Seit Marcel Duchamp ab 1923 seine "Ready-Mades" (industriell gefertigte und vom Künstler lediglich signierte Gegenstände) ausstellte, weiß man, dass ein Objekt, eine Ware (in seinem Fall u.a. ein Urinal und ein Flaschentrockner) in dem Moment zu einem Kunstwerk werden kann, in dem der Künstler es dazu bestimmt. Im Anschluss an Duchamp gelang Andy Warhol in den Sechzigerjahren eine Erweiterung des Kunstbegriffs um Produkte aus der Warenwelt, indem er Suppendosen und Waschmittelkartons porträtierte. Sie gelten inzwischen als Ikonen der Kunstgeschichte. 1984 stellte Joseph Beuys hunderte von DDR-Waren des täglichen Bedarfs aus - vom LPG-Mehlsack bis zur Karo-Zigarettenpackung. Für die Kunsthistorikerin Barbara Straka war seine Installation, die er "Wirtschaftswerte" nannte, "ein provokativer Akt gegen die schillernde Ästhetik der westlichen Warenwelt". An Duchamps "Ready-Mades" kritisierte Beuys zur gleichen Zeit, dass er sie mit diesem Kunstgriff vollständig von ihren Produktionsbedingungen abgetrennt habe.

Seitdem hat sich eine ganze Reihe von Künstlern mit dem Verhältnis von Kunst und Ware sowie ihren spezifischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen auseinandergesetzt. Dem US-Künstler H.J. Semjon geht es mit seinen "Product Sculptures" und bezugnehmend auf Beuys um das Ewigkeitsversprechen von Kunst und die Vergänglichkeit von Waren des täglichen Bedarfs. Seine Beschäftigung mit diesem Thema gipfelte 2000 in einem Projekt in New York, wo er alle Waren eines Lebensmittelladens mit Bienenwachs präparierte. Man konnte sie jedoch ebensowenig kaufen wie die DDR-Waren von Beuys oder beispielsweise die Kleider von Prada, die zwei Künstler, Ingar Dragset und Michael Elmgreen, 2003 in einem 'Shop' an einer gottverlassenen Straße, die durch die texanische Wüste führt, ausstellten. Ihr 'Geschäft' wurde übrigens von Dieben heimgesucht, woraufhin die Firma Prada ihnen kostenlos neue Ware lieferte. Zuletzt stellte die Künstlerin Sylvie Fleury in einer Genfer Galerie etwa 100 Paar teure Schuhe in zwei Glasvitrinen aus. Alle diese unverkäuflichen 'Waren' bekamen eine Aura von Kunstgegenständen dadurch, dass sie dem üblichen Warenverkehr entzogen oder in 'Kunsträumen' platziert wurden. In der Regel verbanden die Künstler diese Projekte mit kapitalismus- oder konsumkritischen Aussagen.

Das "Le Grand Magasin", einem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten, zeitlich befristeten Projekt im Rahmen ihres Programms "Arbeit in Zukunft"(1), unterscheidet sich auf den ersten Blick wenig von einem der vielen umliegenden Läden in der Neuköllner Karl-Marx-Str. Es sind hauptsächlich 'Billigund Ramschläden', in denen man alles Mögliche für 1 Euro bekommt. Auch im "Grand Magasin" wird ver- und gekauft. Und auch in diesem Kaufhaus, das allerdings nur temporär in der Galerie im Saalbau eingerichtet wurde, wird 'alles Mögliche' angeboten: Plastik- oder Holzspielzeug, Herren- und Kindersandalen, Gießkannen, Waschmaschinen, Wiegemesser, Tablettendosierer, Maniküresets, Bürocontainer, Harken, gewebte Schals, Campingstühle und und und. Sie kosten auch mehr als 1 Euro: die Harken 39 Euro, das Wiegemesser 23 Euro, der Kindertretroller kostet 38 Euro, ein metallener Schornsteinaufsatz immerhin 320 Euro, den Tablettendosierer gibt es allerdings schon ab 1,40 Euro.

Den Waren selbst sieht man nicht an, wie sie produziert wurden. Sie alle stammen aus Produktivgenossenschaften, von denen es im europäischen Ausland wesentlich mehr als in Deutschland gibt. Dementsprechend stammen die meisten Produkte nicht 'von hier', sondern ganz überwiegend aus den Nachbarländern, hauptsächlich aus Mittel- und Osteuropa, aber auch aus Italien, Spanien oder Frankreich. Idealtypischerweise ist in Produktivgenossenschaften jeder Beschäftigte Teilhaber und jeder Teilhaber Beschäftigter. Meist entstanden diese Kollektivunternehmen dadurch, dass Arbeiter, Handwerker oder Kleinunternehmer sich zusammentaten, weil ihre Betriebsmittel und ihr Kapital nicht ausreichten, um sich einzeln am Markt behaupten zu können. Aber auch als Genossenschaften sind sie noch durchweg Zwergunternehmen im Vergleich zu den Marktführern in ihrer Branche. Dies gilt selbst noch für den Elektrogerätehersteller Fagor der weltgrößten Genossenschaft Mondragon, die 102.000 Mitarbeiter hat - wenn man sie z.B. mit General Electric oder Siemens/Bosch vergleicht. Wie andere Waren auch finden die Genossenschaftsprodukte den Weg zu den Kunden über Werbung und Vertrieb, Groß- und Einzelhandel. In Osteuropa mussten die Genossenschaften sich all dies mühsam und sozusagen über Nacht aufbauen - über den laufenden Produktionsbetrieb hinaus, wobei sie die Produkte auch noch in qualitativer und ästhetischer Hinsicht - bis hin zur Verpackung - an Standards des Westens anpassen mussten, um mit ihnen konkurrieren zu können: In den Auslagen von Läden und Kaufhäusern zählen Preis, Design und Verarbeitungsqualität der Waren, ihre genossenschaftliche Herkunft findet sich höchstens als kleiner Hinweis auf der Verpackung. Das Projekt "Le Grand Magasin" hat sie aus dieser Quasi-Anonymität geholt und präsentiert sie nun, mindestens im Rahmen der Galerie, außer Konkurrenz, denn es gibt auch keine Artikel in der Ausstellung, die sozusagen doppelt angeboten werden - also einmal von dieser und einmal von jener Genossenschaft. Ein simpler Schuhanzieher oder ein Pfefferstreuer repräsentiert dergestalt auch zugleich die Idee eines (tschechischen) Schuhanziehers bzw. eines (slowakischen) Pfefferstreuers. Verbunden mit den allgemeinen und konkreten Hinweisen auf ihre genossenschaftliche Produktion machen diese Dinge nun den Eindruck, dass sie von den Herstellern gewissermaßen kollektiv signiert wurden, was sie, zumal in einem Ausstellungs-Kontext, einmal mehr zu Kunstobjekten macht. Weil sie sich aber in den vergangenen Monaten auch gut verkauften, in der Galerie und über das Internet, könnte man vielleicht mit Andy Warhol auch sagen: "Good Business is the Finest Art!" Die beiden Berliner 'Trendforscher' Holm Friebe und Thomas Ramge haben in ihrem 2008 erschienenen Buch "Marke Eigenbau - Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion" viele Indizien dafür gefunden, dass individuell hergestellte Produkte über E-Commerce-Plattformen einen 'globalen Marktplatz' haben, und dass diese "private label" sogar der fordistischen Massenware ein Ende bereiten könnten: Sie erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, die Umsätze ihrer Hersteller steigen, nicht zuletzt, weil sie ihre Waren ‚persönlich' im Internet anbieten. Je 'authentischer' sie und ihre Produkte dabei wirken, desto erfolgreicher. Was sich wie ein typisch kapitalistischer Verkaufs-Widersinn anhört, könnte jedoch bald ebenso auch für die Genossenschaften und ihre Waren gelten - diese Form der 'Arbeit in Zukunft' stößt beim Konsumenten auf größere Resonanz (wozu nicht zuletzt die zunehmende öffentliche Kritik an "Hire and Fire"-Methoden und Ausbeutungsbetrieben in der Dritten Welt beiträgt).

Um die Waren nicht mit Texten und Bildern zu den einzelnen Genossenschaften zuzudecken, hat der Ausstellungskurator Andreas Wegner beide äußerst knapp eingesetzt - obwohl gerade deren Beschaffung einen Großteil des Budgets verschlang: Die Reisen nach Italien, Spanien, Frankreich, Tschechien…, um dort die Hersteller zu interviewen und zu fotografieren, und sie zugleich sozusagen persönlich zu überreden, sich an der Verkaufsausstellung zu beteiligen. Auch dieses Verfahren, dass man den Waren eine Geschichte verpasst, nicht zuletzt, um sie damit buchstäblich aufzuwerten, hat inzwischen Tradition. Das begann mit Titeln wie "Hoflieferant" und Werkstatt-Reputationen sowie "Reformhäusern", die einen bestimmten Qualitätsstandard garantierten, und hört mit den Produzenteninformationen bei Ökound Fair-Trade-Artikeln noch lange nicht auf. 

Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr spricht von einer "Moralisierung der Märkte", die mehr und mehr zum "Bestandteil der Produktions- und Konsumtionsprozesse" wird - ohne dabei einen "Bruch mit dem Kapitalismus zu signalisieren". Er denkt dabei an Bioläden, Eine-Welt-Läden, Regionalmärkte und aufgeklärte Verbraucher, die sich über die Herstellungsbedingungen der Waren, die sie kaufen, informieren, und sich dann sogar "umweltbewusst" verhalten - um z.B. CO2-reduzierende Maßnahmen in ihrem persönlichen Umfeld zu ergreifen, nicht zuletzt durch Kaufboykott bzw. Konsumverzicht. 
Aus der Landkommunenbewegung heraus entstand dazu bereits 1981 ein moralisch bzw. ethisch motivierter Selbstversuch von Peter Mosler im hessischen Vogelsberg: "Die vielen Dinge machen arm." Während zur gleichen Zeit einige größere Land-Genossenschaften - wie die AA-Kommune Friedrichshof und die Longo-Mai-Kooperative - alles Eigentum kollektivierten und (dadurch) gleichzeitig reduzierten. 1995 verbanden sich diese und ähnliche Konsumkritiken noch mit eher an der Warenproduktion als an der Konsumption orientierten Ding-Geschichten - z.B. in der Werkbund-Wanderausstellung "Welche Dinge braucht der Mensch?" Sie fand unter der Schirmherrschaft von Ernst Ulrich von Weizsäcker statt - damals noch Präsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie. "Die Preise sagen 'Kauf mich', aber sie sagen nicht die ökologische Wahrheit", schrieb er im Vorwort des Katalogs. Daneben wurde darin die "Kritik der Warenästhetik" (von W. F. Haug 1970) wieder aufgegriffen, also dass die Gebrauchswerte nicht (mehr) halten, was ihre immer aufwändigere Warenwerbung verspricht, sowie auch die von Herbert Marcuse ausgehende Frage nach den wahren und falschen Bedürfnissen diskutiert. Der Medientheoretiker Norbert Bolz wandte dagegen 2008 ein: "Wir haben gar keine Bedürfnisse mehr. Wann haben Sie das letzte Mal Kleider gekauft, weil Ihnen kalt war?" 

Die Waren im "Le Grand Magasin" vermitteln den potentiellen Käufern über die Hinweise auf ihre genossenschaftliche Herkunft, dass sie von Arbeitern hergestellt werden, die am Unternehmen beteiligt sind und über die Verwendung des Profits mitbestimmen. Schon die Entstehungsgeschichten von Produktionsgenossenschaften sind anders als die vieler 'normaler' Betriebe, die meist aus einer Ingenieurs-Idee oder -Erfindung hervorgingen: z.B. die der tschechischen Genossenschaft DUP, in der heute etwa 250 Mitarbeiter Maniküresets und Schminkkoffer herstellen: Sie wurde im Mai 1945 von einer Gruppe Frauen gegründet, deren Männer im KZ oder im Gefängnis gewesen waren. Anfänglich bemalten sie Holzsouvenirs. Da es sie dann schon mal als Arbeitskollektiv gab, beschlossen die Kommunisten nach der Machtübernahme, daraus einen Industriestandort zu machen, der eine Perspektive im Rahmen ihrer Planwirtschaft und der Arbeitsteilung zwischen den sozialistischen Staaten hatte - dazu investierten sie erhebliche Mittel. Oder die italienische Genossenschaft Copart: Sie wurde 1926 von einer Gruppe von Schiffsbauern gegründet, nach Krieg und Wiederaufbau gab es bald nur noch Bedarf an Metallschiffen, woraufhin sie sich umdisponierten - nun stellen sie Küchen her. Erwähnt sei noch die Glasfabrik CIVE im Geburtsort von Leonardo da Vinci: Sie beschäftigt 40 Mitarbeiter und wurde 1950 von einer Gruppe Glasbläsern ins Leben gerufen, um deren Produkte gemeinsam vermarkten zu können. Heute ist die Fabrik weitgehend maschinisiert und stellt edle toskanische Gläser vornehmlich für den US-Markt her. 

Grob gesagt unterscheiden sich die osteuropäischen Produktivgenossenschaften von den westeuropäischen dadurch, dass erstere noch immer eine sehr große sog. Fertigungstiefe haben. So wird z.B. das Holzspielzeug der südböhmischen Genossenschaft JAS aus ganzen Buchenstämmen hergestellt, wobei die Genossen die Bäume nicht nur selbst fällen, sondern den Einschlag anschließend sogar wieder aufforsten. Während die französische Genossenschaft Moulin Roty ihre Spielzeug-Objekte nur noch entwirft - hergestellt werden sie im Billiglohnland Rumänien. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die osteuropäischen Genossenschaften sich bewusst 'antikommunistisch' verstehen, de facto jedoch noch sehr proletarisch-produktionistisch orientiert sind, während andererseits die italienischen sich sehr kommunistisch geben, ihre Produktion jedoch längst streng kapitalistisch organisiert und auf den Markt ausgerichtet haben. Dieser Unterschied spiegelt sich auch in ihrer Produktwerbung wider, die in Osteuropa noch eher eine Produktions- als eine Produktwerbung ist. Auf den Werbe-DVDs der westeuropäischen Genossenschaften kommen unter Volldampf laufende Maschinen und erst recht die Arbeiter so gut wie nicht mehr vor. 

Die tschechischen und slowakischen Genossenschaften bzw. ihre Waren verbreiten durch ihre Überzahl in der Neuköllner Ausstellung insgesamt den Charme einer hinübergeretteten kommunistischen Produktkultur. Man könnte hierbei auch von einer speziellen "Aura" der Dinge sprechen. Walter Benjamin definierte sie als "einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag." Das wäre hier so zu verstehen, dass die ausgestellten Objekte auf die Vorform des Warentauschs zurückverweisen: den Geschenk- oder Gabentausch. Dieser ist gekennzeichnet durch die Verpflichtung der Reziprokation der empfangenen Gabe, der Warentausch dagegen durch das Postulat der Äquivalenz der getauschten Objekte. Hier herrscht Gegenseitigkeit - dort Gleichwertigkeit. Ersteres bezieht sich auf Personen, letzteres auf Dinge. Im Gabentausch wird Gesellschaft direkt und konkret hergestellt, im Warentausch dagegen bloß abstrakt - über den Wert (der Dinge). Das betrifft auch die Ware Arbeitskraft. Zwar eignet der Gabentausch den sogenannten primitiven Gesellschaften, aber auch und gerade bei den heutigen Genossenschaften spricht man noch von "Gemeinwirtschaftlichkeit" und "Hilfe auf Gegenseitigkeit" - auch Mutualismus genannt (als Gegenbegriff zum darwinistischen Utilitarismus), der von den Anarchisten Kropotkin und Proudhon geprägt wurde und sich noch bei allen Genossenschaftstheoretikern wiederfindet. 

Weil aber diese selbstorganisierte menschenfreundliche Produktionsweise sich in einem kapitalistischen Umfeld behaupten muss, haben die Marxisten prognostiziert, dass sie darin, auf sich allein gestellt, nicht lange Bestand haben wird. Rosa Luxemburg nannte die Produktivgenossenschaften ein "Zwitterding". Von links bis rechts hat man diesen "Kindern der Not" kein langes Leben prophezeit, nicht zuletzt weil die Kosten pro Arbeitsplatz aufgrund der Maschinisierung und Automatisierung ständig steigen. Desungeachtet meinte der Genossenschaftsforscher Jost W. Kramer von der Universität Wismar bereits 2005, "dass derzeit in vielen europäischen Ländern Produktivgenossenschaften als Lösungsansatz für aktuelle Wirtschafts- und Sozialprobleme diskutiert werden, so nicht zuletzt auch in Deutschland." Die Auswirkungen der Finanzkrise machen diese Diskussionen nun noch dringender. Die Beteiligten tun gut daran, sich in Bezug auf den Absatz ihrer geplanten Produkte rechtzeitig mit Konsumgenossenschaften zu verbünden, wie dies z.B. in Italien und der Schweiz der Fall ist. Das Projekt "Le Grand Magasin" brachte Andreas Wegner auf die Idee, daraus in der Folge eine Konsumgenossenschaft zu gründen, um die Kooperation mit den Produktivgenossenschaften auszubauen und nachhaltig werden zu lassen. 

Die Aura, vor allem der aus den ehemals sozialistischen EU-Ländern stammenden Genossenschaftsprodukte hat etwas Nostalgisches oder Melancholisches (im Sinne von "Apathie in der Gegenwart und Heimweh nach der Vergangenheit").(2) Der Kurator hat diesem 'Eindruck' jedoch entschieden gegengearbeitet bzw. ihn durch die minimalistische Präsentation dieser Artikel in den White Cubes der Galerie zurückgedrängt. Er hat damit allen Versuchungen widerstanden, mit der man heute die Ware an den Mann bringt und so im Gegenteil tendenziell aus Waren Kunstwerke geschaffen, deren Aura einem Fading-Away unterworfen wurde, bis dahin, dass die Utopie eines reinen Gebrauchswerts (wieder) in greifbare Nähe rückt.


(1) Neben der Kulturstiftung des Bundes wird das Projekt auch noch von den Brüsseler Genossenschaftsverbänden Cooperatives Europe und Cecop sowie vom EU Kultur Programm 2007-2013 und vom Kulturamt Neukölln gefördert. Mitorganisatoren sind das Trafó - House of Contemporary Arts /Trafó Gallery, Budapest, Ungarn; das Institute of Contemporary Art - ICA, Dunaújváros, Ungarn; die Jan Evangelista Purkyne University, Faculty of Art and Design, Tschechien, und die Emil Filla Gallery in Usti nad Labem. Diese wurden wiederum vom Nationalen Kulturfonds Ungarn bzw. von der Tschechischen Kulturstiftung gefördert. Die mehrfache Projektunterstützung könnte man auch als flankierende Kulturmaßnahme für einen EU-Beschluss aus dem Jahr 2006 begreifen, mit dem die Gründung von "beschäftigungsorientierten Genossenschaften" gefördert wurde, um "lokale Ökonomien" zu stärken. Das Land Berlin bot sich an, hierbei eine "Vorreiterrolle" zu spielen, schreibt Jost W. Kramer in einer Studie mit dem Titel "Geförderte Produktivgenossenschaften als Weg aus der Arbeitslosigkeit? Das Beispiel Berlin." Kramer hebt darin vor allem auf die Widersprüche in den Fördermaßnahmen ab, die zwar die Gründung von Produktivgenossenschaften forcieren sollen, deren Procedere jedoch gleichzeitig jeden abschreckt. War es bei den Ich-AGs noch das allzu hohe persönliche Risiko, so sind es nun bei den Wir-eGs die Hürden der behördlichen Überkomplexität resultierend aus deren widerstreitenden Interessen und Ideologien. Kramer befürchtet denn auch, "dass die Maßnahme die beabsichtigten Ziele nicht erreicht." Dennoch gründeten sich hier bereits eine Reihe neuer Genossenschaften, darunter erstmalig auch einige Kulturgenossenschaften - von Künstlern bzw. Computer- Spezialisten. 
(2) Und das mitunter gegen den Willen der an ihrer Herstellung Beteiligten, die u.a. in Tschechien die Genossenschaften dergestalt schon tendenziell in ihrem Kern, ihr grundlegendes Prinzip "Jedes Mitglied eine Stimme" per Genossenschaftsgesetz neoliberal aufweichten. So vereinigt z.B. die Geschäftsführung der mährischen Genossenschaft VYVOY, die 1931 von 19 kleinen Textilherstellern gegründet wurde und in der heute von 250 Mitarbeitern im Akkord Anzüge - u.a. für BOSS - produziert werden, allein 70% der Stimmen auf sich. Während der Prager Verbandsvorsitzende sie als seine Vorzeige-Genossenschaft wärmstens empfahl, meinten italienische Verbandsvorsitzende empört, das sei doch keine Genossenschaft mehr. Ihr Hauptgeschäftsführer, JUDr. Rostislav Dvorak sagte es so: "Kollektive Entscheidungsprozesse sind hervorragend - beim gemeinsamen Grillen am Feuer, aber nicht in einem modernen Produktionsbetrieb."

Über den Autor

Helmut Höge, Jahrgang 1947, war zunächst Dolmetscher bei der US Air Force und bei einem indischen Großtierhändler, studierte dann Sozialwissenschaften in Berlin, Bremen und Paris und arbeitete anschließend als landwirtschaftlicher Betriebshelfer in West- und Ostdeutschland. Derzeit ist er vor allem journalistisch tätig und hat wieder einen außergewöhnlichen Job: Aushilfshausmeister bei der Tageszeitung in Berlin. Zuletzt erschien von ihm im Kadmos-Verlag das Buch "WPP - Wölfe Partisanen Prostituierte", Berlin 2007.

 

"Die Menschen entdecken sich in ihren Waren wieder." (Herbert Marcuse)

Was haben "Le Grand Magasin" und "Die Große Pyramide" gemeinsam? Es waren, wenn man die öffentlichen Medien zum Maßstab nimmt, die spektakulärsten Projekte im antragsoffenen Fonds "Arbeit in Zukunft". Bei beiden Projekten schien die Grenze zwischen einem kreativen Kulturprojekt und der Erprobung einer Idee, wie sich der Wandel der Arbeitsgesellschaft produktiv umsetzen ließe, fließend. Wenn es um Arbeits-Projekte geht, liegt das beinahe in der 'Natur' des Themas. Helmut Höge sucht in seinen Überlegungen zum "Grand Magasin" den schmalen Grat zwischen Kultur und Ökonomie auf und zeigt, wie belastbar er ist.