Rede zur Eröffnung

Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland

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“Von Monet bis Picasso” im Bucerius Kunst Forum

Mit der Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ rekonstruierte das Bucerius Kunst Forum in Hamburg 15 bedeutende Kunstsammlungen deutscher Jüdinnen und Juden aus der Zeit vor 1945 und führt viele ihrer heute weltweit verstreuten Meisterwerke der Moderne wieder an einem Ort zusammen. 

Hamburg, 10. September 2026

Ort: Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Rednerin: Katarzyna Wielga-Skolimowska

– Es gilt das gesprochene Wort –

Grußwort lesen

Sehr geehrter Prof. Manuel Hartung,
Sehr geehrter Herr Senator Carsten Brosda,
Sehr geehrte Frau Lena Altman,
Sehr geehrte Frau Dr. Baumstark,
sehr geehrter Herr Koldehoff,
liebes Team des Bucerius Kunst Forums,
liebe Nachfahrinnen und Nachfahren der Sammlerinnen und Sammler,
meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

ich freue mich sehr, Sie im Namen der Kulturstiftung des Bundes zur Eröffnung von “Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland” begrüßen zu dürfen.

Wir kennen die Namen Monet, van Gogh, Modersohn-Becker oder Picasso. Die Faszinationskraft von Künstlerinnen des Impressionismus, Expressionismus und ihren Zeitgenossen ist ungebrochen.

Die Namen Martha und Walther Blank, Max Emden, Rosa Schapire, oder Margarete Mauthner sind dagegen vielen Kunstinteressierten kaum geläufig.

Das Kuratorenteam Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff nehmen mit dieser Ausstellung einen aufschlussreichen Perspektivwechsel auf die klassische Moderne vor.

Im Mittelpunkt stehen nicht allein die berühmten Künstlerpersönlichkeiten. Im Mittelpunkt stehen weithin vergessene oder aus dem kulturellen Gedächtnis getilgte jüdische Sammlerinnen und Sammler, Familien und Paare, die an der Durchsetzung der modernen Kunst in Deutschland maßgeblich beteiligt waren.

In fünfzehn Räumen verbindet die Ausstellung Gemälde, Grafiken und Skulpturen mit historischen Dokumenten und biografischen Zeugnissen.
Sie stellt damit die Erfolgsgeschichte der klassischen Moderne selbst noch einmal zur Diskussion:

Wer erkannte diese Kunst, bevor sie Eingang in die Museen fand?

Wer setzte sich für sie ein?

Warum sind die jüdischen Kunstsammler:innen hinter den von ihnen geförderten Künstler:innen unkenntlich geworden? Unkenntlich gemacht worden?


Der französische Philosoph Henri Bergson hat darauf hingewiesen: Gedächtnis ist nicht nur die Erinnerung an etwas, sondern auch die Erinnerung an jemanden.

Indem Kurator:innen die Geschichten der Werke mit den Lebensläufen ihrer jüdischen Sammlerinnen und Sammler verbinden, geben sie Einblick in deren Lebenswelten, über die wir heute nur wenig wissen.

Dort wurde erprobt, wie Kunst und Leben eine Verbindung eingehen können – wie eine “Ästhetisierung des Lebens” gelingen kann. Das reichte von der Ausstattung ihrer privaten Räumen mit Kunstwerken bis zur Gestaltung öffentlicher Einrichtungen, begründete ihr Mäzenatentum für Museen und Leihgaben an Kunstvereine.

Sie unterstützten junge Künstler durch Ankäufe und andere Zuwendungen. In ihren Werken entdeckten sie neue Techniken und Ausdrucksmöglichkeiten: eine progressive Dynamik, Avantgarde im buchstäblichen Sinn.

Ihr Optimismus galt einer kulturellen Transformation der Gesellschaft, in der Kunst eine tragende Rolle spielen sollte.

Die historische Moderne um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verdankte ihren Aufbruchsgeist nicht zuletzt den Emanzipationsbewegungen jener Zeit: aller voran der Arbeiterbewegung und später der Frauenbewegung.

Im jüdischen Bürgertum verband sich mit der Emanzipation die Hoffnung auf eine gleichberechtigte Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft.

Viele jüdische Bürgerinnen und Bürger vertrauten darauf, dass ihnen durch Bildung, beruflichen Erfolg, eine säkulare Lebensführung und soziales, wohltätiges Engagement endlich breite gesellschaftliche Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zuteilwerden würde.

Durch Sammeln “moderner Kunst” setzten sie sich ab vom historistischen Kunstgeschmack Kaiser Wilhelms II. und von seiner Fixierung auf eine repräsentative “Deutsche Kunst”.

Der Geist der Moderne kreiste für sie um den Gedanken: Eine Gesellschaft braucht Offenheit und muss sich auf Zukunft ausrichten. Dieser Gedanke war für die jüdische Emanzipation von zentraler Bedeutung.

Avantgardistische Kunst zu sammeln verstanden sie nicht als oppositionelle Gegenkultur. Es galt ihnen als Dienst an der Gesellschaft und, ihrem damaligen Selbstverständnis nach, auch am Vaterland: als Beitrag zu dessen Zukunftsfähigkeit.
Was wir heute als klassische Moderne bewundern, war damals zeitgenössische Kunst: ungewohnt, international und umstritten.

Die jüdischen Sammlerinnen und Sammler vertrauten ihr zu einem Zeitpunkt, als viele etablierte Kulturinstitutionen in Deutschland noch zögerten.

Sie glaubten an die emanzipatorische Kraft der Kunst.

Doch während sie sich der avangardistischen und innovativen Kunst zuwandten, gerieten sie selbst ins Visier konservativer, nationalistischer und antisemitischer Kräfte.

Was dem restaurativ-nationalistischen Zeitgeist widersprach, wurde als “modern” verunglimpft. In dem seit etwa 1880 verbreiteten Begriff “modernes Judentum” ließ sich dieses Attribut antisemitisch aufladen.

Bei jüdischen Sammlerinnen und Sammlern, die moderne Kunst förderten, verdichtete sich “modern” zum Stigma.

Später fand diese Abwertung ihre faschistische Steigerung im Begriff der “entarteten Kunst”.

Die Hoffnung auf Zugehörigkeit bot keinen Schutz.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die jüdische Herkunft der Sammlerinnen und Sammler immer stärker zum Verhängnis. Nach 1933 wurden sie systematisch entrechtet, enteignet, verfolgt, vertrieben, ermordet.

Ihre Sammlungen wurden zerschlagen und über die ganze Welt verstreut.

Mit den Menschen geriet auch ihr Beitrag zur Geschichte der Moderne in Vergessenheit.


Meine Damen und Herren,

Vier Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt muss diese Geschichte uns allen besonders nah sein. Auch für die Kulturstiftung des Bundes. Unser Sitz ist in Halle an der Saale.

Eine in diesem Bundesland als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei ist aus dieser Wahl als stärkste Kraft hervorgegangen.

In ihrem Regierungsprogramm wendet sie sich ausdrücklich gegen die offizielle Kampagne des Landes Sachsen-Anhalts unter dem Titel “#moderndenken”, die an das Erbe des Bauhauses anknüpft. Sie setzt ihr eine Kampagne unter dem Titel “#deutschdenken” entgegen.

Dabei geht es um mehr als zwei Hashtags.

Es geht um zwei grundverschiedene Vorstellungen von Kultur.

Die eine begreift Kunst als einen Raum, in dem Neues entstehen und Gesellschaft anders gedacht werden kann. Die andere will Kunst auf die Bestätigung einer nationalen Identität verpflichten.

Davon ist auch die Erinnerungskultur betroffen. Denn zur Freiheit der Kultur gehört die Freiheit, den Geschichten unserer Sammlungen zu folgen – auch dort, wo sie von Verfolgung, Enteignung und verdrängter Verantwortung erzählen.

Die Kulturstiftung des Bundes fördert diese Ausstellung, weil sie in bisher einzigartiger Weise ein erinnerungspolitisches Dunkelfeld erhellt. Es legt Spuren in die Zukunft einer Erinnerungskultur, die sich ethisch und ästhetisch schmerzlichen Lücken stellt und dabei neue Wege der Zusammenführung von Provenienzforschung, der Erforschung des Kunsthandelns und aktuellen Restitutionsdebatten eröffnet.

Diese Ausstellung zeigt, wie sehr wir noch am Anfang stehen, die erfolgreiche Etablierung der “klassischen Moderne” als folgenreiches kulturgeschichtliches Verdienst jüdischer Kunstsammler:innen zu begreifen.

Das Vertrauen der jüdischen Sammlerinnen und Sammler in die emanzipatorische Kraft der Kunst ist ihr Vermächtnis für unsere Gegenwart.

Liebe Nachfahrinnen und Nachfahren der Sammlerinnen und Sammler.

Ihre Familiengeschichten gehören in die Mitte dieser Ausstellung.

Ich danke Ihnen sehr, dass Sie heute hier sind und dass viele Familien dem Bucerius Kunst Forum Dokumente aus ihrem privaten Besitz anvertraut haben.

Mein großer Dank gilt Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff, dem gesamten Team des Bucerius Kunst Forums, den Mitgliedern des begleitenden Beirats, allen Leihgeberinnen und Leihgebern und allen, die dieses außergewöhnliche Ausstellungs- und Forschungsprojekt möglich gemacht haben.

Meine Damen und Herren,

Wenn Sie das nächste Mal vor einem Monet, einem van Gogh oder einem Picasso stehen, werden Sie vielleicht nicht nur den Namen des Künstlers lesen.

Vielleicht werden Sie sich auch fragen, zu wessen Leben dieses Werk einmal gehörte, wer seine Bedeutung früh erkannte und welche Hoffnung auf eine andere Zukunft sich mit ihm verband.

Diese Ausstellung bringt die Werke und die Menschen, die hinter ihnen verschwunden waren, wieder zusammen.

Darin liegt ihr großes Verdienst.

Foto 4

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Bildunterschrift

Ausstellung “Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland” im Bucerius Kunst Forum 2026. Fotos: Ulrich Perrey.