Wie kam es dazu, dass Sie sich intensiver mit Phänomenen der Ekstase in ihren Arbeiten beschäftigten?

Veränderte Bewusstseinszustände haben mich schon früh interessiert. Mit 6 oder 7 Jahren experimentierte ich mit Freunden: Erst hyperventilierten wir, dann würgten wir uns, bis wir ohnmächtig wurden – wenn wir Sekunden später wieder zu Bewusstsein kamen, war das wie das Erwachen aus einem Traum. Ich liebte das. Diese frühen Erlebnisse führten zu weiteren Erkundungen meiner Selbst, von Tanzen und Drogen bis zu Meditation und Reizentzug. Mit Beginn meiner künstlerischen Tätigkeit rückten dann eher die Erfahrungen anderer in den Fokus sowie das allgemeine Streben nach Transzendenz, das scheinbar universell ist. Auf welchem Wege auch immer Menschen Ekstase suchen – mich interessiert das grundsätzlich. Genauso interessant finde ich, wie die Wissenschaft diese Phänomene zu fassen versucht. Die Grauzone zwischen der Erfahrung veränderter Bewusstseinszustände und ihrer wissenschaftlichen Quantifizierung ist unendlich faszinierend.


Kann man ekstatische Zustände dahingehend unterscheiden, dass einem bei den einen Hören und Sehen vergeht, und bei den anderen die Sinne geschärft werden? Lässt sich das äußerlich erkennen?

Transzendenzerfahrungen sind so persönlich, subjektiv und verinnerlicht, dass ihr sichtbares Resultat völlig in die Irre führen kann. Vermutlich könnte man eine Art Diagramm anlegen, in dem die Art, oder zumindest die Intensität des ekstatischen Zustands erfasst wird, aber dies müsste auch sehr spezifisch die Ursache des Zustands festhalten und die Parameter, die ihn beeinflussen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre man immer noch stark auf die subjektive Erinnerung der Erfahrung angewiesen – die natürlich völlig unzuverlässig ist  –, aber es wäre vermutlich ein sehr amüsantes Projekt!


Bieten uns ekstatische Zustände eine Möglichkeit, die soziale Realität hinter uns zu lassen, oder „optimieren“ sie uns vielmehr, besser in ihr zu funktionieren?

Ich glaube, sie haben auf jeden Fall das Potenzial zu beidem.


In Tanz und Musik lassen sich ekstatische Zustände am ehesten evozieren und darstellen. Was ist die besondere Herausforderung an einen bildenden Künstler?

Für mich liegt die Herausforderung darin etwas zu erschaffen, das über eine einzelne, repräsentative Position hinausgeht. Ich möchte in die Grauzonen des Ekstatischen vordringen, die zwischen dem Erlebnis, seiner Übersetzung bzw. Darstellung, dem Glaubenssystem, das es umgibt, und dem Versuch seiner wissenschaftlichen Quantifizierung liegen. Deshalb arbeite ich oft mit Science-Fiction-Elementen. Science Fiction bietet mir eine neutrale Plattform, von der aus ich all diese disparaten Aspekte, die mich interessieren, zusammenbringen und in ein autonomes, nicht-hierarchisches Ganzes überführen kann.


Religiöse Ekstasen sind in der westlich-aufgeklärten Welt weitgehend historisch überholt. In anderen Kulturen spielen sie eine größere Rolle. Welche Auswirkungen wird das für eine zunehmend globalisierte Welt haben?

Organisierte Religion und die damit verbundenen Rituale scheinen im Westen zwar zu verschwinden, stattdessen wird aber zunehmend nach anderen Wegen gesucht, ekstatische Zustände zu erreichen – oft in einer Kombination aus östlicher Spiritualität und verschiedenen esoterischen, geistigen und körperlichen Techniken. Die Menschen versuchen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, und brauchen dazu kein allumfassendes religiöses System mehr. Vielleicht werden wir einmal eine universelle Technik dafür entwickeln – eine alchemistische Kombination aus den Tausenden unterschiedlichen Praktiken, die uns alle zur absoluten, endlosen, totalen ekstatischen Transzendenz führt.

 

Die Fragen stellte Friederike Tappe-Hornbostel
Übersetzung: Therese Teutsch

Jeremy Shaw

Jeremy Shaw, Jg. 1977, stammt aus Kanada und lebt heute in Berlin. Sein künstlerisches Schaffen dreht sich um die bildnerische Darstellung von Rausch und Ekstase in Videos, Fotografien und künstlerischen Experimenten mit der Bewusstseinserweiterung durch Religion, Tanz und Drogen.

Ekstase in Kunst, Musik und Tanz

Mit über 50 internationalen künstlerischen Positionen untersucht die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart ein ebenso transkulturelles wie virulentes Phänomen.