Eine Annahme der Zukunft. In den Laboren des Zusammenlebens versammelt die Kulturstiftung des Bundes zukünftig digitale Gespräche und künstlerische Projekte. Im Labor manifestiert sich eine Haltung zur Wirklichkeit. Sie speist sich aus der Erfahrung, wie schnell sich scheinbar gesicherte Annahmen überholen können. In den Laboren des Zusammenlebens sollen Überzeugungen erprobt und geprüft werden. Die neue Veranstaltungsreihe lädt Künstlerinnen und Theoretiker, Wissenschaftlerinnen und Akteure der kulturell-institutionellen Praxis ein, Szenarien unseres zukünftigen Zusammenlebens zur gemeinsamen Testung vorzuschlagen.

Eine Versuchsanordnung. Die Form der einzelnen Labore folgt dem, was Erkenntnisgewinn verspricht. Das mag eine moderierte Kontroverse um schmerzliche Zerwürfnisse in der kulturellen Praxis sein; ein anderes Mal ein schneller partnerschaftlicher Austausch zu Überlegungen im Entstehen, für die in der öffentlichen Debatte weitere Mitdenkende gewonnen werden sollen. Das Herzstück bilden künstlerische Projekte, die Künstlerinnen und Künstler im Dialog mit der Kulturstiftung des Bundes als Reallabore entwickeln. Hierbei entstehen Arbeiten für den digitalen Raum, die sich Zeit für intensive Recherchen nehmen und Experimente in Form und Ausdrucksweise darstellen.

Ein Netzwerk für Ideen, Fragen und unentdeckte Leerstellen. Die Kulturstiftung des Bundes hat sich über die Zeit ihres Bestehens mit vielen Kulturinstitutionen verbunden, die sich den Herausforderungen eines Wandels ihrer Aufgaben in der Gegenwartsgesellschaft stellen. Als ein Knotenpunkt im Netzwerk weiß die Stiftung, dass viele der Partner vor denselben Fragen stehen. Diese betreffen die alltägliche institutionelle Praxis ebenso wie grundlegende Überlegungen zu einer Neuausrichtung des kulturellen Zusammenlebens. In den Laboren möchte die Kulturstiftung des Bundes solche Fragen zukünftig bündeln, Handlungsoptionen diskutieren und Überlegungen kennenlernen, die sich bisher im Diskurs noch nicht wirkmächtig artikuliert hatten. Durch die Labore und die dadurch entstehenden öffentlichen Debatten möchten wir als lernende Stiftung neue Perspektiven erfahren.

An dieser Stelle werden ab jetzt die Veranstaltungen der Labore des Zusammenlebens laufend ergänzt. Den Auftakt bildete am 28. Januar 2021 ein Gespräch zwischen Michael Rothberg und Carolin Emcke zur Zukunft europäischer Gedenk- und Erinnerungskultur.

Hashtag der Labore: #LabZusammenleben

Digitale Gespräche

28. Januar 2021
#1 Erinnerungen an Gewalt - Zur Zukunft von Gedenkkultur im globalen Kontext

Die deutsche und europäische Gedenkkultur an die Shoah wird in Zukunft nur dann lebendig bleiben, wenn sie den solidarischen Schulterschluss mit anderen Erinnerungen an die Gewalt im 20. Jahrhunderts sucht, so die Prognose des Historikers und Literaturwissenschaftlers Michael Rothberg in seiner in den USA intensiv rezipierten Studie „Multidirectional memory“, die in Kürze in deutscher Übersetzung erscheint. Rothberg zeichnet darin nach, warum ein einst emanzipatorisches und notwendiges Anerkennen einzigartiger deutscher Schuld in der Shoah nicht länger eine gelebte Verbindung mit der Vergangenheit garantiere. Den Blick für die Verstrickungen (post)kolonialer und faschistischer Verbrechen zu öffnen, skizziert Rothberg in dieser herausfordernden Situation als Chance: Gedenken sei kein „Nullsummenspiel“ oder Konkurrenzkampf um Opfertum, sondern gelebte Empathie. Doch liegt in einer solchen Sichtweise auf die deutsche Geschichte nicht auch eine Gefahr historischer Relativierung, die einem gegenwärtig erstarkenden Antisemitismus in die Hände spielt? Könnte auch eine Abstumpfung gegenüber konkretem Leid die Folge sein?
Die Autorin und Publizistin Carolin Emcke diskutierte mit Michael Rothberg darüber, wie über das Erleben von Diskriminierung und Unterdrückung angemessen zu sprechen sei.

→ Die Veranstaltung fand auf Zoom statt. Interessierte hatten die Gelegenheit, im Chat Fragen zu stellen. Zusätzlich wurde die Veranstaltung live auf Youtube gestreamt. Das Gespräch fand in englischer Sprache statt, in Kürze stellen wir auf dieser Seite eine Aufzeichnung mit deutschen Untertiteln bereit.

Künstlerische Projekte

Unser erstes künstlerisches Reallabor wird im Mai unter dem Titel MADE TO MEASURE vom Kollektiv Laokoon realisiert und formuliert Anforderungen an eine digitale Datenethik für das Zeitalter algorithmischer Prognostik.

Mit dem Projekt MADE TO MEASURE unternimmt die Künstlergruppe Laokoon ein künstlerisches Datenexperiment und erschafft – allein durch Analyse der Daten, die Google über einen Menschen gesammelt hat – ein Double aus Fleisch und Blut. Ab Mai 2021.

  • Termine

    28.01.2021

    Labore des Zusammenlebens: #1Erinnerungen an Gewalt - Zur Zukunft von Gedenkkultur im globalen Kontext

    Digitales Gespräch zwischen Michael Rothberg und Carolin Emcke - Beginn: 19 Uhr

    Zoom | & Livestream auf Youtube unter https://youtu.be/XlYlhWOlnNI |

Kontakt

Dr. Jeanne Bindernagel

Programmentwicklung Kulturstiftung des Bundes Franckeplatz 2 06110 Halle an der Saale
Tel: +49(0)345 / 29 97 – 161 Fax: +49(0)345 / 29 97 – 333 E-Mail