Von Janina Bach

Religiöse Bauwerke in Peking, buddhistische und taoistische Tempel, Kirchen und Moscheen sind von der Modernisierung der Metropole scheinbar nicht betroffen. Ihre traditionelle Architektur bleibt erhalten, Neues wird nicht erbaut, Altes nach historischem Modell restauriert. Rasant verändert sich dagegen ihre Umgebung: Sie werden umschlossen von mondänen Geschäftsvierteln und verglasten Hochhausfassaden. Der Pekinger Schriftsteller Xi Chuan ist der Frage nach der Situation religiöser Bauwerke im High Speed Urbanismus auf der Spur.
In den letzten historischen Stadtvierteln entdeckte Xi Chuan verlassene taoistische und buddhistische Tempel. Bei dem Gang durch eine eine belebte Geschäftsstraße aus alten, einstöckigen Gebäuden, den traditionellen Hofhäusern, weist ein verfallenes Tor auf den Eingang zu einem Tempel hin. Durch die halb offene Tür sieht man einen alten Mann in einem ärmlich eingerichteten, kleinen Wohnraum sitzen, der im kaiserlichen China das Eingangstor zu einem taoistischen Tempel bildete. Von den breit angelegten Höfen zwischen den einzelnen Tempelgebäuden ist durch Anbauten nur noch eine schmale Gasse übriggeblieben. Die geschwungenen Dächer des Tempels aus der Ming-Dynastie mit ihrem verzierten Gebälk erheben sich knapp über den angebauten Zimmern der Bewohner, aufgestapeltem Schrott und Wäscheleinen.
Der Schriftsteller erzählt, dass im "neuen China", dem kommunistischen Staat, die Regierung solche Tempel vor allem Behinderten als Wohnraum zuteilte. Der mögliche Abriss der traditionellen Wohnviertel im Zuge der Modernisierung der Metropole oder auch die Restaurierung solcher Tempel stellt für ihre Bewohner eine existentielle Bedrohung dar. Xi Chuan besucht die verlassenen Viertel, unterhält sich mit ihren Bewohnern und interviewt Stadtplaner und Immobilienmakler. Die Gespräche erweisen, dass die Restaurierung von verlassenen Tempeln nicht ihrem Erhalt als religiöse Orte dient. Sie sollen äußerlich rekonstruiert werden, doch als Touristenattraktionen oder als Teehäuser die finanzielle Investition wieder wettmachen.
Bei der Verfolgung seines Projekts eröffnen sich dem Schriftsteller weitere Felder und Fragen, denen er nachforschen möchte. Der "Beijing Case" wird nur eine Stufe in einem größer angelegten Projekt sein, das in eine Buchpublikation münden mag. Von zunehmendem Interesse zeigt sich für ihn die Frage nach der Bedeutung der Religion für die Gläubigen. Die kleine buddhistische Tempelanlage Xisi im Zentrum der Stadt ist zu einem Ort geworden, den er regelmäßig besucht, um sich mit den Gläubigen zu unterhalten und ihre Gespräche aufzuzeichnen. Jenseits der Touristenströme, die durch die bekannteren Tempelanlagen fluten, ist Xisi ein Ort der Andacht und des Gebets. An den Wochenenden treffen sich einfache Gläubige, darunter Wanderarbeiter, um in den Innenhöfen des Tempels über den Buddhismus zu sprechen. Für Xi Chuan repräsentieren sie die Mehrheit der Gläubigen in Peking, die - unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit zu Buddhismus, Christentum oder Islam - "aufgrund persönlicher Schwierigkeiten zum Glauben gefunden haben". Der Schriftsteller schätzt die Motivation vieler Gläubiger als "weltlich" ein, da sie von der Religion die Lösung ihrer Probleme erhoffen.
Für die Präsentation seiner Ergebnisse auf den Ausstellungen in Peking und Karlsruhe plant Xi Chuan eine Kombination aus von ihm gesammelten religiösen Malereien und paragraphenartigen Texten, die er in traditionellen chinesischen Notizbüchern festhält.