Literaturveranstaltungen, die in einem Kiosk oder auf Brachflächen stattfinden, bei denen mit Lyrik, Klang oder verschiedenen Sprachen experimentiert wird und das Publikum mitgestalten kann: Im Modellprojekt „Kontext – Literatur veranstalten“, konzipiert vom Verein ‚Unabhängige Lesereihen‘ und von der Kulturstiftung des Bundes, werden bis 2028 neue, experimentelle Veranstaltungsformate entstehen, um Gegenwartsliteratur neu und anders zu präsentieren. Ein kuratorisches Team der ‚Unabhängigen Lesereihen‘ hat nun für das Projekt acht Formatideen von Lesereihen ausgewählt, die in den kommenden Monaten bundesweit erprobt werden. Alle Ideen verfolgen einen künstlerisch-ästhetischen Ansatz und werden auch über das Netzwerk der ‚Unabhängigen Lesereihen‘ hinaus in die Literaturszene hineingetragen. Auf diese Weise stärkt das Modellprojekt, das von der Kulturstiftung des Bundes mit 600.000 Euro gefördert wird, die zeitgenössische Literatur im deutschsprachigen Raum in all ihren Möglichkeiten.
Auch Literatur hat eine lebendige Freie Szene, die in kleinen wie großen Städten das bestehende Literaturangebot bereichert: Die ‚Unabhängigen Lesereihen‘ vereinen diese Initiativen, sie sind ein Seismograf für neue literarische Stimmen, erproben ungewohnte Veranstaltungsformen und erreichen damit ein Publikum, das sonst kaum den Weg in klassische Literaturhäuser findet. Damit geben sie Impulse für das literarische Schaffen in Deutschland.
Katarzyna Wielga-Skolimowska, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes
Für uns als Verband und Netzwerk freier Literaturveranstalter*innen ist es in Zeiten, in denen an vielen Orten Kulturkürzungen stattfinden oder drohen, ein ermutigendes und wichtiges Zeichen, dass die Kulturstiftung des Bundes das Erproben neuer Veranstaltungsformate in der freien Literaturszene gezielt bis 2028 fördert. Damit können wir in den kommenden Jahren das innovative künstlerische Potenzial der freien Literaturszene aufzeigen. Dieses kann sich besser und nachhaltiger entfalten, wenn es substanziell gefördert wird.
Tristan Marquardt, Vorstandsmitglied des Unabhängigen Lesereihen e.V.
Die ausgewählten Formate im Überblick
- „Ausgepackt“ lädt Autor*innen und ihr Publikum dazu ein, ein zuvor auf den Text hin kuratiertes Paket voller Gesprächsmöglichkeiten, Spiele und Requisiten live auf der Bühne auszupacken. So entstehen experimentelle, kollaborative Literaturabende ohne klassische Moderation. Konzept und Erprobung in Hannover und Münster durch Nitay Feigenbaum für die Lesereihe „Irgendwie 248 Sachen”.
- „bitte -setzen! : Dichten in 4D“ ist ein intermediales Veranstaltungsformat, bei dem die Transformation eines lyrischen Texts und einer weiteren künstlerischen Arbeit nach einem spezifischen „Setzungs”-Prinzip, etwa der Übersetzung oder der Zersetzung, in die jeweils andere Disziplin stattfindet. Es entstehen transmediale Arbeiten in Sound, Performance, Raum oder Bild, die Literatur als offenen, inklusiven und vielstimmigen Erfahrungsraum erlebbar machen. Konzept und Erprobung in Berlin durch Manuel Irmey, Julia Dorsch und Eliana Kirkcaldy für die Lesereihe „textOUR”.
- „brave as poetry“ ist ein performatives Lyrikformat, das Gedichte mit theatralen Mitteln in den Raum bringt. Gesellschaftspolitische Themen bilden die Ausgangspunkte für die Tandemfindung von Lyriker*innen und Regisseur*innen. Darüber entstehen neue Zugänge zu zeitgenössischer Lyrik. Konzept und Erprobung in München durch Jan Geiger und Theresa Seraphin für die Lesereihe „GLITSH – Reihe für performative Texte”.
- „Die andere Lesung“ ist ein offenes Literaturformat, das künstlerisch-literarische Beiträge mit gemeinschaftlichem Essen verbindet. In entspannter Atmosphäre entsteht ein Raum für niederschwellige Begegnungen, Gespräche und Übersetzungen. Konzept und Erprobung in Hamburg und Sittensen durch Jonis Hartmann und Ayna Steigerwald für die Lesereihe „i’m growing fur” gemeinsam mit Annika Dorau für das Literaturzentrum Hamburg.
- „Flux Sessions“ verbindet Kunstformen, die mit Klang arbeiten – wie Lyrik, Sound Poetry und Musik – in improvisierten Live-Sessions. Durch kollektive Prozesse und die aktive Einbindung des Publikums entstehen inklusive Erfahrungsräume zwischen Avantgarde und Soziokultur. Konzept und Erprobung in der Lausitz und in Freiburg im Breisgau durch Anne Munka und Jan F. Kurth für die Lesereihe „Lyrik ist Happening”.
- „i speak as a twin“ verlagert Poesie in urbane Alltagsräume. Es belebt Spätis – als informelle, mehrsprachige soziale Räume, in denen keine strenge räumliche Trennung zwischen Performenden und Publikum besteht – mit einem Format zwischen Lesung und performativer Intervention. Konzept und Erprobung in Berlin durch Magdalena Filkova und Yessica Klein für die Lesereihe „OPEN Späti”.
- „Literaturwaende“ verbindet Schreibworkshops mit künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum. In Zusammenarbeit bespielen Autorinnen und bildende Künstler diesen Raum visuell und mehrsprachig mit Texten an Wänden, Plätzen oder Objekten und machen damit Literatur als kollektive, räumliche und alltägliche Erfahrung sichtbar. Konzept und Erprobung in Leipzig durch Olav Amende, Jascha Riesselmann und Özlem Özgül Dündar für die Lesereihe „Literaturwaende”.
- „zwischen/raum“ ist ein inklusives Lesungsformat in Einfacher Sprache in den Lebensräumen von Menschen insbesondere mit kognitiven Beeinträchtigungen. Gemeinsam mit den Zielgruppen entwickelt es niedrigschwellige Lesesituationen, um Literatur in Einfacher Sprache anders ästhetisch erfahrbar zu machen. Konzept und Erprobung in Stuttgart durch Stephanie Hofmann und Lotta Mayer für die Lesereihe „zwischen/miete Stuttgart”.
Das überregionale Netzwerk der Unabhängigen Lesereihen ist als größter und einziger Dachverband freier Literaturveranstaltender im deutschsprachigen Raum eine wichtige Anlaufstelle für neue Literatur. Die Initiative vereint aktuell rund 50 Lesereihen in der DACH-Region, davon rund 40 Lesereihen in Deutschland, die über zehn Bundesländer verteilt sind, und setzt sich für die gesamte Bandbreite literarischer Erscheinungsformen ein.
Das kuratorische Team hat die eingereichten Formatideen ausgewählt und begleitet inhaltlich und konzeptionell deren weitere Entwicklung. Mitglieder des kuratorischen Teams sind Leyla Ercan, Rebecca Faber, André Patten, Annie Rutherford, Theresa Seraphin, Ayna Steigerwald und Tabea Steiner.