Anlässlich des 125. Geburtstages von Will Grohmann wurde mit der monografischen Ausstellung an seiner langjährigen Wirkungsstätte Dresden an das Lebenswerk eines der einflussreichsten Kritikers der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts erinnert. Dabei ging es zugleich um den Versuch, die biografischen, institutionellen und kulturpolitischen Wirkungsmechanismen der Kunstkritik zu visualisieren. Vor dem Hintergrund schwindender Deutungsmacht der aktuellen Kunstkritik erfragte das Ausstellungsprojekt die Gründe für den publizistischen Erfolg und den kulturpolitischen Einfluss von Will Grohmann. Eine Prämisse der Ausstellung war dabei, dass die Sichtung, inhaltliche Deutung und kulturpolitische Vermittlung von Kunst durch Kritik nicht ohne professionelle „Vereinnahmung“ des Kritikers in die verschiedenen künstlerischen und institutionellen Produktionszusammenhänge von moderner Kunst vorstellbar ist. Im Gegenteil ist eine Kunstkritik, die folgenreich sein will, geradezu darauf angewiesen, sich im komplexen Gefüge von Kunstproduktion, Ausstellungswesen, Kunsthandel und Publikum als eigenständiger geschmacks- und meinungsbildender Faktor zu behaupten. Die Biografie Will Grohmanns (1887–1968) kann in dieser Hinsicht als kulturhistorischer Modellfall gelten – sowohl für die Gestaltungschancen wie für die Wirkungsgrenzen intellektueller Eliten unter den Bedingungen sich wandelnder politisch-sozialer Verhältnisse.

Die Ausstellung zeigte herausragende Werke der von Will Grohmann protegierten Klassischen Moderne – etwa von Paul Klee und Lyonel Feininger –, die nach ihrer Diskriminierung als „Entartete Kunst“ zum ersten Mal wieder in Dresden zu sehen waren.

Die Aktivitäten Grohmanns begleiteten die deutsche und internationale Kunstentwicklung über einen Zeitraum von fünfzig Jahren – vom Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tode 1968. Er war als Kritiker, Kunstwissenschaftler, Kurator, Sammler und Berater an der Dresdner Sezession 1919 beteiligt, trat in den 20er und 30er Jahren für die Künstler der Brücke und des Bauhauses ein, führte das deutsche Publikum an die französische Moderne heran, schrieb für die Nationalsozialisten und versuchte zugleich, deutsche Künstler in der Emigration zu protegieren, warb nach 1945 im In- und Ausland für die deutschen Abstrakten. Er verfasste Monografien zu Klee, Kandinsky, Kirchner und Baumeister, die bis heute als Standardwerke gelten. Als Kurator bedeutender Ausstellungen – u.a. Dresden 1926 und 1946, documenta I-III, Biennalen von Venedig und São Paulo – hatte er maßgeblichen Anteil an der internationalen Vermittlung der Avantgarden.

Von all dem war in der DDR und ist bis heute in den fünf neuen Bundesländern wenig bekannt. Werke der Nachkriegsmoderne und der abstrakten Kunst – jenes großen Stilentwurfs der 1950er Jahre – waren in Ostdeutschland für ein breiteres Publikum bis 1989 praktisch unerreichbar und gehören wegen der inzwischen extremen Marktpreise auch heute noch nicht in nennenswertem Umfang zu den ostdeutschen Museumsbeständen. So war mit der Ausstellung in Dresden u. a. erstmalig eine Werkauswahl abstrakter Kunst zu sehen sein, wie sie seit Jahrzehnten zum Bestand jedes westdeutschen Museums der Moderne gehört, während sie in Dresden wegen ihrer Verfolgung oder der Marginalisierung im Zuge von Nazi-Propaganda oder sozialistischer Kunstdoktrin bis heute zahlenmäßig unterrepräsentiert ist.

Die Ausstellung beschritt neue Wege für die Vermittlung kultureller Bildungsinhalte, indem sie die Möglichkeiten moderner Multimedia-Technologien und deren neueste Trends einsetzte. Die Präsentation hochkarätiger Kunstwerke wurde untersetzt mit der Vermittlung von Daten und Hintergründen sowohl zum Kunstwerk als auch zu den relevanten Personen und Institutionen. Im Rahmen des Projekts erarbeiteten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gemeinsam mit Medieninformatikern der TU Dresden den Prototyp einer interaktiven, das gesamte Ausstellungsgebäude einbeziehenden Rauminstallation, in der der einzelne Besucher individuell mit audiovisuellen Medien kommunizieren konnte. Besonderes Augenmerk lag auf der Integration des Projekts in die akademische Ausbildung der Studierenden im Fach Mediengestaltung.

Die Kulturstiftung des Bundes förderte das Projekt „Im Netzwerk der Moderne. Kirchner, Braque, Kandinsky, Klee ... Richter, Bacon, Altenbourg und ihr Kritiker Will Grohmann“ der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit 400.000 Euro.

Ge­mein­sa­me För­de­rung mit der Kul­tur­stif­tung der Län­der

Die Kulturstiftung des Bundes und die Kulturstiftung der Länder fördern gemeinsam Projekte, die von länderübergreifendem Interesse sind und bei denen sich die satzungsgemäßen Wirkungsbereiche beider Stiftungen berühren. So hat die Kulturstiftung des Bundes das Programm zur Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut (KUR-Programm) mit 7 Mio. Euro ausgestattet und führte es gemeinsam mit der Kulturstiftung der Länder durch (2008–2011). Ein weiterer Baustein der Kooperation war die Ausstellung "Hyper Real – Kunst, Amerika und das besessene Sehen" (13.3. bis 19.6.2011) im Ludwig Forum Aachen.

 

KUR-Programm

Ausstellung Hyper Real

Re­de der Künst­le­ri­schen Di­rek­to­rin der Kul­tur­stif­tung des Bun­des Hor­ten­sia Völ­ckers

Zur Eröffnung der Ausstellung am 26. September 2012 in Dresden.

Rede von Hortensia Völckers

Kon­takt

Dr. Konstanze Rudert
Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Residenzschloss

Taschenberg 2

01067 Dresden

T: 0351 - 49 14 - 0

www.skd.museum