dem Nichts. 
Jeden Tag kehrte ich in den Leuchtbereich der Schneeglöckchen zurück, an manchen mehrmals. Ich vergewisserte mich, dass sie noch da waren. So sehr hatte ich das Gefühl, dass in der winzigen Geste der Blumen bereits alles enthalten war; dass die schlanken Hälse, die grünen Lanzetten der Blätter, das weißeste Weiß der Kelche, das plötzliche Dasein an einem Tag im März, das unweigerlich bevorstehende Verschwinden in den Strudeln des Frühjahrs (das Begrabenwerden von dem aufschießenden Leben) durch nichts mehr zu ergänzen waren. Was für ein Fest das Leben ist, was für ein dauerndes, rauschendes Fest, mächtig wie das All und zerbrechlich wie ein gesponnener Glasfaden im Wind. 
Es ist diese mühelose Kraftverschwendung, die wir Menschen nicht verstehen, diesen zum Zerspringen angespannten Muskel, der nichts fasst als einen Hauch von Licht, und der doch jegliches Tagen in seiner Hand hält. Die Blumen waren angekommen, mit der Geduld der ganzen Schöpfung hatten sie das vergangene Jahr auf diesen Moment gewartet, an dem sie sich dem Licht hingeben konnten. Frühlingsnarren heißen die Schneeglöckchen im Dänischen. Wir sollten uns an ihren schmalen Hals schmiegen und uns von ihm halten lassen, über einem Abgrund von Anmut.
An einem Morgen waren die Blumen fast alle fort. Jemand hatte sie mit ihren Zwiebeln ausgegraben. Als ich hinkam, als ich die Reste aus der Ferne sah, schoss mir durch den Kopf: Sie sehen von Weitem doch sehr unscheinbar aus, diese aus der Nähe alles überstrahlenden Lichtinseln. Dann sah ich die Löcher. Wildschweine, dachte ich zuerst, Wildschweine fressen also auch diese Zwiebeln. Aber dann wurde mir klar, dass jemand sie ausgegraben hatte. Vorsichtig versuchte ich mich an den wenigen verbliebenen zu freuen, als ob ich mich an einer Streichholzflamme wärmte, die jederzeit erlöschen konnte.

Über den Autor

Andreas Weber, 1967 in Hamburg geboren, ist Publizist, studierter Biologe und promovierter Philosoph. 2008 veröffentlichte er "Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit" im Berlin Verlag. 2011 erscheint "Mehr Matsch. Kinder brauchen Natur" im Ullstein-Verlag, Berlin.

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Wie kann eine ökologische Lebenskunst im 21. Jahrhundert aussehen? Über Lebenskunst, die Initiative für Kultur und Nachhaltigkeit, fördert und präsentiert Lösungsansätze, die eine nachhaltige Lebensweise in unserer kulturellen und sozialen Praxis verankern. Das Über Lebenskunst.Festival vom 17. bis 21. August 2011 im Haus der Kulturen der Welt stellt alle Projekte und Initiativen vor.