Mit "Künstliche Tatsachen" initiierte das Kunsthaus Dresden - Städtische Galerie für Gegenwartskunst zusammen mit Künstler/innen, Ethnolog/innen, Historiker/innen und Kurator/innen aus Südafrika, Benin und Deutschland ein internationales Recherche-, Kunst- und Ausstellungsprojekt.

In Zusammenarbeit mit der Künstler/innengruppe Artefakte//aktivierung und den Kooperationspartner/innen Burning Museum und Memory Biwa (Cape Town, Südafrika), der École du Patrimoine Africain (EPA) und Didier Houénoudé (Porto-Novo, Benin) entstanden drei Aktivierungen in Cape Town (Südafrika), Porto-Novo (Benin) und Dresden (Deutschland) sowie eine Ausstellung.

Im Zentrum des Projekts standen Objekte aus europäischen und afrikanischen Sammlungen, deren historische Entstehung unmittelbar mit kolonialen Geographien und Ethnographien verbunden ist. Dabei interessierten der damalige wie der heutige Status - etwa als Trophäe oder als Beweisstücke einer entstehenden wissenschaftlichen Disziplin - , die Biographien solcher Objekte, und schließlich die gegenwärtigen Konventionen und zukünftigen Möglichkeiten ihrer Zurschaustellung in Ausstellungskontexten.

Postkoloniale Theoretiker/innen und Aktivist/innen sowie eine kritische Museologie fordern zunehmend einen kritischen Umgang mit Sammlungsgeschichten, Provenienzen, Ausstellungspraktiken und grundsätzlich der Legitimität von Sammlungen und Museen ein. In Deutschland bildet die kritische Auseinandersetzung und der Widerspruch zum Berliner Humboldt-Forum einen wesentlichen Auslöser des Projekts.

Die Aktivierungen versuchten neuartige künstlerische Handlungsformen und kulturelle Umgangsweisen zu erproben. In zweitägigen experimentellen Veranstaltungsformaten wurde jeweils ein unbefriedeter Sammlungsgegenstand exemplarisch 'aktiviert' und davon ausgehend Formen des Umgangs skizziert, die über eine “wesentliche Kolonialität der Kultur” (Derrida) hinausweisen könnten. Sie beschäftigten sich mit der Repatriierung von human remains (Cape Town), der Konstruktion von kulturellem Erbe und dem Fehlen geraubter Artefakte (Porto-Novo) sowie der Frage, ob ein von Künstler/innen geführter Diskurs in divergenten Perspektiven, von ‘Europa’ und von ‘Afrika’ aus gesehen, vermitteln kann und welchen Überschuss die Kunst hierbei schafft (Dresden).

Die Ausstellung "Künstliche Tatsachen: Boundary Objects" im Kunsthaus Dresden zeigte schließlich eine Zusammenschau von Arbeiten von Künstler/innen, die sich mit den historischen Voraussetzungen und zugrundeliegenden ideologischen Kontexten der Präsentation und Betrachtungsweise von ethnographischen Sammlungen und Objekten in musealen Displays auseinandersetzen.

Ein Projekt des Kunsthaus Dresden. Städtische Galerie für Gegenwartskunst mit dem Künstler/innenkollektiv Burning Museum in Cape Town (ZA), der École du Patrimoine Africain Porto-Novo (BJ) und der Universität Abomey-Calavi in Cotonou (BJ)

Aktivierungen: Künstler/innengruppe Artefakte//aktivierung (Brigitta Kuster, Regina Sarreiter, Dierk Schmidt)
Ausstellung: Sophie Goltz
Künstler/innen: Kader Attia (Frankreich/Algerien), Künstlerkollektiv Burning Museum (Südafrika), Sammy Baloji (DR Kongo/Belgien)/ Lazara Albear (Kuba/Belgien), Peju Layiwola (Nigeria), Michelle Monareng (Südafrika), Paulo Nazareth (Brasilien), Lisl Ponger (Österreich), Jorge Satorre (Mexiko), Dierk Schmidt (Deutschland), Penny Siopis (Südafrika), Karl Waldmann (Deutschland), Emma Wolukau-Wanambwa (Großbritannien/Uganda)

 

Performance "Bare Faced"

Erstmals in Deutschland zeigten die belgisch-kubanische Künstlerin und Performerin Lazara Rosell Albear und die Musikerinnen Audrey Lauro und Margarida Guia de Jes die Performance "Bare Faced" am 11. Juli um 21 Uhr im Kunsthaus Dresden. Die Performance wurde im Rahmen der Ausstellung "Künstliche Tatsachen: Boundary Objects" gezeigt. Die multimediale Performance, in der musikalische Live-Acts, Tanz und historische Bilder miteinander verschmelzten, beinhaltete eine sehr persönliche Identitäts- und Spurensuche der Künstlerin Lazara Rosell Albear. Neben Interviews und historischem Fotomaterial bildeten Spuren des Santería und des Palo, afrikanischer Religionen auf Kuba, in denen Trance eine wichtige Rolle spielen, den Ausgangspunkt der Performance. Die Religion des Palo wurde von Versklavten aus dem Kongo mit nach Kuba gebracht und wird dort bis heute praktiziert. "Bare Faced", das als Performance und Ausstellungsbeitrag gemeinsam mit dem Kongolesen Sammy Baloji entwickelt wurde, basierte auf der Suche nach einer gemeinsamen Geschichte der beiden Künstler und verfolgte die zentralafrikanische Kultur von Kongo nach Kuba auf den Spuren ererbter religiöser Praktiken.

 

Termine der Aktivierungen

Break this unbearable silence! Restitution/Repatriation & human remains (Cape Town, 27./28. September 2014)

Dis/missing the links! Valorisierung, Kulturerbe & absent objects (Porto-Novo, 6./7. Oktober 2014)

Kunst & Jack-in-the-Box [Springteufel] (Dresden, 19./ 20. Juni 2015)

TURN – Fonds für künst­le­ri­sche Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Deutsch­land und afri­ka­ni­schen Län­dern

Mit dem Fonds TURN möchte die Kulturstiftung des Bundes möglichst viele unterschiedliche Institutionen in Deutschland anregen, sich mit dem künstlerischen Schaffen und den kulturellen Debatten in afrikanischen Ländern zu beschäftigen.

Mehr zum Fonds TURN

Auf der Website des Kunsthaus Dresden finden Sie umfassende Infos zur Ausstellung sowie zum Begleitprogramm:

Kunsthaus Dresden

Kon­takt

Kunsthaus Dresden - Städtische Galerie für Gegenwartskunst

Rähnitzgasse 8

01097 Dresden

www.kunsthausdresden.de