Das Projekt NEOBIOTA von Christine de la Garenne und Via Lewandowsky ist der Versuch einer Annäherung an eine fremde Kultur, die sich selbst in einem dramatischen Umbruch befindet. Neobiota bezeichnet in der Biologie gebietsfremde Arten, die in Folge direkter oder indirekter menschlicher Mitwirkung in einen geographischen Bereich eingedrungen sind. Dadurch verändert sich nicht nur die Umgebung, sondern auch der Neuankömmling, der sich selbst anpassen und verändern muß.
Die urbanen Transformationsprozesse in einer Megalopole wie Peking folgen einem ähnlichen Prinzip. Die Veränderung der Umwelt vollzieht sich mitunter so schnell, dass einerseits die Heimat zur Fremde zu werden scheint.
Zum andern verändern sich aber auch die Ideen der westlichen Kultur, wenn etwa Turbo-Kapitalismus und Staatskommunismus neue Symbiosen eingehen.
Christine de la Garenne und Via Lewandowsky untersuchen den Alltag mit dem Blick des Fremden. Während der 120 Tage ihres Aufenthalts dokumentieren sie 120 Gegenstände und Situationen. Es sind zugleich Momentaufnahmen einer gesellschaftlichen Umwandlung wie Indizien für den eigenen Adaptionsprozeß an die fremde Kultur.
In der Anfangszeit war ihr Blick vor allem auf besondere Details gerichtet. Bei der Erkundung der Stadt suchten sie nach Auffälligkeiten, die dem Besucher aufgrund ihrer Andersartigkeit sofort ins Auge fallen. Dabei entdeckten die Künstler unter anderem ein winziges Löffelchen als Schlüsselanhänger. Ihre Nachforschungen ergaben, dass es sich bei dem metallenen Utensil um einen Ohrenreiniger handelt. Ein Überbleibsel einer aus den Großstädten verschwindenden Tradition der Ohrenreinigung und -massage.
Auch andere Rituale verändern sich wie z.B. die traditionelle Form der chinesischen Massage. Christine de la Garenne und Via Lewandowsky haben bei ihren regelmäßigen Besuchen herausgefunden, dass sich die hier praktizierte Fußmassage von ihrer medizinischen Funktion der Stimulation der Reflexzonen entfernt hat und heute oft nur noch der Entspannung dient.
An der sich verändernden Auswahl von Situationen und Gegenständen lässt sich ablesen, wie die Beobachtungen in Alltags- und Lebensbereiche führen, mit denen man erst bei einem längeren Aufenthalt an einem fremden Ort in Berührung kommt. Die Künstler besuchen ein Altersheim, ein Waisenhaus, ein Bordell und suchen dort nach kulturellen Differenzen. Zur Auswertung ihrer Fundstücke führen die Künstler Gespräche mit Einheimischen und Interviews mit Fachleuten. Momentan sind sie z.B. einer brisanten Frage auf der Spur, bei der avancierte Technologie und mythenträchtige Spekulationen miteinander verschmelzen. Sie gipfelt in einem angeblichen Streit über gestohlene Wolken, weil aufgrund der Wasserknappheit Raketen eingesetzt werden, um Wolken über einem bestimmten Gebiet zum Abregnen zu bringen.
Die 120 Fotos werden von Texten begleitet, in denen die Künstler Hintergrundinformationen darlegen oder Situationen beschreiben, die sie selbst erlebt haben. Was dem westlichen Betrachter zunächst optisch bekannt zu sein scheint, kann sich durch die Texte als fehlgeleitete Interpretation des Betrachters erweisen. Umgekehrt kann das Fremde auf den Bildern durch den Text vertraut werden.
Zur Ausstellungseröffnung im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe im Mai 2006 wird eine Publikation vorliegen.