Die Kulturstiftung des Bundes richtet vom 20. bis 23. April 2006 den Tanzkongress Deutschland in Berlin aus. Seit mehr als 50 Jahren ist die Tradition der Tänzerkongresse unterbrochen. Dabei sind diese Zusammenkünfte von Tänzer/innen, Choreograf/innen und Tanzpädagog/innen kulturhistorische Großereignisse im 20. Jahrhundert gewesen, die der Entwicklung des modernen Tanzes außerordentliche Impulse gegeben haben. Die Tanzdramaturgin Patricia Stöckemann rollt die Vorgeschichte des Berliner Tanzkongresses auf.

Nachhaltig brachten sie den Tanz in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein: die Tänzerkongresse im 20. Jahrhundert. Sie bildeten die ersten Diskussionsforen für den Tanz, zeigten an, wo Tanz und Tänzer ästhetisch, theoretisch, sozial standen, diskutierten Missstände, entwarfen Visionen und konkrete Arbeitsschritte wie zur qualifizierten Ausbildung von modernen Tänzern, zur Etablierung einer ersten Tanz-Hochschule, zum Tanz als Wissenschaftsdisziplin, zur Förderung von Tanz im Laienbereich oder zur sozialen Gleichstellung der Tänzer in der Gesellschaft.

Die Entstehung und Verbreitung des modernen Tanzes in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte eine Reflexion über seine Geschichte, Theorie und Ästhetik in Gang gesetzt, ein Nachdenken über die eigene Disziplin und das eigene Tun, das — im Rückblick betrachtet — richtungweisend für die Entwicklung des Tanzes und seinen begleitenden sowie tanzimmanenten theoretischen Diskurs wurde. Die Tanzkongresse gaben diesen Diskursen Raum. Sie wurden zu Treffpunkten, zu Orten der Auseinandersetzung und des Gedankenaustauschs Tanzschaffender aller Richtungen, von Tänzern, Choreographen über Tanzpädagogen bis hin zu denjenigen, die den Tanz schreibend, reflektierend, kritisierend begleiteten. Der Tanzkongress Deutschland, der vom 20. bis 23. April 2006 in Berlin stattfindet und der erste im 21. Jahrhundert und zugleich der erste nach dem letzten historischen Kongress 1952 ist, hat Tanz als Wissenskultur zum thematischen Schwerpunkt der Veranstaltung gewählt. Mit dieser inhaltlichen Vorgabe und Konzeption stellt er sich in die gute Tradition seiner Vorläufer. Er bietet wie sie ein Gesamtprogramm mit hochkarätigen Referenten und Experten. Fragen und Problemstellungen des Tanzes werden in verschiedenen Programmformaten (Vorträgen, Gesprächen, Arbeitsgruppen, Laboratorien, Lecture Demonstrations) nachgegangen und vor Fachpublikum diskutiert. Das Themenspektrum ist vielfältiger geworden, so wie der Tanz auch. Doch viele Themenbereiche finden sich wieder auf der Suche nach einer zeitgemäßen Antwort: Tanzausbildung, Tanz für alle (auch an Schulen), Produktionsstrukturen, Tanz und Geschichte, Tanzästhetik, choreographische Arbeitsweisen, Tanzpolitik.

Die Bedeutung so eines Tanzkongresses lässt sich am Beispiel seiner Vorläufer ablesen. Bezeichnenderweise ging die Initiative zu den historischen Kongressen — ganz anders als die des Berliner Kongresses — von den Protagonisten selbst aus. Das waren damals Rudolf von Laban, Kurt Jooss und auch Mary Wigman, die den Anstoß gaben und die Veranstaltungen programmierten. Schon die damalige Bezeichnung Tänzerkongress statt Tanzkongress machte deutlich, wer im Zentrum dieser Tagungen stand: die Tanzaktiven selbst — Tänzer, Choreographen, Pädagogen, — um künstlerische, ästhetische, pädagogische, soziale aber auch organisatorische Fragen zu erörtern.

Theoretische Reflexion und künstlerische Darbietung, Theorie und Praxis zu verbinden, bestimmte das Interesse der Programmgestalter 1927 in Magdeburg, 1928 in Essen und 1930 in München. Das zeigte sich u.a. in der Ausgewogenheit von Wort- und Tanzbeiträgen, die die Künstler leisteten. So waren Laban, Wigman, Jooss und ihre Kollegen genauso mit eigenen Produktionen im Rahmen des Vorstellungsprogramms zu sehen wie mit Vorträgen und Diskussionsbeiträgen im Tagungsprogramm zu erleben. Sie engagierten sich auf allen Ebenen für die Sache des Tanzes, wurden zu Wortführern, ja Anführern in der politischen Forderung nach einer Lobby für den Tanz und einer Qualifizierung des Tanzes in all seinen Bereichen. Ihre Präsenz verlieh den Kongressen Wichtigkeit, Brisanz, Profil und internationale Aufmerksamkeit.

Konnte Magdeburg als erster Kongress bereits 300 Teilnehmer verbuchen, zählten die Veranstalter in Essen schon über 1000, um in München mit 1400 den Rekord zu brechen. Die Namen, die auf den Tagungsprogrammen dieser ersten drei Kongresse standen, lesen sich wie das Who is who der Tanzgeschichte: Rudolph von Laban, Mary Wigman, Kurt Jooss, Max Terpis, Rosalia Chladek, Yvonne Georgi, Harald Kreutzberg, Gret Palucca, Sigurd Leeder, Aurel von Milloss, Vera Skoronel, um nur die bekanntesten zu nennen. Aus der Musik und Theaterszene wirkten Egon Wellesz, Rudolf Wagner-Régeny, Lothar Schreyer, Oskar Schlemmer mit, als renommierte Tanzautoren und -kritiker Oskar Bie, Hans Brandenburg, Fritz Böhme, André Levinson.

Der solidarische Zusammenschluss aller Tänzer in einer Berufsorganisation, die ihre künstlerischen und wirtschaftlichen Interessen in der Öffentlichkeit und bei den Behörden schützte und förderte, war genauso Resultat der Tänzerkongresse wie die Publikation der ersten beiden Tanzzeitschriften in Deutschland: Schrifttanz und Der Tanz (beide 1928). Mit diesen beiden Einrichtungen hatte der Tanz zwei Medien erhalten, die ihn öffentlich vertraten, für ihn eintraten und ihn in der Gesellschaft positionierten.

Eine Zäsur für die Tänzerkongresse brachten die 30er Jahre. An die Stelle der Kongresse, die theoretische Diskurse implizierten, traten die Tanzfestspiele, die die Protagonisten des nunmehr deutschen Tanzes präsentieren sollten. Über Ästhetik, Organisationsstrukturen, Tanztheorie usf. zu diskutieren war obsolet geworden. Die NSDAP gab — durch ihre Bevollmächtigten in der Reichskulturkammer — die Richtung vor. Die Tänzer hatten nicht mehr selbst zu denken und ihr eigenes Medium zu reflektieren, sondern so zu tanzen und zu choreographieren, wie es die Ideologie vorschrieb.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand man sich 1951 und 1952 in Recklinghausen wieder zu Tänzerkongressen zusammen, die an die der 20er Jahre anknüpften und sich den Problemstellungen des Tanzes nach 12 Jahren Hitler-Herrschaft und Krieg widmeten. Zentrale Frage auf beiden Veranstaltungen war die nach dem Wie des Wiederaufbaus einer deutschen Tanzszene und eines künstlerischen Niveaus. Es waren die Tänzer, die diese Fragen stellten und den Impuls zu den Kongressen gegeben hatten, allen voran die Altmeister Mary Wigman und Kurt Jooss. Sie setzten sich, wie schon zwei Jahrzehnte zuvor in Magdeburg, Essen oder München, bedingungslos für ihre Kunst und für die Gestaltung einer neuen Zukunft des Tanzes ein.

Heute könnten an ihrer Stelle eine Pina Bausch oder ein William Forsythe stehen. Doch es sind nicht mehr die Tänzer, die so einen Kongress initiieren und programmieren würden. Bestimmte Ziele, für die im 20. Jahrhundert noch gekämpft wurde, sind — zumindest bis zu einem gewissen Grad — erreicht: Der Tanz hat eine (wenn auch kleine) Lobby gewonnen und sich im sozialen und kulturellen Leben mehr denn je verortet. In der Kulturstiftung des Bundes, der Initiatorin des Tanzkongresses 2006, hat er erstmals eine Partnerin und Förderin auf Bundesebene hinter sich. Mit dieser als Mitstreiterin und dem Tanzkongress Deutschland als Auftaktveranstaltung geht es in eine neue Runde für den Tanz in Deutschland. Es gilt, ihn in all seinen Bereichen und auf allen Ebenen der Gesellschaft zu verankern, ihn aber auch weiter zu qualifizieren. Das Wissen und Potenzial, das der Tanz zu vermitteln hat, muss als Bestandteil der allgemeinen Bildung und des kulturellen Archivs begriffen und genutzt werden. Der Kongress sollte Wege und Möglichkeiten diskutieren, wie dieses Wissen in Bewegung und um Bewegung weiter erforscht, vertieft, um- und eingesetzt werden kann. Er sollte sich den Fragen nach der sozialen Lage und Absicherung der Tänzer genauso stellen wie den Problemen nach den veränderten Anforderungen an Produktionsbedingungen und -strukturen. Für die Positionierung und Verortung des Tanzes in Gesellschaft, Kultur, Politik und Wissenschaft im 21. Jahrhundert wird der Tanzkongress Deutschland — wie seine historischen Vorläufer gezeigt haben — von hoher Signalwirkung, Relevanz und Ausstrahlung sein und ein verstärktes öffentliches Bewusstsein für den Tanz schaffen.

Über die Autorin

Patricia Stöckemann ist Dramaturgin beim Bremer Tanztheater.