Von Janina Bach

Peking empfängt den Besucher, der das Flughafengebäude auf der Suche nach einem Bus ins Zentrum verlässt, mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert. Autos und Busse stauen sich; wer schneller reagiert, drängt sich in eine winzige Lücke und überlässt es dem anderen Fahrer, einen Unfall zu vermeiden. Im Stadtzentrum angekommen, verstärkt sich der Eindruck einer chaotischen, keine Regeln beachtenden Fahrweise: Autos, Busse, Motor-Rikschas und Fahrräder drängen sich über die Straßen, jede Lücke wird genutzt um weiterzukommen. Völlig entspannt bahnen sich Fußgänger ihren Weg durch den fließenden Verkehr.
Thomas Bayrle bringt den Unterschied zwischen der deutschen und chinesischen Fahrweise auf den Punkt: "Bei uns hat jeder Recht, in China passt jeder auf." Der Verkehr sei hier amorph wie Wasser, sagt der Künstler, alles fließe ineinander, ohne den Respekt für andere Verkehrsteilnehmer zu verlieren. Die angeblich monolytische und homogene Masse aller Chinesen erweist sich für ihn als hoch individuelles Muster bzw. Ornament aus sehr unterschiedlichen Menschen und Charakteren. Die über Jahrzehnte aufrecht erhaltene Kollektivnorm sieht er aufbrechen und die Chinesen ihre Befreiung davon genießen. Das Verhalten im Verkehr spiegelt für den Künstler die Funktionsweise der chinesischen Gesellschaft wieder, in der er einen wichtigen Vorteil der Chinesen gegenüber dem Westen erkennt: "Im digitalen Zeitalter, im Zeitalter der Massenkommunikation sind sie viel wendiger und kennen viel mehr kleine Wege als wir." Durch den Aufenthalt in China sieht Thomas Bayrle die starren Strukturen in Deutschland kritischer, die für ihn Bewegung und Variationen verhindern und damit Effizienz blockieren. Das China von heute erscheint ihm durch eine unglaubliche Dynamik - trotz großer Widersprüche im Inneren - als ein Gegenbild zur deutschen Situation: "Obwohl der Parteiapparat im öffentlichen Leben noch statische Züge zur Schau trägt, gibt es hier im Einzelnen nichts Statisches mehr, sondern einen ständigen Wechsel von Variation zu Variation."
Als Weber - diesen Beruf erlernte er in seiner Jugend - begreift er politische Gesellschaften als Gewebe bzw. horizontale Ebenen, in denen mehr oder weniger komplexe Bindungsformen die Qualität des Lebens ausmachen. "Wie in einer Wiese die Halme", zeigen sich für ihn reliefartige Ausstülpungen aus der "kollektiven Horizontalität" als individuelle Formen in der Vertikalität. Die Verdichtung der Gesellschaft sieht er wie bei einem Gewebe in der Horizontalität. In seiner Auseinandersetzung mit Struktur und Funktionsweise des Pekinger Verkehrs entwickelt Thomas Bayrle "ein System von Layern, in dem mehrere Faktoren ineinander spielen". In der Form von Pappcollagen verbindet er drei verschiedene Zeiten der chinesischen Geschichte. Ein chinesisches Zeichen (Radikale), das "die Form einer Autobahnstruktur bestimmt", ein Autobahngeflecht, dessen Markierungslinien er ausstanzt, und historische Fotos aus der Kulturrevolution werden übereinander gelegt bzw. ineinander verflochten. Die in der Stadt "brutal" über- und untereinander verlaufenden Stränge von Autobahnen bewirken eine unregelmäßige reliefartige Struktur, auf die ein stark aufgerastertes Foto gedruckt wird. Die Fotos aus der Kulturrevolution entstammen einer Sammlung, die der Künstler seit 1964 angelegt hat. Sie zeigen Landschaften, davor Bautrupps, die Straßen und Wasserleitungen bauen. Thomas Bayrle interessieren sie nicht wegen ideologischer Implikationen, sondern aufgrund ihrer starken Bildqualität.
Begleitet wird der Künstler von seiner Frau Helke Bayrle, die, vor Ort auch an eigenen Projekten arbeitend, ihn technisch unterstützt und ein wichtiges inhaltliches Korrektiv seiner Arbeit darstellt.