In den aktuellen Katastrophen und weltpolitischen Ereignissen spitzen sich die tiefgreifenden globalen Umwälzungen der vergangenen 25 Jahre dramatisch zu. Je nach Perspektive werden sie von den Menschen als Krise oder als Chance auf einen Neuanfang interpretiert. Auf nahezu allen Ebenen politischer, philosophischer und künstlerischer Diskurses erleben wir eine Konjunktur apokalyptischer Rede.

Schon seit ihrer Entstehung in den 50er Jahren unterhält Popkultur, der üblicherweise Eskapismus und Realitätsferne nachgesagt wird, eine besonders innige Beziehung zum Ende. Das könnte einen simplen Grund haben, den ihre Akteure häufig verdrängen. War die Erfindung des Rock’n’Roll und des Teenagers nicht selber ein (unbewusster) kultureller Reflex auf die mannigfaltigen Zivilisationsbrüche im Zweiten Weltkrieg und den Kollaps einer Weltordnung? Es scheint der Rede wert zu sein, dass Pop auch in der Folge immer dann seine produktivsten Phasen durchlief, wenn eine Welt zerbrach. Das war so, als die Verwüstungen des Vietnamkriegs die Gegenkultur der 60er Jahre befeuerten. Die Endzeitstimmung des Punks stand in Zusammenhang mit dem sich abzeichnenden Ende des Industriezeitalters, mit dem Verfall urbaner Räume und mit dem Niedergang einer Ideologie des ungebremsten Wachstums. Im Bereich der afrodiasporischen Musik ist das „Armageddon“ in so unterschiedlichen Genres wie Gospel und Blues, im Jazz eines Sun Ra oder im HipHop von Public Enemy und Wu-Tang Clan allgegenwärtig.

Auf der anderen Seite des kulturellen und politischen Spektrums gibt es eine Linie von Songwritern mit jüdischem Hintergrund, die an die alttestamentarische Tradition der negativen Prophezeiung anknüpfen. In seinem Song „A Hard Rain’s Gonna Fall“ beschrieb Bob Dylan zu Beginn der 60er Jahre den nuklearen Fallout als biblischen Regen. Leonard Cohen antwortete drei Dekaden später auf den Fall der Mauer mit der lakonischen Zeile: „I’ve seen the future, and it’s murder“. Nicht erst seit den Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki ist die Kultur in Japan von traumatischen Erfahrungen durchwirkt. Die Sprache dort kennt zwar kein Wort für „Katastrophe“. Aber ob es die Volkskunst der Mangas ist, die Samuraischlachten Kurosawas, die Noisegewitter des Extremmusikers Merzbow oder die Godzilla-Filme: Japan hat sein Wissen von der Apokalypse in seine Kultur ausgelagert.

Mit einem dreitägigen Themenwochenende erkundeten Christoph Gurk und Tobias Rapp, wie Pop vom Ende der Welt erzählt. Vor dem Hintergrund aktueller Krisenszenarios sichteten Kulturtheoretiker und Künstler die Spuren, die apokalyptische Rede in der mehr als 50 Jahre langen Geschichte dieser kulturellen Formation hinterlassen hat. Wer sich den Chiffren des Katastrophischen nähert, erfährt viel über die Art und Weise, wie Popkultur einen Bezug zur Welt aufbaut, und sei es in der Geste ihrer Verwerfung. Vielleicht wollen uns ihre Visionen vom Untergang mitteilen, dass das Ende nicht bevorsteht, sondern immer schon geschehen ist.

Das Diskussionsprogramm wurde flankiert durch Konzerte und DJ-Sets.

Künstlerische Leitung: Christoph Gurk, Kurator: Tobias Rapp
Künstler/Kulturtheoretiker: Simon Reynolds (Los Angeles), Christina Striewski (Frankfurt am Main), Greg Tate (New York), Jens Balzer (Berlin), Gal Gvili (Tel Aviv), Dietmar Dath (Freiburg im Breisgau), Atsushi Sasaki (Tokio), Tracey Rose (Johannesburg), Diedrich Diederichsen (Wien und Berlin), James Kirby (The Caretaker)

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