Von Janina Bach

Eine Siedlung am nördlichen Stadtrand Pekings, bewohnt von 150.000 Menschen, geplant für 300.000 Bewohner, ist der Drehort von Ma Yinglis Dokumentarfilm. Neben einigen niedrigeren, sechsstöckigen Gebäuden wächst eine Stadt aus Hochhäusern empor: endlose Fassaden mit tausenden Fenstern, vertikale Reihen von verglasten Balkons und Klimaanlagen - zwischen den Häusern Fahrräder, kleine Grünanlagen und Geschäfte. In den frühen Morgenstunden, wenn die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze der Sommermonate noch erträglich sind, sieht man vor allem Rentner vor den Häusern. Sie machen Gymnastik und turnen auf Plätzen mit einfachen, bunten Fitnessgeräten aus Stahl. Zwei ältere Frauen balancieren leichten Schrittes auf Holzbalken, andere tanzen daneben mit roten Fächern.
Die Filmemacherin Ma Yingli wuchs in Peking in einer Wohnsiedlung auf, bevor sie im Alter von 20 Jahren nach Berlin zog. Ihr Interesse an den Bewohnern von Siedlungen gründet sich auf deren unterschiedliche Herkunft. Einige stammen vom Land und führen ihre Traditionen in der Stadt fort, andere mussten ihre traditionellen Wohnhäuser im Stadtzentrum verlassen und in die Vorortsiedlungen ziehen. Nach Gesprächen mit Bewohnern verschiedener Siedlungen entscheidet sich Ma Yingli, zwei Rentner ins Zentrum ihres Dokumentarfilms zu stellen und ihren Erzählungen über die Veränderung in ihrem Leben Raum zu geben. Mit Wärme spricht sie von dem alten Ehepaar, dessen Familie seit drei Generationen zusammen im Stadtzentrum gelebt hatte. Als die Regierung ihr Wohnviertel aus traditionellen, einstöckigen Hofhäusern zum Abriss freigab, um Platz für neue Wohnhäuser zu schaffen, mussten sie in die Siedlung am Stadtrand ziehen. Für den Kauf einer anderen Wohnung im Stadtzentrum reichte die Abfindung nicht aus. Seit gut zwei Jahren lebt das Rentnerehepaar nun getrennt von Familie und lebenslangen Nachbarn rund 25 km von dem früheren Wohnort entfernt.
Wo der westliche Blick vorschnell eine menschliche Tragödie sieht und das enge Sozialgefüge der traditionellen Wohngebiete in der Anonymität der Massensiedlung für verloren hält, erweist sich der Umzug zwar als radikaler Bruch im Lebensumfeld der Rentner, versperrt sich jedoch einer einseitigen Zuschreibung. Die Filmemacherin erzählt, dass der Abriss der traditionellen Hofhäuser, die dem Denkmalschutz und dem Touristen als wertvolles Kulturgut erscheinen, von vielen Bewohnern erhofft wird. Die beengte Lebenssituation in sanierungsbedürftigen Häusern ohne private Toiletten hat seit langem ihren Charme verloren. Die Maßnahmen der Regierung, durch den Abriss Raum zu schaffen für neue Wohnhäuser oder Geschäftsviertel, raubt den Bewohnern ihr Lebensumfeld, ermöglicht ihnen jedoch eine massive Erhöhung ihres Lebensstandards.
In ihrem Film möchte Ma Yingli die veränderte Lebenssituation der Rentner beobachten, ihre Gefühle und Gedanken erfahren. Der Aufbau von Vertrauen zu ihren Gesprächspartnern spielt für sie eine zentrale Rolle, um möglichst nah an der Lebens- und Gefühlswelt der Rentner teilzuhaben - um "ihre Seele zu lesen". Wie viel von dem alten Leben noch in ihnen steckt, woran sie sich nicht gewöhnen können und was sie vermissen, sind Fragen, denen die Filmemacherin in ihrer Dokumentation behutsam nachgeht. Ihre eigenen Vorstellungen und Gedanken über die Veränderungen im Leben der Rentner möchte sie aus dem filmischen Blick raushalten, um Suggestionen in ihrer Fragestellung zu vermeiden. Dennoch ist sie sich der subjektiven Prägung ihres Blicks bewusst. Seit langem in Deutschland lebend, empfindet sie sich als "halb außenstehende Beobachterin", in der sich deutsche und chinesische Perspektive auf die ambivalente Situation verbinden.