Von Janina Bach

Unmittelbar südlich vom Tiananmen Platz, der Weite und kommunistische Pracht vermittelt, schließt sich eines der wenigen unzerstört gebliebenen historischen Stadtviertel an. Von Touristen als Überrest traditionellen Pekinger Lebens besucht, reihen sich in engen Gassen Souvenirstände mit Fake-Produkten aneinander. Chinesische Touristen werden in kleine Hotels gelockt, wo zu Kaiserzeiten die Kandidaten der Beamten-Prüfungen logierten. Straßenhändler bieten Mais und Melonenstücke am Spieß feil - sie verschwinden plötzlich mit ihren fahrbaren Ständen oder einfachen Kartons und tauchen wieder auf, wenn die Warnung vor Polizei sich als falsch erwiesen hat. Tiefer versteckt im Gassengewirr beleben sich abends zahlreiche kleine Restaurants, in denen an schmutzigen Tischen im Dunst der Kochtöpfe und Zigaretten traditionelle chinesische Gerichte gegessen werden.
"Dazhalan" heißt der Stadtteil, einst kommerzielles Zentrum der Stadt, nun dicht bevölkert von den Ärmsten ihrer Bewohner: kleinen Händlern, Wanderarbeitern, Prostituierten und Rentnern. Wer jung und erfolgreich ist, verlässt das Viertel, dessen Gerüche von fehlenden sanitären Anlagen und schlechter Wasserversorgung zeugen.
Die Filmemacher Cao Fei und Ou Ning haben Dazhalan als Drehort ausgewählt für einen Dokumentarfilm über das Leben in einem historisch gewachsenen Stadtviertel aus ein- bis zweistöckigen Gebäuden inmitten der Hochhauslandschaft der Megacity Peking. Mehrere Tage verbringen sie wöchentlich in Dazhalan mit einem zehnköpfigen Team - darunter Fotografen, Kameraleute und Tontechniker.
Bei der künstlerischen Annäherung an den Urbanisierungsprozess der Stadt interessieren sich Cao Fei und Ou Ning für verschiedene Konfliktfelder, die aus dem Ungleichgewicht zwischen Modernisierung und Tradition erwachsen. Die Ziele von Stadtplanung und Denkmalschutz haben wenig gemein mit den Bedürfnissen der Bewohner. Eine lange Liste zeigt, welche Gebäude in Dazhalan unter Denkmalschutz stehen. Die Filmemacher erfahren in Gesprächen mit den Bewohnern, dass für sie die Auflagen des Denkmalschutzes weit hinter dem Bedürfnis rangieren, ihre katastrophalen Wohnverhältnisse zu verbessern. Für die Olympiade 2008 sollen die historischen Viertel im Stadtkern verschönert werden, daher erklärt sich die Stadt bereit, den Bewohnern Gelder für Sanierungsarbeiten zur Verfügung zu stellen. In welcher Höhe diese erfolgen und ob sie ausreichen, um auch die Wohnqualität zu verbessern, stellt einen Konfliktpunkt zwischen der Regierung und den Bewohnern von Dazhalan dar, dem die Künstler filmerisch und fotografisch nachgehen. Es ist wichtig für sie, eine Vertrauensbasis zu den Menschen dort aufzubauen, um die Scheu vor der Kamera zu reduzieren. Cao Fei erklärt die Problematik: "In der chinesischen Kultur zeigt man seine Meinung nicht gerne öffentlich."
"The Dazhalan-Project" ist Teil eines weit angelegten Projekts. In den drei größten Städten Chinas - Shanghai, Peking und Guangzhou - verfolgen und dokumentieren Cao Fei und Ou Ning die Situation historisch gewachsener Wohnviertel, die in die Städte integriert wurden, ohne ihre traditionelle Bauweise und Lebensart aufzugeben. In ihrer Heimatstadt Guangzhou sind aus dem "San Yi Yuan Project" ein Dokumentarfilm, ein Foto-Band und eine Webpage entstanden. Dasselbe Ziel verfolgen sie jetzt. Bei den Ausstellungen in Peking und Karlsruhe wollen die Künstler einen Dokumentarfilm über Dazhalan präsentieren.
Der Film wird neben der variationsreichen, traditionellen Architektur des Stadtviertels das Leben der Bewohner von Dazhalan zeigen und ihren Kampf um die Behauptung eigener Bedürfnisse in einer Stadtstruktur, die nach einem rasanten Urbanisierungsprozess den - optischen - Wert ihrer letzten historischen Viertel erkannt hat.