Spätestens seit der Aufklärung wird Wahnsinn im westlichen Denken als ein Gegenentwurf zur Normalität und Gegenteil von Vernunft verstanden, Ende des 18. Jahrhundert entstanden im Zuge dessen erste psychiatrische Heilanstalten. Das Normative dieses Denkens und das daraus resultierende gesellschaftliche Hygienedispositiv wurden Ende der 1960er und 1970er Jahre erstmalig in der Antipsychiatrie-Bewegung u.a. von Denkern wie Michel Foucault und Erving Goffman kritisch hinterfragt. Außereuropäischen Perspektiven wiederum legen alternative Vorstellungen von Person, Gemeinschaft und psychischer Stabilität zu Grunde, die den Begriff des Wahnsinnigen komplett unterlaufen.

In dem Projekt „Ultrasanity“ stellt SAVVY Contemporary in Berlin zusammen mit dem Kunstzentrum PICHA in Lubumbashi (DR Kongo), dem Gnaoua Festival in Essaouira (Marokko) und der ifa-Galerie Berlin westliche Diskurse zu Wahnsinn, Hygiene und Psychiatrie zur Diskussion. Es eröffnet einen Raum jenseits des Sinnhaften - einen Raum der „Ultravernunft“ -,  der auch als Widerstand gegen Unterdrückung verstanden werden kann.

„Ultrasanity“ stellt sich der Herausforderung, zeitgenössische Konzepte und Formen der inter- und transkulturellen Psychoanalyse und Psychiatrie jenseits westlicher Rationalisierung zu erforschen und ordnet die Diskurse im Kontext der Kolonialität und kolonialen Unterwerfung, des Rassismus und der Geschlechterpolitik, der patriarchalischen Unterdrückung und Objektivierung ein. Mit Hilfe von Ausstellungen, Performances, Anrufungen („Invocations“) und Publikationen denkt das Projekt über die verschiedenen Wege nach, wie Psychopathologien, auch Nicht-Westliche, verstanden werden können. Unter Einbeziehung von philosophischen Vorstellungen von "Bios" und Person in unterschiedlichen Gesellschaften wird erforscht, wie diese Konzepte des Wahnsinns entwickeln und das geistig Stabile oder Instabile integrieren bzw. ausgrenzen. Wahnsinn wird damit keineswegs romantisiert, sondern von sozialen Stigmata befreit, indem das Projekt für eine Überprüfung des Konzepts des Wahnsinns als „Ultrasanity“ plädiert.

Künstlerische Leitung: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Elena Agudio

TURN – Fonds für künst­le­ri­sche Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Deutsch­land und afri­ka­ni­schen Län­dern

Mit dem Fonds TURN möchte die Kulturstiftung des Bundes möglichst viele unterschiedliche Institutionen in Deutschland anregen, sich mit dem künstlerischen Schaffen und den kulturellen Debatten in afrikanischen Ländern zu beschäftigen.

  • Termine

    15.12.2019 –
    26.01.2020

    Ausstellung

    SAVVY Contemporary | Berlin

Internationale Termine

10.5.2019                  Biennale in Venedig - Symposium „S/he spoke „I and I“ for
                                  We. On the Poiesis of Collective Mental Healing“
20.–22.6. 2019          Gnaoua Festival, Essaouira - Performances, Workshop
November 2019         Biennale de Lubumbashi - Invocations

Kon­takt

SAVVY Contemporary e.V.

Gerichtstraße 35
13347 Berlin-Wedding
www.savvy-contemporary.com