In dem Fragment gebliebenen Dramenentwurf "Polizey" (1799-1804) entwirft Friedrich Schiller ein gigantisches Gesellschaftspanorama: Die Pariser Polizeibehörde des Ancien Regime wird zum Kristallisationspunkt zwischen Ordnung und Chaos, Intimität und Öffentlichkeit, Individuum und Masse.

"Die Handlung wird im Audienzsaal des Polizeilieutenants eröffnet, welcher seine Kommis abhört und sich über alle Zweige des Polizeigeschäfts und durch alle Quartiere der großen Hauptstadt weitumfassend verbreitet. Der Zuschauer wird sonach schnell mitten ins Getreibe der ungeheuren Stadt versetzt und sieht zugleich die Räder der großen Maschine in Bewegung."

Von den romantischen Räubern seiner Jugend gelangt Schiller zu den Verbrechern und Agenten der modernen Großstadt und aus den böhmischen Wäldern in die dunklen Quartiere von Paris. Der idealistisch-revolutionäre Schlachtruf "Freiheit und Gleichheit" wandelt sich zur Debatte über öffentliche Sicherheit und staatliche Kontrollmechanismen. Überliefert sind nur einige Seiten Text: Figurenskizzen, Szenenentwürfe, Beschreibungen und Notizen - weniger ein unfertiges Theaterstück als eine Materialsammlung.

Inspiriert durch den chaotisch-gigantischen Entwurf "Die Polizey" präsentieren ab 12. Mai drei Regieteams in Jena, Weimar und Meiningen ganz eigene Inszenierungen. Norton. Commander. Productions alias Harriet und Peter Meining entwerfen am Theaterhaus Jena ein Polizeigemälde, das zwischen dokumentarischem Realismus und surrealer Filmwelt pendelt. Ein Projekt über voyeuristische Gier nach Einblick in fremde Privatleben vor dem Hintergrund der aktuellen Sicherheitsdebatten entwickelt die Züricher Gruppe FarADayCage im Strassenbahndepot Weimar (Premiere 26.Mai). In der Textfassung von Till Müller-Klug erprobt am Meininger Theater das Regieduo KranzNordalm gegenwärtige und zukünftige Diskurse der Inneren Sicherheit, der sozialen Entsicherung und des unbewussten Gehorsams. (Premiere 19. Juni). Am 19.Mai findet ab 18 Uhr im Meininger Theater die "Lange Nacht der Polizey" statt - alle Projekte an einem Abend.

Mit "Tatorten und Phantombildern" beschäftigt sich ab 4. Juni eine Ausstellung im Cinestar Weimar. Gegenwärtige Vorstellungen von Schauplätzen und Täterbildern werden in Frage gestellt, mitunter wird die Kunst innerhalb dieser Auseinandersetzung selbst zur Straftat. Die Abwesenheit - einer dargestellten Handlung oder Person - erzählt ganz eigene Geschichten. Konzipiert wurde die Austellung von Katharina Tietze und Katharina Hohmann.

Unter www.polizey.de informiert ein Webarchiv über die Entstehungsgeschichte und Hintergründe des Dramenentwurfs. Es ist entstanden in Zusammenarbeit mit der Bauhaus Universität Weimar.

09.05.2005 Herausgabe der Festivalzeitung in Zusammenarbeit mit der Bauhaus Universität Weimar und der Zeitungsgruppe Thüringen

12.05.2005, 20 Uhr
Premiere
"Die Polizey"
Regie: Norton.Commander.Productions
Ort: Theaterhaus Jena

Die Polizei, die Gewalt, das Verhör, der Mörder, der Ermittler, das Verbrechen, der Staat und sein Instrument - Schillers Textfragment verweist in vielerlei Hinsicht auf die Gegenwart - in einzelnen Sequenzen und Kurzgeschichten werden norton.commander.productions. ein komplexes Polizeigemälde entwerfen, das zwischen dokumentarischem Realismus und surrealer Filmwelt pendelt. Hemmungslos wird dabei authentisches Material mit filmischem gemischt, wird zitiert, kommentiert und konstruiert. Zwischen Opfer und Täter, zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Moral und Gesetz pendeln die Beobachtungen und versuchen die Abgründe des »Unentscheidbaren« zu ergründen.

»Warum haben sie geschossen. Ich wollte einen Schuss abgeben.«

»Die Kommissare werden immer jünger. Mit Homosexuellen, schweren Alkoholikern, Drogen- und Spielsüchtigen, die um ihrer Sucht willen teils selber kriminell werden, Kommissare mit psychischen Problemen, sowie Protagonisten die »blind, impotent oder amputiert« sind, wird dem ehemals perfektem Ermittler endgültig eine Absage erteilt - das eindeutige Gut-Böse-Schema das funktioniert eben nicht mehr...«

»Dass das Gute das Böse zeugt, nichts ist erheiternder als das. Aber liegt nicht die Gleiche Ironie in der Tatsache dass das Böse das Gute zeugt. Tatsächlich muss man die Sache anders sehen. Das Gute ist, wenn das Gute das Gute zeugt oder das Böse das Böse ... alles ist in Ordnung. Das Böse ist, wenn das Gute das Böse oder das Böse das Gute zeugt. Das geht böse aus. Jede Verzerrung der Ursachen und Wirkungen gehört in den Bereich des Bösen.« [Baudrillard]

norton.commander.productions. arbeiten seit 1995 an der Schnittstelle Theater/Film und Bildender Kunst. Ihre Inszenierungen »Genetik Woyzeck«, »Terrain! Terrain! Pull up! Pull up!« die Fassbinder Inszenierungen »Out of Control« und »Tropfen auf heiße Steine« oder »Solaris« gastierten auf einer Vielzahl nationaler und internationalen Festivals.

Regie, Ausstattung Norton Commander Production Peter und Harriet Meining

13.05.2005, 20 Uhr
"Die Polizey"
Regie: Norton.Commander.Productions
Ort: Theaterhaus Jena

14.05.2005, 20 Uhr
"Die Polizey"
Regie: Norton.Commander.Productions
Ort: Theaterhaus Jena

16.05.2005, 20 Uhr
"Gewalt auf dem Seziertisch - Schillers Räuber und ihr Umfeld"
von Dr. Götz Lothar Darsow

Die Wirkungen von Gewalt, die Folgen von vernichtendem Terror führt uns Schiller in den Räubern wie in einer medizinischen Experimentalanordnung vor Augen. Er zeigt Karl und Franz Moor als zwei Seiten einer Medaille, die gefährliche Nähe des »Herzklopfens für das Wohl der Menschheit«, und das »Toben des verrückten Eigendünkels« (Hegel).
Vortrag von Dr. Götz-Lothar Darsow
Dr. Götz-Lothar Darsow studierte Musik, Soziologie, Philosophie, Kunst- und Literaturwissenschaft und hat 2000 eine vielbeachtete Monografie zu Friedrich Schiller publiziert.

17.05.2005, 20 Uhr
"Die Polizey"
Regie: Norton.Commander.Productions
Ort: Theaterhaus Jena

26.5.2005, 20 Uhr
Premiere
"Polizey"
Regie: FarADayCage Theaterproduktion Zürich
(Unter Schirmherrschaft des Schweizer Generalkonsuls Hans Dürig, Schweizer Generalkonsulat Dresden)
Ort: Strassenbahndepot Weimar, Am Kirschberg 4

Dass Theater und Polizei einander ähneln, könnte mit dem Projekt der Züricher Gruppe FarADayCage um einen Beweis reicher werden, wenn die Zuschauer selbst die Ermittlungen führen und die Darsteller von ihnen nicht nur auf der Bühne observiert werden ...

Auf der Grundlage des von Friedrich Schiller in seinem Dramenentwurf "Die Polizey" skizzierten Stoffes entwickelt die Gruppe FarADayCage eine interaktive Theateraufführung. Das Projekt wagt sich an die Grenzen der sozialen und sicherheitspolitischen Kontrollmechanismen und verbindet damit die Frage, inwieweit Privat- und Intimsphäre der Bürger schützenswert, bzw. vor die Sicherheit der Allgemeinheit zu stellen sind.
Aus dem Vorzeigeland der Freiheit, der Schweiz, kommend, entwickelt die Gruppe ein Projekt über voyeuristische Gier nach Einblick in fremde Privatleben und die Tabus, die gegenwärtig vor allem in sicherheitspolitischen Angelegenheiten zu fallen scheinen.

FarADayCage gehört mit ihrem Regisseur Tomas Schweigen zu den Newcomern des vergangenen Jahres. Ihre spielerisch überbordenden Eigenproduktionen zeichnen sich durch eine geschliffene Dramaturgie und absolute Spielwut aus.

Regie: Tomas Schweigen

28.5.2005, 17 Uhr
Vernissage
"Ich war immer nur eine Spur, ein Trugbild meiner selbst"
von Susann Maria Hempel
Ort: Am Graben 41, 99423 Weimar
29.5.2005 bis 11.6.2005

Susann Maria Hempel hat sich mit Friedrich Schillers Dramenentwurf "Polizey" auseinandergesetzt und widmet ihren Festivalbeitrag den polizeilichen Techniken des Spurensicherns und -archivierens, und überführt das sonst ganz im Dienste von Aufklärung stehende Material in höchst sinnliche Bildsequenzen. Deren Ästhetik ist also eine der Sichtbarmachung des Verborgenen, und ihr realer Stoff sind die permanent absterbenden Hautzellen menschlicher Körper.
Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts tritt an die Stelle des Erkennungsdienstes sprachlich übermittelter Botschaften der Erkennungsdienst von Kontaktflächen, die Spuren aufnehmen. Überall - in der Physik, im Impressionismus, in der Kriminologie - treten Nahwirkungen an die Stelle von Fernwirkungen. Das Modell des polizeilichen Erkennens ist nicht mehr Newton oder Kant, sondern Faraday oder Bonnard. Licht ist Elektromagnetismus. Sehen ist Fühlen.
Auf der Haut, der Grenzschicht des Körpers, die zugleich schon Hülle und Kleid ist, trägt der Körper sein "Bild", abziehbar in Streifen, projizierbar in die Ebene, abspielbar in der Zeit...

28.5.2005, 20 Uhr
"Polizey"
Regie: FarADayCage Theaterproduktion Zürich
Ort: Strassenbahndepot Weimar, Am Kirschberg 4

28.05.2005, 22.15 Uhr
Premiere
"Self Control" Ein Filmprojekt
von Olaf Helbing
Ort: Strassenbahndepot Weimar, Am Kirschberg 4
29., 31.5.2005, 22.15 Uhr

Olaf Helbing geht in seinem filmischen Projekt im Rahmen der "Polizey" einer besonderen Art der Kontrolle nach: der Selbstkontrolle.
"Nicht ich habe ihn Joe genannt, aber ich fand den Namen durchaus passend. Wenn es nicht anders gekommen waere, haette er mich Harry rufen koennen (was Quatsch ist), aber nicht verkehrt, da ich mir schlecht Nachnamen merken kann.
In dieser Form von Fairness ha(e)tten wir ohne Weiteres eine gepflegte Weile leben koennen, wenn nicht Joe in dem Moment hoechster Zeit auf die Idee gekommen waere zu sagen: Ich gehe jetzt. Und wenn ich fort bin, bist du tot.
Waere er mir nicht so aehnlich, es haette mich beunruhigt. Aber da sein Gesicht eine ungekannte Entschlossenheit zeigte, griff ich vorsorglich zu der Schublade, in der ich die Waffe vermutete." Olaf Helbing erarbeitet diesen Thriller mit der kleinstmöglichen Produktionseinheit. Mit sich selbst.

29.5.2005, 20 Uhr
"Polizey"
Regie: FarADayCage Theaterproduktion Zürich
Ort: Strassenbahndepot Weimar, Am Kirschberg 4

30.5.2005, 20 Uhr
"Körperschmerz und Kunstschönheit - Zu Schillers Ästhetik"
von Götz Lothar Darsow
Ort: N.N. Weimar
Der ungeheure Einfluss, den Schillers Ästhetik insbesondere auf das 19. Jh. hatte, degradiert ihn vielfach zu einem harmoniesüchtigen Kunstideologen des Wahren, Guten und Schönen. Der Vortrag zeigt Schiller als einen Ästhetiker, der aus eigener Erfahrung um die gegenseitigen Abhängigkeiten von Kunst und sozialem und leiblichem Körper wusste.

31.5.2005, 20 Uhr
"Polizey"
Regie: FarADayCage Theaterproduktion Zürich
Ort: Strassenbahndepot Weimar, Am Kirschberg 4

4.6.2005, 20 Uhr
Vernissage
"Tatort und Phantombild"
Konzept: Katharina Tietze, Katharina Hohmann
Ort: Cinestar Weimar, Schützengasse 14, Eingang Parkplatz Hegelstraße
5.6.05 - 9.7.05 Mittwoch bis Samstag von 14:00 - 19:00

Die Ausstellung thematisiert Schauplätze und Täterbilder zwischen (vermeintlicher) Straftat und ihrer Aufklärung. Der Blick richtet sich auf Figuren und Kostüme bzw. Räume und Ausstattungen, die in Abwesenheit einer Handlung selbst Geschichten erzählen. Einzelne Motive aus Schillers Dramenfragment "Die Polizey" werden durch die Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern beleuchtet.
Im Zentrum stehen gegenwärtige Vorstellungen von Tatort und Phantombild, von Orten und Mechanismen der Überwachung und ihrer Bebilderung, von erkennungsdienstlichen Maßnahmen und ihrer Übertragung in die Sprache der Kunst. Die teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen beschäftigen sich z.B. mit exemplarischen Fällen der Polizeigeschichte oder mit der Frage, in wieweit die Polizei heute noch im schillerschen Sinne moralische Instanz sein kann.
Die Kunst kann dabei sowohl als die "Tat selbst" gesehen werden, sich also selbst in der Spannung von Legalität/Illegalität bewegen, als auch kommentierend und nach eigenen Begriffen von Rechtsstaatlichkeit fragend argumentieren. Das menschliche Antlitz ist seit jeher Opfer stigmatisierender und experimenteller Visionen einer Kategorisierung von Menschen in ‚Gut und Böse'. Die Nähe zum künstlerischen Portrait, vor allem zum Selbstportrait, erzeugt eine mannigfaltige Interpretationskette des Themas Phantombild in der Kunst. Die Kunstwerke, die sich mit Polizei und Verbrechen beschäftigen, sind dokumentarischer, inszenatorischer, filmischer oder medienkritischer Art. Die Ausstellung wird im Innen- und Außenraum unterschiedliche künstlerische Positionen zum Themenkomplex vorstellen.

6.6.2005, 20 Uhr
"Der ungeheure Baum des Verbrechens - Schillers Polizey zwischen Schutzmacht und Spitzelwesen."
von Dr. Götz Lothar Darsow
Ort: N.N. Weimar
Die Veranstaltung zeigt die Wandlung von Schiller, der der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine bittere Diagnose gestellt hatte, zu einem vorausschauenden Analytiker moderner Macht- und Herrschaftsstrukturen, deren Ambivalenzen bis heute umstritten sind.

19.6.2005, 18 Uhr
Premiere
"Die Polizey"
Regie: KranzNordalm
im Rahmen der "Langen Nacht der Polizey"
Ort: DAS MEININGER THEATER
Wie viel Sicherheit braucht der Mensch? Freiheit, wie geht das?
Chaoten von morgen heute erkennen. Risiken und Fangquoten der Rasterfahndung. Poetische Verhörmethoden - hilfreich oder Humbug?
Fragen und Themen aus dem Curriculum der POLIZEYSCHULE, einem Theaterprojekt von KranzNordalm mit Texten von Till Müller-Klug. Inspiriert von Schillers Dramenfragment "Polizey" erprobt sich die POLIZEYSCHULE an gegenwärtigen und zukünftigen Diskursen der Inneren Sicherheit, der sozialen Entsicherung und des unbewussten Gehorsams.

Regie/Bühne/Kostüme Kranz/Nordalm

23.6.2005, 20 Uhr
Premiere Theaterhaus Gessnerallee Zürich
"Polizey"
Regie: FarADayCage Theaterproduktion Zürich
Ort: Theaterhaus Gessnerallee Zürich

23.-26.6.2005, jeweils 20 Uhr
Premiere Theaterhaus Gessnerallee Zürich
"Polizey"
Regie: FarADayCage Theaterproduktion Zürich
Ort: Theaterhaus Gessnerallee Zürich

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