Die erinnerungskulturelle Landschaft in Deutschland ist heute so vielfältig wie nie. Institutionen und Initiativen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler arbeiten für eine lebendige und kritische Geschichtskultur. Vor diesem Hintergrund kamen am 13. und 14. März 2026 auf Kampnagel in Hamburg über 300 Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Feldern zum „Vernetzungstreffen Geschichtskultur“ zusammen, um Netzwerke in der erinnerungskulturellen Arbeit zu stärken, den Austausch von Wissen zu fördern und nachhaltige Kooperationen anzustoßen.
Zum Vernetzungstreffen eingeladen waren Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedensten Bereichen: Praktikerinnen, Fachleute, Künstler, Vertreter von Kulturinstitutionen und Wissenschaftlerinnen, die sich für eine lebendige, vielfältige Geschichtskultur einsetzen – lokal wie überregional, akademisch, künstlerisch wie zivilgesellschaftlich etabliert oder neu entstanden. In Workshops und dialogischen Formaten wurden gemeinsame Ansätze und Schnittstellen identifiziert, Herausforderungen diskutiert und erste Ideen für gemeinsame Projekte entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Frage danach, welche Formen des Gesprächs und der Zusammenarbeit nötig sind, um demokratische Erinnerungskultur zukunftsfähig zu gestalten.
Oliver von Wrochem, Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen und Sprecher der AG KZ-Gedenkstätten
„Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen bleibt die Beschäftigung mit der deutschen Gewaltgeschichte eine zentrale Säule unserer Demokratie. Der Blick zurück ermöglicht es, gesellschaftliche Prozesse geschichtsbewusst zu gestalten. Für eine plurale und dezentrale Geschichtskultur braucht es Foren wie dieses Vernetzungstreffen, das sich für eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, SBZ/ DDR und Kolonialismus engagiert und dabei Gemeinsamkeiten wie Unterschiede reflektiert. Damit wollen wir auch jeglichen Versuchen entgegentreten, diese Gewaltgeschichte zu leugnen oder zu relativieren. Um das zu erreichen, arbeiten wir an neuen Allianzen, Kooperationen sowie themenübergreifenden Ideen und nutzen dabei auch das große Potenzial künstlerischer Positionen – für ein solidarisches Miteinander im Hier und Jetzt.“
Helge Heidemeyer, Direktor der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und Sprecher der AG der Gedenkstätten zur Diktatur in SBZ und DDR
„Glücklicherweise arbeiten die Institutionen und Initiativen, die sich mit Folgen und Nachwirkungen der Gewaltausübung des deutschen Staates auseinandersetzen, vermehrt zusammen. Synergien in der Arbeit von Erinnerungsorten und Gedenkstätten stärken uns alle – freilich ohne die Einzigartigkeit der Shoah in Frage zu stellen. Solidarische Zusammenarbeit wird die zentralen Grundwerte unseres Staates wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte weiter in den Fokus rücken und stärken. Angesichts der Bedrohung dieser Werte weltweit, aber auch in den Parlamenten und auf den Straßen Deutschlands ist das wichtiger denn je. Die Geschichte der DDR hält mit der Bürgerrechtsbewegung und der Friedlichen Revolution Kristallisationspunkte erfolgreichen Widerstands gegen ein diktatorisches Regime bereit. Dieses Empowerment kann ermutigen.“
Sonia Octavio, Fachpromotorin Dekoloniale Perspektiven, Ossara e. V.
„Die kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus hat in der erinnerungskulturellen Arbeit erst vergleichsweise spät an Bedeutung gewonnen. Lange Zeit war dieses Kapitel der Geschichte von gesellschaftlicher Amnesie geprägt. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch ein intensiverer Aufarbeitungsprozess entwickelt, der sich in vielerlei Hinsicht an den Entwicklungen anderer Erinnerungskulturen orientiert. Auf zivilgesellschaftlicher Ebene bestehen bereits Vernetzungen zwischen erinnerungskulturellen Akteur*innen. Sie zeigen, dass auch jenseits staatlicher Prozesse ein starkes Engagement besteht, Dialog zu führen und Verantwortung in der Erinnerungskultur aktiv zu gestalten. Die Veranstaltung versteht sich daher als mehr als nur ein Treffen: Sie bietet Raum für Austausch, gemeinsames Lernen und neue Impulse für die praktische Arbeit.“
Katarzyna Wielga-Skolimowska, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes
„Zwischen künstlerischer Freiheit und historischer Verantwortung gibt es keine bequeme Mitte – ihr Verhältnis muss stets aufs Neue ausgelotet werden. Kunst trägt als eigenständige ästhetische Praxis wesentlich zum kollektiven Gedächtnis bei: Sie hat andere Wege als etwa die Pädagogik, um Fragen zu stellen und eine Sprache zu finden für das, was sonst ungesagt bleibt. Zugleich gestalten Kultureinrichtungen erinnerungspolitische Debatten aktiv mit und werden durch diese geprägt. Die Kulturstiftung des Bundes fördert die künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Erinnern seit Langem. Wir sind überzeugt, dass das Spannungsfeld zwischen Kunst, Kulturinstitutionen, Gedenkstätten und Zivilgesellschaft in der Praxis für ein vielstimmiges Erinnern produktiv ist.“
Zum Hintergrund
Das „Vernetzungstreffen Geschichtskultur“ fand am 13. und 14. März 2026 auf Kampnagel in Hamburg statt als gemeinsame Veranstaltung von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Decolonize Berlin, Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors, Kulturstiftung des Bundes, Ossara e.V., Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte und wurde vorbereitet von:
Manuela Bauche (Freie Universität Berlin, Erinnerungsort Ihnestraße), Julana Bredtmann (Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors), Sebastian Brünger (Kulturstiftung des Bundes), Tahir Della und Merel Fuchs (Decolonize Berlin), Ibou Diop (Stadtmuseum Berlin), Jenny Baumann (Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur), Jo Frank (Coalition for Pluralistic Public Discourse), Helge Heidemeyer (Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen), Oliver von Wrochem und Susann Lewerenz (Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte), Sonia Octavio und Catherine Schlüter (Ossara e.V.).