Menschenhandel und Zwangsprostitution sind hochaktuelle Themen mit einer langen Geschichte. Der internationale Mädchenhandel war schon vor 1900 eine Begleiterscheinung der großen Auswanderungswellen von Ost- nach Westeuropa und in die neue Welt. Millionen Mädchen und junge Frauen aus Europa verlassen in den Jahren um 1900 ihre Heimat: Sie reisen aus Hessen nach Kalifornien, aus Russland nach New York oder aus Galizien nach Buenos Aires, um dort ihr Glück und eine neue Existenz zu suchen. Für Zehntausende von ihnen führt der Weg in die Prostitution. Der Bedarf an weiblicher Zuwendung und sexuellen Dienstleistungen ist in den großen Einwandererzentren der Neuen Welt enorm.
Die Ausstellung „Der Gelbe Schein. Mädchenhandel 1860 bis 1930“ entstand in einer Kooperation der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum mit dem Deutschen Auswanderhaus Bremerhaven. Sie hat ein bislang ungeschriebenes und weitgehend unbekanntes Kapitel der europäischen Massenauswanderung und auch der jüdischen Sozialgeschichte aufgegriffen. „Der gelbe Schein“, ein umgangssprachlicher Ausdruck für den Prostituierten-Ausweis im vorrevolutionären Russland, ist auch ein Symbol für die Zwangslage vieler junger Frauen in jener Zeit: Ein Umzug vom Stetl in Städte wie Moskau oder St.Petersburg war Jüdinnen in Russland offiziell nur erlaubt, wenn sie sich als Prostituierte registrieren ließen. Auch in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich hatten junge Mädchen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten oft keine andere Überlebenschance, als ihren Körper zu verkaufen. Eine Auswanderung in die Neue Welt wurde für sie fast immer zur riskanten Gratwanderung: Sie suchten Arbeit in Privathaushalten, Gaststätten oder Tanzpalästen und landeten im Bordell. Mit Gewalt verschleppt, mit märchenhaften Versprechen verführt oder aus freien Stücken? Die Diskussion darüber wurde schon damals vehement geführt.

Von den Lebenswegen dieser Mädchen und Frauen zeugen nur noch wenige Dokumente: Fotos, Polizei- oder Gerichtsprotokolle, Zeitungsnotizen, Briefe. Diese Fundstücke, zusammengetragen aus Archiven in der Ukraine, Russland, Polen, Österreich, der Schweiz und Deutschland, wurden in einer berührenden Schau gezeigt, die von Andreas Heller, Architects & Designers in Hamburg gestaltet wurde. Zur Ausstellung erschien ein Begleitband in der Schriftenreihe des Deutschen Auswandererhauses.

Die Heinrich Böll Stiftung begleitete das Projekt mit zwei Symposien zum Thema „Sexarbeit und Migration“ in Warschau und Kiew.

Kuratorin: Irene Stratenwerth, unter Mitwirkung der Direktoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum sowie des Deutschen Auswandererhauses, Gestaltung: Andreas Heller, Architects & Designers

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