Die Ausstellung Doppelte Ökonomien präsentierte das Fotoarchiv des Fotografen Reinhard Mende. Als Auftragsarbeiten realisiert, dokumentieren und inszenieren die Aufnahmen Produktionssituationen in Volkseigenen Betrieben (VEB) und die Internationale Leipziger Messe von 1967 bis 1990. Als ehemals wichtigster Handelsplatz zwischen Ost und West, markieren insbesondere die Fotografien der Leipziger Messe einen ökonomischen Raum, der doppelt gebunden ist: sozialistisch in seiner Produktion und kapitalistisch in seiner Präsentation. Darin verknüpfen sich Beziehungen sowohl zu Ländern des ehemaligen Nicht-Sozialistischen Wirtschaftsgebiets (NSW) wie der BRD, Schweden und Frankreich als auch zu Ländern, die sich seit Mitte der 1970er im revolutionären Befreiungskampf befanden wie Angola, Mozambik und Äthiopien.

Dabei gingen die Kurator/innen folgender Kernfrage nach: Welche Artikulationsformen stehen uns zur Verfügung, um die Verflechtungen von Sozialismus und Kapitalismus in Form von Design und Bildproduktion in ihren Widersprüchen zu erfassen und für aktuelle Probleme nützlich zu machen?

Als freischaffender Bildreporter in der DDR arbeitete Reinhard Mende unabhängig von planwirtschaftlich-sozialistischen Regularien und folgte damit, ähnlich wie die ostdeutsche Fotografin Evelyn Richter, einer Praxis auf Honorarbasis, die seit den frühen 1970er Jahren insbesondere im Rahmen der Leipziger Messe nicht ungewöhnlich war. Im Auftrag verschiedener DDR-Kombinate produzierte er einen Korpus von ca. 16.000 Bildern, die aus heutiger Sicht einen distanzierten Blick auf das Abgebildete öffnen. Zugleich initiieren die Fotografien eine Politik des ambivalenten Erinnerns, die sich der nostalgischen Rekonstruktion eines historischen Moments vehement verweigert.

Im Zentrum von Doppelte Ökonomien stand eine kollektive Praxis als Methode der Aktualisierung sowohl in Bezug auf die Aufführung des Archivs als auch im Sinne eines kuratorischen Verfahrens. KünstlerInnen, TheoretikerInnen, WissenschaftlerInnen und ehemalige ProtagonistInnen wurden eingeladen, das Archiv zu sichten, zu kommentieren oder eine Auswahl zu treffen. In diesem kollektiven Arbeitsprozess entstand eine vielstimmige Aufführung des Archivs, das auch über eine non-lineare Auseinandersetzung mit der DDR berichtet.

Doppelte Ökonomien wurde von Estelle Blaschke, Armin Linke und Doreen Mende kuratorisch geleitet. Es bestand aus einer Ausstellungsreihe (Architektur: Kuehn Malvezzi), einer Publikation (Design: Werkplaats, Arnhem. Verlag: spector books, Leipzig) und einer Website, welche das Archiv öffentlich und langfristig nutzbar macht.

Mitwirkende: Reinhard Mende, Fotograf (D)
Bettina Allamoda, *1964, Künstlerin (D); Addis Belete, *1976, Fotograf (ET); Peter Herbert Beyer, *1933, Designer (D); Fabian Bechtle, *1980, Künstler (D); Hans-Otto Bräutigam, *1931, Diplomat (D); KP Brehmer, 1938-1997, Künstler (D); Haile Gabriel Dagne, *1941 (ET); Paola de Martin, *1965, Designhistorikerin (CH); Harun Farocki, *1944, Künstler, (D); Mark Fisher, *1968, Theoretiker (GB); Otolith Group, Kodwo Eshun, Theoretiker, *1967 und Anjalika Sagar, *1968, Künstlerin (GB); Sven Johne, *1976, Künstler (D); Matthias Judt, *1962, Wirtschaftshistoriker (D); Kiluanji Kia Henda, *1978, Künstler, (AO); Helgard Hirschfeld, *1949, Archivarin (D); Valeria Malito, *1984, Designstudentin (IT) und Katja Saar, *1984 Designstudentin, (D); Kuehn Malvezzi, Architekten (D, IT); Katrin Mayer, *1974, Künstlerin (D); Allan Sekula, *1951, Künstler/Theoretiker (USA) und Noël Burch, *1932, Kritiker/Filmemacher (USA); Kerstin Stakemeier, *1975, Kunsthistorikerin (D); Philip Ursprung, *1963, Kunsthistoriker (CH); Thomas Weski, *1953, Kurator (D); Malte Wandel, *1982, Künstler (D); Christopher Williams, *1956, Künstler (USA, D)

Doppelte Ökonomien entstand in Kooperation mit der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

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Weydingerstraße 22

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