Von Janina Bach

Peking oszilliert zwischen Moderne und Tradition, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen westlichen Einflüssen und chinesischer Denktradition. Wirtschaftswachstum, Bauboom und Konsumorientierung prägen das Bild der Stadt. Die Parkanlagen zeigen eine andere Seite Pekings: Zwischen kleinen Pavillons und Wandelgängen in historischer Bauweise üben Rentner Tai Chi oder singen Sequenzen aus der Peking-Oper. Ganz anders wirkt der moderne Chaoyang Park, in dem man Achterbahn fahren oder Tennis spielen kann und die Toiletten die Form riesiger Marienkäfer haben. Für Ingo Niermann stellt der Park mit seinen weiten Rasenflächen, dem groß angelegten See und einem neoklassizistischen Prachtbau ein Beispiel für den "alten Taum vom Imperium" dar.
Der Schriftsteller geht in Peking der Frage nach, ob China auch im altmodischen Sinn ein Imperium wird oder dies alles nur ein Zeichen von Dekadenz eines scheiternden Erfolgstraumes ist. Für ihn sind alle Optionen offen; gerade weil China im Wachstum ist und eine andere Staatsform hat, sieht er Entwicklungspotentiale, die nicht an westeuropäischen Maßstäben zu messen sind. Eine dritte Denkfigur eröffnet die Vorstellung, dass nach einer kurzen Phase des Übergangs ein ganz anderes China entstehen könnte, das sich unserer Vorstellungskraft momentan entzieht. Ingo Niermann interviewt Entscheidungsträger aus Politik und Öffentlichkeit, die neue Ideen zur Entwicklung der Stadt haben. Er folgt Argumentationssträngen, die für Peking und China sehr unterschiedliche Entwicklungsmodelle entwerfen.
Zu den Interviewten gehört ein Physiker, der an der künstlichen Verstärkung von Regen arbeitet - in einer Stadt, deren Wasserreserven stark bedroht sind. Andere Gesprächspartner sind die junge, erfolgreiche Schriftstellerin Chun Sue und der deutsche Architekt Ole Scheeren, der mit Rem Koolhaas den CCTV-Tower, das größte Gebäude Chinas, baut.
Sein Projekt richtet sich nicht nach vorher festgelegten Bereichen, die von verschiedenen Interviewpartnern abgedeckt werden könnten. Ingo Niermann ist in Peking auf der Suche; sein Rechercheziel ist die Entdeckung von neuen Ideen und Denkfiguren, die von seinen Gesprächspartnern als erste entwickelt wurden. Daher trägt seine Zeitung, die für die Ausstellungen in China und Deutschland als erste und einzige Ausgabe erscheint, den Titel "1". Antje Majewski wird zu den Gesprächsprotokollen Fotos von den Interviewten und den jeweiligen Themen beisteuern.
Die Bewertung von China als Parteidiktatur stellt für den Schriftsteller ein Feld dar, das einseitige Zuschreibungen fraglich erscheinen lässt. Er folgt sowohl Argumentationssträngen seiner Gesprächspartner, die diese negativ bewerten, als auch konträren Theorien. Der Gedanke, dass ein stärker demokratisch ausgerichtetes China mehr Probleme haben würde, wirkt auf ihn wie "ein blinder Fleck". "Niemand aus dem Westen würde das offen sagen, aber viele lassen es durchblicken." In einem Land, das viel schnell ausprobiert und radikale Veränderungen umzusetzen vermag, empfindet Ingo Niermann ein starkes Gefühl der Stagnation in Deutschland. Man könnte die Gesprächsprotokolle aus China als "Gegensatz zu den ,Minusversionen'" lesen - ein Buch über das Scheitern von Träumen, über das Scheitern junger, verwegener Unternehmer in der Aufbruchstimmung der neunziger Jahre in Berlin.