Unlängst zählte Toby Walsh, Professor für Künstliche Intelligenz (KI) an der australischen University of New South Wales, in einem Interview mit dem Tagesspiegel auf, worüber sich KI-Forscher heute Sorgen machen: „über selbstfahrende Autos, autonome Waffen, Fake News und Deep Fake, Filterbubbles und Mikrotargeting, also das gezielte Bewerben von Kunden und Wählern. Werden die neuen Technologien den Reichtum in den Händen von immer weniger Menschen konzentrieren? Wie viele verlieren ihren Job an Roboter?“ (Der Tagesspiegel vom 20.7.2019) Man könnte diese Sorgen mühelos um andere ergänzen, die mit der Digitalisierung zusammenhängen: Demokratiegefährdung, Verschwinden von Privatheit, Monopolbildung im Plattformkapitalismus, Überwachung, Cybermobbing, Verhaltensvorhersage, Energiehunger digitaler Anwendungen, Strahlenbelastung, Entgrenzung von Arbeit, informationeller Overkill, Hyperkonsumismus, Ökonomisierung von Sozialverhältnissen usw. usf. Tatsächlich bleibt kein gesellschaftlicher Bereich und keine kulturelle Praxis dem digitalen Einfluss entzogen, und auch wenn das Leben in den reichen Ländern in rasender Geschwindigkeit noch bequemer und konsumistischer wird, lassen sich zivilisatorische Fortschritte — also die weitere Verbesserung der Verhältnisse zwischen den Menschen — durch die Digitalisierung nicht erkennen. Eher scheint es so, als erlebe die Wachstumswirtschaft mit ihrer sich in alle Subsysteme ausbreitenden Steigerungslogik durch die Digitalisierung noch mal einen Dynamisierungsschub (der im Übrigen die enormen ökologischen und klimabezogenen Gefährdungen weiter verschärft).

Shoshanna Zuboff hat die Digitalisierung mit einer „invasiven Spezies“ verglichen, die in alle Bereiche einer Biosphäre vordringt und in der Lage ist, ein ganzes Ökosystem aus der Balance zu bringen — ein spontan einleuchtender Vergleich. Da wir es aber nicht mit zoologischen Habitaten, sondern mit Sozialverhältnissen zu tun haben, die durch die Digitalisierung radikal verändert werden, müsste man (in Anlehnung an Jürgen Habermas) besser von einer neuen Kolonisierung der Lebenswelt sprechen, und zwar von einer, die so tiefenwirksam und radikal ist, dass sie buchstäblich alle Bereiche der Lebenswelt durchdringt. So lange diese Kolonisierung sich, wie bei Habermas, auf die ökonomische Durchdringung der Lebenswelt bezog, ließen sich noch Bereiche identifizieren, die sich dem Zugriff entzogen — Sorgeund Liebesverhältnisse beispielsweise, auch das Spielen oder das Beherrschen eines Instruments oder das Malen eines Bildes in rein privater Absicht.

Mit der Digitalisierung ist die Ökonomisierung aber in alle lebensweltlichen Bereiche vorgedrungen — jedes für ein paar Wochen leere WG-Zimmer, jeder Beifahrersitz, ja jeder Kofferraum (als Zwischenlager für online bestellte Pakete) bietet inzwischen Gelegenheit zur Monetarisierung, jede Handlung und jede Äußerung ist Anlass für Bewertungen, jedes durch Informationssuche markierte Interesse, jede Bewegung im Raum, jede mediale Kommunikation ist Gelegenheit für die Erweiterung von Persönlichkeitsprofilen, die über Netzteilnehmer angelegt sind. Diese dienen der Verhaltensvorhersage, um wiederum Bedürfnisse zu erzeugen und am besten in Echtzeit zu befriedigen.

Besonders bemerkenswert sind dabei zwei Faktoren: Erstens mit welcher Vehemenz die Kolonisatoren dabei vorgehen und zweitens wie wenig Widerstand ihnen entgegengebracht wird. Mehr noch: Die betroffenen Gesellschaften zeigen — mindestens in Gestalt ihrer Funktionseliten — nicht einmal besondere Neigung, das, was mit ihnen geschieht, als politisches Problem zu interpretieren und zu debattieren, geschweige denn als feindlichen Übernahmeversuch zu betrachten.

Dabei kann allein schon der messianische Duktus des Google-, Facebook- und AirBnB-Sprech an die Sprache von Kolonialherren erinnern: So wie man den Eingeborenen im 17. und 18. Jahrhundert den christlichen Gott (mit allen Mitteln) nahebrachte, so geht es heute ohne Unterlass darum, „die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, „alle Krankheiten abzuschaffen“, „alle Probleme zu lösen“ und was dergleichen Heilsversprechen mehr sind. Wohlgemerkt: Es wird dabei nie berücksichtigt, dass die Probleme des menschlichen Zusammenlebens keine binären Probleme sind — wie Gewalt- und Machtverhältnisse zivilisiert werden und Ungerechtigkeit gemildert wird, sind (mit Heinz von Foerster) nicht-triviale Probleme und nicht auf wenn — dann-Logiken zu reduzieren. Die menschliche Lebensform existiert nicht in einem konditionalen Universum, sondern innerhalb von Beziehungsverhältnissen, die ihrer Eigenlogik nach nicht kausal und nicht-konditional sind — allein deswegen schon, weil Menschen alles, was ihnen als menschliche und nicht-menschliche Welt begegnet, interpretieren. Zwischen Bedingung und Folge, Ursache und Wirkung tritt in der menschlichen Lebensform daher immer etwas Unberechenbares, nämlich eine Deutung, und die fällt je nach dem kulturellen Rahmen, in dem sie stattfindet, unterschiedlich aus. 

Das ist ein weiteres Moment, das triviale binäre Logiken von den nicht-trivialen Logiken menschlichen Lebens prinzipiell unterscheidet. Menschen leben in historisch veränderlichen Kulturen, die ihr Überleben sichern und verbessern und als solche auf ihre Mentalitäten, Psychen und Selbstkonzepte zurückwirken. Man kann gerade das an der Digitalisierung wunderbar zeigen: Nachdem mit der Erfindung des Computers die Vorstellung in die Welt kam, ein menschliches Gehirn würde ebenso funktionieren wie ein Rechner mit komplexer Verschaltungsarchitektur, tauchte mit dem Internet die Gesellschaftsvorstellung auf, dass die Menschen miteinander „vernetzt“ seien (und nicht etwa in Machtverhältnissen o.ä. existierten) — man interpretierte also das Dasein nach dem Modell eines Artefakts, das man selbst geschaffen hatte. Das ging weiter: zum Beispiel mit der Deutung von Daten als „Rohstoff“ oder von Maschinenlernen als „künstliche Intelligenz“ — alles gewissermaßen Rückinstallierungen von digitalen Programmen in die soziale Welt. Inzwischen ist man bei einer Weltsicht angelangt, wo es statt um politische Fragen der Gestaltung nur noch um „Optimierung“ von irgendwas geht — mithin um die Vorstellung, dass alles — von Institutionen bis zu menschlichen Körpern und Gehirnen — defizitär sei und daher „verbessert“ gehöre.

Dabei hat sich eine Ideologie des messianischen Solutionismus ausgebreitet, die offenbar höchst erfolgreich die urkoloniale Absicht verbrämt, sich die Arbeitskraft, die Ressourcen, die Sinnsysteme und die Körper der Eingeborenen von heute anzueignen. Und die neuen Kolonialherren sind, ganz wie im analogen Kolonialismus: weiß, männlich, kulturell westlich — jedenfalls, was die überwiegende Mehrheit der IT-Spezialisten und der digitalen Wirtschaftsakteure angeht. Es ist ganz erstaunlich, dass dieser Sachverhalt weder im Feminismus noch im postkolonialen Diskurs skandalisiert wird. Vielleicht weil Smartphones so praktisch für Alle sind und die User in einer unterschiedslosen Masse von Datenlieferanten und Verhaltensgesteuerten vereinen, gleichgültig ob mit Gendersternchen oder ohne? (Schließlich sei es, so hielt mir in einer Radiodiskussion die Chefredakteurin einer politischen Wochenzeitung im vollen Ernst entgegen, zwar vielleicht so, dass vorwiegend Männer die Geräte und die Algorithmen entwickelten, aber es seien ja nicht zuletzt die Frauen, die sie benutzten.)

Und schließlich: Hatten die Kolonialisierten zu Zeiten des historischen Kolonialismus darum gebeten, mit den Segnungen einer anderen Kultur, Religion, Herrschaft und Wirtschaft beglückt zu werden? Nein. Aber ebenso wenig scheint es heute der Rückfrage zu bedürfen, ob denn die Mehrheit der Bürgerinnen eigentlich möchte, dass ihre Lebenswelt mit 5G-Antennen zur Installierung von „Umgebungsintelligenz“ ausgestattet, dass ihre Städte und Häuser „smart“, ihre Autos ferngesteuert werden und ihre Kinder in Schulen gehen, auf die wegen eines pädagogisch komplett unbegründeten „Digitalpakts“ iPads herunterregnen, natürlich von Apple. In technokratischer Selbstevidenz wird dies alles und noch viel mehr einfach exekutiert und selbstverständlich unterstellt, dass sei kompatibel mit den Verfahren einer modernen Demokratie und deren Souverän, dem autonom urteilsfähigen Subjekt.

Aber gerade diese beiden Seiten — eine Gesellschaftsform, die individuelle Freiheit ermöglicht und ein Subjekt, das diese Freiheit autonom nutzt und verteidigt — stehen im Zentrum des neokolonialen Angriffs. Unlängst hat Andreas Bernard in seinem Buch Komplizen des Erkennungsdienstes dargelegt, dass die Formate der Selbstbeschreibungen und der wechselseitigen Überwachung von Verhalten, wie sie heute durch die Ortungsfunktionen der Smartphones und die eingebauten Dauermessungen von Schrittzahl und Schlafrhythmus allgegenwärtig geworden sind, ursprünglich der Psychometrie und Kriminologie entstammen, mithin der Kontrolle abweichenden Verhaltens dienten. Heute sind sie für alle Smartphone- User so veralltäglicht, dass die Verhaltensnormierung nicht erst bei irgendeiner manifesten Devianz einsetzt, sondern jede und jeder als potentiell abweichend definiert ist und dementsprechend alle Lebensäußerungen beständiger Kontrolle und — vor allem auch — quantifizierter Selbstkontrolle unterliegen.

Seinen bizarrsten Ausdruck findet das in der Quantified-Self-Bewegung, deren Jüngerinnen und Jünger peinlichst darauf bedacht sind, alle ihre Handlungen quantitativ bewerten zu lassen, weil es — wie es einer ihrer Gurus formuliert hat — um „die Optimierung der menschlichen Existenz“ geht. Der Siegeszug der Fitbit-Armbänder und Apple Watches genauso übrigens wie die extrem gestiegene Selbstaufmerksamkeit in Sachen Ernährung, Aussehen, Leistungsfähigkeit zeigen, dass die Verinnerlichung von Kategorien des Messens, Kontrollierens, Vergleichens und Bewertens selbstverständlicher Bestandteil alltäglicher Lebensführung geworden ist. Anders gesagt: dass etwas, was vor einer Generation noch als völlig unangemessener Eingriff in die eigene Urteilsfähigkeit und freie Lebensgestaltung empfunden worden wäre, heute ganz selbstverständlich als Verhaltensnorm gilt, der man gerne nachkommt.

Adrian Lobe hat in einer ähnlichen Stoßrichtung in seinem im September erschienenen Buch Speichern und Strafen in Anlehnung an Michel Foucault herausgearbeitet, wie diese Kolonialisierung des Verhaltens sich in einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel übersetzt, in dem Herrschaft primär nicht mehr von gewählten Regierungen ausgeübt wird, sondern von privaten Institutionen der informationellen Versorgung, den Versicherungen und nicht zuletzt den in den Hosentaschen mitgeführten oder in den Wohnungen stehenden Verhaltenspolizistinnen namens Siri oder Alexa: „Die großen Internetfirmen Google, Amazon, Facebook und Apple mutieren zu parastaatlichen Akteuren, die Verhaltensregeln aufstellen (Siri rät dem Nutzer etwa vom Rauchen ab), Bevölkerungskontrollen durchführen oder Beweise für den Strafprozess führen.“

Mehr noch: Die großen Internet- und Kommunikationskonzerne installieren Infrastrukturen — von monopolistischen Suchmaschinen über soziale Netzwerke bis hin zu Datenübertragungsnetzen — die nationaler Souveränität schon deshalb entzogen scheinen, weil es die jeweiligen staatlichen Finanzhaushalte und der Stand der Forschung gar nicht zulassen, eigene Strukturen zu installieren. Darüber reproduziert sich ein neokoloniales System, in dem Google, Amazon etc. global alternativlos sind und das Ausscheren von Gesellschaften aus diesen Superstrukturen gar nicht ermöglichen.  

Eine Ausnahme davon bildet China, das als bevölkerungsstarke Diktatur frühzeitig eigene Parallelstrukturen von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken etc. aufgebaut hat, die es ab 2020 zu einem System der perfekten Verhaltenskontrolle ausbaut, das ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Totalitarismus aufschlägt. Verhaltenskontrolle bedeutet hier, dass erwünschtes Verhalten durch Vergünstigungen prämiert und abweichendes bestraft wird — die Daten dazu müssen nicht mehr von Geheimpolizeien und Spitzelarmeen erhoben werden, die liefern die Überwachten selbst. Und die finden, wie man hört, das deswegen gut, weil die Einfügung in die vorgegebene harmonische Ordnung von Freiheit, Urteil und Verantwortung entlastet.   

Vermutlich liegt genau in diesem Entlastungsangebot vom permanenten Selbstdenken und Selbstentscheiden auch in den formal freien Gesellschaften ein so hoher Attraktionswert, dass man sich den algorithmischen Normen willig unterwirft. Denn dass mit all dem die Subjektmodelle, mithin auch die kulturell geprägten Vorstellungen, die Menschen von sich selbst haben, tiefenwirksam geprägt werden, führt zu Konzepten, die eins zu eins zu den Absichten der Kolonisatoren passen: Wenn Menschen und ihre intellektuellen und physischen Fähigkeiten als grundsätzlich defizitär verstanden werden, ist es natürlich zwingend notwendig, ihnen mit den Errungenschaften der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz auf die Sprünge zu helfen, sie also zu optimieren. Foucault hat das die „Wechselwirkung von Herrschaftstechniken und Selbsttechniken“ genannt. Und wie die Einzelnen sich als defizitär und optimierungsbedürftig ansehen, wird auch ihre Lebenswelt definiert: als ein Universum ungelöster Probleme, die dringend der Bearbeitung durch digitale Anwendungen bedürfen. Im Ergebnis ist daran übrigens im Unterschied zur Selbstreklame der Digitalwirtschaft gar nichts disruptiv, denn es wird ja nichts im Grundsatz verändert, sondern lediglich vorhandenes „optimiert“, ganz unbeschadet von der Frage, wozu es dient, worauf es eine Antwort sein sollte, ob es völlig unzeitgemäß ist oder immer schon blödsinnig war.

Ivan Illich hat den zugrundeliegenden Herrschaftsmechanismus einmal so beschrieben: „Wenn Verhalten, das zum Wahnsinn führt, in einer Gesellschaft als normal gilt, lernen die Menschen um das Recht zu kämpfen, sich daran zu beteiligen.“ Und das bedeutet: Die Kolonialisierung der Lebenswelt beginnt dann perfekt zu werden, wenn die Herrschaft gar nicht mehr als eine äußere empfunden wird, sondern sich in verinnerlichte Normen und Selbstzwänge übersetzt hat, denen die Beherrschten freiwillig und zum eigenen Vorteil zu folgen glauben.

Wenn man sich anschaut, mit welcher Willfährigkeit Politik und Institutionen, also Parlamente, Ministerien, Universitäten, Schulen, Kultureinrichtungen usw. ihre ureigensten Handlungsfelder durch digitale Geräte, Kontroll-Logiken, Überwachungen, Prüf- und Bewertungskriterien — kurz: Überformungen ihrer Praktiken und Kompetenzen — imprägnieren lassen, muss man erstaunt sein. Denn der Grund dafür liegt ja subtiler Weise darin, dass man offenbar mehrheitlich den Entwertungsrhetoriken der Kolonisatoren glaubt und folgerichtig zustimmt, dass alles, was man bislang getan hat, irgendwie „suboptimal“ und eben „defizitär“ gewesen sei. Das in der Tat ist der erfolgreichste Mechanismus kolonialer Herrschaft: die Unterstellung, dass die Beherrschten inferior, kindisch, unfähig und unzivilisiert seien, in deren Selbstbildern zu verankern. Vor diesem Hintergrund bedarf es in den liberalen Demokratien und ganz besonders in ihren Institutionen dringend eines antikolonialen Widerstands — gegen die Zerstörung eigener und eigensinniger Kulturen.

Harald Welzer

Harald Welzer, 1958 in Blissendorf bei Hannover geboren, ist Soziologe und Sozialpsychologe. Außer durch seine umfangreichen publizistischen und seine akademischen Tätigkeiten als Professor für Soziologie hat sich Welzer als Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit und Herausgeber von taz.FUTURZWEI, einer Zeitschrift für Politik und Zukunft, einen Namen in der Debatten- und intellektuellen Streitkultur gemacht. Welzers jüngstes Buch trägt den Titel Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen und ist im S. Fischer Verlag erschienen.