Weltweit waren Sternbilder und die mit ihnen verknüpften Legenden die ersten Bilderbücher – noch bevor es überhaupt gedruckte Bücher gab, Armenbibeln vergleichbar – die den Menschen die Grundzüge ihrer Kultur vor Augen führten. Die Wanderungen der Sterne über den Himmel stellten in dieser Kinematographie der Nacht zugleich die ersten Vorläufer des Kinos dar. Dabei erstaunt, wie unterschiedlich der Nachthimmel von den einzelnen Kulturen der Welt konzipiert wurde. Es gibt keine Konstellation, die vielerorts identisch gesehen worden wäre; die Sterne wurden immer wieder anders gruppiert und figuriert, erzählt und ausgedeutet. In ihrer Überlieferung meist auf vorgeschichtliche und vorschriftliche Zeiten zurückgehend, gehören die Sternenhimmel somit zum allerältesten »ungreifbaren Weltkulturerbe«, wie die Unesco es definiert. Dennoch wissen wir von den Sternenhimmeln anderer Kulturen so gut wie nichts: Es gibt weltweit keinen Atlas, der sie im Überblick dokumentieren würde, und keine Institution, die sich mit diesen Kulturzeugnissen beschäftigt.

Die Stiftung Planetarien Berlin will nun gemeinsam mit dem österreichischen Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Raoul Schrott diese Lücke schließen: Wissenschaft und moderne Technologie bilden im Rahmen dieses Projekts die Grundlagen für ein digitales Format, das die Sternenhimmel mit ihren Bildern und Geschichten akustisch und visuell dort lebendig werden lässt, wo wir sie am besten erleben können: im Planetarium. Um die weltweit verschiedenen Sternenhimmel und ihre Mythen für Planetarien darstellbar zu machen, ist eine Pionierleistung nötig. Die einzelnen Facetten einer jeweiligen Himmelskartographie wird Raoul Schrott mit Hilfe hunderter Fachartikel aus ethnologischen, astronomischen und literaturwissenschaftlichen Publikationen und mit Unterstützung diverser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammentragen. Wo das Wissen nur mündlich tradiert wird, sind überdies der Kontakt und Austausch mit lokalen Expertinnen und Experten der jeweiligen indigenen Kulturen erforderlich. Die so erworbenen archäologischen, astronomischen sowie mythologischen Kenntnisse verschiedener Kulturen fasst Raoul Schrott zusammen und erzählt sie für das moderne Wissenschaftstheater von Typ »Planetarium« neu.

Die Texte bilden die Grundlage für die Entwicklung eines digitalen Erzählformats für sphärische Kuppelprojektionen. Die im Rahmen des Projekts von TRIAD entwickelten Medien sollen ausdrücklich weltweit verfügbar sein und insbesondere in den Regionen der mit den planetarischen Deutungsräumen verbundenen Herkunftskulturen auch in kleinen Planetarien gezeigt werden können. Die Open-Source-Technologie der Planetarien ermöglicht, dass lokale Planetarien und Kulturinstitutionen die Inhalte selbstbestimmt ergänzen, um sie dann wieder dem gesamten Netzwerk der Planetarien zur Verfügung zu stellen. Mit der Stiftung Planetarien Berlin agiert hier ein international vernetztes Wissenschaftsforum als Partner, das mit Präzisionstechnologien in der Lage ist, Himmelskonstellationen mit Echtzeitdaten in eindringlicher visueller Qualität in der Planetariumskuppel zu präsentieren. Wo dort bislang vornehmlich astronomische Phänomene der Gegenwart vermittelt werden, will das Projekt nun einen kulturgeschichtlichen und literarischen Zugang mit modernster Technologie ermöglichen und die Himmelsdeutungen verschiedenster Kulturen erlebbar machen.

Für das Projekt Atlas der Sternenhimmel stellt die Kulturstiftung des Bundes im Zeitraum 2018 bis 2023 insgesamt 954.650 Euro zur Verfügung. 

Pres­se­mit­tei­lung vom 21. Ju­ni 2018

Der Stiftungsrat der Kulturstiftung des Bundes bewilligte insgesamt 26,6 Mio. Euro für neue Vorhaben, unter anderem für ein großes Digital-Programm in Kultureinrichtungen.