Von Janina Bach

Um Peking aus der Vogelperspektive zu filmen, muss man keinen Hubschrauber besteigen. Von den Hochhäusern der Stadt bietet sich ein Blick, der das Beobachtete in die Ferne rückt und weite Flächen umfasst. Heike Baranowsky und Waszem Khan, die für den "Beijing Case" gemeinsam eine Videoinstallation erstellen, wohnen in Peking in einem modernen Hochhaus. Sie filmen auch von ihrem Balkon aus. Die vom Smok schwere Luft begrenzt die Sichtweite auf die nahe Umgebung. Der Blick fällt auf Flachdächer einer niedrigeren Siedlung, auf Bäume und Wege zwischen den Häusern und auf Hochhäuser im Hintergrund. Seitlich liegt ein Park, eingezwängt zwischen den modernen Hochhäusern, genutzt von den Bewohnern der Umgebung.
Die Künstler filmen Ansichten der Stadt, den Park, Plätze, Verkehrsknotenpunkte und zunehmend auch Menschen. Durch lange Zooms verengen sie das Blickfeld, fokussieren einzelne Bewegungen und Personen. So bekommt ihr Blick voyeuristische Züge, dringt, wie Waszem Khan es sagt, in die Privatsphäre der Menschen ein. Wie in Filmen von Hitchcock, Coppola, Snow und Antonioni greifen sie einzelne Momente heraus und betrachten sie isoliert.
Das Projekt spiegelt die Position des Westens, der China meist nur aus der Distanz kennt, gleichsam vom Satelliten aus betrachtet. In Peking machen die Künstler die Erfahrung des Auseinanderklaffens von der Außenwahrnehmung Chinas und seinen Innenansichten. Filmtechnisch setzten sie diese Erfahrung in Bilder um. Der Wechsel zwischen dem distanzierten Kamerablick und dem langen Zoom zeigt die Annäherung an das Fremde. Der filmische Blick aus der Vogelperspektive, der durch den Zoom den Einzelnen aus der Masse hervorhebt, unterstreicht die Bedeutung des Individuums in einer scheinbar gleichförmigen Masse. Die einzelnen Menschen gewinnen für die Künstler im Laufe ihres Projekts an Bedeutung, denn sie geben der Stadt "Identität und Funktion". Um die Distanz des außenstehenden Beobachters zu überwinden, sprechen sie mit Taxifahrern und Rentnern, die im Park jonglieren, unterhalten sich mit einem Messerschleifer und einem Müllsammler. "Wir sind sehr am Alltäglichen interessiert, an den kleinen unvorhergesehenen Dingen, die fast immer passieren, wenn man filmt..."
Ihr spezielles Interesse findet auch die Zirkulation in der Metropole. Heike Baranowsky vergleicht die Bewegung der Stadt mit einem "Kreislauf in einem Organismus": Ihre Bewohner bewegen sich täglich auf den konzentrisch angelegten Ringstraßen, Rentner beginnen jeden Tag mit der Morgengymnastik in den Siedlungen vor ihrem Haus oder im nahe gelegnen Park. Die Ärmsten der Stadt sammeln leere Plastikflaschen, die sich auf ihren Handkarren zu hohen Bergen türmen und beim Recycling einige Yuan einbringen. Rhythmisch wiederkehrende Geräusche sind für die Künstler Teil der Zirkulation der Stadt: die monotonen Rufe der Händler und Arbeiter, die ihre Waren oder Dienstleistungen feilbieten; die Geräusche an den Müllplätzen.
Im Widerspruch zur zyklischen Bewegung, die sich im Alltagsleben zeigt, steht die eher lineare Bewegung des High Speed Urbanismus. Die Künstler wollen, wie es Heike Baranowsky formuliert, "den Widerspruch einer schnell wachsenden Stadt, die sich kontinuierlich verändert, mit dem an sich langsamen alltäglichen Leben zusammenbringen."