Die britische Premierministerin Maggie Thatcher hatte bereits 1989 darauf hingewiesen, man müsse den sozialistischen Ländern des Ostens mindestens eine Generation Zeit geben, um den Übergang zur Demokratie und freien Marktwirtschaft zu bewältigen. Jetzt, 15 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer - sozusagen zur Halbzeit - wird das HAU diese Zäsur nutzen, um ein Festival über Transformationen in Ostdeutschland zu realisieren. Dazu haben wir Regisseure, Philosophen, Autoren und Filmemacher eingeladen, die Umwandlung von politischen, ökonomischen und kulturellen Parametern zu untersuchen, zu beschreiben und ihre künstlerischen Ergebnisse zu veröffentlichen. Dabei steht nicht nur die deutsch-deutsche Vereinigung, sondern auch die Umwandlung der ehemaligen Ostblockstaaten im Kontext eines sich verändernden Europas, dessen Auswirkungen nicht nur den Osten, sondern auch seine ‚Kehrseite' - den Westen - betreffen. Die gegenwärtigen Ergebnisse entsprechen nicht dem, was man sich nach der Wende versprochen hatte. Der "Poker im Osten" (Dirk Baecker) scheint zugunsten des Westens entschieden zu sein, mehr noch: man erinnert sich kaum noch daran, worin die Einsätze dieses Pokers bestanden haben könnten. Der Verlust ökonomischer Sicherheiten präsentiert sich heute als gesamtdeutsche Krisenstimmung, in der das Utopische als Korrektiv der Gegenwart einer Logik der Besitzstandswahrung gewichen ist. Dabei hat die Wiedervereinigung eine Bewegung zum Mythos initiiert, in dem der Kapitalismus als naturgesetzliche Notwendigkeit auftritt. Die gegenwärtigen Diskussionen um das ‚neue Europa' gehen davon aus, dass das Modell ‚Westen' sich politisch und wirtschaftlich durchgesetzt hat. Aber wohin ist der Osten verschwunden? Und gibt es den Westen überhaupt noch, wenn er nicht mehr als Akteur eines dialektischen Verhältnisses auftritt?
Gegen die Rhetorik verklärender Nostalgie setzen die zehn Projekte des "Poker im Osten" ein breites Spektrum künstlerischer Ansätze. Dabei schließt unsere Erkundung der Realität das bewusste Produzieren von Lügen mit ein, versucht über orts-spezifische Atmosphären, mediale Adaptionen und das wilde Spiel mit Klischees Grenzziehungen zu unterlaufen, um so einer mythisierenden Vereinnahmung Widerstand zu leisten.
Das Programm wird kuratiert von Carena Schlewitt und Barbara Gronau.


Theaterprojekte

Mitwirkende:
Harriet und Peter Meining, Janek Müller, Thomas Heise, Claudia Bosse, Susanne Sachsse, Marc Siegel, Daniel Hendrickson, Hans-Werner Kroesinger, Constanze Fischbeck und Sascha Bunge u.a.

Veranstaltungsorte:
Dresden, Leipzig, Weimar, Magdeburg, Halle, Dessau, Berlin

Kon­takt

Theater Hebbel am Ufer
Matthias Lilienthal/ Carena Schlewitt

Stresemannstr. 29

10963 Berlin