Wenn man später in einer Runde an die Nachkriegszeit zurückdachte, an jene lange, fließend in die Aufbaujahre übergehende, bis weit in die fünfziger Jahre reichende Phase, von der umso häufiger die Rede war, je älter wir wurden, weil sie mit der Zeit unserer Jugend zusammenfiel, saß Klara, wie es eigentlich nicht ihre Art war, meist still daneben. Wenn Erinnerungen ausgebreitet wurden, wenn einer dem anderen mit Namen, Jahreszahlen, Orten auf die Sprünge half, wurde Klara schweigsam, man lachte, stritt, fiel einander ins Wort, niemand bemerkte es, doch ich sah Klara an, ihr war unwohl dabei. Sie schien kaum zuzuhören, wirkte abwesend, während alles lauschte, einer übertrumpfte den anderen mit noch genaueren Einzelheiten, mit einer noch verwegeneren Geschichte, Klara aber hielt sich zurück, als gelte es, sich aus einer unangenehmen Angelegenheit herauszuhalten.

Und das, obwohl in unseren Kreisen keine Gefahr bestand, ein Abend könnte sich darin erschöpfen, Erinnerungen an die Mückensalbe Leopek,Fleischfrost-Produkte oder Filme wie Mazurka der Liebe heraufzubeschwören. Niemand sprach von den ‹Sparwochen›, es gab kein leuchtendes ‹Durch unserer Hände Fleiß› und keine patinierten ‹Hafermotoren›, die sich mit albernem Augenzwinkern in einer Bemerkung zur Trümmerberäumung hätten unterbringen lassen. Klara musste sich nicht anhören, wie «Der Dresdner Aufbaulöwe lacht», geschweige denn, dass ihr jemand mit «Der Feind steht im eigenen Land» gekommen wäre. Trotzdem. Solche Abende ertrug sie nicht.

Einmal verließ Klara einfach für eine halbe Stunde die Gesellschaft im Haus entfernter Bekannter, um - in ihren eigenen Augen der Gipfel der Unhöflichkeit - draußen im Flur das Ende einer Unterhaltung über den 17. Juni 1953 abzuwarten. Sie sei, meinte sie hinterher, beim besten Willen nicht in der Lage gewesen, den Raum wieder zu betreten, ehe der letzte Gast sich seiner Erinnerungen an dieses Datum entledigt hatte. Sie habe die ganze Zeit in Hörweite dagestanden, ein paar Schritte von der Tür entfernt, leicht benommen, den Rücken an ein Bücherregal gelehnt, und einen körperlichen Widerwillen dagegen empfunden, die erinnerungsgeschwängerte Luft im Salon zu atmen.

Ein Gast berichtete, er habe sich am Wasaplatz, als er eben aus der Bäckerei trat, in den aus Niedersedlitz kommenden Demonstrationszug eingereiht und sei mit seiner Brötchentüte bis in die Innenstadt mitgelaufen, ein anderer behauptete, neben Streikleiter Grothaus marschiert zu sein, ein dritter memorierte eine Streikrede, sagte ganze Abschnitte auswendig auf. Von Bild zu Bild stand den Beteiligten das Geschehen klarer vor Augen, schließlich konnten sich alle daran erinnern, wie sie einander mittags im Gedränge auf dem Postplatz begegnet waren. Es folgte ein Moment des Schweigens, da jeder die Erlebnisse für sich Revue passieren ließ, und Klara erschien wieder im Türrahmen. Niemandem war aufgefallen, dass sie hinausgegangen war, niemand hatte sie in der Zwischenzeit vermisst.

Auf dem Heimweg - die Runde hatte sich danach bald aufgelöst -. konnte ich Klara nicht viel mehr entlocken, als dass sie die Geschichten eben nicht ertragen habe, den Gestus, in den die Erzählenden verfielen, als könnten die Erinnerungen einen Halt geben, wo doch im Gegenteil die Rückschau uns zutiefst erschüttern, unser jetziges Leben aus den Fugen geraten lassen müsste. «Wir haben alle unsere Alpträume, soll mir keiner etwas sagen», erklärte sie, wie um das Thema zu beenden, und: «Alle haben wir Fehler gemacht, jeder einzelne von uns, mich selber nehme ich dabei bestimmt nicht aus.» 
War abzusehen, man würde sich für den Rest eines Abends der Vergangenheit widmen, fand Klara in der Regel einen Grund, sich zu verabschieden, ohne die Gastgeber in Verlegenheit zu bringen, Erschöpfung nach einem langen Tag, der weite Heimweg, eine sich anbahnende Erkältung. Wenn sie sich zu schwach fühlte, um auch nur eine passende Entschuldigung vorzubringen, machte sie mir Zeichen, dass wir aufbrechen sollten, und ich ließ mir etwas einfallen, nahm Zuflucht zu einer Exkursion, vor Sonnenaufgang aus dem Bett, um die Vögel zu beobachten, damit konnten wir uns immer unauffällig aus der Affäre ziehen.
Gab es keine Möglichkeit zu entrinnen, wurde Klara gar auf den Kopf zu gefragt, welche besonderen Ereignisse sie mit den fünfziger Jahren verbinde, bestand sie kategorisch darauf, sie habe weiter keine Erinnerung an jene Zeit, als dass die deutsche Übersetzung des «Proust» erschienen sei. Müde klang sie, wenn sie es sagte, keine Spur ihres frechen Tons, kein Funke Angriffslust, «Der Proust, sonst nichts», sie war ganz einfach der Geschichten müde.
Und trotzdem überraschte sie mich damit beim ersten Mal ebenso wie die anderen in der Runde, ich hätte nicht sagen können, ob Klara sich, auch wenn ich kein Blitzen in ihren Augen bemerkte, einen Scherz erlaubte. Ein trockener, böser, düsterer Scherz, da ich doch wusste, mit welchen Erinnerungen die fünfziger Jahre für Klara, für Klara und mich verbunden waren.
Wer nicht begreifen wollte, dass ihr die Unterhaltung zuwider war, dem legte Klara im Einzelnen dar, wie die sandgrau eingeschlagenen Bände einer nach dem anderen in ihre Hände gelangt waren. Diesen hatte sie bei einem Besuch in Westberlin erstanden, jener lag an ihrem Geburtstagsmorgen auf dem Tisch, zwei weitere kamen aus einem Paket zum Vorschein, in dem Klara Wurstkonserven vermutet hatte. ‹Der Proust›, das seien ihre Erinnerungen an die fünfziger Jahre, Klara hat immer nur vom ‹Proust› gesprochen, für sie gab es keine ‹Gefangene›, keine ‹Entflohene› und keine ‹Wiedergefundene Zeit›.

Sofern die Runde damit nicht zufrieden war, verstieg sich Klara zu der Behauptung, es sei vor allem jene berühmte Szene gewesen, in der sich der Erzähler die Hände wäscht, die sie durch den gesamten «Proust» getrieben habe, ja, die erste ausführliche Handwaschszene im Roman habe ihr dieses Jahrhundertwerk überhaupt erst erschlossen. Das lauwarme Wasser in der Emailleschüssel, dessen Temperatur noch einmal von der Großmutter - oder war es die Bedienstete? - geprüft wird, ehe der Erzähler seine zarten, wächsernen Finger hineintauchen darf, der Seifenduft, der Schaum, die linke in der rechten Hand, und währenddessen ein langer, staunender Blick des Knaben aus dem Fenster, ehe er zum Essen gerufen wird.
Man näherte sich in einem Gespräch der Zeitspanne nach Stalins Tod, kam auf die Geheimrede, man ging bis zu den Ärzteprozessen, bis zu Slansky zurück, und Klara zuckte zusammen, es würde nicht mehr lange dauern, bis man auch von ihr eine Bemerkung dazu erwartete. Sie spürte schon die Blicke auf sich ruhen, sah sich herausgefordert, ein Ablenkungsmanöver einzuleiten, horchte nun aufmerksam, bis sie ein Stichwort gefunden hatte, das passende Stichwort - hinterher hätte niemand sagen können, wie es ihr so elegant gelungen war, einen Themenwechsel herbeizuführen. 
Nach der ersten großen Handwaschszene habe Klara gespannt auf jede kleine, mitunter nur zart angedeutete Szene gewartet, in der diese alltägliche Verrichtung zur Sprache kommt, Nebensätze, Nebenfiguren, einer der unzähligen Salonabende, und jemand verlässt kurz die Runde, um sich die Hände zu waschen - in solchen flüchtigen Momenten, die sich der Leser selbst ausmalen müsse, wenn er ihrer habhaft werden wolle, liege vielleicht das ganze Geheimnis des ‹Proust›. Warum, fragte Klara, wischt sich zum Beispiel der Maler, als er im Atelier unerwartet vom Erzähler Besuch bekommt, die farbverschmierten Hände am Lappen nicht mit Terpentin, sondern mit Spucke ab, ehe er den Gast begrüßt?
Und was steckt hinter jener Szene, da sich Odette von Swann nach einem Abend in Gesellschaft zu dessen Kutsche führen lässt, um mit ihm eine Fahrt durchs nächtliche Paris zu machen - warum ist der Kutscher in diesem Augenblick nicht zur Stelle, warum sehen wir ihn nicht pflichtbewusst vom Bock springen, um die Wagentür zu öffnen, kaum dass Swann und Odette auf die Straße getreten sind? Da taucht er hinter den Pferden auf, peinlich berührt, und murmelt etwas, sein Herr würdigt ihn keines Blicks, der Kutscher macht sich umso beflissener daran, den dienstfertigen Geist zu spielen. Odette und Swann aber sehen nur einander, der Kutscher hält die Hände hinter dem Rücken verborgen, er benimmt sich, als wollte er, da die beiden eingestiegen sind, den Türgriff nicht berühren, und wir, die Leser, sind die Einzigen, die bemerken, dass Swanns Kutscher in dieser Szene - aus welchem Grund? - keine Handschuhe trägt, da er die Wagentür von außen schließt. Was hat er da vorher gemurmelt zur Entschuldigung, fragen wir uns, war nicht von einer «Waschgelegenheit» die Rede, hatte er nicht «Rasch» und «Leider» und «Vergeblich» gesagt? 
Tauchte in diesem Zusammenhang nicht auch jene Formulierung auf, über die Klara gestolpert war, etwas wie «kleine Schmutzigkeit», hatte nicht Swanns Kutscher «nur eine kleine Schmutzigkeit» gemurmelt, was jeden Leser ratlos zurücklassen musste? Gebrauchte Proust damit einen Bedienstetenausdruck, verfiel er in den Argot? Nein, dafür klang es zu manieriert - also handelte es sich möglicherweise bloß um eine in der Übersetzung nicht ganz geglückte Stelle? Niemand konnte Klara eine Antwort geben. 
Man erinnerte sich banger Nächte am Radio, Panzer in Budapest und Leichen, die in grotesken Verrenkungen erstarrt auf dem aufgerissenen Straßenpflaster lagen - was Klara ein Stichwort lieferte, um der Frage aus dem Weg zu gehen, ob sie - ja, hatten wir - damals ebenfalls schlaflos am Radio gesessen habe. Von den Budapester -. oder waren es Prager? - Pflflastersteinen gelangte sie innerhalb weni-ger Sätze spielend zu jener Unebenheit im Straßenpflaster, über diger Sätze spielend zu jener Unebenheit im Straßenpflaster, über die Prousts Erzähler einmal stolpert, als er sich auf dem Weg zu einer Abendeinladung befindet. Ist er nicht eben im Begriff, darüber nachzudenken, wann er sich zuletzt die Hände gewaschen hat, ob es nicht besser wäre, zur Sicherheit noch einmal eine Toilette aufzusuchen, bevor er der Gastgeberin gegenübertritt? Ein Augenblick der Schwebe, verhalten, leise kündigt sich eine dieser ausführlichen Reflflexionen an, die unseren Helden immer wieder im Fluss des Geschehens wie eingefroren dastehen lassen, als er sich unversehens an einem Stein im Boden stößt. Seine Hände, seine Füße, die Aufmerksamkeit macht einen Sprung, eine Irritation wird von einer anderen überlagert, und schon stolpern auch wir, mitten in die berühmte Schilderung einer unwillkürlichen Erinnerung hinein.

Man hielt sich bei Ereignissen aus dem näheren Umfeld auf, die Niederlegung der Ruinen an der Rampischen Gasse 1956, deren baulicher Bestand hätte gerettet werden können, oder Professor Manfred von Ardenne und sein im Frühjahr 1957 gegründeter Dresdener Klub, oder wie er später heißen sollte, Klub der Intelligenz - Klara konterte mit der Erinnerung an jenen kurzen, in einem Satzeinschub versteckten Moment, da man den Eindruck gewinnen kann, die Schar der jungen Mädchen bücke sich am Strand von Balbec, wie auf ein verabredetes Zeichen, zwei, drei Sekunden nur, mit dem Rücken zur Promenade, zum Betrachter, als wollten sich die vier Mädchen - unschickliches Benehmen in der Öffentlichkeit - einmal in ihrem Leben Meerwasser über die Hände laufen lassen. Alles geschieht in weiter Ferne, die sanften Wellen, Gischt, der salzige Geruch, Geschmack, ein Hauch von Seesternen und Fisch. Man möchte sich dieses Anblicks vergewissern, schaut ein zweites Mal zu den auslaufenden Wellen hinunter, aber da haben die Mädchen ihren Nachmittagsspaziergang schon fortgesetzt, als sei nichts gewesen. Man ist sich nicht einmal sicher, ob der Erzähler das Geschehen wahrgenommen hat, und so bleibt man mit der Frage allein, wie vier derart vornehme junge Damen gleichzeitig, nein, wie sie überhaupt unsaubere Hände haben können, vielleicht der Sand, klebrige Süßigkeiten, vielleicht haben sie Mädchen-, haben Jungenhaut berührt.
Klara konnte sich sicher sein, nach einer solchen Beschreibung werde man ihr willig folgen, und sie kam auf den merkwürdigen Abschnitt im «Proust» zu sprechen, wo der Erzähler heimlich eine ihm unbekannte Person beim Händewaschen beobachtet. Die Szene spielt im Ersten Weltkrieg, eine der wenigen Pariser Szenen dieser Zeit, jeden Moment können die Sirenen heulen, kann es einen weiteren Bombenangriff geben, doch der Erzähler liegt geduldig auf der Lauer, späht durch ein halb offenes Fenster in einen unbeleuchteten Raum auf der anderen Hofseite, vielleicht in einen Hausflur, wo ein junger Mann im Unterhemd erscheint, eine Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt und seinem Drang nachgibt, die Hände unter den nächstgelegenen Wasserhahn zu halten. Ein grober Spülstein, den man sonst nur zum Auffüllen von Putzeimern benutzt, kein Handtuch, keine Seife, aber der Mann im Unterhemd kann offenbar nicht warten, bis er eine Toilette gefunden hat.
«Es hat etwas Obszönes», meinte Klara einmal zu mir, nachdem man sie auf eine Proustbemerkung hin den Abend lang in Ruhe gelassen und sich wieder den Anekdoten aus der eigenen Jugend zugewandt hatte. «Das halte ich nicht aus. Etwas Obszönes, und zugleich etwas Verzweifeltes, diese in einen Plauderton gekleidete Verbissenheit, als könne man sich, indem man von früher erzählt, selber unschuldig werden lassen.» Klara ertrug die Schwere der Geschichten nicht, nur so habe ich es mir erklären können. Diese Schwere, die sich nach und nach verliert, je länger eine Geschichte im Erzählen hin und her gewendet wird, je mehr Details ans Licht gezogen werden, so dass am Ende hinter jedem tragischen Ereignis eine im Rückblick doch recht komische Verwicklung von Zufällen zu stecken scheint. Weil ich aber weiß, wie Klara aussieht, wenn sie tagelang verdüstert am Küchentisch sitzt, und weil ich weiß, mit welchem Entsetzen in den Augen sie mich einmal betrachtete, als sie nicht bemerkt hatte, wie ich zur Tür hereingekommen bin, musste mir Klara nie erläutern, warum sie sich nach Möglichkeit immer auf ihren «Proust» herausgeredet hat.

Über den Autor

Marcel Beyer, geboren 1965 in Tailfingen/Württemberg, lebt in Dresden. Er wurde bekannt 
mit seinen Romanen Das Menschenfleisch (1991) und Flughunde (1995). Falsches 
Futter, sein lyrischer Debütband, erschien 1997. Marcel Beyer wurde mit vielen Preisen 
ausgezeichnet, darunter die Johannes-Bobrowski-Medaille zum Berliner Literaturpreis 
1996 und der Uwe-Johnson-Preis 1997. Zuletzt veröffentlichte er den Roman 
Spione (2000), den Essayband Nonfiction (2002) und den Gedichtband Erdkunde (2002).

Das Projekt Kreatives Vergessen

Fragen der Erinnerungskultur bilden einen Themenschwerpunkt 
bei den deutsch-ungarischen Kulturprojekten Bipolar. Das Projekt 
Kreatives Vergessen versammelt Texte von sechs deutschen und sechs
ungarischen Schriftsteller/innen, die sich mit den gesellschaftlichen 
Tabus im Prozess der Erinnerung und des Vergessens auseinandersetzen. 
Wir veröffentlichen zwei der Texte, einen des deutschen 
Schriftstellers Marcel Beyer und einen des Ungarn László Márton (Vergiß nicht, was du versprochen hast), die im Rahmen des Bipolar-Projekts entstanden und 
in der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter Heft 183 / September 
2007 erschienen sind.