Sobald es um die literarische Darstellung "normaler" Arbeitsverhältnisse geht, herrscht gegenwärtig - abgesehen von wenigen Ausnahmen, vor allem auf dem Theater - auffällige Funkstille. Die Kulturstiftung des Bundes hat deshalb ein Projekt initiiert, das das gesamte Spektrum dessen, was heute als "Arbeiten" erfahren wird, literarisch in den Blick nehmen sollte.

Gemeinsam mit dem Suhrkamp Verlag wurde eine Publikation realisiert, in der hochkarätige Autor/innen als Reporter über die Arbeitswelt berichten. Mit Joseph Roths «Briefen aus Deutschland» oder mit Egon Erwin Kischs legendären Streifzügen durch verschiedene Berufs- und Lebenssphären gibt es hierfür bereits große Vorbilder - die allerdings sämtlich schon sehr weit zurück liegen. Im Unterschied zu diesen historischen Vorbildern gab es in dem Vorhaben für die Autor/innen einen präzisen Erzählrahmen.

Die Autor/innen erhielten ein fiktives Anschreiben einer Evaluationskommission zur Geschichte der Menschheit aus dem Jahre 2440. Darin wurden Dichter zu Reportagen über die heutige Arbeitswelt aufgefordert. Die Art der Informationsbeschaffung und die Form der Darstellung waren völlig frei. Benannt wurde nur, dass die Kommission gern aus unterschiedlichen Bereichen einige O-Töne zu hören bekäme und auch besonders das vermeintlich Selbstverständliche zu schildern wäre. Ebenso wurden die Berichtenden dazu ermuntert, mit eigenen Bewertungen des erkundeten Gebiets sowie der dort festgestellten Tendenzen nicht hinterm Berg zu halten. Schließlich ging es um die finale Evaluation der Arbeitsweltgeschichte.

Ein solches Setting ermöglichte gleichzeitig eine große Nähe und eine große Distanz zum Gegenstand. Es war zu erwarten, dass gerade Beschreibungen des heute Selbstverständlichen (wie etwa einer Agentur für Arbeit) dieses als gar nicht mehr selbstverständlich erscheinen lassen: Überholte Begrifflichkeiten und festgefahrene Patterns der Arbeitsdiskussion wurden so zur Disposition gestellt. Die Aufgabenstellung, zu Menschen aus der Zukunft zu sprechen, hat die Autoren zum Nachdenken darüber veranlasst, mit welcher Sprache man die Adressat/innen überhaupt erreicht - und zu originellen ästhetischen Lösungen geführt. Schließlich wurde nicht nur gefragt, was heute Arbeit ist, sondern auch: Wie wird das, was man als Wandel der Arbeitswelt jetzt wahrnimmt, von dem Ort aus zu erkennen sein, an den man kommt, wenn man deren aktuelle Dynamik weiter- und zu Ende denkt?

Für das Vorhaben wurden Schriftsteller/innen gewonnen, die sich bereits als Seismographen der Arbeitswelt profiliert haben und die - noch wichtiger - gute Beobachter sind. Weiter kam es darauf an, dass sie sich für die soziale Wirklichkeit interessierten und mit den Grundprinzipien der Recherche vertraut waren.

Es berichten: Bernd Cailloux, Dietmar Dath, Felix Ensslin, Wilhelm Genazino, Peter Glaser, Gabriele Goettle, Thomas Kapielski, Georg Klein, Harriet Köhler, André Kubiczek, Thomas Raab, Kathrin Röggla, Oliver Maria Schmitt, Jörg Schröder und Barbara Kalender, Feridun Zaimoglu und Juli Zeh.

Das Buch erschien im Oktober 2007:
Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit
edition suhrkamp 2508. 417 S. 12,- Euro. ISBN 978-3-518-12508-3.

Hör­pro­ben

Bernd Cailloux liest aus seinem Text „Der Wendekreis des Käfers. Der Zukunftsforscher und die Gegenwart - oder: sich kratzen, bevor es juckt“, der im Sammelband veröffentlicht wurde. Dietmar Dath verliest eine persönliche Stellungnahme, die er zum Thema exklusiv für eine Lesung verfasst hat. Aufgenommen bei der Langen Lesenacht am 16. November 2007 in Berlin, Palais am Festungsgraben.

Suhr­kamp Ver­lag