Mit der WM 2006 schwappte eine Welle der Euphorie über Deutschland. Nicht nur im Ausland bekam das Bild der Deutschen einen helleren, leichteren Farbklang. Die Fähnchen in den Nationalfarben flatterten umso fröhlicher, als sie anscheinend nicht mehr mit dem „Pathos der Deutschen“ beschwert waren. 2006 wurde als Jahr der Neuerfindung der Deutschen gefeiert. Ob und wie weit das neu-deutsche Lebensgefühl trägt, wird sich in den beiden nächsten Jahren, 2008 und 2009, zeigen. Dann nämlich, wenn das gegenwärtige Selbstverständnis der Deutschen anlässlich von runden „Jubiläen“ auf seine historischen Grundlagen befragt wird. Mit deutscher Gründlichkeit, so zeichnet sich jetzt schon ab, wird es um nichts weniger als eine Inventur gehen. Die Kulturstiftung des Bundes sieht sich mit einer  ganzen Reihe von Anfragen und Anträgen zu Themen rund um diese Jubiläen konfrontiert und wird auch einige größere Projekte dazu entwickeln.

Das Jahr 1968 markiert eine Wende im Selbstbild der Deutschen. Die Ambivalenz, die den Rückblick auf die seit 1968 vergangenen 40 Jahre kennzeichnet (vgl. die Aufsätze von Klaus Theweleit und Manuel Gogos), kann möglicherweise als ein Indikator für ein differenziertes Geschichtsbild interpretiert werden, das selbst ein viel zu wenig gewürdigter Effekt der 68er ist: Die heutige Gedenkkultur der Deutschen verweigert sich einem Erledigungsgestus und ist Ausdruck einer Kultur der kritischen Annäherung geworden. Inwieweit ist unser heutiges Selbstverständnis durch die Geschichte geprägt worden, was haben wir davon in unser kulturelles Erbe übernommen? Solche Fragen liegen auch den Aufsätzen in der vorliegenden Ausgabe des Magazins zugrunde. Der Aufsatz von Fahlenbrach/Scharloth/Klimke lenkt den Blick beispielsweise auf die europäische, wenn nicht globale Dimension der 68er-Bewegung, eine Perspektive, die angesichts der heutigen internationalen Verflechtungen eine neue Qualität gewinnt.

Ähnliches gilt auch für die Ereignisse, derer im Jahr 2009 gedacht wird, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949, der Beginn der deutschen Teilung und die Wiedervereinigung 1989, die eine „Wende“ vor allem im gesamteuropäischen Kontext markiert. Inwiefern sich schon vor dem Fall der Berliner Mauer speziell in der Kultur seismographisch feine Erschütterungen abzeichneten, spürt der Aufsatz von Rainer Rother „Vorahnungen der Wende?“ im Bereich der ostdeutschen und osteuropäischen Filmproduktion nach. Hat die Kultur (noch immer) den Stellenwert für unser kulturelles Gedächtnis, dass in ihren künstlerischen Ausdrucksformen große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen?
In anderen Fällen werfen künstlerische Bearbeitungen ein Licht auf gesellschaftliche Ereignisse oder erhellen unsere dunkel-unbewussten oder gesellschaftlich eingeübten Strategien im Umgang mit historisch bedingten Herausforderungen der Gegenwart. Dafür stehen in diesem Heft die literarischen Beiträge von Marcel Beyer, László Martón und Judith Kuckart, die die europäische Dimension erinnerungskultureller Auseinandersetzungen am Beispiel deutsch-ungarischer Kulturbeziehungen kenntlich machen.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat einmal den für alle Kulturschaffenden (und auch Kulturförderer!) bedenklichen, aber eben auch bedenkenswerten Satz formuliert: „In der Kunst ist es schwer, etwas zu sagen, was so gut ist wie nichts zu sagen.“ Sofern Kunst dazu beiträgt, zeitgemäße Formen der Verständigung zu finden, die mehr zum Ausdruck bringen als das, was in Diskussionen und wissenschaftlichen Texten seinen Niederschlag findet, ist sie für die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe unentbehrlich. Kunst findet eben auch für „Vor-Ahnungen“, dem Vorbewussten, dem noch nicht Erfahrenen, dem Vergessenen und dem noch nicht Gedachten, vielleicht sogar dem Unaussprechlichen, Gestalt. Im Wittgensteinschen Sinn kann im Rahmen der hier versammelten Artikel deshalb auch nur annähernd zur Sprache kommen, welche menschlichen Kräfte angesprochen und mobilisiert werden, wenn die Kultur Raum und Rahmen zur Verfügung stellt, in dem Menschen sich in ihren individuellen und gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten erproben (vgl. die Reportagen und Berichte von Ulrike Gropp zum bürgerschaftlichen Engagement in Kulturprojekten in den neuen Bundesländern, Irene Grüter und Olaf A. Schmitt zu Heimspiel-Theaterprojekten in Weimar und Heidelberg). Es muss erfahren, erlebt, getan – und, ja auch! – finanziert werden.

Der Vorstand

Die Künstlerische Direktorin Hortensia Völckers und der Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz bilden gemeinsam den Vorstand der Kulturstiftung des Bundes.