Von Janina Bach

Für die Autorin Susanne Röckel ist China eine starke Quelle der Inspiration. Sie läuft durch die fremde Stadt, sammelt Beobachtungen und verarbeitet sie, von Beginn an täglich schreibend, unmittelbar literarisch. Während ihres ersten längeren China-Aufenthalts in Shanghai 1997/98 entstand ein Buch, das "Chinesische Alphabet", in dem sie ihre Eindrücke und Recherchen realistisch oder leicht verfremdet wiedergibt. Das Schreiben über China ist für die Autorin stark an den Aufenthalt in China gebunden - mit der Rückkehr nach Deutschland brach die Inspiration ab, da mit der Distanz die Entfremdung von der hautnah erfahrenen Welt einsetzte.
Im Rahmen des "Beijing Case" ist Susanne Röckel nach China zurückgekehrt, und wieder erlebt sie China als Faszination und Quelle der Inspiration. Basierend auf den Erfahrungen in Shanghai, macht sie in Peking immer wieder neue Beobachtungen, die sie ohne den früheren Aufenthalt in China nicht wahrnehmen würde. Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, die Hilfsbereitschaft der Menschen, die "Mischung des Abstoßendsten mit dem Lebendigen" sind Themen, mit denen sie sich gedanklich beschäftigt und die sie emotional bewegen.
Das geplante Projekt der Autorin, einzelne Stadtviertel literarisch zu kartographieren, modifiziert sich bereits kurz nach ihrer Ankunft. Eingeschlafen über einem Buch zu "Chinese Gardens", trifft sie die Idee wie "ein Geistesblitz", ihre Erzählung im Raum eines fiktiven chinesischen Gartens zu situieren, den das erzählerische Ich durchläuft.
Gartenanlagen spielen in Pekings Hochhauslandschaften eine wichtige Rolle. Umbrandet von der Bewegung der Megacity sind sie nur teilweise grüne Oasen der Ruhe. Tatsächlich ist ihr Erholungswert stark abhängig von ihrer historischen Bedeutung und der Verträglichkeit von in Massen auftretenden Besuchern. Die Mehrheit der Gartenanlagen ist nach traditionellem chinesischen Modell angelegt: künstliche Seen, die an schmalen Stellen über hochgewölbte Brücken zu überqueren sind, niedrige Hügel und Felsformationen, kleine Pavillons und Wandelgänge. Die Eintrittspreise differieren stark nach der historischen Bedeutung - Gärten, in denen einst die Kaiser wandelten, sind ungleich teurer als solche, die nur der Erholung der einfachen Stadtbewohner dienen.
Susanne Röckels erzählerisches Ich hat an den einzelnen Stationen eines solchen Gartens - wie Kassenhäuschen, Pavillon, Wasserfall - Erlebnisse, die fiktiv sind, jedoch auf den Erfahrungen der Autorin basieren. In der satirischen Darstellung wählt sie ein erzählerisches Ich, das seine Erlebnisse unreflektierter als sie selbst wahrnimmt und interpretiert. Im Gegensatz zu ihrem stark an historische Informationen gebundenen ersten Buch über China genießt die Autorin in der Satire die Freiheit, übertreiben zu können und sich von realen historischen Details zu lösen: "Alles ist erlaubt!" Bizarre Phänomene des Alltags können humoristisch überformt werden, und die Satire erlaubt auf subversive Weise, den westlichen Blick in seiner von westlichen Normen geprägten Wahrnehmung zu überziehen und damit der Kritik auszusetzen.