In den Laboren des Zusammenlebens versammelt die Kulturstiftung des Bundes zukünftig digitale Gespräche und künstlerische Projekte. Im Labor manifestiert sich eine Haltung zur Wirklichkeit. Sie speist sich aus der Erfahrung, wie schnell sich scheinbar gesicherte Annahmen überholen können. In den Laboren des Zusammenlebens sollen Überzeugungen erprobt und geprüft werden.

Die neue Veranstaltungsreihe lädt Künstlerinnen und Theoretiker, Wissenschaftlerinnen und Akteure der kulturell-institutionellen Praxis ein, Szenarien unseres zukünftigen Zusammenlebens zur gemeinsamen Testung vorzuschlagen. Die Form der einzelnen Labore folgt dem, was Erkenntnisgewinn verspricht. Das mag eine moderierte Kontroverse um schmerzliche Zerwürfnisse in der kulturellen Praxis sein; ein anderes Mal ein schneller partnerschaftlicher Austausch zu Überlegungen im Entstehen, für die in der öffentlichen Debatte weitere Mitdenkende gewonnen werden sollen. Das Herzstück bilden künstlerische Projekte, die Künstlerinnen und Künstler im Dialog mit der Kulturstiftung des Bundes als Reallabore entwickeln. Hierbei entstehen Arbeiten für den digitalen Raum, die sich Zeit für intensive Recherchen nehmen und Experimente in Form und Ausdrucksweise darstellen.

Ein Netzwerk für Ideen, Fragen und unentdeckte Leerstellen: Die Kulturstiftung des Bundes hat sich über die Zeit ihres Bestehens mit vielen Kulturinstitutionen verbunden, die sich den Herausforderungen eines Wandels ihrer Aufgaben in der Gegenwartsgesellschaft stellen. Als ein Knotenpunkt im Netzwerk weiß die Stiftung, dass viele der Partner vor denselben Fragen stehen. Diese betreffen die alltägliche institutionelle Praxis ebenso wie grundlegende Überlegungen zu einer Neuausrichtung des kulturellen Zusammenlebens. In den Laboren möchte die Kulturstiftung des Bundes solche Fragen zukünftig bündeln, Handlungsoptionen diskutieren und Überlegungen kennenlernen, die sich bisher im Diskurs noch nicht wirkmächtig artikuliert hatten. Durch die Labore und die dadurch entstehenden öffentlichen Debatten möchten wir als lernende Stiftung neue Perspektiven erfahren.

Digitale Gespräche

9. Mai 2021, 18 Uhr
#3 „Truthifiction“ – Wie umgehen mit umkämpften Wahrheiten in der Informationsgesellschaft?

„Wahrheit ist zu einem viel verwendeten Begriff in der politischen (Selbst-)Verständigung und vor allem der Mobilisierung geworden. Sie ist Referenzpunkt von Diskussionen rund um Fake News, Faktenchecks oder Alternative Wahrheiten einerseits, Codewort für Meinungsmaschinerien andererseits. Für "Truthifiction" nehme ich die Fülle der Anrufungen von TRUTH, vor allem im reaktionären politischen Aktivismus zum Anlass, darüber nachzudenken, was Menschen eigentlich meinen oder tun, wenn sie von Wahrheit sprechen und für sie kämpfen.“ (Arne Vogelgesang)

Der Theaterregisseur und Videokünstler Arne Vogelgesang eröffnet die dritte Ausgabe unserer "Labore des Zusammenlebens“ mit der Premiere seiner 30minütigen Lecture Performance „Truthifiction“, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung entwickelt wurde. In der Krise, so beobachtet Vogelgesang, hat die Proklamation von Wahrheit Konjunktur. Wahrheit verspricht die Wiederherstellung einer verloren gegangenen Sicherheit. Dieses trügerische Versprechen verschafft in der gegenwärtigen Coronakrise politischen Strömungen und Bewegungen Zulauf, die auf Verschwörungsmythen aufbauen. Deren bisweilen radikale Zuspitzungen im Internet bearbeitet der Theatermacher seit über zehn Jahren. Mit „Truthifiction“ widmet er sich nun u.a. den so genannten “Truthern”: Menschen, die eine geheime Wahrheit hinter den durch Medien und Politik verbreiteten Informationen zu erkennen glauben und die es sich zur Aufgabe machen, die Öffentlichkeit über die “Wahrheit” aufzuklären. Vogelgesang analysiert: Extremistische Strategien der Wahrheitsbehauptungen verändern gegenwärtig unsere demokratische Medien- und Informationskultur. Sie erodieren mit Systematik Vertrauensverhältnisse und schaffen die Grundlage für einen neuen politischen Stil, der seine Macht daraus gewinnt, noch die offensichtlichste Lüge als Information behaupten zu können.

Auf seine Performance reagiert im anschließenden digitalen Gespräch die Literaturwissenschaftlerin und Baseler Professorin Nicola Gess, die jüngst das Buch „Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit“ publiziert hat. Darin geht sie der Frage nach, warum eine durch Fakten überzeugende, wirksame mediale Gegenreaktion auf Verschwörungserzählungen oft nicht gelingt. Anhand von Vogelgesangs Beispielen aus den sozialen Medien wird Nicola Gess über ihr Konzept eines "Fiktionscheck" sprechen, einer neu zu entwickelnden Medienkompetenz für das 21. Jahrhundert, die über den "Faktenckeck" hinaus geht. Gess ist dabei überzeugt, dass moralische Empörung über Fake News und Co. den Blick auf ein viel größeres Problem versperrt: Als demokratische Gesellschaften haben wir Jahrzehnte lang zu wenig in denkbare alternative Zukunftsentwürfe investiert. Die bewusste Streuung alternativer Fakten versteht sie als eine zynische Reaktion hierauf. Einzudämmen sei diese Entwicklung nur durch eine Gesellschaft, die sich zutraut, aus Krisen neue Ideen für gesellschaftliche Ziele abzuleiten – statt in Angst vor dem Unwägbaren auf die Wiederkehr alter Sicherheiten zu pochen. 

Gemeinsam begeben sich Arne Vogelgesang und Nicola Gess in die Rabbit holes obskurer und unglaublicher Internetfunde. Die Moderation übernimmt Jeanne Bindernagel (Kulturstiftung des Bundes). Das Publikum kann über die Chatfunktion mit Fragen und Kommentaren an Performance und Gespräch teilnehmen.

→ Wir laden herzlich zum dritten Labor ein! Die Lecture Performance und das nachfolgende Gespräch werden am Sonntag, 9. Mai 2021, 18 Uhr live bei uns auf YouTube und parellel auf boell.de und nachtkritik.de gestreamt. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig.

Ausgabe #3 unserer Reihe "Labore des Zusammenlebens" findet in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung statt.

  • 28. Januar 2021
    #1 Erinnerungen an Gewalt – Zur Zukunft von Gedenkkultur im globalen Kontext

    Die deutsche und europäische Gedenkkultur an die Shoah wird in Zukunft nur dann lebendig bleiben, wenn sie den solidarischen Schulterschluss mit anderen Erinnerungen an die Gewalt im 20. Jahrhunderts sucht, so die Prognose des Historikers und Literaturwissenschaftlers Michael Rothberg in seiner in den USA intensiv rezipierten Studie „Multidirectional memory“, die in Kürze in deutscher Übersetzung erscheint. Rothberg zeichnet darin nach, warum ein einst emanzipatorisches und notwendiges Anerkennen einzigartiger deutscher Schuld in der Shoah nicht länger eine gelebte Verbindung mit der Vergangenheit garantiere. Den Blick für die Verstrickungen (post)kolonialer und faschistischer Verbrechen zu öffnen, skizziert Rothberg in dieser herausfordernden Situation als Chance: Gedenken sei kein „Nullsummenspiel“ oder Konkurrenzkampf um Opfertum, sondern gelebte Empathie. Doch liegt in einer solchen Sichtweise auf die deutsche Geschichte nicht auch eine Gefahr historischer Relativierung, die einem gegenwärtig erstarkenden Antisemitismus in die Hände spielt? Könnte auch eine Abstumpfung gegenüber konkretem Leid die Folge sein?

    Die Autorin und Publizistin Carolin Emcke diskutierte mit Michael Rothberg darüber, wie über das Erleben von Diskriminierung und Unterdrückung angemessen zu sprechen sei.

    → Das Labor #1 kann auf YouTube unter https://www.youtube.com/watch?v=rJLZRNLGz6A nachgeschaut werden.

  • 9. April 2021
    #2: Ostdeutsche Identität(en) – Neue Zugänge zur Erinnerung an die DDR

    Trotz der biographischen Verschiedenheiten der Autoren und der Unterschiedlichkeit ihrer Zugangsformen weisen Olivia Wenzels Roman „1000 Serpentinen Angst“ und Steffen Maus Studie „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ in ihrem Erinnern an die DDR der 1980er Jahre einige Ähnlichkeiten auf. Die 1985 bei Weimar geborene Dramatikerin und Musikerin Olivia Wenzel beschreibt in ihrem Buch die Erfahrung von Rassismus, der sie und ihre Familie zu DDR-Zeiten und danach ausgesetzt war und erkennt darin, dass die Sprachpolitik der DDR keine Worte für die Erfahrung des Herausfallens aus dem Kollektiv hatte. Der 17 Jahre ältere, aus Rostock stammende Soziologe und Leibniz-Preisträger Steffen Mau erzählt in seinem Buch von seiner Kindheit und Jugend im Rostocker DDR-Modellbezirk Lütten-Klein: von der von diesem Stadtviertel ausgehenden Hoffnung auf die Modernität eines Staates, der gleichwertige Lebensverhältnisse für seine Bürger ermöglicht; und von den politischen Verordnungen und Repressionen, unter denen sich diese Hoffnung in den Zwang zur Gleichförmigkeit verkehrte.

    Der Unterschied zwischen beiden liegt in der Empathie von Mau und der Wut von Wenzel. Steffen Mau bemüht sich, die Entwicklung einer von ihm so umrissenen Ost-Mentalität nachzuvollziehen. Deren Wertschätzung speist sich vor allem daraus, dass er die Idee der gesellschaftlichen Gleichheit als emanzipatorische Errungenschaft würdigt. In Olivia Wenzels Roman erleben wir die Wut der Protagonistin darüber, dass ihr in der DDR die Sprache für den Rassismus genommen wurde und auch in der heutigen Erinnerungskultur nicht wiedergegeben wird – außer in einem Ost-Bashing, das den Osten als rassistisch markiert und sie darüber erneut in dieser Facette ihrer Identität diskriminiert.

    Im Gespräch über individuelle und kollektive Erfahrungen unternahmen Wenzel und Mau den Versuch, die DDR entlang innerdeutscher Entwicklungs- und Konfliktlinien von heute aus neu zu erinnern.

    Moderation: Jeanne Bindernagel (Kulturstiftung des Bundes)

    → Das Labor #2 kann auf YouTube unter https://www.youtube.com/watch?v=E9Sp-rR1Ueg nachgeschaut werden.

Labor #1: Erinnerungen an Gewalt – Zur Zukunft von Gedenkkultur im globalen Kontext. Michael Rothberg und Carolin Emcke im Gespräch. Mit einem Grußwort von Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes.
Labor #2: Ostdeutsche Identität(en) – Neue Zugänge zur Erinnerung an die DDR. Olivia Wenzel und Steffen Mau im Gespräch.

Künstlerische Projekte

Unser erstes künstlerisches Reallabor wird im September 2021 unter dem Titel MADE TO MEASURE vom Kollektiv Laokoon realisiert und formuliert Anforderungen an eine digitale Datenethik für das Zeitalter algorithmischer Prognostik.

Mit dem Projekt MADE TO MEASURE unternimmt die Künstlergruppe Laokoon ein künstlerisches Datenexperiment und erschafft – allein durch Analyse der Daten, die Google über einen Menschen gesammelt hat – ein Double aus Fleisch und Blut. Ab September 2021.

Social Media

  • Termine

    09.05.2021

    Labore des Zusammenlebens: #3 „Truthifiction“ – Wie umgehen mit umkämpften Wahrheiten in der Informationsgesellschaft?

    Digitale Premiere der Lecture Performance "Truthifiction" von Arne Vogelgesang & anschließendes Gespräch zwischen Nicola Gess und Arne Vogelgesang. Beginn: 18 Uhr

    Livestream auf Youtube | paralleles Streaming auf boell.de und nachtkritik.de | Online

    09.04.2021

    Labore des Zusammenlebens: #2 Ostdeutsche Identität(en) – Neue Zugänge zur Erinnerung an die DDR

    Digitales Gespräch zwischen Olivia Wenzel und Steffen Mau. Beginn: 19 Uhr

    Zoom | & Livestream auf Youtube | Online

    28.01.2021

    Labore des Zusammenlebens: #1 Erinnerungen an Gewalt – Zur Zukunft von Gedenkkultur im globalen Kontext

    Digitales Gespräch zwischen Michael Rothberg und Carolin Emcke – Beginn: 19 Uhr

    Zoom | & Livestream auf Youtube | Online

Kontakt

Dr. Jeanne Bindernagel

Programmentwicklung Kulturstiftung des Bundes Franckeplatz 2 06110 Halle an der Saale
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